Technik · Munition
Patronenklassen
Warum „Kleinkaliber" nicht meint, was viele damit sagen wollen
Dieses Register vertritt an mehreren Stellen dieselbe These: Die Patrone bestimmt die Bauart, nicht umgekehrt. Der Masseverschluss der Makarow ist nur möglich, weil die Patrone schwach genug ist; das Sturmgewehr ist nur möglich, weil die Patrone schwächer ist als eine Gewehrpatrone. Wer Waffen einordnen will, muss zuerst Patronen einordnen können.
„Kleinkaliber” — ein belegter Begriff
Der Ausdruck ist gesetzlich nicht definiert, hat aber eine feste Bedeutung im Sprachgebrauch, und die hat sich verschoben:
- Bis in die 1950er Jahre bezeichnete „Kleinkaliber” alle Patronen mit einem Geschossdurchmesser unter 7 mm.
- Heute meint der Begriff im deutschen Sprachgebrauch überwiegend Randfeuerpatronen im Kaliber .22 (5,6 mm), allen voran die .22 lfB. „KK-Gewehr”, „KK-Sportpistole”, „KK-Biathlon” — überall dort ist Randfeuer gemeint.
Konsequenz für dieses Register: Die Patronen 5,45 × 39 mm und 5,56 × 45 mm dürfen nicht als „Kleinkaliber” bezeichnet werden. Sie sind Zentralfeuerpatronen mit hoher Mündungsgeschwindigkeit und gehören in die Klasse der Mittelpatronen. Wer sie „Kleinkaliber” nennt, sagt im deutschen Fachgespräch etwas anderes, als er meint.
Die Systematik
Gewehrpatrone (Vollpatrone)
Volle Leistung, ausgelegt auf große Reichweite. Rückstoß und Waffengewicht schließen beherrschbares Dauerfeuer aus der Hand aus.
Im Register: 7,92 × 57 mm — Karabiner 98k, Gewehr 43
Mittelpatrone
Leistungsmäßig zwischen Gewehr- und Pistolenpatrone, Hülsenlänge typischerweise etwa 33 bis 51 mm. Erst sie macht kontrollierbares Dauerfeuer bei brauchbarer Reichweite möglich — die konstruktive Grundlage der Gattung Sturmgewehr. Die Klasse gliedert sich weiter:
| Untergruppe | Merkmal | Beispiel |
|---|---|---|
| Kurzpatrone | gekürzte Gewehrpatrone, Kaliber unverändert groß | 7,92 × 33 mm Kurz · 7,62 × 39 mm (militärisch „Kurzpatrone M 43”) |
| Innere Mittelpatrone | neu entwickelt, kleines Kaliber, kurze Hülse | 5,45 × 39 mm · 5,56 × 45 mm |
| Äußere Mittelpatrone | neu entwickelt, mittleres Kaliber, kurze Hülse | — |
Damit ist die richtige Bezeichnung für den Übergang der 1980er Jahre nicht „Wechsel zum Kleinkaliber”, sondern Wechsel von der Kurzpatrone zur inneren Mittelpatrone.
Pistolenpatrone
Kurze Hülse, geringe Leistung, ausgelegt auf Kurzwaffen. Innerhalb dieser Klasse entscheidet die Leistung darüber, ob ein Masseverschluss ausreicht — siehe Verschlusssysteme.
| Patrone | Waffe im Register | Verschluss |
|---|---|---|
| 7,65 × 17 mm Browning | Walther PP, Sauer 38H, Dreyse M1907 | Masseverschluss |
| 9 × 18 mm Makarow | Pistole M | Masseverschluss — an der Obergrenze |
| 9 × 19 mm | Pistole 08, Pistole 38 | verriegelt |
Randfeuerpatrone
Die Zündmasse sitzt im umlaufenden Hülsenrand statt in einem eigenen Zündhütchen; der Schlagbolzen trifft den Rand. Billig in der Fertigung. Aber nicht wiederladbar und in der Leistung begrenzt.
Das ist das Feld, für das der Begriff „Kleinkaliber” reserviert ist. Für dieses Register relevant über die DDR-Sportwaffenfertigung — Suhler KK-Sportgeräte im Kaliber .22 lfB waren ein eigener Zweig der volkseigenen Produktion und gehören zu den Erzeugnissen, die dem Land Devisen brachten.
Die Kaliberfrage als Kern der ganzen Entwicklung
An drei Übergängen lässt sich die Geschichte dieses Registers als Patronengeschichte erzählen:
- Um 1900 — von der Ordonnanzrevolverpatrone (10,6 × 25 mm R, Reichsrevolver) zur Selbstladepatrone 9 × 19 mm.
- 1942 — von der Gewehrpatrone zur Kurzpatrone. Der eigentliche Erfindungsschritt beim MKb 42(H) liegt nicht im Verschluss, sondern hier.
- 1981 — von der Kurzpatrone zur inneren Mittelpatrone. Beide deutsche Staaten und beide Bündnisse gehen diesen Schritt binnen weniger Jahre; für die DDR mit der MPi AK-74N aus Wiesaer Fertigung.
In allen drei Fällen kam zuerst die Patrone und dann die Waffe.