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Technik · Systemvergleich

Kurzwaffen im Systemvergleich

Alle Verriegelungsprinzipien der Selbstladepistole, mit den Stücken dieses Registers als Maßstab

plausibel

Bei Gewehren hat sich die Entwicklung früh auf wenige Prinzipien verengt. Bei Kurzwaffen war das anders. Weil der Bauraum klein und die Patronenleistung mittel ist, blieb lange offen, welcher Weg der richtige sei, und zwischen 1890 und 1980 wurden mindestens acht grundverschiedene Verriegelungsprinzipien in Serie gebaut.

Für die sachverständige Bestimmung ist das die günstigste denkbare Lage: Das Verriegelungsprinzip ist am zerlegten Stück eindeutig ablesbar und grenzt Epoche und Herkunftsraum meist sofort ein.

Die Grundfrage: Wie viel Energie muss gehalten werden?

Alles folgt aus der Patronenleistung — siehe Patronenklassen:

PatronenleistungKonstruktive Antwort
niedrig (7,65 × 17 mm)Masseverschluss genügt
mittel (9 × 18 mm)Masseverschluss an der Obergrenze
hoch (9 × 19 mm, 7,62 × 25 mm)Verriegelung erforderlich — oder Verzögerung

Die acht Prinzipien

1. Masseverschluss

Keine Verriegelung; die Trägheit des Verschlussstücks hält.

Im Register: Dreyse M1907, Walther PP/PPK, Sauer 38H, Pistole M (Makarow) Vergleichsstücke: Beretta M1934 (Italien), ČZ vz. 27 (Tschechoslowakei), Mauser HSc, Colt M1903 (USA), P-64 (Polen), ČZ 82 (Tschechoslowakei)

2. Kniegelenk

Zwei Glieder knapp unterhalb der Strecklage; Rollen laufen auf Rampen und knicken das Gelenk aus.

Im Register: Pistole 08 Vergleichsstück: Schweizer Ordonnanzpistolen 1900/1906/1929 (SIG/W+F Bern) — dieselbe Konstruktion, andere Ausführung

3. Schwenkriegel unter dem Lauf

Ein keilförmiges Riegelstück greift in Ausnehmungen des Verschlusses und wird über einen Steuerstift abgeschwenkt.

Im Register: Pistole 38 Vergleichsstücke: Beretta 92 (Italien, ab 1975) — dieselbe Bauart, über die P38 weitervermittelt; Walther P1 und P4 als westdeutsche Fortführung

4. Kippverschluss nach Browning, mit Schwenkglied

Der Lauf wird über ein bewegliches Glied nach unten abgesenkt; Warzen am Laufrücken treten aus dem Schlitten.

Vergleichsstück: Colt M1911 / M1911A1 (USA), Tokarew TT-33 (Sowjetunion)

5. Kippverschluss nach Browning, mit Steuerkurve

Dieselbe Wirkung ohne bewegliches Zwischenglied — eine Steuerkurve am Laufuntersatz übernimmt das Absenken. Das weltweit vorherrschende Prinzip seit den 1930er Jahren.

Vergleichsstücke: Browning HP / FN GP35 (Belgien), SIG P210/P220 (Schweiz), Glock 17 (Österreich), fast alle modernen Dienstpistolen

6. Drehlauf

Der Lauf selbst dreht sich um seine Längsachse und entriegelt dadurch.

Vergleichsstücke: Roth-Steyr M1907 und Steyr M1912 (Österreich-Ungarn) — beim M1912 dreht sich der Lauf nach kurzem gemeinsamen Rücklauf über eingefräste Kulissen um 30°; später Beretta Px4 (Italien)

7. Rollenverriegelung

Rollen legen sich seitlich in Ausnehmungen des Schlittens.

Vergleichsstück: ČZ vz. 52 (Tschechoslowakei, 1952) — die erste Pistole überhaupt mit Rollenverriegelung, abgeleitet vom Prinzip des MG 42; etwa 200.000 Stück, Konstrukteure Jan und Jaroslav Kratochvíl. Ursprünglich für 9 × 19 mm entworfen, aus politischen Gründen auf 7,62 × 25 mm umkonstruiert.

8. Gasdruckverzögerung

Kein Verriegeln, sondern Bremsen: Abgezweigtes Gas wirkt auf einen Gegenkolben, der den Verschlussrücklauf verzögert, bis der Druck gefallen ist.

Vergleichsstück: HK P7 (Bundesrepublik, 1976) — der westdeutsche Sonderweg und konstruktiv das genaue Gegenteil des Suhler Ansatzes: nicht mehr Masse, sondern aktive Verzögerung.

Nachtrag: Revolver

Der Reichsrevolver hat festen Rahmen, Ladeklappe und keinen Ausstoßer, und die Vergleichsstücke derselben Jahre zeigen, wie konservativ diese Wahl war:

  • Colt Single Action Army (USA, 1873) — ebenfalls Ladeklappe, aber mit Ausstoßerstange
  • Webley Mk I (Großbritannien, 1887) — Kipplauf mit Sternausstoßer, alle sechs Hülsen auf einmal
  • Nagant M1895 (Belgien/Russland) — Trommelvorschub mit Gasabdichtung, mechanisch die aufwendigste Lösung der Epoche

Epochenmatrix

EpocheStück dieses RegistersPrinzipZeitgleiche Konkurrenz
1879–1900Reichsrevolver M1879/83Revolver, Ladeklappe, kein AusstoßerColt SAA · Webley · Nagant M1895
1900–1918Pistole 08KniegelenkM1911 (Browning/Schwenkglied) · C96 (Sperrblock) · Steyr M1912 (Drehlauf)
1907–1918Dreyse M1907Masseverschluss, Verschluss über dem LaufColt M1903 · Browning M1910
1929–1938Walther PP · Sauer 38HMasseverschlussBeretta M1934 · ČZ vz. 27 · Mauser HSc
1938–1945Pistole 38SchwenkriegelM1911A1 · Browning HP · TT-33
1949–1990Pistole M (Makarow)MasseverschlussČZ vz. 52 (Rollen) · P-64 · ČZ 82 · im Westen: P1, SIG P220, HK P7

Was der Sachverständige daraus macht

Ein unbekanntes Stück lässt sich in dieser Reihenfolge einordnen:

  1. Läuft der Lauf mit zurück? Nein → Masseverschluss oder Gasdruckverzögerung; damit ist die Patrone leistungsbegrenzt. Ja → verriegelter Rückstoßlader.
  2. Wie wird entriegelt? Kniegelenk, Schwenkriegel, Absenken über Schwenkglied oder Steuerkurve, Laufdrehung, Rollen. Jede Antwort grenzt Epoche und Herstellerraum ein.
  3. Wie sieht die Bedienlogik aus? Siehe Abzugs- und Sicherungssysteme — sie datiert oft schärfer als der Verschluss.
  4. Erst danach die Kennzeichnung. Die Beschusszeichen bestätigen oder widerlegen die technische Einordnung; sie ersetzen sie nicht.

Diese Reihenfolge ist bewusst gewählt: Stempel können nachgeschlagen, verschliffen oder gefälscht sein. Ein Verriegelungsprinzip nicht.

Der regionale Befund

Von den acht Prinzipien sind vier in diesem Register mit eigenen Stücken vertreten — Masseverschluss, Kniegelenk, Schwenkriegel und, beim Reichsrevolver, die Revolvertechnik. Das ist für eine Region dieser Größe außergewöhnlich.

Der eigentliche thüringische Beitrag liegt aber nicht beim Verschluss, sondern bei der Bedienlogik: Spannabzug, Entspannhebel und Ladeanzeige wurden hier zusammengeführt und von dort in den Weltmarkt getragen.

Beispiele im Register

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Verschluss (Waffentechnik) Link
  2. [Online] VSMS — Verschlusssysteme von Pistolen Link
  3. [Online] Wikipedia (de) — Pistole vz. 52 — Rollenverriegelung Link
  4. [Online] Wikipedia (de) — Steyr M1912 — Drehlaufverriegelung Link
  5. [Online] Wikipedia (de) — HK P7 — Gasdruckverzögerung Link