Modell
Haenel Modell 310
- Fertigung
- VEB Ernst-Thälmann-Werk , Haenel
- Kaliber
- 4,4 mm Rundkugel
- Zeitraum
- 1950–…
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Diese Waffe braucht kein Pulver; sie arbeitet mit Luft. Vor jedem Schuss wird der Lauf nach unten geknickt — er sitzt in einem Gelenk und wirkt dabei als langer Hebel. Über dieses Gelenk zieht er einen Kolben im Inneren nach hinten gegen eine kräftige Feder, bis der Kolben einrastet. Damit ist der ganze Kraftvorrat der Waffe angelegt: eine gespannte Stahlfeder, mehr nicht. Der abgeknickte Lauf gibt zugleich die Öffnung frei, durch die die nächste Rundkugel nachrückt; sie kommt aus einem kleinen Vorratsbehälter und muss nicht von Hand eingelegt werden — genau das macht die 310 zum Gerät für Schießbuden und Ausbildungsstände, an denen viele Schüsse hintereinander fallen. Beim Abdrücken wird der Kolben freigegeben. Die Feder treibt ihn nach vorn, er presst die Luft vor sich in einem Zylinder schlagartig zusammen, und dieser Druck schiebt die Kugel durch den Lauf. Die Waffe bewegt sich dabei zweimal: Zuerst läuft die schwere Kolbenmasse nach vorn, danach wirkt der Rückstoß nach hinten — beides noch, während die Kugel im Lauf steckt. Deshalb trifft nur, wer sie bei jedem Schuss genau gleich hält. Die Grenze der Bauart liegt im Laufgelenk: Es hat Spiel, und der Lauf kommt nach jedem Spannen ein wenig anders zu liegen.
Die Haenel 310 war das Massengewehr des DDR-Breitensports. Entwickelt in den 1950er Jahren und gebaut als Knicklauf-Federkolbengewehr für 4,4-mm-Rundkugeln, umgangssprachlich „Kugelspritz”, galt sie lange als eines der präzisesten Luftdruckgewehre für den sportlichen Gebrauch.
Verwendung
Die 310 taucht in der DDR an drei sehr verschiedenen Orten auf: auf Jahrmärkten und Schießständen, in der vormilitärischen Ausbildung der GST und im Vereinsschießen. Unterschieden wurden diese Verwendungen nicht durch verschiedene Modelle, sondern durch die Federstärke. GST-Gewehre waren stärker gefedert als die Schießbudenausführungen.
Für die Bestimmung
Ein Stück lässt sich nicht allein am Modell beurteilen. Die verbaute Feder entscheidet über die Leistung und ist zugleich das am häufigsten getauschte Bauteil.
Einordnung
Die 310 und die 312 stammen aus demselben Werk, lösen aber verschiedene Aufgaben.
| Modell 310 | Modell 312 | |
|---|---|---|
| Spannart | Knicklauf | Seitenspanner |
| Zuführung | Repetierer mit Kugelmagazin | Einzellader |
| Geschoss | 4,4 mm Rundkugel | 4,5 mm Diabolo |
| Visierung | offenes Visier | Diopter mit Ringkorn |
| Zweck | Massengebrauch | Vereinswettkampf |
Der entscheidende konstruktive Punkt ist die Spannart. Beim Knicklauf bewegt sich der Lauf bei jedem Spannvorgang relativ zum System; beim Seitenspanner bleibt er fest. Deshalb ist die 310 das robuste Massengewehr und die 312 das Matchgerät. Einzelheiten unter Luftdrucksysteme.
Konstruktion
- Verschluss
- Feststehendes System; der Lauf wird zum Spannen abgeknickt
- Ladeprinzip
- Federkolben-Luftgewehr mit Knicklauf. Das Abknicken spannt die Kolbenfeder und gibt zugleich das Ladeloch frei.
- Zuführung
- Repetierer mit Kugelmagazin für 4,4-mm-Rundkugeln — anders als beim Einzellader-Matchgewehr Modell 312
- Abzug
- Einfacher Abzug ohne Matcheinstellung
- Visierung
- Offenes Visier
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Spannen durch Abknicken
Der Lauf wird nach unten abgeknickt. Über das Gelenk zieht er den Kolben gegen die Kolbenfeder nach hinten, bis dieser einrastet. Weil der Lauf dabei bewegt wird, ändert sich seine Lage zum System bei jedem Spannvorgang geringfügig — der Grund, warum diese Bauart im Wettkampf dem Seitenspanner unterlegen ist.
- 2
Zuführen
Die Rundkugel wird aus dem Kugelmagazin zugeführt. Das unterscheidet die 310 vom Einzellader Modell 312 und macht sie zur Massenwaffe für Schießstände.
- 3
Auslösen und Verdichtung
Der Abzug gibt den Kolben frei. Die entspannende Feder treibt ihn nach vorn, die Luft im Zylinder wird schlagartig verdichtet und treibt die Kugel durch den Lauf.
- 4
Rückstoßverhalten
Wie bei allen Federkolbenwaffen wirkt zuerst die Kolbenmasse nach vorn, dann der Rückstoß nach hinten — der doppelte Impuls, der eine gleichbleibende Haltung verlangt. Siehe Luftdrucksysteme.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Haenel Modell 312
VEB Ernst-Thälmann-Werk · DDR (Suhl) · 1966- System
- Federkolben-Seitenspanner, Einzellader, 4,5 mm Diabolo, Diopter
- Unterschied
- Dasselbe Werk, andere Aufgabe. Die 310 ist Repetierer mit Knicklauf und Rundkugeln für den Massengebrauch, die 312 Einzellader mit feststehendem Lauf und Matchabzug für den Vereinswettkampf.
- Befund
- Beide zusammen decken den gesamten DDR-Breitensport ab — vom Jahrmarkt über die GST-Ausbildung bis zum Vereinsschießen.
Weihrauch HW-Knickläufer
Weihrauch & Weihrauch · Deutschland (Mellrichstadt)- System
- Federkolben-Knicklaufgewehre, überwiegend 4,5 mm Diabolo
- Unterschied
- Das westliche Gegenstück derselben Bauart — von einem Betrieb, der 1899 in Zella-Mehlis gegründet wurde und 1948 rund 50 Kilometer über die Zonengrenze zog.
- Befund
- Der unmittelbarste Ost-West-Vergleich des ganzen Registers: gleiche Bauart, gleiche Waffenklasse, gemeinsamer Ursprung, geteilte Fortsetzung. Siehe Weihrauch & Weihrauch, Zella-Mehlis.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Knicklauf als Präzisionsgrenze
Das Laufgelenk ist konstruktionsbedingt ein Spielpunkt. Mit zunehmendem Verschleiß wächst das Spiel, und die Lage von Lauf zu System wird von Schuss zu Schuss weniger wiederholbar. Bei der Zustandsbeurteilung ist das Gelenkspiel deshalb der erste Prüfpunkt.
plausibel
-
Unterschiedliche Federstärken je Verwendung
Gewehre im Bestand der GST waren mit stärkeren Federn ausgestattet als die Schießbudenausführungen desselben Modells. Ein Stück lässt sich also nicht allein am Modell beurteilen — die verbaute Feder entscheidet über die Leistung und ist zugleich das häufigste getauschte Teil.
plausibel
Verwendung
- Schießstände und Jahrmärkte
- Vormilitärische Ausbildung in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), dort mit stärkeren Federn
- Breitensport bis zur Vereinsebene
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Haenel 312 — mit Angaben zum Vorgängermodell 310 Link