Vergleichsstück · Belgien
Browning HP / FN GP35
- Fertigung
- Fabrique Nationale de Herstal
- Kaliber
- 9 × 19 mm
- Zeitraum
- 1935–…
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Diese Pistole arbeitet nach demselben Grundgedanken wie die ältere Colt M1911, kommt dabei aber mit einem beweglichen Teil weniger aus. Vor dem Schuss sind Lauf und Verschlussstück, der Stahlblock außen über dem Lauf, ineinander verhakt: Rippen auf dem Laufrücken sitzen in passenden Nuten des Verschlusses. Der Rückstoß schiebt beide gemeinsam ein kurzes Stück nach hinten, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat. Bei der M1911 zieht dann ein kleines schwenkbares Glied unter der Mündung das hintere Laufende nach unten. Hier übernimmt das eine schräge Fläche an einem Fortsatz unter dem Lauf, die an einem festen Bolzen im Griffstück entlanggleitet und den Lauf dabei zwangsläufig absenkt. Die Rippen rutschen aus den Nuten, der Lauf bleibt stehen, das Verschlussstück läuft allein weiter, wirft die leere Hülse aus, spannt den Hahn, den Schlaghebel für den nächsten Schuss, und schiebt beim Vorlaufen die nächste Patrone in das Patronenlager am hinteren Ende des Laufs. Ein Teil gespart, dieselbe Wirkung, günstiger zu fertigen — diese Lösung steckt heute in fast jeder Dienstpistole. Die zweite Besonderheit liegt im Griff: Die Patronen stehen dort nicht in einer Reihe übereinander, sondern versetzt in zwei Reihen. Das ergibt dreizehn statt der damals üblichen sieben oder acht, erkauft mit einem spürbar dickeren Griff und einer sorgfältig geformten Zuführung, die die beiden Reihen oben wieder zu einer zusammenlaufen lässt. Einen Hebel zum Entspannen des Hahns gibt es nicht; geladen wird die Waffe gespannt und gesichert getragen.
Vergleichsstück. Gehört nicht zur Fertigung im Untersuchungsraum; steht hier als Maßstab.
Die Browning HP ist die unmittelbarste Konkurrentin der Pistole 38. Drei Jahre früher, dieselbe Patrone, dieselbe Aufgabe. Die Antwort fällt völlig anders aus.
Konstruktion
Gegenüber der M1911 entfällt bei der HP das bewegliche Schwenkglied unter der Mündung; eine Steuerkurve am Laufuntersatz übernimmt das Absenken. Ein Bauteil weniger, dieselbe Wirkung, billiger zu fertigen.
Diese Lösung wurde zum weltweiten Standard und findet sich heute in praktisch jeder Dienstpistole. Gegen sie setzten sich das Kniegelenk der Pistole 08 und der Schwenkriegel der P 38 langfristig nicht durch.
Einordnung
| Browning HP (1935) | Pistole 38 (1938) | |
|---|---|---|
| Verriegelung | Browning-Kipp mit Steuerkurve | Schwenkriegel |
| Magazin | 13 Patronen, zweireihig | 8 Patronen, einreihig |
| Abzug | Single Action | Spannabzug |
| Entspannen | nicht möglich | Entspannhebel |
| Ladeanzeige | keine | vorhanden |
Die HP setzt auf Kapazität, die P 38 auf Handhabungssicherheit. Beide Antworten setzten sich durch, nur zu verschiedenen Zeiten.
Die Thüringer Bedienlogik wirkte sofort und weltweit; siehe Abzugs- und Sicherungssysteme. Die Kapazitätsfrage entschied sich erst mit den Dienstpistolen der 1980er Jahre gegen die P 38; die Beretta 92, die deren Verriegelung erbte, hat ein zweireihiges Magazin mit 15 Patronen.
Moderne Dienstpistolen vereinen beide Antworten. Der Vergleich zeigt, dass die Region eine der beiden Fragen für sich entschied und die andere nicht einmal stellte.
Konstruktion
- Verschluss
- Verriegelter Verschluss mit kurzem Laufrücklauf, Browning-Kippverschluss **ohne Schwenkglied**: Eine Steuerkurve am Laufuntersatz übernimmt das Absenken. Die Vereinfachung gegenüber der M1911 wurde zum weltweiten Standard.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf
- Zuführung
- Zweireihiges Stangenmagazin, 13 Patronen — das erste weit verbreitete zweireihige Pistolenmagazin
- Abzug
- Single Action mit Übertragungsgestänge
- Sicherung
- Handsicherung am Rahmen; Magazinsicherung in manchen Ausführungen
- Visierung
- Feste Kimme und Korn
Maße und Leistung
- Länge
- ca. 197 mm
- Lauflänge
- ca. 118 mm
- Gewicht
- ca. 1000 g
- Magazin
- 13 Patronen
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Verriegelt und schussbereit
Warzen am Laufrücken greifen in Ausnehmungen des Schlittens. Der Lauf ruht hinten auf einer Steuerkurve, die in einen feststehenden Bolzen des Rahmens eingreift.
- 2
Gemeinsamer Rücklauf
Lauf und Schlitten laufen verriegelt zurück, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
- 3
Entriegelung über die Steuerkurve
Die schräge Kurve am Laufuntersatz zieht das Laufende nach unten; die Warzen treten aus den Ausnehmungen. Das ist derselbe Vorgang wie bei der M1911 — nur ohne das dort nötige bewegliche Schwenkglied. Ein Bauteil weniger, dieselbe Wirkung.
- 4
Auswurf und Spannen
Auszieher und Auswerfer entfernen die Hülse, der Schlitten spannt den offen liegenden Hahn.
- 5
Vorlauf und Zuführung
Der Schlitten führt die nächste Patrone aus dem zweireihigen Magazin zu. Die zweireihige Anordnung verlangt eine sorgfältig gestaltete Zuführung — der eigentliche konstruktive Aufwand dieser Waffe.
- 6
Bereitschaftszustand
Wie bei der M1911 gibt es keinen Entspannhebel; geführt wird gespannt und gesichert.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Das keilförmige Riegelstück unter dem Lauf steht oben und greift beidseitig in Ausnehmungen des Verschlusses.
- 2 Entriegelung: Nach wenigen Millimetern gemeinsamen Rücklaufs trifft der Steuerstift am Griffstück das Riegelstück und schwenkt es nach unten aus den Ausnehmungen.
- 3 Getrennt: Der Lauf wird abgefangen, der Verschluss läuft allein weiter, wirft aus und spannt den Hahn.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Pistole 38
Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1938- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit Schwenkriegel, Spannabzug, Entspannhebel, einreihiges Magazin für 8 Patronen
- Unterschied
- Gleiches Kaliber, drei Jahre Abstand — und zwei verschiedene Antworten auf die Frage, was eine Dienstpistole leisten soll. Die HP setzt auf **Kapazität** (13 gegen 8 Patronen), die P 38 auf **Handhabungssicherheit** (Spannabzug und Entspannhebel gegen keines von beidem).
- Befund
- Beide Antworten setzten sich durch, nur zu verschiedenen Zeiten: die Bedienlogik der P 38 sofort, die Kapazität der HP erst mit den Dienstpistolen der 1980er Jahre. Moderne Waffen vereinen beides.
Colt M1911A1
Colt und Auftragsfertiger · USA · 1924- System
- Browning-Kippverschluss mit Schwenkglied, Single Action, 7 Patronen
- Unterschied
- Dieselbe Konstrukteurshandschrift, 24 Jahre später und vereinfacht: Das Schwenkglied entfällt, die Steuerkurve übernimmt. Das Magazin fasst fast doppelt so viel.
- Befund
- Die HP ist Brownings letzte Konstruktion und die reifere der beiden — sie wurde zur Vorlage praktisch aller späteren Dienstpistolen.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Kein Entspannhebel
Wie die M1911 kennt sie keinen sicheren Weg vom gespannten in den entspannten Zustand. Geführt wird gespannt und gesichert — die Lösung, die Zella-Mehlis drei Jahre später überflüssig machte.
plausibel
-
Griffumfang durch das zweireihige Magazin
Die Kapazität wird mit einem deutlich stärkeren Griffstück erkauft. Für kleinere Hände ist die Waffe schwerer zu führen — ein Zielkonflikt, der bis heute jede Dienstpistolenbeschaffung begleitet.
plausibel
Verwendung
- In über 50 Staaten als Ordonnanzpistole eingeführt — eine der weltweit meistverbreiteten Dienstpistolen überhaupt
- Im Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten im Einsatz: in Belgien unter deutscher Besatzung weitergefertigt, zugleich in Kanada für die Alliierten
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — FN High Power Link