Vergleichsstück · Deutschland (Mellrichstadt)
Weihrauch HW-Modellreihe
- Fertigung
- Weihrauch & Weihrauch
- Kaliber
- 4,5 mm Diabolo, 5,5 mm Diabolo, 6,35 mm Diabolo
- Zeitraum
- 1948–…
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Hier treibt kein verbrennendes Pulver das Geschoss, sondern Luft, die im Augenblick des Schusses zusammengepresst wird. Zum Spannen wird je nach Modell der Lauf nach unten abgeknickt oder ein Hebel unter dem Lauf heruntergezogen. Beides bewirkt dasselbe: Ein Kolben in einem eigenen Rohr wird gegen eine kräftige Feder nach hinten gezogen und rastet dort ein. Danach wird ein einzelnes Geschoss von Hand eingelegt — ein Magazin gibt es in aller Regel nicht. Der Abzug gibt den Kolben frei, die Feder schnellt ihn nach vorn, und weil die Luft vor ihm nicht schnell genug entweichen kann, wird sie schlagartig verdichtet; dieser Druckstoß treibt das Geschoss durch den Lauf. Daraus folgt die Eigenart der Bauart, mit der jeder Schütze zurechtkommen muss: Die Waffe erhält zwei Stöße kurz nacheinander und in entgegengesetzte Richtungen — erst durch die nach vorn schnellende Kolbenmasse, dann durch den Rückstoß des Schusses. Diesen doppelten Stoß haben alle Modelle der Reihe; die einfachen und die Wettkampfausführungen unterscheiden sich an zwei anderen Stellen. Ein Lauf, der zum Spannen abgeknickt wird, muss beweglich gelagert sein und findet nie ganz genau in dieselbe Lage zurück; ein Hebel darunter erlaubt es, ihn fest stehen zu lassen. Die Sportmodelle tragen deshalb den festen Lauf und dazu einen fein einstellbaren Abzug.
Vergleichsstück. Gefertigt in Mellrichstadt und damit außerhalb des Untersuchungsraums; der Betrieb stammt aber aus ihm.
Die HW-Modellreihe ist das westliche Gegenstück zu den Suhler Luftgewehren. Bei den meisten Vergleichsstücken dieses Registers geht es um einen fremden Fertigungsraum. Hier nicht. Weihrauch & Weihrauch wurde 1899 in Zella-Mehlis gegründet, wo die Familie seit dem 16. Jahrhundert im Büchsenmacherhandwerk tätig war; 1948 folgte die Neugründung in Mellrichstadt, rund 50 Kilometer entfernt und jenseits der Zonengrenze. Siehe Weihrauch & Weihrauch, Zella-Mehlis.
Einordnung
Für den Vergleich zweier Wirtschaftssysteme sind Waffen sonst schlechte Gegenstände, weil die Rahmenbedingungen zu verschieden waren. Feuerwaffenfertigung war nach 1945 auf beiden Seiten beschränkt, Beschaffung lief über Staatsaufträge, Export unterlag politischen Vorgaben.
Bei Luftdruckwaffen fällt das alles weg. Sie unterlagen keinen Besatzungsbeschränkungen, sie wurden an Privatpersonen verkauft, und beide Seiten konnten ab 1948 sofort produzieren. Was hier entstand, kommt einem kontrollierten Versuch so nahe, wie Industriegeschichte es zulässt: zwei Erben desselben Fertigungsraums, gleiche Ausgangstechnik, dieselbe Waffenklasse, verschiedene Systeme.
| Ost | West | |
|---|---|---|
| Betrieb | VEB Ernst-Thälmann-Werk | Weihrauch & Weihrauch |
| Ort | Suhl | Mellrichstadt |
| Massensegment | Haenel 310, Knicklauf | HW-Knickläufer |
| Wettkampfsegment | Haenel 312, Seitenspanner | HW-Unterhebelspanner |
| Absatz | Breitensport, GST, Export | Privatmarkt, international |
Beide Linien deckten dieselben zwei Marktsegmente ab. Auch die Präzisionsfrage lösten sie auf dieselbe Weise, mit feststehendem Lauf für den Wettkampf. Verschieden ist allein die Spannmechanik: Seitenhebel in Suhl, Unterhebel in Mellrichstadt.
Offene Forschungsfrage. Die Modellchronologie der HW-Reihe, Maße und Leistungsdaten sind hier nicht erfasst; ebenso wenig, ob und in welchem Umfang beide Linien einander tatsächlich beobachteten. Ein Vergleich der Konstruktionsentwicklung über die Grenze hinweg wäre der ergiebigste nächste Schritt dieses Teilgebiets.
Konstruktion
- Verschluss
- Feststehendes System mit Federkolben in eigenem Druckzylinder; je nach Modell Knicklauf oder feststehender Lauf
- Ladeprinzip
- Federkolben-Luftgewehr. Die Modellreihe umfasst Knicklaufspanner ebenso wie Unterhebelspanner — bei letzteren bleibt der Lauf fest.
- Zuführung
- Überwiegend Einzellader
- Abzug
- Je nach Modell einfacher oder einstellbarer Abzug; das Abzugssystem „Rekord" gilt als Kennzeichen der gehobenen Modelle
- Visierung
- Offene Visierung oder Diopter, Montageschiene für Zieloptik
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Spannen
Je nach Modell durch Abknicken des Laufs oder über einen Unterhebel. In beiden Fällen wird der Kolben gegen die Kolbenfeder nach hinten gezogen und rastet ein. Beim Unterhebelspanner bleibt der Lauf dabei fest — mit demselben Präzisionsvorteil, den auf östlicher Seite der Seitenspanner der Haenel 312 bietet.
- 2
Laden
Das Diabolo wird einzeln in das Ladeloch eingesetzt.
- 3
Auslösen
Der Abzug gibt den Kolben frei. Bei den Modellen mit Rekord-Abzug lässt sich der Auslösepunkt fein einstellen — der wesentliche Unterschied zu den einfachen Ausführungen.
- 4
Verdichtung und Schuss
Der vorlaufende Kolben verdichtet die Luft schlagartig; der Druck treibt das Diabolo durch den Lauf.
- 5
Rückstoßverhalten
Wie bei jedem Federkolbensystem der doppelte Impuls — erst Kolbenmasse nach vorn, dann Rückstoß nach hinten. Siehe Luftdrucksysteme.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Haenel Modell 312
VEB Ernst-Thälmann-Werk · DDR (Suhl) · 1966- System
- Federkolben-Seitenspanner, Einzellader, Diopter, Matchabzug
- Unterschied
- Beide lösen dieselbe Aufgabe — ein Federkolbengewehr mit feststehendem Lauf für den Wettkampf — mit verschiedener Spannmechanik: Seitenhebel gegen Unterhebel.
- Befund
- Der direkteste Vergleich zweier Erben desselben Fertigungsraums. Weil Luftdruckwaffen keinen Besatzungsbeschränkungen unterlagen, standen sich hier ab 1948 tatsächlich zwei Linien desselben Ursprungs auf demselben Markt gegenüber.
Haenel Modell 310
VEB Ernst-Thälmann-Werk · DDR (Suhl) · 1950- System
- Knicklauf-Federkolbengewehr, Repetierer, 4,4 mm Rundkugel
- Unterschied
- Auf östlicher Seite das Massengewehr für Schießstände und GST-Ausbildung — auf westlicher Seite besetzten die einfacheren HW-Knickläufer dieselbe Nische im Freizeitgebrauch.
- Befund
- Die Parallele reicht bis in die Marktsegmente: Beide Linien deckten je ein Massen- und ein Wettkampfsegment ab.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Systembedingter Kolbenimpuls
Wie alle Federkolbenwaffen — kein Konstruktionsfehler, sondern eine Eigenschaft der Bauart. Sie ist der Grund, warum der internationale Wettkampfsport auf Pressluft umstieg.
plausibel
-
Verschleiß an Kolbenmanschette und Dichtungen
Die Dichtelemente bestimmen die Leistung stärker als jedes andere Bauteil und sind Verschleißteile. Bei der Zustandsbeurteilung eines Altstücks zuerst zu prüfen.
plausibel
Verwendung
- Freizeit- und Sportschießen im westdeutschen Markt ab 1948
- International verbreitet; die Modellkürzel HW stehen für Hermann Weihrauch