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Hersteller · Zella-Mehlis

Weihrauch & Weihrauch, Zella-Mehlis

1899–1945 KaiserreichErster WeltkriegWeimarer Republik1933–1945 plausibel

Weihrauch ist heute als Hersteller von Luftdruckwaffen bekannt — und wird deshalb selten dem thüringischen Waffenbau zugerechnet. Das ist ein Irrtum der Wahrnehmung: Das Unternehmen wurde 1899 in Zella-Mehlis gegründet, und die Familie war dort schon im 16. Jahrhundert im Büchsenmacherhandwerk bekannt.

Der fünfte Fall — und der räumlich engste

Das Muster ist inzwischen aus diesem Register vertraut: Enteignung am Ort, Neugründung im Westen, der Name wandert. Bei Weihrauch ist die Besonderheit die Entfernung:

BetriebWerk (bleibt)Name (wandert nach)Luftlinie
J. P. Sauer & SohnSuhlEckernförderund 500 km
Carl WaltherZella-MehlisUlmrund 300 km
J. G. AnschützZella-MehlisUlmrund 300 km
Heinrich KrieghoffSuhlUlmrund 300 km
Weihrauch & WeihrauchZella-MehlisMellrichstadtrund 50 km

Mellrichstadt liegt in Unterfranken, unmittelbar jenseits der späteren Zonengrenze. Der Betrieb wanderte also nicht in eine andere Landschaft, sondern gerade so weit, wie nötig war, um auf der anderen Seite zu sein.

Die Kriegsjahre — Rüstungsaufträge sind belegt

Der Eintrag hatte für diesen Betrieb bislang eine Lücke zwischen den 1920er Jahren und der Enteignung. Sie lässt sich in einem Punkt schließen: 1939 erscheint die Firma im Handelsregister als Herm. Weihrauch Gewehr- und Fahrradteile Fabrik O.H.G., geführt von Hermann Weihrauch senior mit den Teilhabern Hermann Weihrauch junior, Otto Weihrauch (Büchsenmacher) und Werner Weihrauch (Ingenieur). Im Krieg fertigte das Haus Zielfernrohrmontagen für die Wehrmacht, gekennzeichnet mit HWZ oder dem Fertigungskennzeichen „eea” — daneben liefen weiter Fahrradteile.

Damit ist die Frage, ob dieser Betrieb überhaupt Rüstungsaufträge hatte, beantwortet: Er hatte sie. Weihrauch war kein Großwerk wie Carl Walther am selben Ort, sondern ein Zulieferer — aber ein Zulieferer mit eigenem Fertigungskennzeichen, also mit unmittelbarem Verhältnis zur Heeresbeschaffung. Das Werk wurde nach 1945 demontiert und der Betrieb enteignet.

Zwangsarbeit — geprüft, nicht aufgelöst

Zella-Mehlis war im Krieg eine Stadt der Zwangsarbeit. Von 1940 bis 1945 lebten dort nach Darstellung des Lexikonartikels etwa 8.000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeit verrichtende Männer und Frauen, eingesetzt an mehr als 110 Arbeitsstellen; die Stadt selbst spricht von „vermutlich bis zu 8.000”. Im größten Lager Beckerwiese in der Talstraße und im gegenüberliegenden Kriegsgefangenenlager befanden sich am 8. März 1945 zusammen 8.219 Menschen.

Die beiden Zahlen passen nicht zueinander: 8.000 für den gesamten Zeitraum stehen gegen 8.219 an einem einzigen Stichtag in zwei Lagern. Entweder ist die Gesamtzahl zu niedrig angesetzt, oder die Stichtagszahl erfasst einen größeren Einzugsbereich. Die Quellen lösen den Widerspruch nicht auf. Dieser Eintrag auch nicht.

34 Opfer der Zwangsarbeit ruhen auf dem Alten Friedhof, heute Stadtpark — dazu, so die Quelle, sowjetische Kriegsgefangene aus Benshausen, deren Zahl dort nicht genannt wird. Seit dem 1. September 2003 erinnert an der Kreuzung Sommerauweg/Talstraße eine Gedenktafel an das Lager Beckerwiese.

Für Weihrauch selbst gibt keine der eingesehenen Quellen etwas her. Der Betrieb war einer der über 110 Arbeitsstellen der Stadt und arbeitete nachweislich für die Wehrmacht — welche Arbeitskräfte dort standen, sagt niemand. Was geprüft wurde und was fehlt:

  • Die Unternehmensdarstellung von Weihrauch überspringt die Jahre zwischen 1939 und dem Neuanfang 1948 vollständig.
  • In den online recherchierbaren Beständen der Arolsen Archives war für Zella-Mehlis firmenbezogen allein die Metallwarenfabrik Curt Warz & Co. auffindbar, nicht Weihrauch.
  • Eine Recherche im Außenlager-Portal der Gedenkstätte Buchenwald ergab für Zella-Mehlis keinen Eintrag; ein KZ-Außenlager am Ort ist damit nicht nachgewiesen — was über zivile Zwangsarbeit und Kriegsgefangeneneinsatz nichts aussagt, denn die liefen nicht über die SS, sondern über die Arbeitsämter.

Der Status bleibt deshalb ungeprüft und nicht „kein Befund”. Zum Zusammenhang siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.

Was daraus wurde

Bis in die 1920er Jahre fertigte das Haus Jagdwaffen und Eisenwaren. Erst nach dem Neuanfang in Mellrichstadt kamen Luftdruckwaffen und Kleinkaliber-Repetierbüchsen hinzu — das Programm, für das der Name heute steht. Die Modellkürzel „HW” gehen auf Hermann Weihrauch zurück.

Damit entstand die interessanteste Parallelentwicklung der geteilten Region: Auf der östlichen Seite baute C. G. Haenel beziehungsweise das VEB Ernst-Thälmann-Werk Sportluftgewehre für den Breitensport und die vormilitärische Ausbildung; auf der westlichen entstand bei Weihrauch das weltweit bekannteste deutsche Luftdruckwaffenprogramm.

Luftdruckwaffen sind dabei das einzige Feld, auf dem beide Seiten unmittelbar konkurrierten — weil sie, anders als Feuerwaffen, keinen Beschränkungen der Besatzungsmächte unterlagen.

Eine Randnotiz mit Aussagekraft

In Mellrichstadt besteht heute eines der deutschen Beschussämter — ebenso wie in Suhl. Die beiden Orte liegen 50 Kilometer auseinander und gehörten bis 1945 demselben Fertigungsraum an. Die Teilung führte dazu, dass auf jeder Seite der Grenze eine eigene amtliche Prüfstelle entstand; siehe Das Beschussrecht von 1891.

Offene Forschungsfragen. Fertigungsprogramm der Zella-Mehliser Zeit im Einzelnen, Beschäftigtenzahlen, Umstände der Enteignung, Verbleib der Anlagen. Für die Kriegszeit: Bestätigung des Fertigungskennzeichens „eea” an einem Objekt oder in einer Kennzeichenliste, Umfang und Auftraggeber der Zielfernrohrmontage-Fertigung, Zusammensetzung der Belegschaft. Dieser Eintrag beruht weiterhin überwiegend auf Unternehmens- und Übersichtsdarstellungen; eine Archivquelle ist für keine Angabe der Jahre 1933 bis 1945 herangezogen.

Rechtsform und Firmierung

1899
Weihrauch & Weihrauch, Zella-Mehlis · Familienbetrieb
1939
Herm. Weihrauch Gewehr- und Fahrradteile Fabrik O.H.G. · offene Handelsgesellschaft

Handelsregistereintrag; Betriebsleitung Hermann Weihrauch senior mit den Teilhabern Hermann Weihrauch junior, Otto Weihrauch (Büchsenmacher) und Werner Weihrauch (Ingenieur).

nach 1945
Enteignung des Zella-Mehliser Betriebs · Enteignung

Das Werk wurde demontiert und der Betrieb enteignet.

1948
Weihrauch & Weihrauch, Mellrichstadt · westdeutsche Neugründung

Neu gegründet von Hermann Weihrauch junior und Hans Weihrauch. Die Kürzel „HW" in den Modellbezeichnungen stehen für Hermann Weihrauch.

Fertigungsprogramm

1899 bis in die 1920er Jahre
Jagdwaffen und Eisenwaren
ab 1921
Kleinkalibergewehr HWZ 21

HWZ steht für Hermann Weihrauch, Zella-Mehlis; das Warenzeichen wurde 1921 für die Firmenanschrift Amtsstraße 24 eingetragen.

1939–1945
Zielfernrohrmontagen für die Wehrmacht, daneben Fahrradteile und Scheibenbüchsen

Die Wehrmachtfertigung ist über die Kennzeichnung greifbar: HWZ beziehungsweise das Fertigungskennzeichen „eea". Umfang, Stückzahlen und Auftraggeber sind hier nicht erfasst; der Lexikonartikel hält ausdrücklich fest, zur Herstellung der 1930er und 1940er Jahre sei über Fahrradteile und Scheibenbüchsen hinaus wenig bekannt.

nach 1948 (Mellrichstadt)
Luftdruckwaffen und Kleinkaliber-Repetierbüchsen

Nicht mehr Teil des Untersuchungsraums, aber der Grund, warum der Name heute für Luftdruckwaffen steht.

Standorte

  • Zella-Mehlis

    Gründungsort. Die Waffenfertigung in Zella-Mehlis und Zella St. Blasii reicht rund 800 Jahre zurück; die Familie Weihrauch war dort bereits im 16. Jahrhundert im Büchsenmacherhandwerk bekannt.

Personen

  • Hermann Weihrauch senior — Betriebsleitung der O.H.G. von 1939, ab 1939
  • Otto Weihrauch — Teilhaber, Büchsenmacher, ab 1939
  • Werner Weihrauch — Teilhaber, Ingenieur, ab 1939
  • Hermann Weihrauch junior und Hans Weihrauch — Gründer der Neugründung in Mellrichstadt, 1948

Kennzeichen

Firmen-, Fertigungs- und Abnahmekennzeichen dieses Betriebs. Jede Zuordnung ist einzeln zu belegen — Kennzeichen bezeichnen eine Firma, nicht zwingend ein Werk.

  • HWZ Firmen-/Warenzeichen (Hermann Weihrauch, Zella-Mehlis) ab 1921 plausibel
  • eea Fertigungskennzeichen der Wehrmacht 1940–1945 plausibel

Zwangsarbeit — noch nicht geprüft

Rüstungsaufträge belegt, Arbeitskräfte ungeklärt. Der Betrieb fertigte im Krieg Zielfernrohrmontagen für die Wehrmacht, gekennzeichnet mit HWZ oder dem Fertigungskennzeichen „eea"; er war damit einer der Zulieferbetriebe der Zella-Mehliser Rüstung. In Zella-Mehlis lebten von 1940 bis 1945 etwa 8.000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeitende, eingesetzt an mehr als 110 Arbeitsstellen; im größten Lager Beckerwiese in der Talstraße und im gegenüberliegenden Kriegsgefangenenlager befanden sich am 8. März 1945 8.219 Menschen. 34 Opfer der Zwangsarbeit ruhen auf dem Alten Friedhof, dazu sowjetische Kriegsgefangene aus Benshausen ohne Zahlenangabe. Welche der über 110 Arbeitsstellen Weihrauch war und ob dort Zwangsarbeit geleistet wurde, sagt keine der eingesehenen Quellen. Die Firmendarstellung überspringt die Jahre zwischen 1939 und 1948 vollständig. In den online recherchierbaren Beständen der Arolsen Archives war für Zella-Mehlis firmenbezogen allein die Metallwarenfabrik Curt Warz & Co. auffindbar, nicht Weihrauch; eine Recherche im Außenlager-Portal der Gedenkstätte Buchenwald ergab für Zella-Mehlis keinen Eintrag.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Verbleib

Der Zella-Mehliser Betrieb wurde enteignet. Der Name wanderte 1948 nach Mellrichstadt in Unterfranken — rund 50 Kilometer Luftlinie, aber über die Zonengrenze hinweg. Bemerkenswert: In Mellrichstadt besteht heute eines der deutschen Beschussämter, ebenso wie in Suhl. Die Teilung schuf auf jeder Seite der Grenze eine eigene Prüfstelle.

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Weihrauch & Weihrauch Link
  2. [Archiv] Deutscher Reichsanzeiger — Handelsregisternachrichten 1939, S. 305 — Eintrag Herm. Weihrauch Gewehr- und Fahrradteile Fabrik O.H.G. vom 22. Dezember 1939 (nicht im Original eingesehen; Nachweis über den Lexikonartikel) Link
  3. [Literatur] Wacker/Görtz — Handbuch Deutscher Waffenstempel auf Militär- und Diensthandwaffen von 1871 bis 2000, VS-Books 2005, S. 422 und 424 — Nachweis für das Kennzeichen „eea" (nicht im Original eingesehen)
  4. [Online] Weihrauch Sport — Unternehmensdarstellung Link
  5. [Online] Stadt Zella-Mehlis — Geschichte — Stadtüberblick Link
  6. [Online] Wikipedia (de) — Zella-Mehlis — Zwangsarbeit und Gedenken Link
  7. [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager-Portal Link
  8. [Archiv] Arolsen Archives — Online-Bestände, Recherche zum Suchbegriff Zella-Mehlis (firmenbezogen allein Metallwarenfabrik Curt Warz & Co.) Link