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OD WH

Modell

Pistole 38 (P 38)

Fertigung
Walther
Kaliber
9 × 19 mm
Zeitraum
1938–1945
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Die P 38 löst dieselbe Aufgabe wie die ältere Pistole 08, nur mit einfacheren Mitteln: Der Lauf muss beim Schuss mit dem Verschluss fest verbunden bleiben, solange die Pulvergase drücken, und sich erst danach lösen. Dafür sitzt unter dem Lauf ein keilförmiges Stück, das nach beiden Seiten in Aussparungen des Verschlusses greift und die beiden so zusammenhält. Beim Abdrücken schlägt der Hahn — ein federgespannter Hebel am hinteren Ende der Waffe — auf den Bolzen, der die Patrone zündet; der Rückstoß schiebt Lauf und Verschluss, noch miteinander verbunden, ein kurzes Stück gemeinsam nach hinten. In dieser Zeit verlässt das Geschoss den Lauf und der Druck fällt. Dann trifft das Riegelstück auf einen festen Stift am Griffstück, der es nach unten aus den Aussparungen kippt: Der Lauf bleibt stehen, der Verschluss läuft allein weiter, zieht die leere Hülse heraus, wirft sie seitlich aus und spannt den Hahn. Zwei Federn schieben ihn wieder vor, dabei nimmt er die nächste Patrone aus dem Magazin mit, und das Riegelstück schnappt nach oben zurück. Der zweite Kunstgriff steckt in der Bedienung: Der Abzug spannt den Hahn beim Durchziehen selbst, ein Hebel lässt den gespannten Hahn gefahrlos nach vorn und sperrt dabei den Bolzen, und ein Stift am Verschlussende steht heraus, sobald eine Patrone im Lauf liegt. Damit ließ sich die Waffe geladen, entspannt und trotzdem sofort schussbereit tragen — bei einer Militärpistole war das 1938 neu.

Die Pistole 38 löste als Ordonnanzwaffe der Wehrmacht die Pistole 08 ab. Sie war einfacher und billiger zu fertigen und führte mit Spannabzug und Entspannhebel eine Bedienlogik ein, die den Pistolenbau über Jahrzehnte prägte. Bis 1945 entstanden rund 1,2 Millionen Stück.

Fertigung

Entwickelt und zur Serienreife gebracht wurde die P 38 bei Carl Walther in Zella-Mehlis; die Wehrmacht nahm sie 1938 an. Von den drei Hauptfertigern lag damit nur einer im Gebiet dieses Registers:

FertigerOrtHeuteCode
Carl WaltherZella-Mehlis, ThüringenDeutschlandac
Mauser-WerkeOberndorf, WürttembergDeutschlandbyf, svw
Metallwarenfabrik SpreewerkWerk GrottauTschechiencyq, cvq

Für die Bestimmung

Die Spreewerk-Fertigung der P 38 (Code cyq, rund 280.880 Stück, Abnahmestempel Adler über 88) lief nicht in Brandenburg, sondern im Werk Grottau, heute Hrádek nad Nisou in Tschechien, damals Sudetenland. Firmensitz der Metallwarenfabrik Spreewerk GmbH war Berlin-Spandau. Der Firmenname und das heute in Lübben ansässige, gleichnamige Unternehmen verleiten zu der Annahme, es habe sich um einen brandenburgischen Betrieb gehandelt. Diese Annahme ist falsch. Spreewerk gehört nicht in dieses Register.

Dieses Register hatte den Fehler zunächst selbst gemacht; siehe Korrekturen.

Der gelegentlich als eigener Code geführte Stempel cvq gilt überwiegend als verschlissener oder beschädigter cyq-Stempel. Entscheiden lässt sich diese Zuschreibung nur am Objektbefund.

Konstruktion

Die P 38 ist der bewusste Gegenentwurf zur Pistole 08. Wo die Parabellum ein feinmechanisch aufwendiges Kniegelenk über dem Verschluss trägt, arbeitet die P 38 mit einem Schwenkriegel unter dem Lauf. Lauf und Verschluss laufen kurz gemeinsam zurück, ein keilförmiges Riegelstück wird über einen Steuerstift nach unten ausgeschwenkt und gibt den Verschluss frei.

Der Gewinn ist ein doppelter. Fertigungstechnisch ersetzt ein robustes Innenbauteil eine Baugruppe mit engsten Passungen; die P 38 ließ sich in Kriegsmengen bauen, die 08 nicht. Taktisch kam der Spannabzug hinzu. Die Waffe konnte mit gefülltem Patronenlager, entspanntem Hahn und ohne betätigte Sicherung geführt und durch bloßen Abzug ausgelöst werden. Der Entspannhebel und die als Stift ausgeführte Ladeanzeige machten den Zustand dabei prüfbar, im Dunkeln sogar ertastbar.

Einordnung

Die Kombination aus verriegeltem Rückstoßlader, Spannabzug und Entspannhebel wurde zur Blaupause für den Militärpistolenbau der folgenden Jahrzehnte; die P 38 ist damit das konstruktiv einflussreichste Stück, das in dieser Region entstand.

Wie lange diese Blaupause trug, lässt sich datieren. Sie beherrschte die Behördenbeschaffung von den 1950er bis in die 1980er Jahre und wurde ab den 1990er Jahren durch das vorgespannte Schlagbolzenschloss der Glock 17 und ihrer Nachfolger verdrängt. Der Spannabzug ist also keine bis heute gültige Lösung. Er markiert eine abgeschlossene, rund vierzig Jahre währende Epoche, was seinen Rang nicht mindert, ihn aber genauer beschreibt.

Waffenrechtliches

Die P 38 ist eine halbautomatische Selbstladepistole und keine Kriegswaffe. Sie ist damit auf eine Waffenbesitzkarte eintragbar und ist erlaubnispflichtig, aber keine Kriegswaffe, im Unterschied zu den Maschinenpistolen derselben Epoche. Siehe Methodik.

Konstruktion

Verschluss
Verriegelter Verschluss mit kurzem Laufrücklauf. Die Verriegelung besorgt ein keilförmiges Schwenkriegelstück unter dem Lauf, das beidseitig in den Verschluss greift und beim Rücklauf durch einen Steuerstift nach unten ausgeschwenkt wird.
Ladeprinzip
Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf
Zuführung
Einreihiges Stangenmagazin im Griffstück
Abzug
Spannabzug (Double Action / Single Action) — die erste Militärpistole der Welt mit dieser Bauart. Widerstand rund 6,5 kg im Spannabzug, rund 2,5 kg bei vorgespanntem Hahn.
Sicherung
Entspannhebel am Verschluss, der den Hahn gefahrlos ablässt und die Schlagbolzenbahn sperrt; Ladeanzeige als Stift am Verschlussende
Visierung
Feste Kimme und Korn

Maße und Leistung

Länge
216 mm
Lauflänge
125 mm
Gewicht
ca. 800 g
Magazin
8 Patronen

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Schuss

    Der Hahn schlägt auf den Schlagbolzen. Lauf und Verschluss sind über das keilförmige Riegelstück unter dem Lauf verriegelt, das beidseitig in Ausnehmungen des Verschlusses greift.

  2. 2

    Gemeinsamer Rücklauf

    Rückstoß treibt Lauf und Verschluss verriegelt gemeinsam nach hinten. In dieser kurzen Phase verlässt das Geschoss den Lauf und der Gasdruck fällt auf ein unbedenkliches Maß.

  3. 3

    Entriegelung

    Ein Steuerstift am Griffstück trifft auf das Riegelstück und schwenkt es nach unten aus den Verschlussausnehmungen. Der Lauf wird abgefangen und bleibt stehen, der Verschluss läuft allein weiter.

  4. 4

    Hülsenauswurf und Hahnspannen

    Der Auszieher zieht die Hülse aus dem Lager, der Auswerfer schleudert sie seitlich aus. Der zurücklaufende Verschluss spannt den Hahn und komprimiert die beiden seitlich liegenden Schließfedern.

  5. 5

    Vorlauf und Zuführung

    Die Schließfedern treiben den Verschluss vor; dabei schiebt er die oberste Patrone aus dem Magazin ins Patronenlager. Der Ladeanzeigestift tritt hinten aus dem Verschluss — der Ladezustand wird tastbar.

  6. 6

    Verriegelung

    Verschluss und Lauf laufen gemeinsam in die vordere Endlage; der Steuerstift gibt das Riegelstück frei, das durch Federkraft nach oben in die Verschlussausnehmungen schwenkt. Verriegelt, schussbereit.

Schwenkriegel — verriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verriegelt: Das keilförmige Riegelstück unter dem Lauf steht oben und greift beidseitig in Ausnehmungen des Verschlusses.
  2. 2 Entriegelung: Nach wenigen Millimetern gemeinsamen Rücklaufs trifft der Steuerstift am Griffstück das Riegelstück und schwenkt es nach unten aus den Ausnehmungen.
  3. 3 Getrennt: Der Lauf wird abgefangen, der Verschluss läuft allein weiter, wirft aus und spannt den Hahn.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Colt M1911A1

Colt und zahlreiche Auftragsfertiger · USA · 1924
System
Verriegelter Rückstoßlader, Browning-Kippverschluss; Einzelabzug (Single Action) mit Griffsicherung, Hahn muss gespannt geführt werden
Unterschied
Die amerikanische Ordonnanzpistole derselben Epoche ist mechanisch robuster, bleibt aber beim Single-Action-Abzug. Die P 38 führt dagegen den Spannabzug mit Entspannhebel ein: Sie kann fertiggeladen und entspannt geführt werden, die M1911 nur gespannt-gesichert („cocked and locked").
Befund
Beim Verschluss setzte sich langfristig Browning durch, bei der Bedienlogik zunächst die P 38: Die Dienstpistolen der 1950er bis 1980er Jahre kombinieren typischerweise Browning-Verriegelung mit Walther-Bedienung. Seit den 1990er Jahren verdrängt das vorgespannte Schlagbolzenschloss (Glock, Walther P99) den Spannabzug im Behördenmarkt wieder — die Walther-Bedienlogik ist also nicht der Endpunkt, sondern eine Epoche.

Tokarew TT-33

Tulaer Waffenfabrik · Sowjetunion · 1933
System
Verriegelter Rückstoßlader nach Browning-Prinzip, vereinfacht; Single Action, ohne Sicherungshebel, Schlossgruppe als herausnehmbarer Block
Unterschied
Der zeitgleiche östliche Gegenentwurf, ausgelegt auf äußerste Fertigungseinfachheit statt auf Bedienkomfort. Keine Sicherung, kein Spannabzug, dafür weniger Teile und eine kräftigere Patrone (7,62 × 25 mm).
Befund
Für dieses Register unmittelbar relevant: Die TT-33 stand in DDR-Beständen neben der Makarow. An ihr lässt sich die östliche Auslegungslogik — Einfachheit vor Komfort — direkt gegen die Thüringer Konstruktionstradition halten.

Browning HP / FN GP35

Fabrique Nationale de Herstal · Belgien · 1935
System
Verriegelter Rückstoßlader mit Browning-Kippverschluss ohne Schwenkglied; erstes weit verbreitetes zweireihiges Magazin mit 13 Patronen
Unterschied
Gleiches Kaliber, gleiche Jahre, aber mehr als die anderthalbfache Magazinkapazität bei einfacherer Verriegelung. Die P 38 blieb beim einreihigen 8-Schuss-Magazin.
Befund
Die Kapazitätsfrage entschied sich erst Jahrzehnte später gegen die P 38. Ihr Beitrag war nie die Munitionsmenge, sondern die sichere Handhabung.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Harter Spannabzug beim ersten Schuss

    Der erste Schuss verlangte rund 6,5 kg Abzugswiderstand. Das führte verbreitet zum Verreißen und damit zu Treffleistungsproblemen — ein Mangel, der die Bedienlogik der Waffe unmittelbar betraf und in der Ausbildung nachgearbeitet werden musste.

    plausibel

  • Vereinfachte Auszieher der Spätfertigung

    Die frühe Fertigung besitzt eine massiv gearbeitete Ausziehkralle. In den Kriegsvereinfachungen wurde der Auszieher als Blechstanzteil ausgeführt. Das Bauteil ist damit zugleich ein Datierungs- und ein Zustandsmerkmal.

    plausibel

  • Fertigungsqualität der Spätserien

    Mit fortschreitender Kriegsdauer sanken Materialgüte und Oberflächengüte erheblich. Für die Bestimmung heißt das, dass grobe Bearbeitungsspuren nicht zwingend auf Nachbearbeitung, sondern auf späte Fertigung deuten können.

    ungeklärt

Verwendung

  • Ordonnanzpistole der Wehrmacht ab 1938 als Nachfolgerin der Pistole 08
  • Nach 1945 in großer Zahl als Beutewaffe verbreitet und in mehreren Staaten weitergeführt
  • In der Bundeswehr als P1 fortgeführt — eine westdeutsche Weiterentwicklung, die nicht in dieses Register gehört, aber die häufigste Verwechslungsquelle ist

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Walther P38 Link
  2. [Online] Wikipedia (en) — Spreewerk Link
  3. [Online] Forgotten Weapons — Book Review: P38 Pistol — Spreewerk Production Link

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