Vergleichsstück · USA
Colt M1911 / M1911A1
- Fertigung
- Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company und zahlreiche Auftragsfertiger
- Kaliber
- .45 ACP, 9 × 19 mm (spätere Varianten)
- Zeitraum
- 1911–…
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Bei dieser Pistole sind Lauf und Verschluss im Moment des Schusses fest ineinander verhakt: Rippen quer über die Oberseite des Laufs sitzen in passenden Nuten des Verschlussstücks — des Stahlblocks, der außen über dem Lauf liegt und ihn hinten schließt. Nach dem Abdrücken schiebt der Rückstoß beide zusammen ein kurzes Stück nach hinten — der Lauf bleibt also so lange verschlossen, bis das Geschoss draußen und der Druck im Inneren gefallen ist. Unter der Mündung sitzt ein kleines schwenkbares Glied, das den hinteren Teil des Laufs bei dieser Bewegung nach unten zieht. Die Rippen rutschen aus den Nuten, der Lauf bleibt stehen, das Verschlussstück läuft allein weiter, wirft die leere Hülse aus und drückt den Hahn, den Schlaghebel für den nächsten Schuss, in die gespannte Stellung. Eine Feder schiebt es wieder vor, dabei nimmt es die nächste Patrone aus dem Magazin mit, und das Schwenkglied hebt den Lauf zurück in die Nuten. Der Kunstgriff liegt darin, dass dieser ganze Vorgang im geschlossenen Gehäuse abläuft: wenige Teile, nichts arbeitet im Freien, und die Maße dürfen gröber ausfallen als bei Konstruktionen mit außenliegender Mechanik. Dafür fehlt eine Möglichkeit, den gespannten Hahn gefahrlos wieder in Ruhe zu setzen. Wer die Waffe geladen führt, führt sie gespannt und über zwei Sicherungen gesperrt.
Vergleichsstück. Dieser Eintrag gehört nicht zur ostdeutschen Fertigung. Er steht im Register, weil sich die Leistung der Thüringer Konstruktionen nur an zeitgleicher Konkurrenz messen lässt; siehe Kurzwaffen im Systemvergleich.
An der M1911 lassen sich beide großen Thüringer Militärpistolen messen, jede an einem anderen Punkt.
Konstruktion
Beide erschienen im selben Jahrzehnt, und beide lösen dieselbe Aufgabe, nämlich einen verriegelten Rückstoßlader für eine kräftige Patrone. Die Wege sind entgegengesetzt.
Die Pistole 08 arbeitet mit einem außenliegenden Kniegelenk in engster Passung, was hohe Eigenpräzision bei erheblichem Fertigungsaufwand ergibt und die Waffe zugleich schmutz- und munitionsempfindlich macht.
Die M1911 verlegt alles in den geschlossenen Schlitten: Ein Schwenkglied senkt das Laufende ab, die Warzen treten aus den Ausnehmungen. Wenige Teile, gröbere Toleranzen zulässig, kein Mechanismus im Freien.
Historisch entschied sich der Pistolenbau für Browning. Beim Verschluss wurde Thüringen also nicht stilbildend, und die Auseinandersetzung damit gehört zur ehrlichen Bewertung der Region.
Einordnung
Bei der Bedienlogik kehrt sich das Verhältnis um. Die M1911 kennt keinen Entspannhebel; der gespannte Hahn lässt sich nur durch Abziehen oder Ablassen von Hand entspannen. Geführt wird sie deshalb gespannt und über Griff- plus Handsicherung gesichert.
Die Pistole 38 löst dasselbe Problem 27 Jahre später anders. Spannabzug und Entspannhebel erlauben es, die Waffe fertiggeladen und entspannt zu führen und dennoch durch bloßes Durchziehen des Abzugs zu schießen.
Diese Bedienlogik setzte sich international durch. Sie stammt aus Zella-Mehlis, über die Walther PP von 1929; praktisch jede moderne Dienstpistole vereint heute Browning-Verriegelung mit Thüringer Bedienung. Siehe Abzugs- und Sicherungssysteme.
Konstruktion
- Verschluss
- Verriegelter Verschluss mit kurzem Laufrücklauf. Warzen am Laufrücken greifen in Ausnehmungen des Schlittens; ein Schwenkglied unter der Laufmündung senkt den Lauf beim Rücklauf ab und zieht die Warzen aus den Ausnehmungen.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf
- Zuführung
- Einreihiges Stangenmagazin, 7 Patronen (.45 ACP)
- Abzug
- Single Action, gerade nach hinten laufender Abzug
- Sicherung
- Doppelt: Griffsicherung am Rücken des Griffstücks, die nur bei umfasstem Griff freigibt, sowie Handsicherung links am Rahmen, die den Schlitten zusätzlich sperrt. Führung erfolgt gespannt und gesichert („cocked and locked").
- Visierung
- Feste Kimme und Korn, kurze Visierlinie
Maße und Leistung
- Länge
- 210 mm
- Lauflänge
- 127 mm
- Gewicht
- ca. 1105 g
- Magazin
- 7 Patronen
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Verriegelt und schussbereit
Lauf und Schlitten sind über Warzen am Laufrücken formschlüssig verbunden. Der Lauf hängt vorn am Schwenkglied, hinten am Verschlussstück.
- 2
Gemeinsamer Rücklauf
Rückstoß treibt Lauf und Schlitten verriegelt zurück. Anders als beim Kniegelenk der Pistole 08 liegt die gesamte Mechanik dabei im geschlossenen Schlitten — kein Bauteil bewegt sich nach außen.
- 3
Entriegelung durch Absenken
Das Schwenkglied unter der Mündung zieht das Laufende nach unten. Die Warzen treten aus den Ausnehmungen; der Lauf wird abgefangen, der Schlitten läuft allein weiter. Das ist derselbe Vorgang, den die Pistole 38 mit einem Riegelstück unter dem Lauf löst — nur mit umgekehrter Bewegungsrichtung.
- 4
Auswurf und Hahnspannen
Auszieher und Auswerfer entfernen die Hülse, der Schlitten spannt den offen liegenden Hahn und komprimiert die Schließfeder unter dem Lauf.
- 5
Vorlauf und Zuführung
Der Schlitten führt die nächste Patrone zu; beim Vorlaufen hebt das Schwenkglied den Lauf wieder an und schiebt die Warzen zurück in die Ausnehmungen.
- 6
Bereitschaftszustand
Es gibt keinen Entspannhebel. Die Waffe wird gespannt geführt und über Griff- und Handsicherung gesichert — eine grundlegend andere Bedienlogik als bei den Thüringer Konstruktionen ab 1929.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Das keilförmige Riegelstück unter dem Lauf steht oben und greift beidseitig in Ausnehmungen des Verschlusses.
- 2 Entriegelung: Nach wenigen Millimetern gemeinsamen Rücklaufs trifft der Steuerstift am Griffstück das Riegelstück und schwenkt es nach unten aus den Ausnehmungen.
- 3 Getrennt: Der Lauf wird abgefangen, der Verschluss läuft allein weiter, wirft aus und spannt den Hahn.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Pistole 08
Gewehrfabrik Erfurt, Simson & Co. · Deutschland (Erfurt, Suhl) · 1908- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit Kniegelenkverschluss, Single Action
- Unterschied
- Beide sind verriegelte Rückstoßlader derselben Jahre. Die 08 löst die Entriegelung über ein außenliegendes Präzisionsgelenk, die M1911 über ein gekapseltes Absenken im geschlossenen Schlitten.
- Befund
- Die 08 ist die präzisere, die M1911 die unempfindlichere und billiger zu fertigende Lösung. Historisch entschied sich der Pistolenbau für den zweiten Weg.
Pistole 38
Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1938- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit Schwenkriegel, Spannabzug, Entspannhebel
- Unterschied
- Gleiche Aufgabe, entgegengesetzte Schwerpunkte: Die M1911 ist mechanisch robuster, bleibt aber bei Single Action und muss gespannt geführt werden. Die P 38 führt Spannabzug und Entspannhebel ein und kann fertiggeladen und entspannt geführt werden.
- Befund
- Der historische Ausgang ist geteilt — und genau das ist der Kernbefund dieses Registers: Beim Verschluss setzte sich Browning durch, bei der Bedienlogik Thüringen. Moderne Dienstpistolen vereinen beides.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Keine Entspannmöglichkeit
Der gespannte Hahn kann nur durch Abziehen oder kontrolliertes Ablassen von Hand entspannt werden — beides mit Risiko. Die Waffe wird deshalb gespannt und gesichert geführt, was Ausbildung und Disziplin voraussetzt.
plausibel
-
Geringe Magazinkapazität
Sieben Patronen im einreihigen Magazin waren schon 1935 gegenüber der Browning HP mit dreizehn Patronen ein Rückstand.
plausibel
Verwendung
- Ordonnanzpistole der US-Streitkräfte von 1911 bis 1985
- Weltweit verbreitet, bis heute in zahlreichen Ableitungen gebaut — das langlebigste Selbstladepistolen-Muster überhaupt
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Colt M1911 Link