Nachwirkung · Italien
Beretta 92 / M9
- Fertigung
- Pietro Beretta S.p.A.
- Kaliber
- 9 × 19 mm
- Zeitraum
- 1976–…
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Vor dem Schuss sind Lauf und Verschlussstück — der Stahlblock, der außen über dem Lauf liegt — durch ein kleines Stahlstück verbunden, das unter dem Lauf hängt und mit zwei Armen seitlich nach außen in Aussparungen des Verschlusses greift. Der Rückstoß schiebt beide zunächst gemeinsam nach hinten, so lange, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat. Dann trifft dieser Riegel auf eine Stufe im Griffstück, die ihn nach unten kippt; die Arme rutschen aus den Aussparungen, der Lauf wird angehalten, das Verschlussstück läuft allein weiter. Die leere Hülse tritt durch den weit ausgeschnittenen Rücken nach oben aus, der Hahn — der Schlaghebel für den nächsten Schuss — wird dabei gespannt, und beim Vorlaufen schiebt das Verschlussstück die nächste Patrone in das Patronenlager am hinteren Ende des Laufs, während sich der Riegel wieder in die Aussparungen hebt. Genau dieser Riegel ist der Grund, warum die Waffe hier steht: Das Prinzip stammt von der deutschen Pistole 38 aus dem Jahr 1938 und kam über ein italienisches Zwischenmodell in diese Konstruktion. Aus derselben Linie stammt auch die Bedienung. Ein Hebel am Verschluss sperrt zuerst den Schlagbolzen, den Stift, der die Patrone zündet, und lässt dann den gespannten Hahn kontrolliert nach vorn, sodass die Waffe geladen und entspannt getragen werden kann; der erste Schuss löst durch bloßes Durchziehen des Abzugs aus, der den Hahn selbst spannt. Das Magazin fasst fünfzehn Patronen in zwei versetzten Reihen.
Nachwirkung. Diese Waffe wurde nicht im Untersuchungsraum gefertigt. Sie steht hier, weil sie auf einer Konstruktion aus diesem Raum beruht und dessen Wirkung bis in die Gegenwart belegt.
Von 1985 bis 2017 war die Ordonnanzpistole der Streitkräfte der Vereinigten Staaten eine Waffe, deren Verriegelung aus Zella-Mehlis stammt.
Entwicklung
Der Verriegelungsblock der Pistole 38, ein unter dem Lauf geführtes Stück, das beidseitig in den Schlitten greift und beim Rücklauf abgesenkt wird, wurde von Beretta zunächst in der M1951 übernommen. Aus der M1951 ging 1976 die Beretta 92 hervor. Sie erbte den Verriegelungsblock ebenso wie den Leichtmetallrahmen.
1985 wurde die Beretta 92 als M9 zur Ordonnanzpistole der US-Streitkräfte und löste in dieser Rolle die Colt M1911A1 ab. In der amerikanischen Armee trat damit eine Waffe mit deutscher Verriegelung an die Stelle einer Waffe mit amerikanischer. Und zwar mit derjenigen Verriegelung, die 1938 in Thüringen entstand.
Einordnung
Das Register vertritt an mehreren Stellen die These, der Beitrag der Region liege bei der Bedienlogik und nicht beim Verschluss; Browning setzte sich international durch, das Kniegelenk nicht. Die Beretta 92 ist die wichtigste Ausnahme von diesem Befund. Hier setzte sich auch eine Thüringer Verriegelung durch, in großem Maßstab und bis heute.
Zusammen mit dem Spannabzug und dem Entspannhebel, die auf die Walther PP von 1929 zurückgehen, vereint die Beretta 92 damit beide Thüringer Beiträge in einer einzigen, weltweit verbreiteten Waffe.
Siehe Abzugs- und Sicherungssysteme und Kurzwaffen im Systemvergleich.
Konstruktion
- Verschluss
- Verriegelter Verschluss mit kurzem Laufrücklauf. Ein unter dem Lauf angelenkter Verriegelungsblock greift beidseitig in den Schlitten und wird beim Rücklauf an einer Stufe des Griffstücks nach unten abgesenkt — dasselbe Prinzip wie bei der Pistole 38.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf
- Zuführung
- Zweireihiges Stangenmagazin, 15 Patronen
- Abzug
- Spannabzug (Double Action / Single Action)
- Sicherung
- Sicherungs- und Entspannhebel am Schlitten, der zugleich den Schlagbolzen sperrt; in späteren Ausführungen zusätzlich eine automatische Schlagbolzensicherung
- Visierung
- Feste Kimme und Korn, offener Schlitten mit weit ausgeschnittenem Rücken
Maße und Leistung
- Länge
- 217 mm
- Lauflänge
- 125 mm
- Gewicht
- ca. 950 g
- Magazin
- 15 Patronen
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Verriegelt und schussbereit
Der unter dem Lauf angelenkte Verriegelungsblock greift beidseitig in Ausnehmungen des Schlittens. Lauf und Schlitten sind formschlüssig verbunden.
- 2
Gemeinsamer Rücklauf
Rückstoß treibt Lauf und Schlitten verriegelt zurück, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
- 3
Entriegelung durch Absenken des Blocks
Der Verriegelungsblock trifft auf eine Stufe im Griffstück und wird nach unten geschwenkt; die Ausnehmungen geben den Schlitten frei, der Lauf wird abgefangen. Das ist derselbe Vorgang wie bei der Pistole 38 — nur mit einem angelenkten statt einem keilförmig geführten Riegelstück.
- 4
Auswurf und Spannen
Der weit ausgeschnittene Schlittenrücken gibt die Hülse frei; der Auswerfer schleudert sie aus. Der Hahn wird gespannt.
- 5
Vorlauf und Zuführung
Der Schlitten führt die nächste Patrone aus dem zweireihigen 15-Schuss-Magazin zu; beim Vorlaufen hebt sich der Verriegelungsblock wieder in die Ausnehmungen.
- 6
Zustandswechsel
Der Hebel am Schlitten sperrt den Schlagbolzen und lässt dann den Hahn fallen — konzeptionell derselbe Entspannvorgang, den die Walther PP 1929 einführte.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Das keilförmige Riegelstück unter dem Lauf steht oben und greift beidseitig in Ausnehmungen des Verschlusses.
- 2 Entriegelung: Nach wenigen Millimetern gemeinsamen Rücklaufs trifft der Steuerstift am Griffstück das Riegelstück und schwenkt es nach unten aus den Ausnehmungen.
- 3 Getrennt: Der Lauf wird abgefangen, der Verschluss läuft allein weiter, wirft aus und spannt den Hahn.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Pistole 38
Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1938- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit Schwenkriegel unter dem Lauf, Spannabzug, Entspannhebel, offener Schlitten
- Unterschied
- Die Beretta 92 übernimmt Verriegelungsprinzip und Bedienlogik und ergänzt ein zweireihiges Magazin mit fast doppelter Kapazität sowie eine Leichtmetallrahmen-Bauweise. Der Verriegelungsblock wanderte dabei über das Zwischenmodell Beretta M1951 in die Konstruktion.
- Befund
- Damit ist die Beretta 92 keine Waffe „in der Tradition" der P 38, sondern deren unmittelbare konstruktive Fortsetzung — 38 Jahre später und in einem anderen Land.
Colt M1911A1
Colt und Auftragsfertiger · USA · 1924- System
- Browning-Kippverschluss, Single Action, Griffsicherung
- Unterschied
- Die Waffe, die von der M9 abgelöst wurde. Beide waren US-Ordonnanzpistolen — die eine mit amerikanischer Verriegelung und amerikanischer Bedienlogik, die andere mit italienischer Fertigung auf Thüringer Konstruktionsgrundlage.
- Befund
- 1985 ersetzte in der US-Armee eine Konstruktion mit P-38-Verriegelung eine mit Browning-Verriegelung. Das ist die Pointe des ganzen Vergleichs.
Verwendung
- Ordonnanzpistole der US-Streitkräfte als M9 von 1985 bis 2017
- Italienische Streitkräfte und Carabinieri sowie zahlreiche weitere Staaten
- Bis heute in Serie, in zahlreichen Varianten