Thema
Die Waffenregion im Nationalsozialismus
Arisierung, Rüstungskonjunktur, Zwangsarbeit — und warum ein Waffenregister das nicht trennen darf
Wer die Objekte dieser Region sammelt, bestimmt oder erforscht, hat es für die Jahre 1933 bis 1945 mit Erzeugnissen zu tun, deren Entstehung untrennbar mit Enteignung, Zwangsarbeit und Massenmord verbunden ist. Dieses Register behandelt das nicht als Randnotiz zur Technikgeschichte, sondern als Teil der Fertigungsgeschichte selbst.
Die Rüstungskonjunktur
Nach 1933 setzte eine staatlich finanzierte Aufrüstung ein, die bis 1939 in eine überhitzte Rüstungskonjunktur mündete — mit einem leergefegten Arbeitsmarkt als Folge. Das „Gesetz über den Aufbau der Wehrmacht” vom 16. März 1935 hob die Beschränkungen des Versailler Vertrags einseitig auf. Angestrebt wurde eine Friedensstärke von 700.000 Mann.
Für eine Region, deren gesamte Industrie Waffenfertigung war, bedeutete das den größten wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Geschichte. Die Zwangsjacke, die Versailles der Region angelegt hatte — und die 1925 dazu geführt hatte, dass ausgerechnet der Kleinbetrieb Simson die Reichswehr beliefern durfte — fiel weg.
Der Fall Simson: Enteignung in vier Schritten
Was in diesem Register als „Arisierung” benannt wird, war ein über zwei Jahre gestreckter, juristisch verkleideter Zugriff:
| September 1933 | Simson & Co. KG verpachtet den Betrieb an die neu gegründete Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH — der Zweck ist, den Familiennamen aus der Firma zu entfernen. Als Treuhänder wird Herbert Hoffmann eingesetzt, Berliner Kaufmann und NSDAP-Mitglied. |
| 1934/35 | Das mit rund 18 Millionen Reichsmark bewertete Unternehmen — Jahresgewinn 1934 etwa 1,6 Millionen — wird Friedrich Flick für 8 bis 9 Millionen angeboten. Flick lehnt nach längeren Verhandlungen ab. |
| August 1935 | Der Thüringer Gauleiter Fritz Sauckel erwirkt ein Revisionsverfahren vor dem Oberlandesgericht Jena, diesmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es endet mit einem Schuldspruch und einer Geldstrafe von 9,75 Millionen Reichsmark gegen die Eigentümer. |
| 28. November 1935 | Die Summe ist nur durch Herausgabe des Unternehmens aufzubringen. Julius und Arthur Simson übertragen den Betrieb unter vorgehaltener Waffe an Sauckel. |
| 1936 | Der Familie gelingt die Flucht in die Schweiz; sie emigriert in die USA. Aus dem entzogenen Vermögen wird der Grundstock der Wilhelm-Gustloff-Stiftung gebildet. |
Das Verfahren ist kein Sonderfall, sondern das Muster: Ein Strafverfahren erzeugt eine Forderung, die nur durch Aufgabe des Eigentums zu erfüllen ist. Der Rechtsschein bleibt gewahrt, das Ergebnis ist Raub.
Der Zusammenhang, der die Region kennzeichnet
Für dieses Register ist eine Person der Schlüssel zum ganzen Zeitraum. Fritz Sauckel, der sich 1935 den Suhler Betrieb aneignete, wurde 1942 Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz — verantwortlich für die Rekrutierung und Verschleppung von Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in die deutsche Rüstungsindustrie. Er wurde in Nürnberg zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Damit stehen die drei Ebenen dieses Kapitels nicht nebeneinander, sondern in einer Kette:
Enteignung → daraus gebildete Stiftung → deren Werke betrieben mit Zwangsarbeit, organisiert von demselben Mann.
Zwangsarbeit in den Werken
Für die Größenordnung in Suhl gibt es eine Zahl: über 10.000 Menschen und 75 Lager. Für die Rüstungsindustrie allein werden bis zu 8.500 genannt, von denen 150 nicht überlebten.
Die Betriebe dieses Registers verteilen sich darauf so:
| Betrieb | Befund | Grundlage |
|---|---|---|
| Carl Walther | eigene Fertigungsstelle im KZ Neuengamme — P 38 ab Januar 1943, später G 43; Baustelle bis zu 764 Häftlinge, Fertigung 1944 900 bis 1.000 | KZ-Gedenkstätte Neuengamme |
| Gustloff-Werk II, Weimar | ab März 1943 bis zu 2.270 Häftlinge; beim Luftangriff im Februar 1945 starben über 350 | Gedenkstätte Buchenwald |
| Gustloff-Werke Suhl | eigenes Buchenwald-Außenlager, 15.07.–01.10.1943, 91 Häftlinge; ein Toter: Edward Piskorz, erschossen | Gedenkstätte Buchenwald |
| J. P. Sauer & Sohn | Juni 1942 „ca. 250 weibliche ukrainische Arbeitskräfte”; 220 Plätze im Gemeinschaftslager | Firmenschriftgut, ThStAM |
| C. G. Haenel | 165 Plätze im Gemeinschaftslager, zweiter Beisitzer im Vorstand | Firmenschriftgut, ThStAM |
| Heinrich Krieghoff | 792 Zwangsarbeiter; nicht am Gemeinschaftslager beteiligt, Unterbringung offen | Aktenlage |
| ERMA Erfurt | Barackenlager mit rund 2.000 Menschen in 17 Baracken | Stadtgeschichte Erfurt |
| Deutsche Werke / Olympia Erfurt | 1944: 705 von 3.437 Beschäftigten | mehrfach überliefert |
| Polte Magdeburg | sechs Außenlager; allein Magdeburg-Stadtfeld über 3.600 Häftlinge | Gedenkstätten |
| Rheinmetall Sömmerda, Großfuß Döbeln | belegt, Einzelheiten im jeweiligen Eintrag | — |
Zwei Stufen, die zu unterscheiden sind
Die Tabelle vermischt Vorgänge, die nicht dasselbe sind, und die Unterscheidung ist das Wichtigste an diesem Kapitel.
Die eine Stufe ist der Einsatz von Zwangsarbeitern im eigenen Werk. Das betrifft nahezu jeden Betrieb der Region und ist, so schwer es wiegt, die Regel der deutschen Kriegswirtschaft.
Die andere Stufe ist, eine Fertigung in ein Konzentrationslager hinein zu verlegen. Das taten von den hier geführten Häusern zwei: die Gustloff-Werke mit dem Gustloff-Werk II auf dem Gelände des KZ Buchenwald, und Carl Walther mit einer eigenen Fertigungsstelle im KZ Neuengamme. Bei Walther liegt die Entscheidung im Spätsommer 1942, die P-38-Fertigung läuft ab Januar 1943 zunächst in Baracken an; die Bauarbeiten für die eigentliche Halle leisteten bis zu 764 Häftlinge, in der Fertigung arbeiteten im zweiten Halbjahr 1944 zwischen 900 und 1.000. Die SS führte sie als „Fertigungsstelle P + 38”, die Häftlinge nannten sie „Walther-Werke”.
Der Unterschied ist keiner des Grades. Wer Zwangsarbeiter beschäftigt, nutzt ein System, das andere geschaffen haben. Wer eine Fabrik im Lager baut, wird dessen Teil.
Der entscheidende Befund: ein gemeinsamer Vertrag
Diese Aufstellung liest sich wie eine Reihe von Einzelfällen. Sie ist keine.
Am 8. Februar 1943 schlossen sich zehn Suhler und Zella-Mehliser Waffenfirmen zu einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts zusammen, um gemeinsam ein Zwangsarbeiterlager mit 902 Plätzen zu errichten, zu finanzieren und zu betreiben — die „Arbeitsgemeinschaft Barackenlager Fröhlicher Mann”. Mit Vorstand, Beisitzern und einem Kostenschlüssel über rund 400.000 Reichsmark.
Das ist kein Nachgeben unter Druck, sondern eine gemeinschaftliche unternehmerische Handlung. Der Vorgang hat einen eigenen Aufsatz, weil er quer zu allen Betriebseinträgen liegt: Er gehört zehn Firmen gleichzeitig.
Für die Objektbestimmung
Der Karabiner 98k aus Weimarer Fertigung trägt die Fertigungskennzeichen 337 und bcd, und ein Stück mit diesem Kennzeichen ist ein Objekt dieser Fertigung. Keine Deutung, sondern eine Zuordnung.
Allgemeiner: Eine Suhler Waffe der Jahre 1943 bis 1945 stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem der zehn beteiligten Betriebe. Der Umkehrschluss trägt nicht. Krieghoff beschäftigte 792 Menschen und war nicht dabei.
Warum das in einem Waffenregister steht
Es wäre möglich, dieses Kapitel technisch zu erzählen: Fertigungskennzeichen, Stückzahlen, Bauteilwechsel im Kriegsverlauf. Die Objekte gäben das her.
Dieses Register tut es nicht, aus zwei Gründen.
Erstens ist es sachlich falsch. Die Fertigungsleistung der Jahre 1942 bis 1945 beruhte wesentlich auf Zwangsarbeit. Wer Stückzahlen nennt und die Arbeitsbedingungen weglässt, gibt eine unvollständige Fertigungsgeschichte — nicht eine neutrale.
Zweitens ist die Objektkunde davon unmittelbar berührt. Die Vereinfachungen der Spätfertigung, die dieses Register als Datierungsmerkmale führt — gröbere Oberflächen, Blechstanzteile statt gefräster Bauteile, reduzierte Beschriftung — sind das materielle Abbild einer Fertigung unter Zwang, mit ungelernten Arbeitskräften und unter Zeitdruck. Wer diese Merkmale beschreibt, beschreibt bereits diese Verhältnisse. Es dann nicht zu benennen, wäre eine Auslassung mitten im technischen Befund.
Für die Arbeit am Objekt. Die Erinnerungsarbeit zu diesen Standorten leisten die Gedenkstätte Buchenwald und die regionalen Gedenkinitiativen. Wer zur Fertigung dieser Jahre forscht, sollte dort beginnen — nicht in der Sammlerliteratur. Für das Register gilt: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, ist der Einsatz von Zwangsarbeit zu prüfen und, wo belegt, im Eintrag darzustellen. Wo die Prüfung noch aussteht, wird das als offene Frage vermerkt.
Quellen
- [Online] Bundeszentrale für politische Bildung — EXIL #22 — Simson & Co.: Eine Familie, geschmiedet aus Stahl Link
- [Online] Wikipedia (de) — Simson (Unternehmen) Link
- [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Rüstungswerk Gustloff-Werk II Link
- [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Rüstungsproduktion in und um das Lager Link
- [Online] NS-Dokumentationszentrum München — Aufrüstung der Reichswehr/Wehrmacht Link