Modell
Haenel Modell 312
- Fertigung
- VEB Ernst-Thälmann-Werk , Haenel
- Kaliber
- 4,5 mm Diabolo
- Zeitraum
- 1966–…
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Der Antrieb ist derselbe wie bei einfachen Luftgewehren: Eine kräftige Stahlfeder treibt einen Kolben nach vorn, der die Luft in einem Zylinder schlagartig zusammenpresst; dieser Druck schiebt das kleine Bleigeschoss durch den Lauf. Neu ist, wie die Feder gespannt wird. Bei den verbreiteten Luftgewehren knickt man dazu den Lauf nach unten und benutzt ihn als Hebel — er bewegt sich also vor jedem Schuss und liegt danach ein wenig anders zum übrigen Gerät. Die 312 hat stattdessen einen eigenen Hebel an der Seite. Er wird ausgeschwenkt, zieht den Kolben nach hinten, bis dieser einrastet, und der Lauf bleibt fest an seinem Platz. Damit ändert sich die Lage von Lauf und Visierung — also der Zielhilfen, über die der Schütze die Waffe ausrichtet — von Schuss zu Schuss nicht mehr; für einen Wettkampf, in dem jeder Schuss denselben Punkt treffen soll, ist das der entscheidende Unterschied. Geladen wird von Hand, ein Geschoss nach dem anderen; einen Vorratsbehälter gibt es nicht, weil im Wettkampf ohnehin jeder Schuss ein eigener Vorgang ist. Was bleibt, ist die Eigenart aller Federgewehre: Zuerst läuft die schwere Kolbenmasse nach vorn, dann wirkt der Rückstoß nach hinten, und beides geschieht, während das Geschoss noch im Lauf steckt. Die Waffe bewegt sich also, bevor der Schuss draußen ist — treffen kann nur, wer sie jedes Mal auf dieselbe Weise hält.
Das Modell 312 des VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerks „Ernst Thälmann” war das Standard-Matchluftgewehr der DDR-Sportschützen bis zur Vereinsebene. Umgangssprachlich hieß es nach seiner Bauart „Seitenspanner”.
Einordnung
Luftdruckwaffen sind der einzige Waffenbereich, in dem östliche und westliche Nachfolger derselben Region unmittelbar konkurrierten; Feuerwaffenfertigung unterlag nach 1945 auf beiden Seiten den Beschränkungen der Besatzungsmächte, Luftdruckwaffen nicht. Beide Seiten konnten hier sofort wieder anfangen.
Und beide Seiten gingen auf denselben Ursprung zurück. In Suhl fertigte Haenel beziehungsweise der VEB Ernst-Thälmann-Werk, in Mellrichstadt Weihrauch, 1899 in Zella-Mehlis gegründet und 1948 über die Zonengrenze gewandert, rund 50 Kilometer weit.
Konstruktion
Beim Knicklaufgewehr wird der Lauf zum Spannen abgeknickt; er bewegt sich also bei jedem Schuss relativ zum System. Beim Seitenspanner spannt ein separater Hebel. Der Lauf bleibt fest.
Für den Wettkampf zählt vor allem, dass die Lage von Lauf und Visierung zum System unverändert bleibt, unabhängig davon, wie oft gespannt wurde. Deshalb ist diese Bauart im Matchbereich verbreitet und der Knicklauf im Breitengebrauch.
Der doppelte Impuls
Federkolbenwaffen haben eine Eigenart, die sie für das Schießen anspruchsvoller macht als Pressluftwaffen. Beim Auslösen wirkt zuerst die vorlaufende Kolbenmasse nach vorn, unmittelbar danach der Rückstoß des Geschosses nach hinten; die Waffe bewegt sich also in zwei Richtungen, bevor das Diabolo den Lauf verlässt.
Wer damit trifft, hat eine gleichbleibende Haltung. Genau das war der Ausbildungszweck im Breitensport und in der vormilitärischen Ausbildung der GST.
Konstruktion
- Verschluss
- Feststehender Lauf; das Federkolbensystem arbeitet in einem eigenen Druckzylinder unterhalb beziehungsweise neben dem Lauf.
- Ladeprinzip
- Federkolben-Luftgewehr mit **seitlichem Spannhebel** — daher die Bezeichnung Seitenspanner. Anders als beim Knicklauf bleibt der Lauf dabei fest mit dem System verbunden.
- Zuführung
- Einzellader; das Diabolo wird von Hand in das Ladeloch eingelegt
- Abzug
- Einstellbarer Matchabzug
- Visierung
- Diopter mit Ringkorn
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Spannen
Der seitlich angebrachte Spannhebel wird ausgeschwenkt und zieht den Kolben gegen die Kolbenfeder nach hinten, bis er einrastet. Weil der Lauf dabei **nicht** bewegt wird, bleibt die Lage von Lauf und Visierung zum System unverändert — der entscheidende Präzisionsvorteil gegenüber dem Knicklauf.
- 2
Laden
Das Ladeloch gibt den Zugang zum Patronenlager frei; das Diabolo wird einzeln eingesetzt. Ein Magazin gibt es nicht — jeder Schuss ist ein eigener Vorgang, was dem Wettkampfgebrauch entspricht.
- 3
Auslösen
Der Abzug gibt den Kolben frei. Die entspannende Kolbenfeder treibt ihn nach vorn.
- 4
Verdichtung und Schuss
Der vorlaufende Kolben verdichtet die Luft im Zylinder schlagartig; der Druck treibt das Diabolo durch den Lauf. Die Luft wird also nicht gespeichert, sondern im Moment des Schusses erzeugt.
- 5
Rückstoßverhalten
Charakteristisch ist der **doppelte Impuls**: Zuerst wirkt die Kolbenmasse nach vorn, dann der Rückstoß des Geschosses nach hinten. Diese Eigenart verlangt eine ruhige, gleichbleibende Haltung — sie ist der Grund, warum Federkolbenwaffen als schwieriger zu beherrschen gelten als Pressluftwaffen.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Weihrauch HW-Modellreihe
Weihrauch & Weihrauch · Deutschland (Mellrichstadt)- System
- Federkolben-Luftgewehre, überwiegend als Knicklauf- oder Unterhebelspanner ausgeführt
- Unterschied
- Das westliche Gegenstück — und zwar aus demselben Ursprung: Weihrauch wurde 1899 in Zella-Mehlis gegründet und siedelte 1948 nach Mellrichstadt über, rund 50 Kilometer entfernt. Beide Linien gehen damit auf denselben Thüringer Fertigungsraum zurück.
- Befund
- Luftdruckwaffen sind das einzige Feld, auf dem östliche und westliche Nachfolger unmittelbar konkurrierten — weil sie, anders als Feuerwaffen, keinen Beschränkungen der Besatzungsmächte unterlagen. Siehe Weihrauch & Weihrauch, Zella-Mehlis.
Haenel Modell 310
VEB Ernst-Thälmann-Werk · DDR (Suhl) · 1950- System
- Knicklauf-Federkolbengewehr für 4,4-mm-Rundkugeln, im Sprachgebrauch „Kugelspritz"
- Unterschied
- Der ältere Bruder aus demselben Werk, aber mit Knicklauf statt Seitenspanner und für Rundkugeln statt Diabolos. In der GST wurden diese Gewehre mit stärkeren Federn ausgestattet als die Schießbudenausführungen.
- Befund
- Die beiden Modelle zusammen decken den gesamten DDR-Breitensport ab — vom Jahrmarkt über die vormilitärische Ausbildung bis zum Vereinswettkampf.
Verwendung
- Standard-Matchluftgewehr der DDR-Sportschützen bis Vereinsebene, unterhalb der internationalen Meisterschaftsklasse
- 1966 trat die DDR-Nationalmannschaft mit Prototypen bei der Weltmeisterschaft in Wiesbaden an
- Nach 1989 als Haenel 600 von der Jagd- und Sportwaffen Suhl GmbH fortgeführt
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Haenel 312 Link