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Hersteller · Erfurt

Deutsche Werke AG, Werk Erfurt

1919–1924 Weimarer Republik plausibel

Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt in der Deutsche Werke AG auf — einem Staatskonzern, der die entmilitarisierten Reichswerke zusammenfasste und auf zivile Fertigung umstellen sollte.

Die Ortgies-Pistole

1921 erwarb das Erfurter Werk Patent und Fertigungseinrichtungen von Heinrich Ortgies, der bis dahin etwa 15.000 Selbstladepistolen in 6,35 mm und 7,65 mm Browning gefertigt hatte; unter der Regie der Deutschen Werke entstanden bis Anfang 1924 rund 400.000 Pistolen — eine der größten Taschenpistolen-Serien der Weimarer Zeit. Ab etwa Seriennummer 20.000 kamen Waffen im Kaliber 9 mm kurz hinzu.

Die alliierte Kontrolle unterband die Fertigung schließlich als Verstoß gegen die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrags. 1923 ging das Erfurter Werk an die AEG Berlin über; auf dem Gelände der ehemaligen Gewehrfabrik wurden ab 1924 Schreibmaschinen gebaut.

Warum der Eintrag trotz ziviler Waffe hier steht

Die Ortgies ist keine militärische Kurzwaffe. Sie gehört gleichwohl in dieses Register, weil sie den Konversionsdruck von Versailles am Objekt zeigt: Ein Staatsbetrieb, der Ordonnanzwaffen für das Kaiserreich baute, weicht auf Taschenpistolen aus — und wird auch dabei gestoppt. Dieselbe Logik führte in Suhl dazu, dass ausgerechnet der Kleinbetrieb Simson die Reichswehr beliefern durfte.

Datierungskonflikt. Die Quellen nennen sowohl „1. September 1923” als auch „Anfang 1924” als Produktionsende der Ortgies. Möglicherweise liegt zwischen Fertigungsstopp und Abverkauf der Restserie eine Lücke. Zu klären an Seriennummernbefunden.

Die Konversion hielt nicht

Dieses Register hatte den Standort zunächst als den einzigen geführt, an dem eine Waffenfertigung vollständig endete und durch zivile Fertigung ersetzt wurde. Das war falsch.

Die Kette lief weiter: Deutsche-Werke-Schreibmaschinengesellschaft, ab 1930 Europa Schreibmaschinen AG, ab 1936 Olympia-Büromaschinenwerk AG Erfurt. Und im Zweiten Weltkrieg wurde am selben Ort wieder gefertigt, was man 1924 aufgegeben hatte — Gewehre, dazu feinmechanische Teile für Flugmotoren und rund 3.450 Marine-Enigma, die aus Geheimhaltungsgründen ohne Herstellerbezeichnung ausgeliefert wurden.

1944 arbeiteten hier 3.437 Menschen, davon 705 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter — etwa jeder Fünfte. Im April 1945 wurde das Werk durch amerikanischen Artilleriebeschuss schwer beschädigt.

Erst danach hielt die Konversion: Nach Enteignung und SAG-Phase lief der Betrieb in der DDR als VEB Optima Büromaschinenwerk Erfurt ausschließlich zivil weiter. Die Aussage „vollständige Konversion” stimmt also — aber zwanzig Jahre später, als sie in diesem Register stand. Siehe Korrekturen.

Was der Fall methodisch zeigt

Ein Fertigungsstopp ist kein Fertigungsende. Zwischen 1924 und 1939 lag am Mainzerhofplatz eine Schreibmaschinenfabrik — und genau die Fähigkeiten, die eine Schreibmaschinenfabrik ausmachen, Feinmechanik in Großserie, waren 1939 wieder gefragt. Der Standort war nie entmilitarisiert, sondern nur umgewidmet.

Das ist kein Einzelfall, sondern das Grundmuster der Region: Waffen und Fahrräder bei Haenel und Simson, Nähmaschinen und Schreibmaschinen bei Rheinmetall in Sömmerda, Laternen und Maschinengewehre bei Großfuß in Döbeln. Wer die zivile Fertigung dieser Betriebe für das Gegenteil der militärischen hält, hat die Fertigungslogik nicht verstanden — es ist dieselbe Werkstatt mit anderem Auftragsbuch. Siehe Fertigungsverfahren.

Rechtsform und Firmierung

bis 1918
Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt · Staatsbetrieb

Fertigte im Ersten Weltkrieg die Pistole 08 als staatliche Parallelfertigung zur DWM.

1919
Deutsche Werke AG, Werk Erfurt · Staatskonzern

Zusammenfassung der entmilitarisierten Reichswerke mit dem Auftrag, auf zivile Fertigung umzustellen.

1923
Übergang an die AEG Berlin · Verkauf

Fertigungsprogramm

1911–1918
Pistole 08

Staatliche Parallelfertigung; die Fertigungseinrichtungen gingen später an Simson in Suhl über.

1921–1924
Ortgies-Taschenpistolen

Rund 400.000 Stück — eine der größten Taschenpistolenserien der Weimarer Zeit. Die alliierte Kontrolle unterband die Fertigung als Verstoß gegen die Rüstungsbeschränkungen.

ab 1924
Schreibmaschinen

Zunächst als Deutsche-Werke-Schreibmaschinengesellschaft, ab 1930 Europa Schreibmaschinen AG, ab 1936 Olympia-Büromaschinenwerk AG Erfurt. Die Konversion war jedoch nicht endgültig — siehe die folgende Zeile.

im Zweiten Weltkrieg
Gewehre, feinmechanische Teile für Flugmotoren, Chiffriermaschine Enigma

Am selben Standort wurde die Waffenfertigung wieder aufgenommen. Dazu kamen rund 3.450 Marine-Enigma; die in Erfurt gebauten Geräte trugen aus Geheimhaltungsgründen keine Herstellerbezeichnung.

Standorte

  • Erfurt

    Gelände der ehemaligen Königlich Preußischen Gewehrfabrik. Ab 1924 wurden dort Schreibmaschinen gebaut.

Personen

  • Heinrich Ortgies — Konstrukteur; patentierte seine Selbstladepistole am 12. September 1916 und verkaufte Patent und Maschinen 1921 nach Erfurt

Kennzeichen

Firmen-, Fertigungs- und Abnahmekennzeichen dieses Betriebs. Jede Zuordnung ist einzeln zu belegen — Kennzeichen bezeichnen eine Firma, nicht zwingend ein Werk.

  • Erfurt Ortsangabe auf der Waffe bis 1924 gesichert
  • Krone über Buchstabe Abnahmestempel der preußischen Zeit ungeklärt

Zwangsarbeit — belegt

Am Standort arbeiteten 1944 von 3.437 Beschäftigten 705 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter — rund ein Fünftel der Belegschaft. Dieses Register hatte den Eintrag zuvor als „nicht einschlägig" geführt, weil es die Waffenfertigung irrig mit 1924 als beendet ansah. Die Korrektur ist eigens verzeichnet.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Verbleib

Die Fertigungseinrichtungen der Pistole 08 gingen nach Suhl und ermöglichten dort die Reichswehr-Belieferung durch Simson. Der Standort selbst ging über die Schreibmaschinenfertigung in das Olympia-Büromaschinenwerk über, nahm im Zweiten Weltkrieg die Waffenfertigung wieder auf, wurde im April 1945 schwer beschädigt und lief in der DDR als VEB Optima Büromaschinenwerk Erfurt weiter — dann endgültig ohne Waffen. Erhaltene Bauten stehen heute als „Bürohaus am Dom" am Mainzerhofplatz unter denkmalpflegerischer Sanierung.

Modelle dieses Herstellers

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Ortgies-Pistole Link
  2. [Online] Erfurter Waffengeschichte — Deutsche Werke AG Erfurt — Ortgies-Pistolen Link
  3. [Online] American Rifleman — I Have This Old Gun: The Ortgies Pistol Link
  4. [Online] Wikipedia (de) — Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt — Nachnutzung, Enigma-Fertigung, Belegschaftszahlen 1944 Link
  5. [Online] erfurt-web.de — Rüstung in Erfurt 1935–1945 Link
  6. [Online] Thüringer Weg der Industriekultur — Erfurter Gewehrfabrik — Büromaschinenwerk Olympia — Optima Link