Vergleichsstück · Österreich-Ungarn
Steyr M1912 („Steyr-Hahn")
- Fertigung
- Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft, Steyr
- Kaliber
- 9 × 23 mm Steyr, 9 × 19 mm (Umbauten als P. 12 (ö) ab 1938)
- Zeitraum
- 1912–1930
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Vor dem Schuss halten zwei Nasen auf der Oberseite des Laufs diesen in Aussparungen des Verschlussstücks fest, das außen darüber liegt. Der Rückstoß schiebt beide gemeinsam einige Millimeter nach hinten, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat. Was dann geschieht, unterscheidet diese Waffe von fast allen anderen ihrer Zeit: Der Lauf kippt nicht nach unten und knickt nichts aus, sondern dreht sich um seine eigene Längsachse. Dafür sorgt eine dritte, schräg stehende Nase an seiner Unterseite, die in einer schrägen Nut des Griffstücks läuft und den Lauf beim Zurückgleiten zwangsläufig verdreht — die beiden oberen Nasen wandern dabei seitlich aus den Aussparungen heraus. Eine weitere Nase stoppt den Lauf, das Verschlussstück läuft allein weiter, wirft die leere Hülse aus und spannt den Hahn, den Schlaghebel für den nächsten Schuss. Beim Vorlaufen schiebt es die nächste Patrone in das Patronenlager am hinteren Ende des Laufs, nimmt den Lauf mit, und die schräge Nut dreht ihn wieder in die Haltestellung zurück. Die zweite Eigenheit ist bewusst altmodisch: Das Magazin sitzt fest im Griff und lässt sich nicht wechseln. Gefüllt wird es bei zurückgezogenem Verschluss von oben mit einem Blechstreifen, auf dem acht Patronen aufgereiht sind — dieselbe Handhabung wie bei einem Gewehr jener Jahre. Zum Entladen gibt ein Hebel rechts am Griff die Halterung frei, worauf die Magazinfeder die Patronen nach oben hinausdrückt.
Vergleichsstück. Gehört nicht zur Fertigung im Untersuchungsraum; steht hier als Maßstab.
Um 1910 stand der Pistolenbau vor einer einzigen Frage. Wie hält man Lauf und Schlitten so lange zusammen, bis der Druck gefallen ist, und wie trennt man sie dann wieder? Es gab drei ernsthafte Antworten, und die Steyr M1912 ist die dritte.
Konstruktion
| Waffe | Jahr | Entriegelung | Bewegung des Laufs |
|---|---|---|---|
| Pistole 08 | 1908 | Kniegelenk knickt nach oben aus | Lauf läuft gerade zurück, Gelenk liegt frei |
| Colt M1911 | 1911 | Schwenkglied senkt das Laufende ab | Lauf kippt nach unten |
| Steyr M1912 | 1912 | Schrägkulisse dreht den Lauf | Lauf dreht sich um die eigene Achse |
Die ersten beiden Zeilen sind bekannt, die dritte ist vergessen. Der Lauf der M1912 kippt nicht und knickt nichts aus, er schraubt sich aus dem Schlitten heraus: Zwei Warzen auf dem Laufrücken sitzen in Ausnehmungen des Schlittens, unten läuft eine schräge Steuerwarze in einer Kulisse des Griffstücks. Nach wenigen Millimetern gemeinsamen Rücklaufs zwingt die Kulisse den Lauf in die Drehung, die Warzen treten seitlich aus, eine Anschlagwarze fängt den Lauf ab.
Entwicklung
Der wichtigste Befund zu dieser Waffe betrifft ihre Abstammung. Das Prinzip stammt von Karel Krnka, der es für Georg Roth entwickelte und in der Roth-Steyr M1907 erstmals in eine Ordonnanzwaffe brachte, die erste Selbstladepistole überhaupt, die eine Großmacht bei der Truppe einführte. Die M1912 ist deren zweite Auflage: Steuerkurven vom Mündungs- an das Verschlussende verlegt, Schlagbolzen durch einen offenen Hahn ersetzt („Hahn” gab der Waffe ihren Beinamen), Feldzerlegung vereinfacht.
Damit steht die M1912 in einer Entwicklungslinie, die unabhängig von John Browning verlief. Bemerkenswert ist das, weil der Kippverschluss nach Browning weltweit vorherrschend wurde, bei dem der Lauf sein hinteres Ende absenkt und die Warzen nach unten aus dem Schlitten zieht. Nur wenige Konstruktionen gingen einen dritten Weg: die Thüringer Pistole 38 mit einem Schwenkriegel unter dem achsengleich zurücklaufenden Lauf, die M1912 mit der Laufdrehung. Der Drehlauf blieb Nebenlinie. Erst über Beretta Cougar und Px4 kam er in den Serienbau zurück.
Das feste Magazin
Die zweite Eigenheit ist konservativ. Das Magazin sitzt fest im Griffstück und wird bei zurückgezogenem Schlitten mit einem Ladestreifen von oben gefüllt, also mit der Handhabung des Repetiergewehrs. Entladen wird über einen Hebel rechts am Griffstück, der die Zuführlippe freigibt; die Magazinfeder wirft die Patronen dann nach oben aus.
Der Nachteil liegt auf der Hand, nämlich die fehlende schnelle Feuerpause per Magazinwechsel. Der beabsichtigte Vorteil ebenso: Kein Kavallerist verliert im Sattel ein Magazin, keine Einheit bekommt Magazine geliefert, die nicht passen. 1912 war das eine vertretbare Abwägung. Zehn Jahre später war sie überholt.
Verwendung
Die Waffe blieb bis in den Zweiten Weltkrieg im Dienst. Nach 1938 übernahm die Wehrmacht die Bestände als Pistole 12 (ö); ein Teil wurde auf 9 × 19 mm umgebaut und am Schlitten entsprechend gekennzeichnet, was die Eigenpatrone 9 × 23 mm Steyr nachträglich aus der Welt schaffte.
Varianten
Aus dem Ersten Weltkrieg stammt die selbstfeuerfähige M. 12 / P. 16 mit 16-Schuss-Magazin und Anschlagschaft, eine der frühesten Maschinenpistolen überhaupt, gebaut in nur wenigen hundert Stück.
Konstruktion
- Verschluss
- Verriegelter Verschluss mit kurzem Laufrücklauf und Drehlaufverriegelung. Zwei Warzen auf dem Laufrücken greifen in Ausnehmungen im geschlossenen Schlitten. Unten am Lauf sitzen eine schräg eingefräste Steuerwarze, die in einer Kulisse des Griffstücks läuft, und eine quer stehende Anschlagwarze, die den Laufweg begrenzt.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, Drehlauf-Entriegelung
- Zuführung
- Festes, einreihiges Magazin im Griffstück, 8 Patronen. Beladung über Ladestreifen durch das offene Auswurffenster bei zurückgezogenem Schlitten; Einzelladen ebenfalls möglich. Ein Entladehebel rechts am Griffstück gibt die Zuführlippe frei, sodass die Magazinfeder die Patronen nach oben ausstößt.
- Abzug
- Single Action mit außenliegendem Hahn, kein Entspannhebel
- Sicherung
- Handsicherung links am Griffstück, die den Schlitten mitsperrt. Kein Griffsicherungshebel, keine Magazinsicherung — das Magazin ist fest verbaut.
- Visierung
- Feste Kimme und Korn, kurze Visierlinie; Sonderausführungen mit Klappvisier und Anschlagschaft
Maße und Leistung
- Länge
- 216 mm
- Lauflänge
- 128 mm (Angaben 128–130 mm)
- Gewicht
- ca. 1000 g (Quellenangaben 980–1200 g)
- Magazin
- 8 Patronen, festes Magazin, Ladestreifen
- V₀
- ca. 340–375 m/s (9 × 23 mm Steyr, 7,45-g-Vollmantel)
- Kadenz
- entfällt (Selbstlader); Variante M. 12 / P. 16 rund 800 Schuss/min
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Verriegelt und schussbereit
Der Lauf steht in Verriegelungsstellung. Seine beiden oberen Warzen sitzen formschlüssig in den Ausnehmungen des Schlittens; Lauf und Schlitten sind eine Einheit. Unten greift die schräge Steuerwarze in die Kulisse des Griffstücks.
- 2
Gemeinsamer Rücklauf
Der Rückstoß treibt Lauf und Schlitten verriegelt einige Millimeter nach hinten. Bis hierhin verhält sich die Waffe wie die Colt M1911 — der Unterschied beginnt erst bei der Entriegelung.
- 3
Entriegelung durch Laufdrehung
Die Kulisse im Griffstück zwingt die schräge Steuerwarze auf eine Schraubenbahn. Der Lauf dreht sich dabei um seine Längsachse — deutsche Quellen nennen 30 Grad, die englische Literatur 20 Grad — und führt die oberen Warzen aus den Ausnehmungen des Schlittens heraus. Der Lauf hebt und senkt sich nicht, er bleibt achsengleich.
- 4
Abfangen des Laufs
Die quer stehende Anschlagwarze läuft gegen ihren Anschlag im Griffstück und fängt den Lauf ab. Der Schlitten läuft allein weiter, der Lauf bleibt in gedrehter Stellung stehen.
- 5
Auswurf und Spannen
Auszieher und Auswerfer entfernen die Hülse durch das große Auswurffenster im Schlittenrücken. Der zurücklaufende Schlitten spannt den offen liegenden Hahn und drückt die Schließfeder zusammen.
- 6
Vorlauf und Zuführung
Der Schlitten schiebt die nächste Patrone aus dem festen Griffmagazin in das Patronenlager. Beim Auflaufen nimmt er den Lauf mit; die Steuerwarze durchläuft die Kulisse rückwärts und dreht den Lauf in die Verriegelungsstellung zurück.
- 7
Nachladen
Nach der letzten Patrone bleibt der Schlitten offen. Nachgeladen wird nicht durch Magazinwechsel, sondern mit einem Ladestreifen von oben — dieselbe Handhabung wie beim Repetiergewehr, ein bewusster Bruch mit der Wechselmagazin-Linie von Luger und Browning.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Roth-Steyr M1907
Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft Steyr, Fegyver és Gépgyár Budapest · Österreich-Ungarn · 1907- System
- Rückstoßlader mit Drehlaufverriegelung, Schlagbolzenzündung, festes Magazin
- Unterschied
- Der direkte Vorläufer und der Ursprung des Prinzips. Beim M1907 sitzen die Steuerkurven in der Laufbuchse vorn am Griffstück und drehen den Lauf über Warzen nahe der Mündung. Die M1912 verlegt die Steuerung nach hinten an das Verschlussende und ersetzt den Schlagbolzen durch einen offenen Hahn.
- Befund
- Die M1912 ist die aufgeräumte, feldtaugliche Zweitfassung derselben Idee: weniger Bauteile im Mündungsbereich, zerlegbar auch unter schlechten Bedingungen.
Pistole 08
Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken, Gewehrfabrik Erfurt · Deutschland · 1908- System
- Rückstoßlader mit außenliegendem Kniegelenkverschluss, Wechselmagazin
- Unterschied
- Beide sind verriegelte Rückstoßlader derselben Jahre für eine kräftige 9-mm-Patrone. Die 08 knickt ein offen liegendes Gelenk nach oben aus, die M1912 dreht den Lauf im geschlossenen Schlitten. Das Kniegelenk liegt frei und ist schmutzempfindlich, der Drehlauf ist vollständig gekapselt.
- Befund
- Die 08 gilt als die feiner gearbeitete, die M1912 als die unempfindlichere Waffe. Der Preis der österreichischen Lösung ist das feste Magazin: kein schneller Wechsel, dafür nichts zu verlieren.
Colt M1911
Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · USA · 1911- System
- Rückstoßlader mit Kippverschluss nach Browning (Schwenkglied senkt das Laufende ab), Wechselmagazin
- Unterschied
- Dieselbe Aufgabe, dritter Lösungsweg. Browning senkt das Laufende ab und zieht die Warzen nach unten aus dem Schlitten; Krnka dreht den Lauf zur Seite heraus. Der Drehlauf braucht keinen Absenkweg und erlaubt daher eine tiefere Laufachse, verlangt aber saubere Kulissen und Warzen.
- Befund
- Historisch setzte sich Browning durch — auch bei Steyr selbst. Der Drehlauf blieb eine Nebenlinie, kam aber Jahrzehnte später über Beretta (Cougar, Px4) und die Grand-Power-Baureihe zurück.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Festes Magazin
Nachladen nur über Ladestreifen oder einzeln. Kein Magazinwechsel im Gefecht — die Feuerpause ist länger als bei Pistole 08 und M1911. Als Gegenwert entfallen verlorene, verbeulte oder unpassende Magazine.
gesichert
-
Eigene Patrone
Die 9 × 23 mm Steyr blieb außerhalb der Donaumonarchie ohne Verbreitung. Nach 1938 wurden Bestände auf 9 × 19 mm umgebaut, was die Munitionsfrage erst nachträglich löste.
gesichert
-
Kein Entspannhebel
Wie bei der M1911 lässt sich der gespannte Hahn nur durch Abziehen oder Ablassen von Hand entspannen. Die Bedienlogik mit Spannabzug und Entspannhebel kam erst 1929 aus Zella-Mehlis.
plausibel
-
Fertigungsaufwand der Kulissen
Schrägkulisse im Griffstück und Warzen am Lauf müssen zueinander passen; das ist Fräs- und Passarbeit. Ob die M1912 deshalb teurer war als eine M1911, ist quellenmäßig nicht belegt.
ungeklärt
Verwendung
- Ordonnanzpistole Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg (Einführung 1912, Heeresadoption 1914)
- Exportlieferungen an Chile, Rumänien und das Osmanische Reich
- Deutsche Beschaffung im Ersten Weltkrieg in 9 × 23 mm Steyr
- Nach 1938 von der Wehrmacht als Pistole 12 (ö) übernommen, ein Teil auf 9 × 19 mm umgebaut
- Selbstfeuerfähige Variante M. 12 / P. 16 mit 16-Schuss-Magazin und Anschlagschaft
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Steyr-Hahn (Steyr M1912) Link
- [Online] Wikipedia (en) — Steyr M1912 pistol Link
- [Online] Modern Firearms — Steyr-Hahn M1912 Link
- [Online] Modern Firearms — Roth-Steyr (Krnka) M7 / M1907 Link
- [Online] American Rifleman — Rotary-Barrel Pistols — A Design That Has Come Full Circle Link
- [Online] Austria-Forum — Steyr M1912 (AustriaWiki) Link
- [Online] Wikipedia (en) — 9 × 23 mm Steyr Link
- [Online] Forgotten Weapons — Steyr M1912/16 Automatic „Repetierpistole" Link