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Hersteller · Erfurt

Erfurter Maschinenfabrik B. Geipel GmbH (ERMA)

1924–1945 Weimarer Republik1933–1945 plausibel

Berthold Geipel gründete 1924 in Erfurt die Erfurter Maschinen- und Werkzeugfabrik GmbH, 1925 kam mit Unterstützung seines Schwiegervaters Julius Braband die Erfurter Feinmechanische Werke J. Braband GmbH („Feima”) hinzu. 1934 wurde das Unternehmen in Erfurter Maschinenfabrik B. Geipel GmbH umbenannt, kurz ERMA.

Die folgenreichste Konstruktion der Region

Unter der Leitung des Konstrukteurs Heinrich Vollmer entstand bei ERMA die Reihe der Erma-Maschinenpistolen (EMP). Aus der Variante EMP 36 wurde die MP 38 entwickelt und von der Wehrmacht angenommen; aus ihr wiederum ging die MP 40 hervor. ERMA fertigte beide Modelle in sechsstelliger Stückzahl.

Damit hat die Region einen doppelten Anteil an der deutschen Maschinenpistolen-Geschichte: Erfurt lieferte mit ERMA die Konstruktion, Suhl mit C. G. Haenel den zweiten Serienfertiger.

Standort

Der Betrieb lag in der Erfurter Zietenstraße 54, heute Altonaer Straße 25 — auf dem Gelände der heutigen Fachhochschule Erfurt.

Zwangsarbeit

Die Erfurter Fertigung der Jahre 1940 bis 1943 fand neben einem Barackenlager statt. Das ist für diesen Eintrag keine Fußnote zur Firmengeschichte, sondern der zweite Befund neben der Konstruktionslinie: Der Standort, an dem die MP 40 in Serie ging, war zugleich der Standort eines Lagers für rund 2.000 Menschen, die dort nicht freiwillig arbeiteten.

Das Lager

Zwischen Leipziger, Bremer, Emdener und Greifswalder Straße — unmittelbar benachbart zum Werksgelände Altonaer Straße 25 — waren in 17 Baracken rund 2.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter untergebracht. Diese Angabe steht gleichlautend im Erfurt-Lexikon, das von einem „typischen Zwangsarbeitslager” nahe der ERMA spricht — der Beitrag stammt von Steffen Raßloff und erschien am 21. März 2015 in einer Serie der Thüringer Allgemeinen —, und in der Pressemitteilung der Fachhochschule Erfurt vom 8. Januar 2008 zu ihrer Campus-Ausstellung, die den zeitgenössischen Begriff „Arbeiterlager” in Anführungszeichen setzt. Grundlage der Ausstellung war die Werksrecherche des Erfurter Historikers Werner Limbrecht, erschienen 2007 im Selbstverlag, 2009 in zweiter Auflage über die Fachhochschule Erfurt und 2013 in einer dritten, erweiterten Auflage von 115 Seiten.

Zur Datierung liegt nur eine einzige Angabe vor: „ab etwa 1940”. Sie steht in der deutschsprachigen Wikipedia und ist dort auf eine Meldung der Fachhochschule Erfurt vom 1. April 2009 gestützt, die heute nicht mehr abrufbar ist; die Datierung führt also nicht aus dem Limbrecht-Strang heraus. Weder das Erfurt-Lexikon noch die Pressemitteilung der Hochschule von 2008 nennen ein Anfangs- oder Enddatum. Ob die 2.000 eine Höchstbelegung, einen Durchschnitt oder eine Gesamtzahl der Durchgänge bezeichnen, geht aus keiner der Darstellungen hervor — und das ist ein Unterschied, der bei Lagern dieser Art regelmäßig um den Faktor zwei bis drei auseinanderliegt.

Was das Lager nicht war

Das Lager an der ERMA war kein KZ-Außenlager. Weder die Wikipedia-Liste der Außenlager des KZ Buchenwald noch das Standortverzeichnis des Projekts „Buchenwald war überall” führen einen Standort Erfurt. Das Verzeichnis des Projekts umfasst rund 140 Außenlager; alphabetisch stehen dort Eisenach, Ellrich und Elsnig unmittelbar nebeneinander, ein Eintrag Erfurt fehlt dazwischen.

Das ist kein Befund über die Dichte des Lagersystems in Thüringen: Dasselbe Verzeichnis führt über zwanzig thüringische Standorte, darunter Abteroda, Altenburg, Apolda, Bad Salzungen, Berga/Elster, Berlstedt, Dornburg, Eisenach, Jena, Kranichfeld, Langensalza, Meuselwitz, Mühlhausen, Niederorschel, Rehungen, Schmiedebach (Laura), Sömmerda, Sonneberg, Suhl, Tonndorf, Weimar und — als größtes — Ohrdruf („S III”), rund 30 Kilometer südwestlich von Erfurt. Erfurt liegt mitten in diesem Netz, ohne selbst einen Standort zu stellen.

Die Unterscheidung ist keine Beschönigung, sondern eine Zuordnung: Es handelte sich um ein Lager für zivile Zwangsarbeit, also für verschleppte ausländische Arbeitskräfte unter Aufsicht des Betriebs und der Arbeitsverwaltung, nicht um SS-bewachte Häftlingsunterbringung. Damit ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass im Werk zusätzlich Kriegsgefangene oder ein Arbeitskommando eines anderen Lagers eingesetzt waren. Belege dafür liegen hier nicht vor; die Frage bleibt offen.

ERMA oder Feima — ein ungelöster Widerspruch

Wem das Lager zuzurechnen ist, sagen die Quellen nicht übereinstimmend. Das Erfurt-Lexikon verortet es „nahe der ERMA, die sich auf dem heutigen Campus der Fachhochschule in der Altonaer Straße befand”. Die Fachhochschule Erfurt schreibt dagegen, in der FEIMA in der Altonaer Straße 25 seien unter Leitung Geipels Karabiner und Maschinenpistolen produziert worden, und das „Arbeiterlager” habe „in unmittelbarer Nachbarschaft” gelegen. Die deutschsprachige Wikipedia behandelt beide Firmen in einem Artikel und schreibt, „ein Teil des Unternehmens” habe im Krieg in der Altonaer Straße 25 gelegen; das Lager verortet sie nur „nahe der jetzigen Fachhochschule”, ohne es einer der beiden Gesellschaften zuzuweisen. Als Beleg für die ERMA-Zuschreibung taugt sie damit nicht. Hinzu kommt, dass die früheren Betriebsstätten nach derselben Darstellung an der Rudolfstraße 49 lagen — die Altonaer Straße war nicht der einzige Erfurter Standort Geipels.

Der Widerspruch wird hier nicht aufgelöst, sondern stehen gelassen. Für die Verantwortungsfrage ist er ohnehin zweitrangig: Beide Gesellschaften gehörten Berthold Geipel, der 1937 zum Wehrwirtschaftsführer Erfurts ernannt worden war. Wer immer die Adresse führte — geleitet wurde beides von derselben Person.

Verhältnis zur MP-40-Fertigung

Die Erfurter Serienfertigung der MP 40 lief von 1940 bis 1943 und brachte rund 204.000 Stück hervor, unter den Fertigungskennzeichen 27 und ayf; daneben lief seit 1935 die Fertigung des Karabiners 98k in Lizenz, bis Anfang der 1940er Jahre. Das Lager und die höchste Fertigungsleistung des Werks fallen damit in dieselben Jahre.

Was dieses Register nicht behauptet: dass sich einzelne Arbeitsgänge der MP-40-Fertigung namentlich benannten Zwangsarbeitenden zuordnen ließen. Eine solche Zuordnung — wie sie für die Polte-Werke in Magdeburg für Drehbänke und Pressen belegt ist, siehe Munitionsfertigung — liegt für Erfurt in den hier ausgewerteten Quellen nicht vor. Belegt ist die Gleichzeitigkeit, nicht die Zuweisung.

Die Bombenangriffe

ERMA und die alte Gewehrfabrik wurden bei den Luftangriffen auf Erfurt 1944/45 mehrfach schwer getroffen. Das Erfurt-Lexikon hält fest, dass dabei zahlreiche Arbeiter und Angestellte ums Leben kamen und zu den Opfern auch die ausländischen Zwangsarbeiter gehörten. Eine Zahl dafür nennt es nicht. Erfurt erlebte im Zweiten Weltkrieg 17 leichtere und 10 mittelschwere Luftangriffe, hauptsächlich 1944 und 1945; rund 1.600 Zivilisten starben.

Wo die Toten liegen — und was sich daraus nicht ableiten lässt

Auf dem Erfurter Hauptfriedhof ruhen im Sowjetischen Ehrenhain 604 vorwiegend zivile Opfer des Zweiten Weltkriegs, überwiegend Zwangsarbeitende aus der Sowjetunion; die Anlage wurde 1947 aus mehreren Friedhöfen zusammengelegt und 1954 eingeweiht. Im Südpark, dem früheren Südfriedhof, liegt eine zweite Grabstätte mit 291 Toten aus Osteuropa, die meisten aus Polen, daneben Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion, Ungarns und Menschen unbekannter Nationalität; namentlich bekannt sind davon 173, die Namen teilweise falsch geschrieben. Die Grabplatte nennt allein polnische Staatsangehörige und ist insoweit unvollständig.

Diese Zahlen gehören der Stadt, nicht diesem Betrieb. Eine Zuordnung einzelner Toter zur ERMA oder zur Feima ist aus den hier ausgewerteten Quellen nicht möglich und wird nicht unterstellt.

Größenordnung

Für Erfurt insgesamt sind für 1939 bis 1945 10.000 bis 15.000 Kriegsgefangene sowie Frauen und Männer aus zahlreichen besetzten Ländern angegeben, die vor allem in Rüstungsbetrieben der Stadt Zwangsarbeit leisten mussten; Hunderte starben dabei. Diese Angabe steht in der Wikipedia ohne Einzelnachweis und ist hier nur als Größenordnung geführt.

Die beiden Zahlen sind nicht ohne Weiteres ins Verhältnis zu setzen: 10.000 bis 15.000 ist eine Summe über sechs Jahre, 2.000 eine Belegungsangabe für einen Ort. Ein Prozentsatz daraus wäre gerechnet, nicht belegt. Zum Vergleich taugt eher der andere Erfurter Großbetrieb dieses Registers: Im Olympia-Büromaschinenwerk am Mainzerhofplatz arbeiteten 1944 3.437 Menschen, davon 705 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter — also etwa ein Fünftel der Belegschaft. Eine entsprechende Belegschaftszahl für ERMA und Feima liegt hier nicht vor; ohne sie ist die Quote unfreier Arbeit im Werk nicht zu bestimmen.

Wichtige Abgrenzung. MP 38 und MP 40 sind vollautomatische Waffen und damit Kriegswaffen nach dem KWKG. Sie werden hier dokumentiert, sind aber für Sammlerinnen und Sammler nicht erwerbbar. Siehe Methodik.

Offene Forschungsfragen. Zur Zwangsarbeit: Herkunftsländer und Nationalitätenzusammensetzung der rund 2.000 Menschen, Trägerschaft und genaue Laufzeit des Lagers, Arbeits- und Lebensbedingungen, Todesfälle, Verbleib bei Kriegsende. Ob im Werk zusätzlich Kriegsgefangene oder ein KZ-Arbeitskommando eingesetzt waren. Ob am Ort heute ein Gedenkzeichen steht — die Recherche hat keines nachweisen können. Nicht ausgewertet sind Werner Limbrechts Werksrecherche (2009), Holger Schlemeiers dreibändige ERMA-Darstellung sowie die Bestände des Landesarchivs Thüringen und des Stadtarchivs Erfurt. Zur Fertigung: Erfurter Stückzahlen jenseits der MP 40, Belegschaftszahlen, Verlagerungen, Verbleib der Fertigungseinrichtungen nach 1945. Die Nachkriegsfirma Erma-Werke in Dachau ist eine westdeutsche Neugründung und gehört nicht in dieses Register.

Rechtsform und Firmierung

1924
Erfurter Maschinen- und Werkzeugfabrik GmbH · GmbH

Gegründet von Berthold Geipel.

1925
Erfurter Feinmechanische Werke J. Braband GmbH · zweite Gesellschaft

Gegründet mit Unterstützung von Julius Braband, dem Schwiegervater Geipels; kurz „Feima".

1934
Erfurter Maschinenfabrik B. Geipel GmbH — kurz ERMA · Umbenennung

Fertigungsprogramm

ab 1924
Maschinen und Werkzeuge

Der Ursprung war kein Waffenbau — die Waffenfertigung kam später hinzu und erklärt den Firmennamen.

1930er Jahre
Maschinenpistolen der Reihe EMP
ab 1938
MP 38 und MP 40

Entwickelt unter Leitung von Heinrich Vollmer aus der Variante EMP 36; von ERMA in sechsstelliger Stückzahl gefertigt.

Standorte

  • Erfurt · Zietenstraße 54, heute Altonaer Straße 25

    Auf dem Gelände befindet sich heute die Fachhochschule Erfurt. Am selben Ort saß auch die Schwesterfirma Feima; welcher der beiden Betriebe die Adresse Altonaer Straße 25 im Krieg führte, geben die Darstellungen unterschiedlich an. Unmittelbar benachbart, zwischen Leipziger, Bremer, Emdener und Greifswalder Straße, lag das Barackenlager für die Zwangsarbeitenden.

Personen

  • Berthold Geipel — Gründer und Leiter beider Gesellschaften; 1937 zum Wehrwirtschaftsführer Erfurts ernannt. Dass er als Betriebsinhaber für den Arbeitseinsatz einzustehen hatte, folgt aus dieser Stellung, nicht aus dem Titel; eine Quelle, die ihm Anordnungen zum Lager oder zum Arbeitseinsatz namentlich zuschreibt, liegt hier nicht vor., ab 1924
  • Elmar Geipel — Bruder, ab 1933 im Unternehmen, ab 1933
  • Julius Braband — Schwiegervater Berthold Geipels, Mitgründer der Feima, 1925
  • Heinrich Vollmer — Konstrukteur; unter seiner Leitung entstand aus der EMP 36 die MP 38 und daraus die MP 40

Zwangsarbeit — belegt

Am Erfurter Werk bestand ein Barackenlager: Zwischen Leipziger, Bremer, Emdener und Greifswalder Straße, unmittelbar neben dem Werksgelände Altonaer Straße 25, waren nach übereinstimmenden Darstellungen in 17 Baracken rund 2.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter untergebracht. Die einzige Datierung lautet „ab etwa 1940"; sie steht allein in der Wikipedia und stützt sich dort auf eine nicht mehr abrufbare Meldung der Fachhochschule Erfurt von 2009. Das Lager bestand damit parallel zur Erfurter MP-40-Serienfertigung von 1940 bis 1943 mit rund 204.000 Stück. Es war KEIN KZ-Außenlager — Erfurt ist in den eingesehenen Verzeichnissen der Buchenwalder Außenlager nicht geführt, obwohl diese über zwanzig thüringische Standorte enthalten, darunter Ohrdruf. Nicht belegt sind Herkunftsländer, Belegungsverlauf, Lagerträger, Namen und Todesfälle; ebenso wenig, ob im Werk zusätzlich Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge eingesetzt wurden. Zur Einordnung: Für Erfurt insgesamt werden für 1939 bis 1945 10.000 bis 15.000 Kriegsgefangene sowie Frauen und Männer aus den besetzten Ländern angegeben.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Verbleib

Der Erfurter Betrieb endete 1945. Berthold Geipel wurde 1945 wegen seiner Verbindungen zum NS-Regime verhaftet, durchlief später jedoch eine Entnazifizierung; 1948 ging ein Teil der Familie nach Bayern, 1952 entstand in Dachau die ERMA-Werke Waffen- und Maschinenfabrik GmbH. Diese Nachkriegsfirma ist eine westdeutsche Neugründung und gehört nicht zu diesem Register — ein Fall, in dem der übernommene Name leicht eine Kontinuität suggeriert, die es so nicht gab.

Modelle dieses Herstellers

  • MP 40 (Kriegswaffe — nur Dokumentation)

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Maschinenfabrik Geipel Link
  2. [Online] Wikipedia (en) — Erma Werke Link
  3. [Online] Erfurter Waffengeschichte — Erma und Feima Link
  4. [Online] Erfurt-Lexikon — Rüstung in Erfurt 1935–1945 — Zwangsarbeiterlager nahe der ERMA Link
  5. [Online] Fachhochschule Erfurt — Ausstellung zur Geschichte des Campus der FH Erfurt — Die Waffenfabrik FEIMA (Pressemitteilung, 8. Januar 2008) Link
  6. [Literatur] Limbrecht 2009 — ERMA & FEIMA. Berthold Geipel und seine Erfurter Waffenfabriken. 2. Auflage, Erfurt, Fachhochschule, 2009, 86 Blatt, ISBN 978-3-00-026775-8 — nicht eingesehen , Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main
  7. [Literatur] Schiffer Publishing — Holger Schlemeier, ERMA. Erfurter Maschinenfabrik 1924–2003, Band 1 — Verlagsankündigung mit Hinweis auf Zwangsarbeit; Buch nicht eingesehen Link
  8. [Online] Buchenwald war überall — Netzwerk der Außenlager — Verzeichnis der Außenlagerstandorte (Erfurt nicht geführt) Link
  9. [Online] Wikipedia (de) — Liste der Außenlager des KZ Buchenwald Link
  10. [Online] Wikipedia (de) — Geschichte der Stadt Erfurt — Zwangsarbeit 1939–1945 Link
  11. [Online] Stadt Erfurt — Kriegsgräber auf Erfurter Friedhöfen Link
  12. [Online] Volksbund Thüringen — 80 Jahre danach — Gedenken an die Toten der Bombenangriffe vom 30./31. März 1945 in Erfurt Link