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OD WH

Modell

Ortgies-Taschenpistole

Fertigung
Deutsche Werke Erfurt
Kaliber
6,35 mm Browning, 7,65 mm Browning, 9 mm kurz
Zeitraum
1919–1924
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Im Ablauf ist die Ortgies eine gewöhnliche Taschenpistole. Der Lauf steht fest im Rahmen; das Verschlussstück dahinter wird im Augenblick des Schusses allein von seinem Gewicht und einer Feder gehalten, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat. Dann schiebt der Druck der Pulvergase es nach hinten, die leere Hülse wird herausgezogen und ausgeworfen, und das Schlagstück — es arbeitet verdeckt im Verschluss, ein von außen sichtbarer Schlaghebel, wie ihn ältere Pistolen tragen, fehlt — wird dabei neu gespannt. Die Feder treibt das Verschlussstück wieder vor und schiebt die nächste Patrone aus dem Magazin im Griff in den Lauf. Eigen ist der Waffe allein ihre Sicherung. Sie sitzt hinten am Griff, dort, wo bei anderen Pistolen der Zeit eine bewegliche Platte liegt, die schon durch das feste Umfassen der Waffe nachgibt und sie damit schussbereit macht. Bei der Ortgies genügt das nicht: Die Sicherung bleibt eingerastet, gelöst wird sie erst über einen Druckknopf an der linken Griffseite. Wer die Waffe nicht kennt, rechnet damit nicht — bei der Beurteilung eines Altstücks ist das der erste Punkt, den man prüft. Auffällig ist außerdem, dass die Konstruktion weitgehend ohne Schrauben auskommt; das erleichterte die Fertigung in großer Zahl ebenso wie das Zerlegen. Ob eine Patrone im Lauf steckt, ist am geschlossenen Verschluss nicht abzulesen — eine Anzeige dafür hat sie nicht.

Heinrich Ortgies entwickelte seine Selbstladepistole im Ersten Weltkrieg und ließ sie am 12. September 1916 patentieren; bis 1921 entstanden in eigener Fertigung etwa 15.000 Stück in 6,35 mm und 7,65 mm Browning.

Fertigung

1921 übernahmen die Deutschen Werke am Standort der ehemaligen Königlich Preußischen Gewehrfabrik Patent und Maschinen. Bis Anfang 1924 entstanden dort rund 400.000 Pistolen. Ab etwa Seriennummer 20.000 traten Waffen im Kaliber 9 mm kurz hinzu. Die Ortgies gehört damit zu den meistgefertigten deutschen Taschenpistolen der Weimarer Zeit, und auf dem Sammlermarkt taucht sie bis heute regelmäßig auf.

Einordnung

Die Ortgies ist eine zivile Waffe und gehört nicht zum militärisch-behördlichen Kernbereich. Sie steht hier, weil sie den Konversionsdruck des Versailler Vertrags dokumentiert: Ein ehemaliger Ordonnanzfertiger weicht auf zivile Massenware aus und wird auch dabei von der alliierten Kontrolle gestoppt.

Zu klären. Datierung des Produktionsendes, Seriennummernblöcke je Kaliber, Kennzeichnungsvarianten der Erfurter gegenüber der Ortgies’schen Eigenfertigung.

Konstruktion

Verschluss
Unverriegelter Masseverschluss bei feststehendem Lauf
Ladeprinzip
Rückstoßlader, unverriegelt (Blowback)
Zuführung
Einreihiges Stangenmagazin
Abzug
Schlagbolzenschloss, Single Action
Sicherung
Griffsicherung am Griffrücken. Die Besonderheit: Sie wird nicht wie üblich dauernd gedrückt gehalten, sondern rastet ein — entsichert wird durch einen Druckknopf an der linken Griffseite.
Visierung
Feste Kimme und Korn, flach in den Verschluss eingearbeitet

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Ruhelage

    Der Verschluss liegt am feststehenden Lauf an. Die Waffe hat keinen außenliegenden Hahn — das Schlagstück arbeitet verdeckt im Verschluss.

  2. 2

    Entsichern

    Anders als bei den verbreiteten Griffsicherungen der Zeit bleibt die Sicherung hier eingerastet, bis sie über einen Druckknopf gelöst wird. Ein Umgreifen genügt also nicht — das ist der wesentliche Handhabungsunterschied zu den Colt- und Browning-Taschenpistolen.

  3. 3

    Zündung und Trägheitsphase

    Der Verschluss wird allein durch seine Masse und die Schließfeder gehalten, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.

  4. 4

    Öffnen, Auswerfen, Spannen

    Der zurücklaufende Verschluss zieht die Hülse aus, wirft sie aus und spannt das Schlagstück.

  5. 5

    Vorlauf und Zuführung

    Die Schließfeder treibt vor; der Stoßboden führt die nächste Patrone zu.

  6. 6

    Zerlegen

    Die Konstruktion kommt weitgehend ohne Schrauben aus — ein Merkmal, das für die Massenfertigung ebenso spricht wie für die Feldzerlegung, und das am Objekt sofort auffällt.

Masseverschluss — unverriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verschlussruhelage: Die Schließfeder presst den Verschluss gegen den feststehenden Lauf. Verriegelt ist nichts — es hält allein die Masse.
  2. 2 Schuss: Der Gasdruck treibt Geschoss und Hülse auseinander. Der Verschluss beginnt zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Trägheit aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
  3. 3 Rücklauf: Erst nach dem Druckabfall öffnet der Verschluss weit, wirft die Hülse aus und spannt die Feder.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Colt Model 1903 Pocket Hammerless

Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · USA · 1903
System
Unverriegelter Masseverschluss, 7,65 mm Browning, verdecktes Schlagstück, Griffsicherung
Unterschied
Das internationale Vorbild der Gattung und konstruktiv nah verwandt. Der Unterschied liegt in der Sicherung: Bei der Colt entsichert das bloße Umfassen des Griffs, bei der Ortgies rastet die Sicherung ein und wird über einen Druckknopf gelöst.
Befund
Der Vergleich zeigt, dass die Erfurter Konstruktion kein Nachbau war, sondern in der Handhabung eine eigene Entscheidung traf — mit dem Preis, dass sie sich erklären lassen muss.

Walther Modelle 1 bis 9

Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1908
System
Unverriegelte Masseverschluss-Taschenpistolen, 6,35 und 7,65 mm Browning
Unterschied
Die zeitgleiche thüringische Konkurrenz aus Zella-Mehlis, in derselben Klasse und denselben Kalibern. Beide Häuser bedienten den zivilen Massenmarkt, der unter den Versailler Beschränkungen zur wirtschaftlichen Grundlage wurde.
Befund
Erfurt und Zella-Mehlis konkurrierten hier unmittelbar — ein selten betrachteter Nebenstrang der Regionalgeschichte.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Ungewöhnliche Sicherungsbedienung

    Die einrastende Griffsicherung mit separatem Löseknopf weicht von der verbreiteten Bedienlogik ab. Wer die Waffe nicht kennt, entsichert sie nicht durch bloßes Umfassen — für die Sicherheitsbeurteilung eines Altstücks der erste zu prüfende Punkt.

    plausibel

  • Nur Single Action, keine Ladeanzeige

    Der Ladezustand ist am geschlossenen Verschluss nicht ablesbar. Die Zustandsanzeige, die die Walther PP 1929 einführte, fehlt hier noch — ebenso die Spannanzeige der Dreyse M1907.

    plausibel

Verwendung

  • Ziviler Massenmarkt der Weimarer Zeit
  • In geringem Umfang auch behördlich beschafft; Umfang hier nicht erfasst

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Ortgies-Pistole Link
  2. [Online] American Rifleman — I Have This Old Gun: The Ortgies Pistol Link
  3. [Online] Erfurter Waffengeschichte — Deutsche Werke AG Erfurt — Ortgies-Pistolen Link