Modell
Fallschirmjägergewehr 42 (FG 42)
- Fertigung
- H. Krieghoff
- Kaliber
- 7,92 × 57 mm
- Zeitraum
- 1943–1945
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Diese Waffe verschießt die volle, kräftige Gewehrpatrone und soll damit trotzdem Dauerfeuer geben können — dieser Anspruch bestimmt ihren ganzen Aufbau. Der Ablauf ist zunächst gewöhnlich: Ein Teil der Pulvergase wird durch eine Bohrung aus dem Lauf abgezweigt, drückt auf einen Kolben unter dem Lauf und treibt ihn nach hinten. Der Kolben nimmt den Verschluss mit, also das Stahlstück, das den Lauf von hinten zuhält, und eine schräge Führung dreht dessen Kopf zuerst um die eigene Achse, so dass sich zwei Nasen aus ihren Aussparungen lösen; erst danach kann der Verschluss zurücklaufen. Die leere Patronenhülse fliegt heraus, eine Feder schiebt alles wieder nach vorn, die nächste Patrone kommt aus einem Magazin, das links an der Seite steckt. Der eigentliche Kunstgriff sitzt im Umschalter für die Feuerart. Für den Einzelschuss steht der Verschluss vorn und ruhig, bevor gezündet wird — nichts bewegt sich, die Waffe trifft so genau wie möglich. Für Dauerfeuer wartet der Verschluss dagegen hinten und läuft beim Abdrücken erst nach vorn; dadurch bleibt der Lauf zwischen den Feuerstößen offen und kühlt aus, und keine Patrone kann in einem heißgeschossenen Lauf von selbst losgehen. Diese Umschaltung zwischen zwei ganz verschiedenen Zuständen bietet kaum eine andere Waffe. Gegen den harten Rückstoß arbeiten eine Bremse an der Mündung, die austretende Gase seitlich ablenkt, ein Schaft, der in gerader Linie hinter dem Lauf liegt, und ein Dämpfer im Schaftrohr. Ganz gelöst wird das Problem damit nicht.
Das FG 42 ist die technisch anspruchsvollste Waffe aus Suhler Fertigung. Für dieses Register ist sie aufschlussreich, weil sie dieselbe Frage wie das Sturmgewehr stellt und anders beantwortet.
Entwicklung
Die Frage lautet: Wie erreicht man beherrschbares Dauerfeuer aus der Hand?
| MKb 42(H), Haenel | FG 42, Krieghoff | |
|---|---|---|
| Ansatz | schwächere Patrone | konstruktiver Aufwand |
| Patrone | 7,92 × 33 mm Kurz | 7,92 × 57 mm, volle Gewehrpatrone |
| Reichweite | auf ~400 m ausgelegt | volle Gewehrreichweite |
| Fertigung | Blechpresstechnik, Massenwaffe | aufwendig, Kleinserie |
| Ausgang | begründete eine Waffengattung | blieb Sonderlösung |
Beide entstanden 1943 in Suhl, wenige Kilometer voneinander entfernt. Historisch setzte sich der Weg über die Patrone durch; das FG 42 zeigt, dass die Region beide Wege gleichzeitig verfolgte.
Konstruktion
Um die volle Gewehrpatrone dauerfeuerfähig zu machen, kombiniert die Waffe mehrere Mittel:
- Einzelfeuer aus dem geschlossenen Verschluss, für bestmögliche Präzision, weil vor dem Schuss keine Masse in Bewegung ist. Genau das fehlte dem zuschießenden MKb 42(H).
- Dauerfeuer aus dem offenen Verschluss. Das Patronenlager kühlt zwischen den Feuerstößen aus, Selbstzündung durch Hitze ist ausgeschlossen. Dieselbe Logik wie bei der MP 18, hier aber wahlweise zuschaltbar.
- Mündungsbremse, gerade Schaftlinie und Puffer gegen den Rückstoß.
Diese Kombination aus zwei Feuermodi mit verschiedenen Verschlusszuständen bietet kaum eine andere Waffe, und sie ist der Grund, warum das FG 42 unter Konstrukteuren bis heute einen Ruf hat.
Einordnung
Gescheitert ist die Waffe an der Physik. Auch mit allen Kunstgriffen bleibt Dauerfeuer mit voller Gewehrpatrone aus der Hand schwer zu beherrschen. Dazu kam der Aufwand: Das FG 42 war teuer, während das StG 44 in Blechpresstechnik zur Massenwaffe wurde.
Die Suhler Konstrukteure lösten dasselbe Problem zweimal, und die einfachere Lösung gewann. Nicht die raffiniertere Mechanik setzte sich durch, sondern die neu gedachte Patrone; siehe Patronenklassen.
Waffenrechtliches
Vollautomatische Waffe und damit Kriegswaffe nach dem KWKG. Sie wird hier ausschließlich industrie- und technikgeschichtlich dokumentiert. Siehe Methodik.
Konstruktion
- Verschluss
- Drehkopfverschluss mit zwei Verriegelungswarzen
- Ladeprinzip
- Gasdrucklader mit Gaskolben unterhalb des Laufs. Die Besonderheit liegt im Feuermodus: **Einzelfeuer aus dem geschlossenen, Dauerfeuer aus dem offenen Verschluss** — eine Kombination, die sonst kaum eine Waffe bietet.
- Zuführung
- Seitlich links eingeführtes Stangenmagazin, 10 oder 20 Patronen
- Abzug
- Umschaltbar Einzel- und Dauerfeuer
- Visierung
- Klappbares Visier; Montage für Zieloptik
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Einzelfeuer — geschlossener Verschluss
Im Einzelfeuer steht der Verschluss vorn und verriegelt; gezündet wird aus dem Stillstand. Keine Massenbewegung vor dem Schuss, also bestmögliche Präzision — genau das, was dem zuschießenden MKb 42(H) fehlte.
- 2
Dauerfeuer — offener Verschluss
Im Dauerfeuer bleibt der Verschluss hinten offen stehen und läuft beim Auslösen vor. Das Patronenlager kühlt zwischen den Feuerstößen aus und eine Selbstzündung durch Hitze ist ausgeschlossen. Dieselbe Logik wie bei der MP 18 — hier aber wahlweise zuschaltbar.
- 3
Gasentnahme und Entriegelung
Pulvergase treiben den Kolben zurück; eine Steuerkurve dreht den Verschlusskopf aus den Rastflächen.
- 4
Rückstoßdämpfung
Die volle Gewehrpatrone erzeugt einen Rückstoß, der aus der Hand kaum beherrschbar wäre. Die Waffe begegnet dem mit mehreren Mitteln zugleich: einer kräftigen Mündungsbremse, einem stark abgeschrägten Schaft, der den Rückstoß in einer Linie hält, und einem Puffer im Schaftrohr.
- 5
Vorlauf und Verriegelung
Die Schließfeder treibt vor; die nächste Patrone wird aus dem seitlichen Magazin zugeführt und der Verschlusskopf verriegelt.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Die Warzen des Verschlusskopfs liegen hinter den Rastflächen des Gehäuses. Der Lauf steht fest — er läuft nicht mit zurück.
- 2 Gasentnahme: Hinter dem Geschoss strömt ein Teil der Pulvergase durch die Laufbohrung in den Gaszylinder und treibt den Kolben zurück. Der Kolben ist fest mit dem Verschlussträger verbunden (Langhub).
- 3 Entriegelung: Eine Steuerkurve im Träger dreht den Verschlusskopf aus den Rastflächen; erst danach nimmt der Träger ihn nach hinten mit.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
MKb 42(H) / StG 44
C. G. Haenel · Deutschland (Suhl) · 1942- System
- Gasdrucklader, Kippblock, **Kurzpatrone** 7,92 × 33 mm
- Unterschied
- Zwei Suhler Antworten auf dieselbe Frage — beherrschbares Dauerfeuer aus der Hand —, im selben Jahr und wenige Kilometer voneinander entfernt. Das StG 44 löst sie über eine **schwächere Patrone**, das FG 42 über **konstruktiven Aufwand** bei voller Gewehrpatrone.
- Befund
- Historisch setzte sich der Weg über die Patrone durch. Das FG 42 blieb eine Sonderlösung für eine Sondertruppe — aber es zeigt, dass Suhl beide Wege gleichzeitig verfolgte.
M1 Garand
Springfield Armory und weitere · USA · 1936- System
- Gasdrucklader, Drehkopf, volle Gewehrpatrone, nur Einzelfeuer
- Unterschied
- Dieselbe Patronenklasse und dasselbe Verriegelungsprinzip, aber ohne Dauerfeuer. Die Garand akzeptiert die Grenze, die das FG 42 zu überwinden versucht.
- Befund
- Der Vergleich zeigt, wie ungewöhnlich der FG-42-Ansatz war: Alle anderen zogen aus der vollen Gewehrpatrone den Schluss, auf Dauerfeuer zu verzichten.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Rückstoß bei voller Gewehrpatrone
Trotz Mündungsbremse, gerader Schaftlinie und Puffer bleibt Dauerfeuer aus der Hand schwer zu beherrschen. Das ist die Grenze, an der die Konstruktionsidee scheitert — und die das Sturmgewehr durch die Patrone umgeht.
plausibel
-
Fertigungsaufwand
Die Waffe war aufwendig und teuer. Sie blieb deshalb eine Kleinserie für die Fallschirmtruppe, während das StG 44 in Blechpresstechnik zur Massenwaffe wurde.
plausibel
-
Seitliches Magazin
Die seitliche Zuführung verlagert den Schwerpunkt beim Leerschießen und erschwert das Schießen aus Deckung. Sie war der Bauhöhe geschuldet, nicht der Ergonomie.
ungeklärt
Verwendung
- Fallschirmjäger der Luftwaffe ab 1943 — eine Sonderwaffe für eine Sondertruppe, in Kleinserie
- Serienfertigung bei Heinrich Krieghoff in Suhl, in geringerem Umfang bei Rheinmetall und L. O. Dietrich