Vergleichsstück · Deutschland (Oberndorf am Neckar)
Mauser HSc
- Fertigung
- Mauser-Werke AG
- Kaliber
- 7,65 mm Browning
- Zeitraum
- 1940–1945
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Der Verschluss dieser Pistole — das Stück, das den Lauf hinten schließt — ist der denkbar einfachste. Der Lauf steht fest im Griffstück, verriegelt wird nichts: Lauf und Verschluss sind an keiner Stelle miteinander verhakt. Was das Patronenlager, den hintersten Abschnitt des Laufs, im Augenblick des Schusses geschlossen hält, ist allein das Gewicht des Verschlussstücks und die Kraft seiner Feder: Der Rückstoß muss diese Masse erst in Bewegung bringen, und bis sie in Fahrt kommt, hat das Geschoss den Lauf längst verlassen. Danach läuft das Verschlussstück zurück, zieht die leere Hülse heraus, wirft sie aus und drückt den Hahn — den Schlaghebel — in die gespannte Stellung; die Feder schiebt es wieder vor, wobei es die nächste Patrone aus dem Magazin ins Lager schiebt. Ein kleiner Stift tritt dabei hinten heraus und zeigt an, dass eine Patrone im Lauf steckt — sichtbar und im Dunkeln auch tastbar. Das Eigentliche an dieser Waffe ist keine Frage der Mechanik, sondern der Bedienung. Sie lässt sich mit Patrone im Lauf und ruhendem Hahn tragen; der erste Schuss löst dann durch bloßes Durchziehen des Abzugs aus, der den Hahn zuerst spannt und dann fallen lässt. Wer genauer zielen will, spannt ihn vorher von Hand — und genau darum ging der Streit dieser Bauklasse. Walther ließ den Hahn ganz offen liegen, Sauer verbarg ihn vollständig und gab ihm einen eigenen Hebel. Mauser wählte die Mitte: Ein kurzer Sporn ragt gerade so weit aus dem Verschlussrücken, dass der Daumen ihn erreicht, ohne dass die Waffe beim Ziehen aus der Tasche hängenbleibt. Zum Entspannen dient der Sicherungshebel.
Vergleichsstück. Gehört nicht zur ostdeutschen Fertigung; steht hier als Maßstab.
Die HSc ist der interessanteste Vergleichsfall zu den Thüringer Behördenpistolen, weil sie dieselbe Aufgabe unter denselben Bedingungen löst, allerdings in einem anderen Fertigungsraum und mit elf Jahren Abstand zum Vorbild.
Konstruktion
Die Klasse der Behördenpistolen um 1930 hatte ein gemeinsames Konstruktionsproblem. Der Spannabzug erlaubt es, die Waffe entspannt zu führen; offen bleibt, wie der Schütze aus dem entspannten in den gespannten Zustand kommt, wenn er einen präzisen Schuss braucht.
Drei Antworten, alle innerhalb von elf Jahren:
| Waffe | Ort | Jahr | Antwort |
|---|---|---|---|
| Walther PP | Zella-Mehlis | 1929 | Hahn liegt offen, von Hand spannbar |
| Sauer 38H | Suhl | 1938 | Hahn verdeckt, Hebel spannt und entspannt |
| Mauser HSc | Oberndorf | 1940 | Hahnsporn ragt gerade heraus, Kompromiss |
Diese Dreiergruppe ist die dichteste Vergleichsgruppe der deutschen Behördenpistole überhaupt. Zwei der drei Antworten stammen aus Thüringen. Die dritte kam zuletzt.
Einordnung
Die HSc übernimmt Verschlussprinzip, Abzugssystem, Entspannfunktion und Ladeanzeige vollständig von der Walther PP. Ihr eigener Beitrag liegt in der Bauform: flacher Verschlussrücken, in den Verschluss eingearbeitete Kimme, geringeres Gewicht.
Damit belegt sie, was das Register an anderer Stelle behauptet. Zella-Mehlis hat 1929 den Maßstab gesetzt, an dem sich der deutsche Behördenpistolenbau der folgenden Jahrzehnte orientierte. Dass die Konkurrenz eine Konstruktion übernimmt, wiegt dabei schwerer als deren eigene Verbreitung.
Konstruktion
- Verschluss
- Unverriegelter Masseverschluss bei feststehendem Lauf
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader, unverriegelt (Blowback)
- Zuführung
- Einreihiges Stangenmagazin, 8 Patronen
- Abzug
- Spannabzug (Double Action / Single Action)
- Sicherung
- Sicherungshebel am Verschluss mit Entspannfunktion; Signalstift zeigt den Ladezustand an
- Visierung
- In den Verschlussrücken eingearbeitete Kimme, sehr flache Bauform — auf verdecktes Tragen ausgelegt
Maße und Leistung
- Länge
- ca. 162 mm
- Lauflänge
- ca. 86 mm
- Gewicht
- ca. 600 g
- Magazin
- 8 Patronen
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Ruhelage
Der Verschluss liegt am feststehenden Lauf an; der Hahn ragt mit einem kurzen Sporn aus dem Verschlussrücken — gerade so weit, dass er von Hand erreichbar bleibt, aber nicht an Kleidung hängenbleibt.
- 2
Zündung und Trägheitsphase
Wie bei allen Waffen dieser Klasse hält allein die Verschlussmasse gegen den Gasdruck, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
- 3
Öffnen, Auswerfen, Spannen
Der frei zurücklaufende Verschluss zieht die Hülse aus, wirft sie aus und spannt den Hahn.
- 4
Vorlauf und Zuführung
Die Verschlussfeder treibt vor; der Stoßboden führt die nächste Patrone zu. Der Signalstift tritt aus und macht den Ladezustand sicht- und tastbar.
- 5
Zustandswechsel
Der Sicherungshebel entspannt den Hahn kontrolliert. Anders als bei der Sauer 38H lässt er sich nicht auch wieder spannen — dafür ist der Hahnsporn von Hand erreichbar, was denselben Zweck auf anderem Weg erfüllt.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verschlussruhelage: Die Schließfeder presst den Verschluss gegen den feststehenden Lauf. Verriegelt ist nichts — es hält allein die Masse.
- 2 Schuss: Der Gasdruck treibt Geschoss und Hülse auseinander. Der Verschluss beginnt zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Trägheit aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
- 3 Rücklauf: Erst nach dem Druckabfall öffnet der Verschluss weit, wirft die Hülse aus und spannt die Feder.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Walther PP
Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1929- System
- Masseverschluss, offener Hahn, Spannabzug, Entspannhebel, Ladeanzeige
- Unterschied
- Elf Jahre älter und das Vorbild der ganzen Klasse. Ihr Hahn liegt offen und ist uneingeschränkt von Hand bedienbar — dafür ragt er weiter heraus.
- Befund
- Die HSc übernimmt das Konzept der PP vollständig und optimiert allein die Bauform. Das ist der stärkste Beleg dafür, dass Zella-Mehlis 1929 den Maßstab gesetzt hat.
Sauer 38H
J. P. Sauer & Sohn · Deutschland (Suhl) · 1938- System
- Masseverschluss, vollständig verdeckter Hahn, Spann- und Entspannhebel
- Unterschied
- Sauer verbirgt den Hahn ganz und ersetzt den Zugriff durch einen Hebel, der auch wieder spannt. Mauser lässt einen Sporn stehen und kommt mit einem reinen Entspannhebel aus.
- Befund
- Zwei Lösungen desselben Problems binnen zwei Jahren. Die Suhler ist konstruktiv aufwendiger und funktional überlegen, die Oberndorfer einfacher.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Schwaches Dienstkaliber
Wie die gesamte Klasse auf 7,65 mm Browning begrenzt — der Masseverschluss setzt die Obergrenze.
plausibel
-
Vereinfachungen der Spätfertigung
Wie bei den Thüringer Vergleichsstücken sanken Oberflächengüte und Ausstattung im Kriegsverlauf. Für die Bestimmung gilt dieselbe Regel: grobe Ausführung kann Datierungs- statt Zustandsmerkmal sein.
ungeklärt
Verwendung
- Polizei-, Verwaltungs- und Wehrmachtsbeschaffung ab 1940
- Nach 1945 in Frankreich und später erneut in Oberndorf gefertigt
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Mauser HSc Link