Modell
Dreyse M1910
- Fertigung
- Rheinmetall Sömmerda
- Kaliber
- 9 mm Parabellum (9×19)
- Zeitraum
- 1910–1915
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Die M1910 ist die auf die kräftigere Patrone 9 mm Parabellum vergrößerte M1907, und sie zeigt, wo das einfache Prinzip dieser Pistolen an seine Grenze kommt. Auch hier hält allein das Gewicht des Verschlussstücks und eine Feder den Lauf im Moment des Schusses zu. Für die stärkere Patrone müsste beides deutlich zunehmen; Louis Schmeisser wollte die Waffe aber nicht ins Unhandliche vergrößern und setzte stattdessen eine sehr harte Feder ein — so hart, dass sich das Verschlussstück von Hand kaum noch zurückziehen ließ. Sein Ausweg ist das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Pistole: eine flache Platte, die wie ein Deckel über dem Verschluss liegt und vorn angelenkt ist. Klappt man sie hoch, löst sich die Verbindung zur harten Feder, und das Verschlussstück lässt sich mühelos zurückziehen, um eine Patrone zuzuführen. Solange die Platte offen steht, blockiert sie zugleich den Bolzen, der die Patrone zündet — die Waffe kann in diesem Zustand also nicht schießen. Erst wenn die Platte wieder eingerastet ist, greift die Feder an und die Pistole ist schussbereit. Alles Weitere läuft unauffällig ab: Der Schuss treibt das Verschlussstück zurück, die leere Hülse fliegt heraus, die Feder schiebt vor und führt die nächste Patrone zu. Einen Haken hat die Platte: Auf ihr sitzen Korn und Kimme, die Zielhilfen also auf einem Teil, das bei jedem Laden bewegt und neu eingerastet wird.
Die M1910 ist der Versuch, das Sömmerdaer Erfolgsmodell in die Ordonnanzklasse zu heben. Louis Schmeisser nahm die Anordnung der M1907, den gekröpften Verschluss über dem feststehenden Lauf, und maßstäbte sie auf 9 mm Parabellum hoch. Damit stand er vor dem Grundproblem jedes unverriegelten Systems: Der Verschluss darf sich erst öffnen, wenn das Geschoss den Lauf verlassen hat, und gehalten wird er allein von Masse und Feder.
Konstruktion
Statt den Verschluss ins Unhandliche zu vergrößern, erhöhte Schmeisser die Federkraft. Ballistisch geht das auf. Von Hand ist die Waffe damit unbedienbar, und die Abhilfe, eine vorn angelenkte Aufziehplatte über dem Verschluss, erfüllt drei Aufgaben gleichzeitig.
| Bauteil-Funktion | Wirkung |
|---|---|
| Nase an der Federbuchse | eingerastet gekoppelt, hochgeklappt gelöst; der Verschluss läuft dann nur gegen die Schlagbolzenfeder |
| Nase am Sperrstift | sperrt den Schlagbolzen, solange die Platte offen ist |
| Korn und Kimme | sitzen auf der Platte, wandern also beim Laden mit |
Durchgeladen wird deshalb nicht, indem man den Verschluss zurückreißt, sondern indem man erst die Feder abkoppelt. Für ein selbstgeschaffenes Problem ist das eine ehrliche technische Lösung. Sie enthält zugleich das Urteil über die Konstruktion. Wer eine Zusatzmechanik braucht, um überhaupt repetieren zu können, hat die falsche Systemgrenze gewählt. Die zeitgleiche Pistole 08 verriegelte schlicht.
Entwicklung
Preußische Polizeibehörden erprobten ab 1910. Es gab Beanstandungen, darunter eine sich lösende Auswerferschraube; danach folgte eine geänderte Ausführung mit sechs statt vier Zügen und erhöhtem Korn. 1912 wurde die Beschaffung empfohlen, angekündigt waren mehrere tausend Stück. Geliefert wurden etwa 500. Das Werk bekam die Serienfertigung nicht in den Griff, und 1913 fiel das Urteil, die Konstruktion sei nicht kriegsbrauchbar. Zwei Jahre später endete die Fertigung endgültig.
Offene Angaben und eine Korrektur
Ein Maßblatt fehlt. Länge, Lauflänge, Gewicht und Magazinkapazität sind in den zugänglichen Darstellungen nicht angegeben. Bei einer Waffe mit rund 500 gebauten Stücken ist das kein Ausnahmefall, bleibt aber eine offene Aufgabe. Zu korrigieren ist außerdem eine verbreitete Angabe. Die M1910 ist nicht in 9 mm Browning lang gekammert. Alle ausgewerteten Quellen nennen 9 mm Parabellum; ein Dreyse-Modell in 9 mm Browning lang ließ sich nicht nachweisen. Wer eine Quelle für das Gegenteil hat, liefere sie bitte nach; dann wandert der Punkt ins Korrekturregister.
Einordnung
Als Serienerzeugnis taugte die M1910 nicht, als Lehrstück schon. Sie markiert exakt den Punkt, an dem der Masseverschluss aufhört, ein einfaches System zu sein. Die Walther PP zog zwei Jahrzehnte später die praktische Konsequenz: Masseverschluss ja, aber unterhalb der Ordonnanzpatrone, und die Konstruktionsarbeit verlagert in Abzug, Sicherung und Ladeanzeige.
Konstruktion
- Verschluss
- Unverriegelter Masseverschluss mit gekröpftem Verschluss über dem feststehenden Lauf, konstruktiv aus der M1907 entwickelt, aber für 9 mm Parabellum vergrößert und mit erheblich stärkerer Verschlussfeder
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader, unverriegelt (Blowback)
- Zuführung
- Einreihiges Stangenmagazin im Griffstück; Kapazität in den ausgewerteten Quellen nicht ausdrücklich angegeben
- Abzug
- Schlagbolzenschloss, Single Action
- Sicherung
- Drehbarer Sicherungshebel links hinten am Oberteil, der die Abzugsstange sperrt; zusätzlich sperrt ein federbelasteter Stift im Verschlussblock den Schlagbolzen, solange die Aufziehplatte hochgeklappt ist
- Visierung
- Feste Visierung — Korn und Kimme sitzen auf der Aufziehplatte, also auf einem beweglichen, nur eingerasteten Bauteil
Maße und Leistung
- Länge
- nicht belegt — offene Recherche
- Lauflänge
- nicht belegt — offene Recherche
- Gewicht
- nicht belegt — offene Recherche
- Magazin
- einreihig, Kapazität in den ausgewerteten Quellen nicht genannt
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Ausgangsproblem — Masseverschluss an der Leistungsgrenze
Ein unverriegelter Verschluss hält den Gasdruck allein durch seine Masse und die Federkraft zurück. Bei 7,65 mm Browning reicht das; bei 9 mm Parabellum ist die doppelte Größenordnung an Impuls abzufangen. Schmeisser blieb beim einfachen Prinzip und erhöhte statt der Verschlussmasse vor allem die Federkraft — das ist die Weichenstellung, aus der alle Eigenheiten dieser Waffe folgen.
- 2
Aufziehplatte lösen und Verschluss zurückziehen
Über dem Verschluss liegt eine vorn angelenkte, flache Platte, die den Verschluss wie ein Deckel überdeckt und die Visierung trägt. Eingerastet greift eine Nase der Platte in die Buchse der Verschlussfeder. Klappt man die Platte hoch, wird diese Kopplung gelöst: Der Verschluss lässt sich dann nur noch gegen die schwache Schlagbolzenfeder zurückziehen. Ohne diesen Kunstgriff wäre die Waffe von Hand kaum zu repetieren.
- 3
Schlagbolzensperre während des Aufziehens
Eine zweite Nase der Platte wirkt auf einen federbelasteten Stift im Verschlussblock. Solange die Platte offen ist, sperrt dieser Stift den Schlagbolzen — bei abgekoppelter Verschlussfeder kann die Waffe also nicht schießen. Die Platte ist damit zugleich Ladehilfe und Sicherung.
- 4
Einrasten und Schuss
Die Platte wird wieder auf den Verschluss geschnappt, Verschlussfeder und Schlagbolzen sind frei. Erst jetzt ist die Waffe schussbereit. Der Schlagbolzen zündet die Patrone.
- 5
Öffnen, Auswerfen, Vorlauf
Der Gasdruck treibt den Verschluss zurück, ausschließlich gebremst von Masse und der sehr starken Feder; Auszieher und Auswerfer entfernen die Hülse. Die Feder treibt den Verschluss vor und führt die nächste Patrone zu. Der Zyklus selbst ist unspektakulär — die Konstruktion steckt ganz in der Bedienschnittstelle davor.
- 6
Folge für die Treffpunktlage
Weil Korn und Kimme auf der Aufziehplatte sitzen, hängt die Visierlinie an einem Bauteil, das bei jedem Ladevorgang bewegt und wieder eingerastet wird. Bei der Zustandsbeurteilung ist deshalb zuerst das Spiel dieser Platte in ihrer Rast zu prüfen. Ob sich daraus in der Erprobung ein messbarer Streuungsnachteil ergab, ist in den ausgewerteten Quellen nicht dokumentiert.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verschlussruhelage: Die Schließfeder presst den Verschluss gegen den feststehenden Lauf. Verriegelt ist nichts — es hält allein die Masse.
- 2 Schuss: Der Gasdruck treibt Geschoss und Hülse auseinander. Der Verschluss beginnt zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Trägheit aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
- 3 Rücklauf: Erst nach dem Druckabfall öffnet der Verschluss weit, wirft die Hülse aus und spannt die Feder.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Dreyse M1907
Rheinische Metallwaaren- und Maschinenfabrik, Abt. Sömmerda · Deutschland (Sömmerda) · 1907- System
- Unverriegelter Masseverschluss über dem Lauf, 7,65 mm Browning, Schlagbolzenschloss, Spannanzeige
- Unterschied
- Dieselbe Grundanordnung, dieselbe Hand — aber die kleinere Patrone kommt ohne Sonderbauteile aus. Die M1907 wurde von Polizeibehörden eingeführt und über Jahre in Serie gefertigt (die Stückzahl ist im Register noch nicht belegt), die M1910 kam über etwa 500 Stück nicht hinaus. Der Unterschied liegt nicht in der Sorgfalt, sondern in der Patrone.
- Befund
- Das aufschlussreichste Paar des Standorts: zweimal dasselbe System, einmal diesseits und einmal jenseits der Leistungsgrenze des Masseverschlusses.
Pistole 08
DWM, Gewehrfabrik Erfurt · Deutschland · 1908- System
- Kniegelenkverschluss, verriegelter Rückstoßlader, 9 mm Parabellum
- Unterschied
- Die eingeführte Ordonnanzwaffe für dieselbe Patrone löst das Problem durch Verriegelung statt durch Federkraft. Die M1910 wollte dasselbe Kaliber mit dem einfacheren, billigeren System erreichen und musste dafür eine Bedienungserschwernis in Kauf nehmen.
- Befund
- Der Maßstab, an dem die M1910 1913 gemessen wurde — und scheiterte.
Walther PP
Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1929- System
- Masseverschluss, Spannabzug, Entspannhebel, Ladeanzeige, 7,65 mm Browning (in der Regel)
- Unterschied
- Die spätere Thüringer Antwort auf dieselbe Frage lautet umgekehrt: Der Masseverschluss bleibt, aber das Kaliber bleibt klein — und die Entwicklungsarbeit steckt in Abzug, Sicherung und Zustandsanzeige statt in einer Hilfsmechanik zum Durchladen.
- Befund
- Zeigt, dass der eigentliche Fortschritt bei Masseverschlusspistolen nicht über das Kaliber lief. Die M1910 markiert die Sackgasse, die PP den gangbaren Weg.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Verschlussfeder als Bedienungsproblem
Die Federkraft, die den Masseverschluss für 9 mm Parabellum brauchbar machen sollte, ist so hoch, dass ein Durchladen von Hand ohne die Aufziehplatte praktisch nicht möglich ist. Die Waffe braucht damit ein zusätzliches Bauteil allein zur Bedienung — ein konstruktiver Umweg, den verriegelte Systeme nicht kennen.
gesichert
-
Visierung auf beweglichem Bauteil
Korn und Kimme sitzen auf der Aufziehplatte. Jede Abnutzung der Rast wirkt unmittelbar auf die Visierlinie. Ein messbarer Streuungsnachteil ist damit konstruktiv angelegt, in den ausgewerteten Quellen aber nicht beziffert.
plausibel
-
Fertigung nicht beherrscht
Nach mehreren tausend angekündigten Bestellungen entstanden nur etwa 500 Stück. Das Werk konnte 1913 keine nennenswerte Zahl funktionsfähiger Waffen liefern; die Gewehr-Prüfungskommission stufte die Konstruktion daraufhin als nicht kriegsbrauchbar ein. Ob Ursache primär die Toleranzlage der Einzelteile oder die Fertigungsorganisation war, ist offen.
plausibel
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Mängel in der Polizeierprobung
In der preußischen Erprobung (Dezember 1910 und März 1911) löste sich die Auswerferschraube unter Rückstoß. Die daraufhin geänderte Ausführung erhielt sechs statt vier Züge, ein erhöhtes Korn, einen verbreiterten Abzug, neu ausgelegte Stifte sowie verstärkte Magazinwände und eine stärkere Magazinfeder; die Auswerferschraube entfiel.
plausibel
Verwendung
- Erprobung durch preußische Polizeibehörden 1910–1912, Beschaffung empfohlen
- Interesse preußischer Grenzzoll- und Landespolizeidienststellen
- 1913 in der militärischen Bewertung als nicht kriegsbrauchbar abgelehnt
- Restbestände gelangten im Ersten Weltkrieg vereinzelt in den Truppengebrauch