Thema
Was diese Region hervorbrachte
Eine Bilanz — und der Versuch, sie nicht größer zu machen, als sie ist
Am Anfang dieses Registers stand eine unscharfe Vermutung: dass zwischen Suhl, Zella-Mehlis, Erfurt, Sömmerda, Magdeburg und Döbeln über anderthalb Jahrhunderte etwas entstanden ist, das mehr war als die Summe vieler kleiner Werkstätten. Nach mehreren Dutzend Einträgen lässt sich das prüfen — und zwar in beide Richtungen.
Die Versuchung ist groß, jede Verbindung zum Beweis einer Sonderstellung zu machen. Dieser Aufsatz versucht das Gegenteil: die Leistungen nach ihrem tatsächlichen Gewicht zu ordnen und am Ende zu sagen, worin die Region nicht führend war.
Rang 1 — Gattungsstiftung
Die stärkste Form der Leistung: Es gab die Waffengattung vorher nicht, und danach gab es sie. Nach dem Befund dieses Registers trifft das auf zwei Fälle zu. Beide gehen über dieselbe Werkstattbeziehung.
Die Maschinenpistole, 1918. Die MP 18,I — Konstruktion Hugo Schmeisser, gefertigt bei Theodor Bergmann in Suhl — ist die erste in Serie gefertigte Maschinenpistole. Der Anspruch ist nicht unstrittig: Die Beretta M1918 erschien im selben Jahr. Wer auf das Ersterscheinen abstellt, hat einen Gleichstand; wer auf die konsequent auf die neue Aufgabe zugeschnittene Serienkonstruktion abstellt, kommt nach Suhl. Dieses Register führt die Zuschreibung deshalb als plausibel, nicht als gesichert.
Das Sturmgewehr, 1942. Beim MKb 42(H) / StG 44 ist die Lage klarer. Die Gattung ist über ihre Munition definiert — die Mittelpatrone 7,92 × 33 mm Kurz, zwischen Pistolen- und Gewehrpatrone —, und die zugehörige Waffe kam bei C. G. Haenel in Suhl zur Serienreife. Alles, was danach kam, ist Antwort darauf: die AK-47 und ihre DDR-Ableitungen, das AR-15, das G3, das FN FAL.
Beide Male ist dasselbe Muster erkennbar. Die Gattung entstand nicht aus einem Geistesblitz, sondern aus der Verbindung von einer Konstrukteursfamilie und einer Fertigungslandschaft, die kleine Serien schnell umsetzen konnte — siehe Die Schmeissers und Fertigungsverfahren.
Rang 2 — Bedienlogik und Fertigungsverfahren, die zum Standard wurden
Hier hat die Region keine Gattung gestiftet, aber die Art verändert, wie eine bestehende Gattung gebaut und bedient wird.
Die Bedienlogik von 1929. Die Walther PP beantwortete die Frage, wie man eine geladene Selbstladepistole sicher trägt, mit Spannabzug, Entspannhebel und Ladeanzeige. Die P 38 übertrug das auf die verriegelte Militärpistole. Diese Kombination — Browning-Verriegelung mit Walther-Bedienung — beherrschte den Behördenmarkt der 1950er bis 1980er Jahre weltweit.
Wichtig für die Bilanz ist die Einschränkung, die ich an anderer Stelle korrigieren musste: Sie ist nicht der Endzustand. Ab den 1990er Jahren verdrängte das vorgespannte Schlagbolzenschloss der Glock 17 den Spannabzug wieder, und die Thüringer Lösung war rund vierzig Jahre lang der Standard — das ist viel, aber es ist eine Epoche, keine Endgültigkeit.
Das Blechpressteil als Waffenbauweise. Das MG 42 entstand bei einem Betrieb, der zuvor Laternen und Lackierwaren fertigte: Großfuß in Döbeln. Genau das ist der Punkt. Die Konstruktion Werner Grunows ist deshalb bedeutsam, weil sie den Waffenbau aus der Zerspanung in die Blechumformung überführte — Schweißen und Nieten statt Fräsen aus dem Vollen. Dieses Verfahren, nicht die einzelne Waffe, ist der Beitrag: Es prägt bis heute den Bau von Maschinenwaffen, das MG 3 der Bundeswehr ist die unmittelbare Fortsetzung, und H&K baute seine gesamte Nachkriegsproduktion darauf auf.
Es ist bezeichnend, dass diese beiden Leistungen von den untypischsten Betrieben der Region kamen: von einem Zella-Mehlis-Familienunternehmen, das zivile Taschenpistolen baute, und von einer sächsischen Lackierwarenfabrik ohne Waffenerfahrung.
Rang 3 — Konstruktionen von Rang ohne Nachwirkung
Der ehrlichste Teil der Bilanz. Diese Waffen sind technisch bemerkenswert, und sie liefen ins Leere.
| Waffe | Was daran bemerkenswert ist | Warum es folgenlos blieb |
|---|---|---|
| FG 42 | Gewehrpatrone im Dauerfeuer beherrschbar gemacht, seitliches Magazin, zwei Feuerarten aus zwei Verschlusszuständen | zu teuer, zu spät, Nische Fallschirmjäger |
| Dreyse M1907 | eigenständiger Weg zur Taschenpistole neben Browning | vom Browning-Schema überrollt |
| Liliput | Miniaturisierung bis an die Grenze des Funktionierens | Kaliber ohne Zukunft |
| Wieger StG 940 | DDR-Exportsturmgewehr in 5,56 × 45 mm, technisch konkurrenzfähig | Staat verschwand vor der Serie |
Die Reihe zeigt zweierlei. Erstens: Technische Qualität setzt sich nicht von selbst durch — Fertigungskosten, Zeitpunkt und politische Rahmenbedingungen entscheiden mit. Zweitens: Die Region produzierte deutlich mehr Sackgassen als Standards, und wer nur die zwei Gattungsstiftungen nennt, zeichnet ein Bild, das der Wirklichkeit nicht entspricht.
Rang 4 — Auftrags- und Lizenzfertigung
Der größte Teil der Fertigungsleistung nach Stückzahl fällt in diese Kategorie und ist konstruktiv gar keine Leistung der Region.
Die Gewehrfabrik Erfurt baute das Gewehr 98 und die Pistole 08 — beides fremde Konstruktionen. V. C. Schilling fertigte Bergmann-Pistolen unter fremdem Namen, und das VEB Ernst-Thälmann-Werk baute die Makarow und die MPi K in sowjetischer Lizenz.
Das mindert die Bedeutung nicht — Fertigungskompetenz ist eine eigene Leistung, und die Abnahmestempel dieser Serien sind das Rückgrat jeder Bestimmung. Aber es ist eine andere Leistung als Konstruktion. Die Vermischung beider ist der häufigste Fehler in populären Darstellungen der Waffenstadt Suhl.
Die Gegenprobe: worin die Region nicht führend war
Ein Register, das nur Leistungen aufzählt, ist eine Werbeschrift. Vier Felder, in denen diese Region nachweislich nicht vorne lag:
Verriegelungssysteme. Der mit Abstand wirkungsmächtigste Kurzwaffenverschluss des 20. Jahrhunderts ist der Browning-Kippverschluss — belgisch und amerikanisch. Er steckt in der P 38 ebenso wie in der Glock und in praktisch jeder heutigen Dienstpistole. Die Region hat ihn verwendet und variiert, nicht erfunden. Dasselbe gilt für das System Mauser 98 bei der Repetierbüchse: erdacht in Oberndorf am Neckar, gefertigt unter anderem in Erfurt.
Optik und Zieltechnik. Zeiss saß in Jena und damit geografisch mitten im Untersuchungsraum — aber das ist Feinoptik, keine Waffentechnik, und der Zusammenhang mit dem Suhler Büchsenmacherei ist loser, als die Landkarte nahelegt.
Der Sportwaffenbau nach 1945 auf westlicher Seite. Anschütz, Walther und Weihrauch, alle drei aus Zella-Mehlis, führten ihre Linien in Ulm und Mellrichstadt fort. Der westdeutsche Sportwaffenbau ist thüringischer Herkunft, aber nicht thüringischer Standort. Die verbliebene Suhler Linie ging einen eigenen Weg mit eigenen Ergebnissen — der Anschütz-1827-Fortner-Verschluss im Biathlon ist der Punkt, an dem sich die beiden Linien direkt messen lassen, und dort gewann die westliche.
Munition. Polte in Magdeburg war einer der größten Munitionsfabrikanten des Reichs — eine Fertigungs-, keine Konstruktionsführerschaft. Die prägenden Patronenentwicklungen des 20. Jahrhunderts kamen aus Oberndorf, Herstal, den USA und der Sowjetunion.
Was bleibt
Die Bilanz in einem Satz: Diese Region hat zwei Waffengattungen gestiftet, eine Bedienlogik und ein Fertigungsverfahren zum Weltstandard gemacht — und war im übrigen eine Fertigungslandschaft, keine Erfinderlandschaft.
Das ist weniger, als die Suhler Selbstdarstellung nahelegt, und mehr, als die allgemeine Wahrnehmung der Stadt als Jagdwaffenzentrum vermuten lässt.
Bemerkenswert ist die Verteilung über die Zeit. Die Gattungsstiftungen fallen in 1918 und 1942 — beide in Kriegs- oder unmittelbare Nachkriegssituationen, beide unter dem Druck, mit begrenzten Mitteln eine taktische Lücke zu schließen. Die Bedienlogik von 1929 entstand dagegen im zivilen Markt der Zwischenkriegszeit. Wer die Innovationskraft der Region erklären will, kommt an dieser Doppelnatur nicht vorbei: eine Landschaft, die im Frieden zivile Massenware baute und diese Fertigungsfähigkeit im Krieg umlenken konnte.
Dass die zweite dieser Gattungsstiftungen unter den Bedingungen des Nationalsozialismus und der Zwangsarbeit zustande kam, ist kein Nebenumstand der Technikgeschichte, sondern Teil des Befunds. Ein Register, das die Konstruktionsleistung von 1942 beschreibt, ohne die Verhältnisse zu beschreiben, unter denen gefertigt wurde, wäre unvollständig. Und zwar fachlich, nicht nur moralisch.
Diese Bilanz ist widerlegbar. Sie beruht auf dem gegenwärtigen Stand des Registers, und der ist lückenhaft: Die DDR-Sportwaffenfertigung, die Munitionsfertigung und die Nachkriegslinien mehrerer Betriebe sind bislang schwach belegt. Ein einziger gut dokumentierter Befund kann einen der vier Ränge verschieben. Wer einen hat, findet die Anschrift unter Korrekturen.