Modell
Maschinenkarabiner 42(H) und Sturmgewehr 44
- Fertigung
- Haenel
- Kaliber
- 7,92 × 33 mm Kurz
- Zeitraum
- 1942–1945
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Der Gedanke hinter dieser Waffe ist einfacher, als ihr Ruf vermuten lässt. Ein Gewehr schoss damals sehr weit, war aber im Dauerfeuer nicht zu halten. Eine Maschinenpistole war im Dauerfeuer beherrschbar, kam aber kaum über hundert Meter hinaus. Die Lösung war eine Patrone in der Mitte: kürzer und schwächer als die Gewehrpatrone, aber viel stärker als die Pistolenpatrone. Damit lässt sich beides — zielen auf mehrere hundert Meter und Dauerfeuer, das die Waffe nicht wegreißt. Technisch arbeitet sie so: Wenn die Kugel den Lauf entlangfliegt, zweigt eine kleine Bohrung im Lauf einen Teil der heißen Pulvergase ab. Diese Gase drücken auf einen Kolben, der über dem Lauf nach hinten schnellt und den Verschluss mitnimmt. Der Verschluss ist vorher nach unten in eine Aussparung gekippt und hält so den Lauf zu; der zurücklaufende Kolben hebt ihn zuerst aus dieser Aussparung heraus und zieht ihn erst dann zurück. Die leere Hülse fliegt heraus, eine Feder schiebt alles wieder nach vorn, die nächste Patrone rutscht nach. Aus der Waffe wurden nach dem Krieg weltweit alle Sturmgewehre — die Idee der mittleren Patrone hat sich überall durchgesetzt.
1938 ging der Entwicklungsauftrag an C. G. Haenel in Suhl, die Leitung übernahm Hugo Schmeisser, und was daraus entstand, begründete eine Waffengattung: den Maschinenkarabiner, später Sturmgewehr genannt.
Entwicklung
Der konstruktive Kern liegt nicht im Verschluss, sondern im Kaliber 7,92 × 33 mm Kurz. Zugrunde lag die Überlegung, dass Gefechte weit überwiegend auf Entfernungen unter 400 Metern geführt werden, während Ordonnanzgewehre für weit größere Reichweiten ausgelegt waren. Deren Rückstoß machte beherrschbares Dauerfeuer aus der Hand unmöglich.
Eine verkürzte Patrone löst beides zugleich. Rückstoß und Waffenmasse sinken so weit, dass ein einzelner Schütze Einzel- und Dauerfeuer aus derselben Waffe führen kann. Damit ersetzt ein Gerät, was zuvor Karabiner und Maschinenpistole nebeneinander leisteten.
Konstruktion
Der langhubige Gaskolben oberhalb des Laufs treibt den Verschlussträger zurück, die Verriegelung besorgt ein Kippblockverschluss, der beim Schließen nach unten in eine Rastfläche gekippt wird. Das System toleriert Verschmutzung und schwankende Gasdrücke, die Voraussetzung für zuverlässiges Dauerfeuer im Feld.
Ebenso folgenreich war die Fertigung. Die Waffe entstand in Blechpresstechnik; erst dadurch war sie in den erforderlichen Stückzahlen baubar. Dieselbe Technologieentscheidung traf zwei Jahrzehnte später die DDR bei der MPi KM, dort ebenfalls als Übergang vom gefrästen zum gepressten Gehäuse.
Waffenrechtliches
MKb 42(H) und StG 44 sind vollautomatische Waffen und damit Kriegswaffen nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz. Sie stehen hier ausschließlich zur Dokumentation. Siehe Methodik.
Dass dieser Eintrag trotzdem geführt wird, hat einen sachlichen Grund. Die technisch folgenreichste Entwicklung der gesamten Region ist zugleich die, die kein Sammler besitzen darf; ein Register, das nur das Erwerbbare abbildet, würde ausgerechnet den Höhepunkt der Suhler Konstruktionsgeschichte auslassen.
Konstruktion
- Verschluss
- Kippblockverschluss — der Verschlussblock wird beim Verriegeln nach unten in eine Rastfläche des Gehäuses gekippt
- Ladeprinzip
- Gasdrucklader mit langhubigem Gaskolben oberhalb des Laufs. Das Prinzip erlaubt zuverlässiges Einzel- und Dauerfeuer über einen weiten Entfernungsbereich.
- Zuführung
- Gekrümmtes Stangenmagazin, 30 Patronen
- Abzug
- Umschaltbar Einzel- und Dauerfeuer
- Visierung
- Korn mit Kornschutz, verstellbare Schiebekimme bis 800 m
Maße und Leistung
- Magazin
- 30 Patronen
- V₀
- reduziert gegenüber Vollpatronen — Auslegung auf Gefechtsentfernungen bis ca. 400 m
- Kadenz
- ca. 500 Schuss/min
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Verriegelt und schussbereit
Der Verschlussblock ist nach unten in eine Rastfläche des Gehäuses gekippt und stützt sich dort ab. Der Gasdruck presst ihn zusätzlich in die Rastfläche — die Verriegelung wird durch den Schuss also fester, nicht loser.
- 2
Schuss und Gasentnahme
Sobald das Geschoss die Gasentnahmebohrung passiert hat, strömt ein Teil der Pulvergase in den über dem Lauf liegenden Gaszylinder und treibt den Kolben zurück. Der Kolben ist fest mit dem Verschlussträger verbunden (Langhub) — er läuft die volle Strecke mit.
- 3
Entriegelung
Der zurücklaufende Verschlussträger hebt den Verschlussblock aus der Rastfläche aus. Weil der Träger dafür zunächst einen Freiweg zurücklegt, geschieht das erst nach dem Druckabfall.
- 4
Auswurf und Spannen
Träger und Block laufen gemeinsam zurück, der Auszieher nimmt die Hülse mit, der Auswerfer schleudert sie aus. Der Hahn wird gespannt, die Schließfeder im Schaftrohr komprimiert.
- 5
Vorlauf und Zuführung
Die Schließfeder treibt die Baugruppe vor; der Stoßboden schiebt die oberste Patrone aus dem gekrümmten Magazin ins Patronenlager. Die Krümmung des Magazins folgt der konischen Hülsenform der Kurzpatrone.
- 6
Erneute Verriegelung
In der vorderen Endlage drückt der Träger den Verschlussblock wieder nach unten in die Rastfläche. Bei Dauerfeuer löst der Abzug in diesem Moment erneut aus — beim MKb 42(H) noch aus der offenen Verschlussstellung, was den Einzelschuss ungenau machte.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Der Verschlussblock ist als Ganzes nach unten in eine Rastfläche des Gehäuses gekippt und stützt sich dort ab.
- 2 Entriegelt: Der zurücklaufende Verschlussträger hebt den Block aus der Rastfläche aus; die Baugruppe läuft gemeinsam zurück.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
M1 Garand
Springfield Armory und weitere · USA · 1936- System
- Gasdrucklader mit Langhubkolben und Drehkopfverschluss, volle Gewehrpatrone .30-06, festes Magazin für 8 Patronen mit Ladeblock
- Unterschied
- Das erste flächendeckend eingeführte Selbstladegewehr — aber mit voller Gewehrpatrone. Dauerfeuer aus der Hand war damit unmöglich; die Waffe blieb ein Selbstlader für den Einzelschuss. Das StG 44 löst genau dieses Problem über die Kurzpatrone.
- Befund
- Der Vergleich zeigt, dass die deutsche Neuerung nicht in der Mechanik lag — Gasdrucklader gab es längst — sondern in der Munitionsauslegung.
AK / AKM
Ischmasch und Lizenznehmer · Sowjetunion · 1949- System
- Gasdrucklader mit Langhubkolben, aber Drehkopfverschluss statt Kippblock; Kurzpatrone 7,62 × 39 mm
- Unterschied
- Gleiches Konzept, gleiches Ladeprinzip — aber eine andere Verriegelung. Der Drehkopf nimmt die Kräfte symmetrisch auf und verträgt gröbere Toleranzen als der Kippblock.
- Befund
- Das ist der sachliche Kern der Debatte um Hugo Schmeissers Rolle in Ischewsk: Geteilt ist das Konzept, das 1945 international bekannt war; verschieden ist die Mechanik. Siehe Die Schmeissers und, für die DDR-Fertigung derselben Waffe, MPi K / MPi KM.
Fedorow Awtomat
Kowrow · Russland · 1916- System
- Selbstladegewehr für die schwächere japanische Patrone 6,5 × 50 mm Arisaka, Einzel- und Dauerfeuer
- Unterschied
- Der früheste ernsthafte Versuch derselben Idee — Dauerfeuer aus der Hand durch eine schwächere Patrone —, ein Vierteljahrhundert vor Suhl. Serienreif und in Stückzahlen fertigbar wurde das Konzept aber erst mit der Blechpresstechnik.
- Befund
- Belegt, dass die Idee nicht in Suhl erfunden, aber dort erstmals massenfertigbar gemacht wurde.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
MKb 42(H) schoss zu
Der Maschinenkarabiner 42(H) war eine zuschießende Waffe — der Verschluss steht vor dem Schuss offen und läuft beim Auslösen nach vorn. Für Dauerfeuer unproblematisch, für den präzisen Einzelschuss nachteilig: Die Massenbewegung vor der Zündung verzieht den Halt. Die spätere Ausführung wurde deshalb auf zuschießenden Betrieb nur im Dauerfeuer umgestellt.
plausibel
-
Ungelöste Probleme bei Visier und Treffgenauigkeit
Einige Schwierigkeiten mit dem Schießbechervisier sowie mit Reichweite und Treffgenauigkeit konnten bis Kriegsende nicht ausgeräumt werden.
plausibel
-
Blechbauweise als zweischneidiges Merkmal
Die Blechpresstechnik ermöglichte überhaupt erst die Massenfertigung, machte die Waffe aber empfindlicher gegen Verformung als eine gefräste Konstruktion. Für die Zustandsbeurteilung heißt das: Gehäuseverzug ist bei diesem Modell ein eigenes Prüfkriterium.
ungeklärt
Verwendung
- Truppenerprobung als MKb 42(H) ab 1942, überwiegend an der Ostfront
- Serienausführung als MP 43 / MP 44, ab 1944 als Sturmgewehr 44 bezeichnet
- Nach 1945 in mehreren Staaten weiterverwendet; konzeptioneller Wegbereiter aller späteren Sturmgewehre