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Hersteller · Zella-Mehlis

J. G. Anschütz, Zella-Mehlis

1856–1945 KaiserreichErster WeltkriegWeimarer Republik1933–1945 plausibel

Julius Gottfried Anschütz gründete das Unternehmen am 1. Juli 1856 in Zella-Mehlis. Den Anfang machte eine kleine Werkstatt für Flobertwaffen, Taschenpistolen, Teschings, Schrotflinten und Lancaster-Terzerole. Bis 1896 war der Betrieb auf 76 Beschäftigte gewachsen und bezog sein erstes Fabrikgebäude.

Die Kriegsjahre

Bis 1914 war die Belegschaft auf über 200 gewachsen; als nach dem Tod von Otto (1923) und Fritz August Anschütz (1935) die dritte Generation übernahm, arbeiteten 550 Menschen im Betrieb — so die Firmendarstellung und, ihr folgend, die Fachpresse. Der Lexikonartikel nennt rund 580. Keine der Angaben ist auf eine Quelle zurückgeführt, der Widerspruch bleibt hier stehen. Sicher ist damit nur die Größenordnung: Anschütz war kein Kleinbetrieb mehr, sondern ein mittleres Werk. Wo genau es in der Rangfolge der Zella-Mehliser Betriebe stand, sagt keine der eingesehenen Quellen.

Im Krieg stellte das Haus auf Rüstungsfertigung für die Wehrmacht um; der Lexikonartikel spricht von ausschließlicher Rüstungsfertigung, und damit ist die Frage, ob dieser Sportwaffenbauer Rüstungsaufträge hatte, beantwortet. Was allerdings gefertigt wurde, für welche Beschaffungsstelle und unter welchem Fertigungskennzeichen, steht in keiner der eingesehenen Quellen.

Aufschlussreich ist, wie die Firmendarstellung selbst mit diesen Jahren umgeht. Ihre Chronik ist für die übrige Firmengeschichte dicht — Fabrikneubau 1896, Erweiterung 1906, Logowechsel 1914, Generationsübergänge 1901, 1923, 1935 —, und sie hat auch einen Eintrag für 1945: Nach Kriegsende sei das Werk stillgelegt, dann vollständig demontiert und enteignet worden. Was fehlt, ist genau die Strecke dazwischen: Zwischen dem Eintrag von 1935 und dem von 1945 steht nichts. Die Jahre, in denen der Betrieb für die Wehrmacht fertigte, fallen vollständig in diese Lücke — die einzige der Chronik.

Zwangsarbeit — eine unbelegte Angabe, die nicht ausreicht

Zella-Mehlis war im Krieg eine Stadt der Zwangsarbeit. Von 1940 bis 1945 lebten dort etwa 8.000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeit verrichtende Männer und Frauen, eingesetzt an mehr als 110 Arbeitsstellen. Im größten Lager Beckerwiese in der Talstraße und im gegenüberliegenden Kriegsgefangenenlager befanden sich am 8. März 1945 zusammen 8.219 Menschen — eine Zahl, die sich mit den 8.000 für den gesamten Zeitraum nicht verträgt; der Widerspruch bleibt in den Quellen stehen. 34 Opfer der Zwangsarbeit ruhen auf dem Alten Friedhof, heute Stadtpark, dazu sowjetische Kriegsgefangene aus Benshausen, deren Zahl die Quelle nicht nennt; seit dem 1. September 2003 erinnert an der Kreuzung Sommerauweg/Talstraße eine Gedenktafel an das Lager Beckerwiese.

Zu Anschütz selbst gibt es genau eine Aussage. Der Lexikonartikel schreibt, das Unternehmen habe während des Krieges ausschließlich Rüstung gefertigt, „auch unter Einsatz von Zwangsarbeitern”. Der Satz nennt keine Zahl, keine Herkunftsländer, kein Lager, keinen Zeitraum und keine Quelle — der Artikel führt überhaupt nur einen einzigen Einzelnachweis, und der betrifft den Jahresabschluss des Jahres 2022.

Ein Sammlerarchiv gibt denselben Satz wörtlich wieder. Das sieht nach Bestätigung aus, ist aber keine: Das Archiv übernimmt den Text erklärtermaßen aus dem Lexikonartikel. Es sind nicht zwei Quellen, sondern eine Quelle an zwei Fundstellen. Beide sind hier aufgeführt, weil jeder, der nachprüft, auf beide stoßen wird und wissen soll, dass sie zusammenfallen.

Dieses Register führt den Status deshalb weiter als ungeprüft und nicht als belegt. Die Begründung ist keine Zurückhaltung in der Sache, sondern der Maßstab: Ein Eintrag, der auf einen unbelegten Nebensatz gestützt „belegt” meldet, ist in einem Gutachten wertlos und in der Erinnerungsarbeit schädlich, weil er der Aufarbeitung eine Grundlage vortäuscht, die es nicht gibt. Gesucht und nicht gefunden wurde die Bestätigung

  • im Außenlager-Portal der Gedenkstätte Buchenwald — für Zella-Mehlis kein Eintrag, ein KZ-Außenlager am Ort ist damit nicht nachgewiesen (was über zivile Zwangsarbeit und Kriegsgefangeneneinsatz nichts aussagt: die liefen nicht über die SS, sondern über die Arbeitsämter);
  • in den online recherchierbaren Beständen der Arolsen Archives, wo für Zella-Mehlis firmenbezogen allein die Metallwarenfabrik Curt Warz & Co. auffindbar war;
  • in der Fachpresse, die die Umstellung auf Rüstungsfertigung für die Wehrmacht ausdrücklich berichtet, den Arbeitskräfteeinsatz aber nicht erwähnt — sie bestätigt die eine Hälfte des Satzes und schweigt zur anderen;
  • in der Firmendarstellung, deren Chronik zwischen dem Eintrag von 1935 und dem von 1945 — Stilllegung, Demontage, Enteignung — nichts verzeichnet.

Was zu tun wäre: Einsicht in die Überlieferung des Landesarchivs Thüringen — Staatsarchiv Meiningen und in die Unterlagen des Arbeitsamts- und Meldewesens von Zella-Mehlis. Zum Zusammenhang siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.

Enteignung und Fortbestand im Westen

1945 wurde das Vermögen enteignet, die Familie ging nach Westdeutschland. 1950 bauten die Enkel Max Fritz und Rudolf Charles Anschütz das Unternehmen in Ulm mit sieben Beschäftigten neu auf. Heute ist Anschütz vor allem im Biathlon präsent — über 97 % der Biathletinnen und Biathleten weltweit schießen mit Waffen dieses Herstellers.

Ein wiederkehrendes Muster

Anschütz steht neben J. P. Sauer & Sohn und Carl Walther für den dritten Weg, den Thüringer Waffenbetriebe nach 1945 nahmen: Enteignung am Ort, Neugründung im Westen. Der Markenname wandert, die Fertigungsstätte bleibt zurück und wird volkseigen.

Für die Objektbestimmung ist das folgenreich: Bei allen drei Firmen entscheidet die Frage „Zella-Mehlis oder Ulm”, „Suhl oder Eckernförde” über Datierung und Zuordnung — und ist am Ortsnamen auf der Waffe unmittelbar ablesbar. Der Firmenname allein sagt nichts.

Offene Forschungsfragen. Fertigungsprogramm der Zella-Mehliser Zeit im Einzelnen, Kennzeichnungsvarianten, Verbleib der Fertigungseinrichtungen nach 1945, Verhältnis zur übrigen Zella-Mehliser Waffenfamilie Anschütz (namentlich zur Udo Anschütz Gewehrfabrik, Bahnhofstraße 56). Für die Kriegszeit: Erzeugnisse und Auftraggeber der Rüstungsfertigung, Fertigungskennzeichen, Belegschaftsentwicklung 1939–1945 und die Klärung der Frage nach Zwangsarbeit in die eine oder andere Richtung.

Rechtsform und Firmierung

1. Juli 1856
J. G. Anschütz · Werkstatt

Gegründet von Julius Gottfried Anschütz in Zella-Mehlis.

1945
Enteignung · Enteignung

Vermögensenteignung; die Familie ging nach Westdeutschland.

1950
J. G. Anschütz, Ulm · westdeutsche Neugründung

Aufgebaut von den Enkeln Max Fritz und Rudolf Charles Anschütz mit sieben Beschäftigten.

Fertigungsprogramm

ab 1856
Flobertwaffen, Taschenpistolen, Teschings, Schrotflinten und Lancaster-Terzerole

Ein breites Ursprungsprogramm der zivilen Kleinwaffenfertigung — nicht der Sportwaffenbau, für den der Name heute steht.

1939–1945
Rüstungsfertigung für die Wehrmacht

Übereinstimmend berichtet, aber nirgends aufgeschlüsselt: Welche Erzeugnisse, welche Auftraggeber und welches Fertigungskennzeichen, ist in den eingesehenen Quellen nicht angegeben. Eine Darstellung spricht von ausschließlicher Rüstungsfertigung.

nach 1950
Sport- und Jagdwaffen, Schwerpunkt Biathlon

Nicht Teil dieses Registers; über 97 Prozent der Biathletinnen und Biathleten weltweit schießen heute mit Waffen dieses Herstellers.

Standorte

  • Zella-Mehlis

    Ab 1896 erstes eigenes Fabrikgebäude; zuvor Werkstattbetrieb seit der Gründung 1856.

Personen

  • Julius Gottfried Anschütz — Gründer, 1856
  • Max Fritz und Rudolf Charles Anschütz — Enkel; bauten das Unternehmen 1950 in Ulm neu auf, 1950

Beschäftigte

  • 1896 · 76 (bei Bezug des ersten Fabrikgebäudes)
  • 1914 · über 200
  • 1935 · 550 oder rund 580 (beim Übergang an die dritte Generation nach dem Tod von Otto (1923) und Fritz August Anschütz (1935). Die Firmendarstellung nennt für 1935 550 Beschäftigte, die Fachpresse ebenfalls 550, der Lexikonartikel rund 580. Der Widerspruch ist nicht aufgelöst; keine der drei Angaben ist auf eine Quelle zurückgeführt.)
  • 1950 · 7 (beim Neuanfang in Ulm)

Zwangsarbeit — noch nicht geprüft

Rüstungsfertigung belegt, Zwangsarbeit behauptet, aber nicht nachgewiesen. Der Betrieb stellte im Krieg auf Rüstungsfertigung für die Wehrmacht um; mit 550 beziehungsweise rund 580 Beschäftigten im Jahr 1935 war er der größte der vier hier geprüften mittelständischen Betriebe. Der Lexikonartikel schreibt, das Unternehmen habe im Krieg ausschließlich Rüstung gefertigt, „auch unter Einsatz von Zwangsarbeitern" — ohne Beleg, ohne Zahl und ohne Herkunftsangabe; der Artikel führt insgesamt einen einzigen Einzelnachweis, und der betrifft den Jahresabschluss 2022. Ein Sammlerarchiv gibt denselben Satz wieder, übernimmt den Text aber erklärtermaßen von dort und ist deshalb kein zweiter Beleg. Diese einzelne, unbelegte Aussage reicht dem Register nicht für den Status „belegt". Bestätigung fand sich weder in der Firmendarstellung, deren sonst dichte Chronik zwischen 1935 und 1945 keinen einzigen Eintrag führt, noch in der Fachpresse, die die Umstellung auf Rüstungsfertigung berichtet, Zwangsarbeit aber nicht erwähnt, noch bei der Gedenkstätte Buchenwald, deren Außenlager-Portal für Zella-Mehlis keinen Eintrag führt, noch in den online recherchierbaren Beständen der Arolsen Archives, wo für Zella-Mehlis firmenbezogen allein die Metallwarenfabrik Curt Warz & Co. auffindbar war. Ortsbezogen ist der Rahmen dokumentiert: 1940 bis 1945 etwa 8.000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeitende an mehr als 110 Arbeitsstellen, am 8. März 1945 allein 8.219 Menschen im Lager Beckerwiese und im gegenüberliegenden Kriegsgefangenenlager, 34 Opfer der Zwangsarbeit auf dem Alten Friedhof, dazu sowjetische Kriegsgefangene aus Benshausen ohne Zahlenangabe.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — J. G. Anschütz — Herkunft der Angaben zu Rüstungsfertigung, Zwangsarbeitereinsatz und Beschäftigtenzahl; ohne Einzelnachweis Link
  2. [Online] Anschütz — Firmengeschichte — Chronik von 1856 bis heute; zwischen den Einträgen 1935 und 1945 ohne Eintrag Link
  3. [Online] PIRSCH — J. G. Anschütz: Mehr als nur Waffen für Biathlon Link
  4. [Online] Veikkos-Archiv — J. G. Anschütz — Sammlerarchiv; gibt den Wikipedia-Text einschließlich der Angabe zum Zwangsarbeitereinsatz wieder und ist kein unabhängiger Beleg Link
  5. [Online] Stadt Zella-Mehlis — Geschichte — Stadtüberblick Link
  6. [Online] Wikipedia (de) — Zella-Mehlis — Zwangsarbeit und Gedenken Link
  7. [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager-Portal Link
  8. [Archiv] Arolsen Archives — Online-Bestände, Recherche zum Suchbegriff Zella-Mehlis (firmenbezogen allein Metallwarenfabrik Curt Warz & Co.) Link