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Technik · Fertigungsverfahren

Munitionsfertigung

Wie eine Patronenhülse entsteht — und warum sie das anspruchsvollste Massenteil der Waffentechnik ist

plausibel

Dieses Register behandelt an anderer Stelle das Fertigungsverfahren als Datierungsmerkmal — Zerspanen, Schmieden, Blechpressen. Das ist die Welt des Waffenbaus: Stückzahlen in Hunderttausenden, Toleranzen in Hundertsteln, Facharbeit an der Maschine. Die Munitionsfertigung ist eine andere Welt. Sie rechnet in Milliarden, ihr Grundverfahren ist die Umformung, und ihr wichtigstes Erzeugnis ist ein Wegwerfteil, das trotzdem präziser sein muss als das meiste, was in der Waffe verbaut ist.

Der Untersuchungsraum dieses Registers hat dafür einen eigenen Betrieb: die Polte-Werke in Magdeburg. Waffenbau und Munitionsbau sind zwei Industrien; die zweite hatte ihr mitteldeutsches Zentrum nicht im Thüringer Wald, sondern an der Elbe — mit einem Zweigwerk allerdings in Rudisleben bei Arnstadt, also mitten im Kernraum.

Warum die Hülse das schwierigste Massenteil ist

Die Hülse hat zwei Aufgaben, die einander ausschließen.

Erstens: abdichten. Im Augenblick der Zündung steigt der Gasdruck binnen weniger Zehntelmillisekunden an. Die Hülse weitet sich elastisch-plastisch auf, legt sich an die Wand des Patronenlagers und verschließt den Spalt zwischen Lauf und Verschlussstück. Der deutsche Fachbegriff dafür ist Liderung, international spricht man von Obturation. Ohne sie träten die Gase nach hinten aus — der Verschluss müsste die Abdichtung selbst übernehmen. Genau daran litten die frühen Hinterlader: Das Dreyse-Zündnadelgewehr blies am Kammerspalt, das Chassepot behalf sich mit einem Gummiliderungsring, der verschliss. (Der Vorderlader kannte das Problem nicht — sein Laufende ist durch die eingeschraubte Schwanzschraube fest verschlossen; er hatte dafür jeden anderen Nachteil.) Die gezogene Metallhülse hat diese Aufgabe von der Mechanik auf ein Verbrauchsteil verlagert, und das ist ihr eigentlicher konstruktiver Rang.

Zweitens: sich wieder lösen. Sobald der Druck fällt, muss die Hülse zurückfedern, damit der Auszieher sie aus dem Lager holen kann. Bleibt sie an der Wand kleben, klemmt sie; reißt sie dabei, bleibt der Hülsenkörper im Lager stehen und die Waffe ist ohne Werkzeug nicht mehr bedienbar. Dieses Rückfederungsverhalten ist keine Nebeneigenschaft des Werkstoffs, sondern der eigentliche Grund für die Wahl von Messing.

Die Größenordnung: Für 9 × 19 mm setzt die C.I.P. einen Höchstgebrauchsgasdruck von 2.350 bar an. Militärische Gewehrpatronen liegen deutlich darüber, in der Größenordnung des Anderthalb- bis Doppelten. Ein Bauteil aus 0,3 bis 0,5 mm Wandstärke hält diesen Druck, verformt sich dabei kontrolliert und geht anschließend so weit zurück, dass ein Auszieherkrallenzug von wenigen Newton genügt.

Der Gefügegradient

Daraus folgt die eigentliche Besonderheit: Die Hülse braucht an verschiedenen Stellen verschiedene Werkstoffeigenschaften.

ZoneAnforderungZustand nach der Fertigung
Boden und Bodenrandmuss den vollen Druck tragen, darf sich nicht stauchenhart, kaltverfestigt, ungeglüht
Hülsenkörpermuss sich anlegen und zurückfedernmittlere Festigkeit
Schulter und Halsmuss das Geschoss halten und beim Laden nachgebenweich, spannungsarm geglüht

Kein anderes Massenteil der Waffentechnik trägt einen so bewusst hergestellten Härteunterschied über wenige Zentimeter Länge. Er entsteht nicht durch nachträgliches Härten, sondern dadurch, dass die Kaltverfestigung aus den Ziehstufen am Boden erhalten und am Hals gezielt wieder weggeglüht wird. Wer das verstanden hat, versteht auch, warum die Verfahrensfolge so aussieht, wie sie aussieht.

Der Weg vom Blechband zur Hülse

Die Reihenfolge ist seit über hundert Jahren im Kern dieselbe. Die Bezeichnungen folgen der deutschen Umformtechnik; in Klammern der gebräuchliche englische Begriff.

  1. Ausschneiden. Aus dem Messingband werden Ronden (blanks) gestanzt. Das Band selbst ist bereits auf Legierung und Korngröße eingestellt — die Vorgeschichte des Werkstoffs entscheidet mit über das spätere Rückfederungsverhalten.
  2. Napfziehen (cupping). Die Ronde wird zum flachen Napf mit geschlossenem Boden tiefgezogen. Das Ziehverhältnis — Rondendurchmesser zu Stempeldurchmesser — liegt in der Umformliteratur bei etwa 2,2 und lässt sich unter günstigen Bedingungen auf etwa 2,4 steigern.
  3. Abstreckziehen (drawing) in mehreren Zügen. Der Napf wird über einen Stempel durch enger werdende Ringe gedrückt; die Wand wird dünner, die Länge wächst. Zwei bis vier Züge sind üblich.
  4. Zwischenglühen und Beizen. Nach jedem Zug ist der Werkstoff kaltverfestigt und würde beim nächsten reißen. Er wird rekristallisierend geglüht, anschließend gebeizt und gewaschen, weil das Glühen Zunder und das Ziehen Schmierstoff hinterlässt. Klassisch wird 70/30-Messing nach etwa 30 Prozent Querschnittsabnahme geglüht.
  5. Beschneiden (pinch trim). Der ungleichmäßig hochgezogene Rand wird abgetrennt.
  6. Bodenstauchen (heading). Der entscheidende Hub: Das geschlossene Napfende wird in einem Gesenk gestaucht. In diesem einen Vorgang entstehen gleichzeitig die verdickte Bodenmasse, das Zündhütchenlager, bei Berdan-Hülsen der angeformte Amboss — und der Bodenstempel, der als Prägung im Gesenk sitzt.
  7. Ausziehrille und Bodenrand. Rille beziehungsweise Rand werden überdreht.
  8. Formen von Körperkonus, Schulter und Hals in zwei bis drei Stufen.
  9. Ablängen auf Endmaß, entgraten.
  10. Zündloch stanzen. Ein zentrales Loch beim Boxer-System, zwei seitliche beim Berdan-System.
  11. Halsglühen (mouth and neck anneal), heute meist induktiv, früher im Flammenband. Das ist zugleich Spannungsarmglühen — dazu unten mehr.
  12. Waschen, Beizen, Passivieren, bei Stahlhülsen zusätzlich Phosphatieren und Lackieren.

Ein einzelner Durchgang aus Tiefziehen und Abstreckgleitziehen bringt nach der Umformliteratur ein Längen-Durchmesser-Verhältnis von etwa 3 : 1; zwei Durchgänge mit Zwischenglühen dazwischen erreichen etwa 9 : 1. Eine Gewehrpatronenhülse liegt jenseits dessen, was ein Durchgang liefert — das erklärt, warum das Zwischenglühen die Taktgröße der ganzen Fertigung bestimmt.

Nicht zu weit gezogen. Dieselbe Quelle hält ausdrücklich fest, dass eine Querschnittsabnahme von 70 bis 80 Prozent auch ohne Zwischenglühen möglich ist und die verbreitete 30-Prozent-Regel eine Werkstattfaustregel ist, keine physikalische Grenze. Die Aussage lautet deshalb nicht „ohne Glühen unmöglich”, sondern: mit der klassischen Prozessführung nicht in einem Zug erreichbar.

Zwei Folgerungen für die Beurteilung am Objekt

Der Bodenstempel ist Teil der Umformung, nicht eine Beschriftung. Er entsteht im Stauchgesenk, während der Werkstoff fließt. Daraus folgt — als Schluss aus dem Verfahren, nicht als Quellenaussage —, dass ein nachträglich eingeschlagener Stempel ein anderes Bild abgibt: verdrängtes Material am Rand der Zeichen, Aufwölbung, fehlende Einbettung in den umgebenden Materialfluss. Wer Bodenstempel prüft, prüft in erster Linie, ob die Zeichen aus dem Boden kommen oder auf ihm liegen.

Glühfarben am Hals sind kein Mangel. Das Halsglühen hinterlässt Anlassfarben. In der zivilen Fertigung werden sie oft weggeputzt, in der Militärfertigung häufig nicht. Ein Farbverlauf am Hülsenhals ist deshalb regelmäßig ein Fertigungsmerkmal und kein Hinweis auf Hitzeeinwirkung, Brand oder Wiederladen.

Saisonrissigkeit — der Grund für das Spannungsarmglühen

Kaltumgeformtes Messing steht unter Eigenspannung. Zusammen mit Ammoniak, Ammonium-, Nitrat-, Karbonat- oder Schwefelverbindungen führt das zu Spannungsrisskorrosion; besonders empfindlich sind zinkreiche Legierungen. Der klassische Schadensfall der Werkstoffkunde sind gerissene Patronenhülsen in britischen Beständen in Indien: In der Monsunzeit eingelagerte Munition riss auf, weil in den Stallungen Ammoniak aus Pferdeurin und Stallmist auf die Eigenspannung der kaltgezogenen Hülsen traf — daher der Name season cracking (Saisonrissigkeit). Die Risse traten bevorzugt an der Würgestelle zwischen Hülsenmund und Geschoss auf. Aufgeklärt wurde der Zusammenhang 1921 durch Moor, Beckinsale und Mallinson; wann die Schadensfälle selbst auftraten, geben die hier ausgewerteten Darstellungen nicht an.

Für die Praxis: Feine Längsrisse an Hals und Schulter alter Lagermunition sind nicht zwangsläufig Alterungsschwund, sondern typischerweise Spannungsrisskorrosion. Sie treten bevorzugt dort auf, wo die Umformung die höchste Restspannung hinterlassen hat. Fundmunition mit solchen Rissen ist keine Munition mehr, sondern ein Objekt.

Polte: das Ziehverfahren als Geschäftsmodell

Der Betrieb geht auf eine 1873 gegründete Metallgießerei und Armaturenfabrik zurück. Eugen Polte (1849–1911), zuvor Chefingenieur im Grusonwerk, übernahm sie 1885 mit Rückendeckung des Unternehmers Rudolf Wolf; 1887 folgte der Handelsregistereintrag als Armaturenfabrik Polte.

Poltes Beitrag lag nicht in der Ballistik, sondern in der Umformung und in der Automatisierung: Er entwickelte das bis dahin verwendete Ziehverfahren zu einem Kugelwalzverfahren weiter, bei dem Walzkugeln die Messingrohre umformten, und führte eine selbsttätige Zuführung der Werkstücke zu den Maschinen ein. Der zweite Punkt ist vermutlich der wichtigere: Eine Hülsenfertigung besteht aus einer langen Kette von Pressen, Glühöfen und Beizbädern. Wer den Transport zwischen den Stufen automatisiert, hebt den Durchsatz der ganzen Kette, nicht nur einer Stufe.

Was hier nicht steht. Was das Kugelwalzverfahren konstruktiv genau leistete — ob es das Abstreckziehen ersetzte, ergänzte oder nur die Rohrvorstufe betraf —, geht aus den zugänglichen Darstellungen nicht hervor. Es wurde für diesen Eintrag kein Polte-Patent im Original eingesehen. Die im Auftrag vermutete Existenz von „Polte-Patenten für Ziehverfahren” ist plausibel, hier aber nicht belegt. Der Bestand liegt im Landesarchiv Sachsen-Anhalt und ist über die Deutsche Digitale Bibliothek nachgewiesen; die Auswertung steht aus.

Der Durchbruch zum Großbetrieb kam 1889 mit einem Auftrag des preußischen Kriegsministeriums über Patronenhülsen im Kaliber 7,92 × 57 mm — und zwar für das damals neu eingeführte Armeegewehr 88, nicht für das Gewehr 98. Der Auftrag liegt neun Jahre vor dessen Einführung. Geliefert wurden Hülsen für die Patrone 88, und dass dieselbe Hülsenfamilie später auch das Gewehr 98 versorgte, ist eine Folge, keine Vorgeschichte.

Die Menge ist dagegen ungeklärt und schwankt in den Quellen um den Faktor tausend: Die Wikipedia-Darstellung nennt 40 Millionen Patronenhülsen, die Sudenburg-Chronik für dasselbe Jahr 40.000 Patronenhülsen. Beide sprechen von Hülsen, nicht von fertigen Patronen. Welche Zahl stimmt, ist ohne den Archivbestand nicht zu entscheiden. Der Betrieb zählte 1887 siebzig Beschäftigte und wuchs in den drei Jahren nach dem Auftrag auf rund 700 — dieser Sprung wird von beiden Lesarten nur unvollständig erklärt und ist hier ausdrücklich nicht aufgelöst.

Die Betriebsgröße im Zeitverlauf zeigt, wie unmittelbar dieser Industriezweig an der Rüstungskonjunktur hing:

ZeitpunktBeschäftigte
1885 (Übernahme)23
188770
um 1890rund 700
1914rund 4.000
1916/1918 (Höchststand)rund 12.000, darunter rund 9.000 Frauen
1919rund 250
1934 (Magdeburger Werke)rund 7.000
1945 (Konzern insgesamt)rund 30.000, etwa die Hälfte in vier Magdeburger Werken

Zwei Anmerkungen zur Tabelle. Der Frauenanteil von rund drei Vierteln im Ersten Weltkrieg ist kein Randdatum, sondern die Bestätigung des oben beschriebenen Verfahrens: Hülsenfertigung ist angelernte Bedienarbeit an Pressenstraßen, und genau deshalb war sie kurzfristig mit einer Belegschaft zu besetzen, die vorher nicht in der Metallindustrie gearbeitet hatte. Und der Betrieb war 1914 nach der Sudenburg-Chronik „bereits einer der größten Munitionsproduzenten Europas” — die in Sammlerdarstellungen kursierende Formel von der größten Munitionsfabrik des Deutschen Reichs findet in den hier ausgewerteten Quellen keine Stütze und wird nicht übernommen.

Der Absturz von 12.000 auf 250 ist der schärfste Ausschlag, den dieses Register bei einem Betrieb verzeichnet — und die Erklärung dafür, warum die deutsche Munitionsfertigung der Zwischenkriegszeit in Tarnstrukturen und verschlüsselten Kennzeichen arbeitete. Das aus Polte stammende Kürzel P wurde dabei als Bestandteil der Herstellercodes auch von anderen Fertigern weitergeführt (siehe unten).

Die „Poltepatrone” — 7,92 × 33 mm

Der engste Berührungspunkt zwischen der Magdeburger Munitionsfertigung und dem Thüringer Waffenbau ist eine Patrone. Die Maschinen-Karabiner-Patrone „S” (später Pistolenpatrone 43 m. E. beziehungsweise Kurzpatrone 43 m. E.) im Kaliber 7,92 × 33 mm war umgangssprachlich als „Poltepatrone” bekannt. Sie entstand bei Polte in Magdeburg im Auftrag des Heereswaffenamts; nach vom Amt vorgegebenen Änderungen an Geschoss-, Patronenform und Herstellungsverfahren ging sie 1942 in Massenfertigung und wurde zur Standardpatrone des Sturmgewehrs 44 von Haenel in Suhl.

Die Entwicklungsgeschichte geben die Quellen unterschiedlich wieder: Die eine Darstellung setzt 1938 mit einem Entwurf 7,92 × 30 mm an, der über zahlreiche Versuche 1941 zur 7,92 × 33 mm führte; die andere nennt eine Polte-Entwicklung von 1939 mit noch 45 mm Hülsenlänge (7,9 × 45 mm). Beide führen die Urheberschaft auf Polte zurück; die Zwischenschritte sind hier nicht auflösbar.

Fertigungstechnisch ist sie das Musterstück dieses Eintrags. Die Hülse besteht aus Stahl mit niedrigem Kohlenstoffgehalt und ist gegen Rost tauchlackiert — Messing galt als Sparstoff. Und weil Stahl weniger elastisch ist als Messing, also schlechter zurückfedert, wurde die Hülse stark konisch ausgeführt: Der Konus verringert den Ausziehwiderstand und ersetzt damit einen Teil dessen, was die Messinghülse über ihre Rückfederung leistet. Genau diese Kegelform zwingt das Magazin des StG 44 in seine charakteristische Krümmung. Vom Werkstoff über die Hülsenform bis zur Magazinkontur läuft hier eine einzige Kausalkette — und sie beginnt bei einer Werkstoffeigenschaft, nicht bei einer Konstrukteursentscheidung.

Das Geschoss ist ein Stahlmantelgeschoss mit Stahlkern und Bleifüllung, die Manteloberfläche mit Tombak oder Kupfernickel plattiert. Damit sitzt in einer einzigen Patrone beides nebeneinander, was oben getrennt behandelt wurde: lackierte Stahlhülse als Kupfersparmaßnahme und Tombak als Plattierwerkstoff des Geschossmantels, nicht der Hülse.

Für die Objektkunde ist das die wichtigste Einzelverbindung dieses Eintrags: Der Waffenkonstrukteur des StG 44 saß in Suhl, die Patrone, an der sich die Gattung Sturmgewehr überhaupt erst definiert, kam aus Magdeburg. Zur Einordnung der Patronenklasse siehe Patronenklassen.

Zwangsarbeit in der Polte-Fertigung

Die Hülsenfertigung ist Schichtarbeit an Pressen, Drehbänken und Glühöfen. Sie ist arbeitsintensiv, kurz anzulernen und über weite Strecken nicht auf Facharbeit angewiesen. Genau diese Struktur machte den Betrieb zum Großverwerter von Zwangsarbeit. Das gehört in einen Text über Munitionsfertigung nicht als Anhang, sondern als Teil der Verfahrensbeschreibung: Die Verfahren, die oben in zwölf Punkten stehen, wurden ab 1943 zu erheblichen Teilen von Menschen ausgeführt, die dazu gezwungen waren.

Die belastbarste Zahl stammt aus dem Konzern selbst: Das für Planung und Koordinierung des Häftlingseinsatzes zuständige Geschäftsleitungsmitglied Pritzelwitz meldete im November 1944, er habe „durch die Schaffung von Unterbringungsmöglichkeiten für rund 5.600 Häftlinge die Grundlage für weitere Leistungssteigerungen im Infanterie- und Flakprogramm gegeben”. Gemessen an rund 30.000 Beschäftigten des Konzerns bei Kriegsende sind das etwa ein Fünftel — und darin sind zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die es an allen Standorten zusätzlich gab, noch nicht enthalten. Eine belegte Gesamtquote unfreier Arbeit liegt für den Konzern nicht vor.

Korrigierte Angabe. Eine frühere Fassung dieses Eintrags sprach von „etwa der Hälfte der Gesamtbelegschaft”. Das beruhte auf einer Fehllesung der Quelle: Dort heißt es, von rund 30.000 Beschäftigten hätten etwa die Hälfte in vier Fabriken in Magdeburg gearbeitet — eine Aussage über die Standortverteilung, nicht über den Status der Beschäftigten.

Polte unterhielt Außenlager an sechs Standorten: Magdeburg-Stadtfeld (je ein Frauen- und ein Männerlager), Duderstadt, Genthin, Grüneberg, Seehausen sowie Rudisleben bei Arnstadt.

Magdeburg-Stadtfeld, Liebknechtstraße

Am Stammwerk bestanden zwei getrennte Lager. Das Frauenlager — Außenlager des KZ Ravensbrück — wurde am 14. Juni 1944 eingerichtet und hielt bis zu 3.000 Häftlinge; anfangs überwiegend nichtjüdische russische und polnische Frauen, ab November 1944 osteuropäische Jüdinnen aus Riga-Kaiserwald, Auschwitz, Stutthof und Ravensbrück. Das Männerlager — Außenlager des KZ Buchenwald — kam erst am 3. November 1944 hinzu. Beide wurden am 13. April 1945 geräumt. Die Gedenkstätte spricht von insgesamt über 3.600 Häftlingen aus elf Nationen.

Zur Zahl der Männer weichen die Quellen ab: Die Landeshauptstadt Magdeburg nennt rund 600, die Gedenkstätte Buchenwald „über 700” — was zu deren eigener Aufstellung der Zugänge passt (500 + 100 + 130 = 730). Der Text folgt hier der Buchenwalder Zählung.

Zum Männerlager ist die Überlieferung genauer; insgesamt durchliefen es über 700 Häftlinge. Am 3. November 1944 trafen 500 jüdische Häftlinge aus dem KZ Stutthof ein, von Werksvertretern persönlich im Lager bei Danzig ausgewählt. Die größte Gruppe stellten lettische Juden, daneben Häftlinge aus Polen, Litauen, der Tschechoslowakei, Deutschland, Österreich, Frankreich und Estland. Im Januar 1945 kamen 100 ungarische Juden hinzu, im März 1945 130 Männer aus Langenstein-Zwieberge. Der jüngste Häftling war zwölf Jahre alt. Gearbeitet wurde in Zwölfstundenschichten an Drehbänken und Pressen — an eben den Maschinen, deren Ablauf oben beschrieben ist. Für anerkannte Facharbeiter entrichtete das Werk einen Tagessatz von sechs Reichsmark; nicht an die Häftlinge. Bis März 1945 sind mindestens elf Todesfälle dokumentiert, amtlich überwiegend als Herzerkrankungen ausgewiesen — die Totenscheine unterzeichnete der Betriebsarzt der Polte-Werke. Der 21-jährige Hans Leiser aus Köln starb im Januar 1945 an einem Schädelbruch, den Folgen eines Unfalls im Rüstungswerk.

Am 11. April 1945 setzte sich ein Teil der SS-Wachmannschaft ab; am 13. April trieben SS und Magdeburger Volkssturm die verbliebenen Männer und Frauen über die Elbe zum Sportstadion „Neue Welt”, wo sie zusätzlich unter amerikanischen Artilleriebeschuss gerieten. Auf alle, die sich in Sicherheit zu bringen versuchten, wurde geschossen; die Zahl der Opfer ist unbekannt. Der Weitertransport ging für die Männer nach Sachsenhausen, für die Frauen nach Ravensbrück. Von den rund 3.000 Frauen erreichten nach Angaben der Landeshauptstadt Magdeburg nur etwa 600 Ravensbrück lebend. Das steinerne Eingangstor des Lagers dient seit den 1980er Jahren als Mahnmal, wurde 2008 um eine Gedenktafel ergänzt und 2020 neu gestaltet; an der Berliner Chaussee erinnert ein Gedenkstein an die Toten im Stadion „Neue Welt”.

Duderstadt

Am 4. November 1944 traf der einzige große Transport ein: 750 jüdische Frauen aus Bergen-Belsen, fast ausschließlich Ungarinnen, im Frühjahr 1944 mit ihren Familien nach Auschwitz deportiert und dort bei der Selektion als arbeitsfähig eingestuft. Insgesamt durchliefen 755 Häftlinge das Lager. Untergebracht waren sie im drahtumzäunten „Lager Steinhoff” auf dem Gelände einer früheren Möbelfabrik unmittelbar am Werk; gearbeitet wurde täglich zwölf Stunden an Fliegermunition. In den fünf Monaten des Lagerbestehens starben vier Frauen sowie ein im Januar 1945 im Lager geborenes Kind. Anfang April 1945 wurden die Überlebenden in einem dreiwöchigen Bahntransport nach Theresienstadt gebracht; die Angaben zu den Toten unterwegs schwanken zwischen sieben und 28.

Grüneberg, Genthin, Rudisleben

Das erste Außenlager der Polte-Werke entstand bereits im Juni 1943 bei der Silva Metallwerk GmbH in Grüneberg (Löwenberger Land, Nordbahn — nicht Grünberg in Schlesien, mit dem der Ort in angelsächsischen Codelisten regelmäßig verwechselt wird). Es war ein Außenlager des KZ Ravensbrück, in dem 1.800 Frauen Zwangsarbeit in der Munitionsfertigung leisten mussten. Die dortige Betriebsstätte hatte Polte am 8. April 1931 über die Tochter Grüneberger Metallgesellschaft mbH übernommen; ab 1934 kam ein reichseigenes Werk hinzu, das Polte im Auftrag des Oberkommandos des Heeres aus Geheimhaltungsgründen unter dem Decknamen Silva Metallwerk GmbH betrieb.

In Genthin — ebenfalls ein Silva-Werk, ab 1934 — wurden ab 1938 deutsche und österreichische Frauen zum Pflichtarbeitsdienst herangezogen; ab 1939 bestand ein Lager für Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten, später ein abgetrenntes Außenlager des KZ Ravensbrück. Die Gedenkstätte Genthin-Wald nennt über 2.000 Menschen, die dort im Barackenlager und im KZ-Außenlager festgehalten und zur Arbeit in der Munitionsfabrik gezwungen wurden.

Für dieses Register besonders einschlägig ist Rudisleben bei Arnstadt, wo Polte 1938 ein Werk errichtete. Dort bestanden mehrere Außenkommandos des KZ Buchenwald; rund 3.000 überwiegend sowjetische und polnische Häftlinge und Zwangsarbeiter waren bei drei örtlichen Betrieben eingesetzt, darunter zwei Polte-Werke („Polte I” und „Polte II”). Damit reicht der Zwangsarbeitskomplex der Magdeburger Munitionsfertigung unmittelbar in den thüringischen Kernraum dieses Registers hinein — siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.

Werkstoffe

Messing — und die Frage, wo Tombak anfängt

Der Standardwerkstoff ist eine Kupfer-Zink-Legierung mit rund 70 bis 72 Prozent Kupfer. Zwei benachbarte Sorten stehen dabei nebeneinander und werden häufig verwechselt: Ms 70 (CuZn30), das Wikipedia als „Kartuschmessing” führt und das der amerikanischen cartridge brass C260 (70/30) entspricht, und Ms 72 (CuZn28), das die deutsche Hülsenliteratur nennt. Beide liefern die Kombination, auf die es ankommt: hohe Umformbarkeit im Ziehprozess und ausgeprägte Rückfederung nach der Aufweitung. Wer eine der beiden Bezeichnungen im Gutachten führt, sollte sie nicht mit der anderen gleichsetzen — 70/30 ist nicht 72/28.

Zum Begriff Tombak ist eine Präzisierung nötig, weil er in Sammlerkreisen häufig als Synonym für Hülsenmessing verwendet wird. Tombak bezeichnet kupferreiche Messingsorten; die Abgrenzungsgrenze wird in der Literatur bei über 67 Prozent Kupfer gezogen, mit den Sorten Gelbtombak (etwa 72 Prozent), Mittel- oder Goldtombak (etwa 85 Prozent) und Rottombak (etwa 90 Prozent). Im Munitionsbau ist Tombak vor allem der Werkstoff der Geschossmäntel und der Plattierung von Stahlteilen.

Die Konsequenz ist unbequem: Hülsenmessing mit 72 Prozent Kupfer trifft genau den Wert, den die Literatur für Gelbtombak angibt. „Messinghülse” und „Tombakhülse” sind daher nicht schlicht falsch gegeneinander — aber wer im Gutachten „Tombak” schreibt, sollte die Kupferzahl mitliefern, sonst ist unklar, ob von der Hülse oder vom Geschossmantel die Rede ist.

Stahl, lackiert und plattiert

Kupfer war in beiden Weltkriegen ein Mangelwerkstoff. Die deutsche Fertigung wich auf Stahlhülsen aus, die phosphatiert und lackiert wurden — die Lackschicht wirkt als Korrosionsschutz und zugleich als Trennschicht im Patronenlager. Der Werkstoff steht im Bodenstempel:

KürzelBedeutung
SMessing, 67 Prozent Kupfer
S*Messing, 72 Prozent Kupfer (Stern fünf- oder sechszackig)
StStahl
St+verstärkter Stahl

Stahl federt anders zurück als Messing und hat die geringere Bruchdehnung; die Hülse dichtet weniger gutmütig ab und neigt eher zum Klemmen. Das ist Literaturstandard, hier nicht messtechnisch belegt. Anders als der westliche Markt hat der östliche die Stahlhülse nie aufgegeben: Sowjetunion und Nachfolgestaaten, aber ebenso China, die Tschechoslowakei, Polen, Rumänien und Jugoslawien beziehungsweise Serbien haben sie in Großserie weitergeführt — lackiert und in tombakplattierten Ausführungen. Für dieses Register betrifft das die Munition der MPi K und MPi KM sowie der MPi AK-74N: DDR-Bestände in 7,62 × 39 mm und 5,45 × 39 mm sind überwiegend Stahlhülsenmunition mit Berdan-Zündung.

Aluminium

Aluminiumhülsen sind eine zivile Kostenlösung. CCI führte 1981 die Blazer-Linie für Kurzwaffen ein. Die Gewichtsersparnis ist erheblich: Eine 9-×-19-Aluminiumhülse wiegt etwa 35 bis 40 Prozent einer gleich großen Messinghülse, die komplette Patrone rund 20 bis 25 Prozent weniger.

Der Preis dafür liegt genau bei der Eigenschaft, um die es in diesem Text geht: Aluminium ist weicher und weniger elastisch, bleibt nach der Aufweitung stärker verformt und federt weniger zurück. Daraus folgen erhöhte Neigung zum Klemmen und im Grenzfall der Hülsenabriss, bei dem der Boden abreißt und der Körper im Lager stehen bleibt. Aluminiumhülsen tragen deshalb regelmäßig die Kennzeichnung NRnon-reloadable. Als militärischer Standardwerkstoff für Handwaffenmunition hat sich Aluminium nie durchgesetzt.

Ohne Hülsenboden gedacht: Randfeuer

Der Vollständigkeit halber: Bei der Randfeuerpatrone sitzt der Zündsatz im ausgestauchten Hülsenrand, es gibt kein eigenes Zündelement. Das spart im Bodenstauchen sämtliche Schritte für Zündhütchenlager, Amboss und Zündloch — der Grund, warum Randfeuermunition so billig ist und warum sie nicht wiedergeladen werden kann. Zur Abgrenzung des Begriffs „Kleinkaliber”, der ausschließlich für dieses Feld reserviert ist, siehe Patronenklassen.

Zündhütchensysteme: Berdan gegen Boxer

Der Unterschied ist einer der lehrreichsten Fälle der Waffentechnik, weil er zeigt, wie eine Detailentscheidung im Umformwerkzeug ein ganzes Wiederladewesen prägt.

MerkmalBerdanBoxer
Ambossam Hülsenboden angeformt, entsteht im BodenstauchenTeil des Zündhütchens, ein eingelegtes Blechteil
Zündkanälezwei (teils mehr), seitlich des Ambosseseiner, zentral
ErfinderHiram Berdan (USA), Patent 1866Edward Mounier Boxer (Großbritannien), Patent 1866
Durchgesetzt inEuropa, Sowjetunion und Nachfolgestaaten, AsienUSA, ziviler Weltmarkt
Hülsenwerkzeugaufwendiger (Amboss im Stauchgesenk)einfacher
Zündhütcheneinfacher (Napf, Satz, Abdeckung)aufwendiger (zusätzlich Amboss)
Entkapselnnicht durch das Zündloch möglich — Hebel- oder Hydraulikwerkzeug nötigAustreiben durch das zentrale Zündloch

Die Ironie ist bekannt und wird in der Literatur regelmäßig hervorgehoben: Das Berdan-System stammt von einem Amerikaner und setzte sich in Europa durch, das Boxer-System von einem Briten und setzte sich in Amerika durch.

Warum das so kam — und was daran Erklärung, was Erzählung ist

Die geläufige Erklärung lautet: Europäische Munitionsfertigung war staatlich beauftragte Massenfertigung für Streitkräfte. Dort zählt der Stückpreis der Patrone, und Patronenhülsen waren Verbrauchsgut, nicht Halbzeug. Das einfachere, weil ambosslose Zündhütchen schlägt in Milliardenstückzahlen durch; dass die Hülse dadurch schwerer wiederzuladen ist, spielt für einen Auftraggeber keine Rolle, der sie nicht wiederladen will. In den Vereinigten Staaten dagegen war der zivile Markt mit verbreitetem Selbstladen der Munition prägend, und dort ist die wiederverwendbare Hülse der Wert, den man kauft.

Diese Erklärung ist schlüssig, und sie ist der Literaturstandard. Sie ist hier aber nicht primärbelegt: Eine zeitgenössische Beschaffungsentscheidung oder Kostenrechnung, die genau so argumentiert, konnte für diesen Eintrag nicht beigebracht werden. Wer sie zitiert, zitiert eine plausible Rekonstruktion.

Ein zweiter Punkt wird häufig verdreht. Die schlechte Wiederladbarkeit ist eine Folge der Bauart und nicht ihr Zweck: Berdan-Hülsen sind nicht so konstruiert, um das Wiederladen zu verhindern, sondern weil das Zündhütchen billiger wird.

Praktische Folgen

  • Entkapseln. Der übliche Ausstoßdorn zerstört die Berdan-Hülse, weil er auf den angeformten Amboss trifft. Nötig sind Hebelentkapsler, die unter den Zündhütchenrand greifen, oder hydraulische Verfahren.
  • Amboss als Verschleißteil. Weil der Amboss zur Hülse gehört, wird er bei jedem Schuss vom Schlagbolzen über das Zündhütchen mitbelastet und verformt sich allmählich. Nach der Wiederladeliteratur zünden Berdan-Hülsen schon nach drei- bis viermaligem Wiederladen mitunter nicht mehr zuverlässig. Das ist eine Schlagbolzen-Schadensfolge, kein Alterungseffekt des Werkstoffs.
  • Uneinheitliche Durchmesser. Berdan-Zündhütchen sind in einer größeren Zahl nicht vereinheitlichter Durchmesser gebräuchlich als Boxer-Zündhütchen — ein zusätzliches praktisches Hindernis.
  • Zündsatz. Für die Beurteilung alter Läufe wichtiger als das Amboss-System: RWS brachte 1928 mit Sinoxid den ersten nichtkorrosiven Zündsatz heraus. Ältere und militärische Munition arbeitete mit korrosiv wirkenden Sätzen, deren hygroskopische Rückstände Laufkorrosion auslösen. Ein Laufbild an einer Waffe der 1930er Jahre ist ohne diese Kenntnis nicht zu bewerten.

Bodenstempel lesen

Der Bodenstempel ist für die Munition, was das Beschusszeichen für die Waffe ist — mit dem Unterschied, dass er nicht staatlich normiert, sondern beschaffungsseitig vorgegeben war.

Das deutsche Vierfelderschema des Zweiten Weltkriegs

PositionInhaltBeispiel
12 UhrFertigungskennzeichen (Herstellercode)aux
3 UhrHülsenwerkstoffS*, St+
6 UhrLosnummer12
9 UhrFertigungsjahr, zweistellig43

Die Codes wechselten zweimal grundlegend. Bis um 1940 waren P-Nummern gebräuchlich. Das führende P geht nach der Sammlerliteratur darauf zurück, dass der Versailler Vertrag die deutsche Munitionsfertigung auf einen einzigen Betrieb — Polte — beschränkte; als die Fertigung ab den 1920er Jahren verdeckt wieder ausgeweitet wurde, blieb das P als Kennungsbestandteil erhalten. Die Nummern bezeichnen deshalb überwiegend Fertiger, die mit Polte nichts zu tun hatten: P25 = Metallwarenfabrik Treuenbritzen, Werk Sebaldushof; P69 = vorm. Sellier & Bellot, Schönebeck/Elbe; P131 = DWM, Werk Berlin-Borsigwalde. Ab 1940/41 galt das System der dreibuchstabigen Fertigungskennzeichen.

Für den Polte-Konzern sind belegt:

CodeWerk
PPolte oHG, Werk Magdeburg
P154Polte oHG, Werk Grüneberg
P345Silva Metallwerke GmbH, Werk Genthin
P414Silva Metallwerke GmbH, Werk Magdeburg-Neustadt
auxPolte-Werk Magdeburg
auyPolte oHG, Werk Grüneberg
auzoHG Polte, Werk Arnstadt (Rudisleben)
htg, thgoHG Polte, Werk Duderstadt

Damit ist Polte zugleich das Lehrstück für die stehende Warnung dieses Registers: Ein Code benennt eine Firma und ein Werk, nicht automatisch einen Ort. Ein Konzern, der neben dem Stammsitz in fünfzehn weiteren Fabriken fertigte, führte entsprechend viele Codes; aux, auy und auz trennen Magdeburg, Grüneberg und Arnstadt, aber nur, wenn man die Werksstruktur kennt. Für dieses Register ist auz der einschlägigste Code des ganzen Konzerns — er steht für Fertigung in Thüringen. Wer aus einem Dreibuchstabencode direkt auf einen Fertigungsort schließt, wiederholt den Fehler, der in den Korrekturen dieses Registers bereits dokumentiert ist.

Was sich daraus datieren lässt — und was nicht

  1. Die Jahreszahl datiert die Hülse, nicht die Patrone und schon gar nicht die Waffe. Hülsen wurden bevorratet, Lose später geladen, Munition jahrelang eingelagert. Eine Hülse mit 43 in einem Magazin sagt über das Fertigungsjahr der Waffe nichts.
  2. Der Werkstoffwechsel datiert grob, nicht scharf. St und St+ weisen auf Kriegsfertigung unter Kupfermangel, aber Stahlhülsen wurden auch vorher erprobt und nachher weiterverwendet. Ein Werkstoffkürzel ist ein Indiz, kein Terminus.
  3. Der Systemwechsel um 1940/41 ist der schärfste Schnitt. P-Nummer bedeutet: vor der Umstellung; Dreibuchstabencode bedeutet: ab der Umstellung. Aber der Übergang war nicht überall sauber — im Register ist mit den Gustloff-Werken ein Fall dokumentiert, in dem für dasselbe Werk parallel eine Ziffern- und eine Buchstabenkennung geführt wurde.
  4. Die Losnummer erlaubt ohne Losbücher keine Feindatierung. Ob und wie weit die Losunterlagen der Polte-Fertigung überliefert sind, ist für diesen Eintrag nicht geprüft worden.
  5. Das Vierfelderschema ist deutsch und zeitgebunden. Sowjetische, tschechoslowakische und spätere DDR-Bodenstempel folgen anderen Konventionen (in der Regel Werksnummer und zweistelliges Jahr). Eine belastbare Systematik dafür ist in der Stempelkunde dieses Registers noch nicht aufgebaut und wird hier bewusst nicht aus dem Gedächtnis ergänzt.

Waffenrechtliche Einordnung

Die folgende Einordnung ist eine grobe Orientierung für die Objektarbeit, keine Rechtsberatung.

  • Abgefeuerte, leere Hülsen ohne Ladung und ohne intaktes Zündelement sind keine Munition im Sinne des Waffengesetzes. Sie sind der Regelfall der Sammlungs- und Gutachtenarbeit und frei handelbar.
  • Wiederladen ist in Deutschland auch im nichtgewerblichen Bereich erlaubnispflichtig: Es bedarf einer Erlaubnis nach § 27 SprengG. Nach § 27 Abs. 1a SprengG gilt eine Erlaubnis zum Laden und Wiederladen von Patronenhülsen zugleich „als Erlaubnis zum Erwerb und Besitz der dabei hergestellten Munition nach § 10 Abs. 3 des Waffengesetzes”. Welche Munition davon erfasst ist, richtet sich damit nach dem Waffengesetz, nicht nach dem SprengG — der Umfang ist hier nicht im Einzelnen geprüft worden.
  • Munitionserwerb im Übrigen setzt den entsprechenden Eintrag auf der waffenrechtlichen Erlaubnis voraus.
  • Kriegswaffenrecht. Die Munition selbst ist von der Waffe zu trennen: Die vollautomatischen Waffen, für die die hier behandelten Kaliber militärisch gefertigt wurden — das StG 44, die MPi K und MPi KM, die MPi AK-74N — unterfallen als Kriegswaffen dem KWKG. Sie werden in diesem Register dokumentiert und sind nicht sammelbar.
  • Fundmunition ist unabhängig vom Zustand nicht zu bewegen, sondern der zuständigen Stelle zu melden. Die oben beschriebene Spannungsrisskorrosion macht alte Hülsen brüchig, sagt über den Zustand der Ladung aber nichts.

Einordnung ins Register

Drei Punkte, die dieser Eintrag für die übrigen Bestände dieses Registers festhält:

  1. Munitionsfertigung ist der zweite Industriezweig des Untersuchungsraums. Die Waffenfertigung Suhls und Zella-Mehlis’ und die Munitionsfertigung Magdeburgs sind betriebswirtschaftlich, verfahrenstechnisch und in der Betriebsgröße verschiedene Welten. Ein Register, das nur den Thüringer Waffenbau kennt, übersieht einen Betrieb, der 1945 rund 30.000 Menschen beschäftigte — und mit dem Werk Arnstadt (Rudisleben) auch im Thüringer Kernraum saß. Ob der Konzern damit der größere Arbeitgeber war als der Thüringer Waffenbau insgesamt, ist hier nicht ausgerechnet worden.
  2. Das Verfahren erklärt die Betriebsgröße. Umformung in Milliarden Stück heißt lange Maschinenketten, Glühöfen, Beizerei, Schichtbetrieb — und damit einen Personalbedarf, für den der Konzern ab Juni 1943 an sechs Standorten KZ-Außenlager einrichten ließ, nach eigener Angabe für rund 5.600 Häftlinge. Verfahren und Verbrechen sind hier nicht zu trennen.
  3. Die Hülse ist das objektkundlich ergiebigste Teil. Sie trägt Werkstoff, Hersteller, Werk, Los und Jahr an einer Fläche von wenigen Quadratzentimetern — mehr Information pro Fläche als jedes andere Bauteil des Systems Waffe/Patrone.

Offene Forschungsfragen. Was das Polte’sche Kugelwalzverfahren konstruktiv war, ist ungeklärt; die Patentlage wurde nicht geprüft, der Archivbestand im Landesarchiv Sachsen-Anhalt nicht ausgewertet. Ungeklärt bleibt ferner die Menge des Auftrags von 1889: Die Quellen nennen einmal 40 Millionen, einmal 40.000 Patronenhülsen — ein Unterschied um den Faktor tausend, der sich nur am Archivbestand entscheiden lässt. (Die in einer früheren Fassung dieses Eintrags behauptete Unklarheit „Patronen oder Hülsen” besteht nicht; beide Darstellungen sprechen von Hülsen.) Für den Zwangsarbeitskomplex fehlt eine Zusammenschau der sechs Standorte aus einer Hand; die Angaben stammen aus je eigenen lokalen Gedenkinitiativen mit unterschiedlichem Forschungsstand, und die Zahlen zu den Toten der Räumungstransporte schwanken erheblich — ebenso die Zahl der Häftlinge des Magdeburger Männerlagers (600 gegen über 700). Für die Bodenstempelkunde fehlt dem Register bislang eine belegte Systematik der sowjetischen und der DDR-Kennzeichnung — solange sie fehlt, ist jede Datierung von Nachkriegsmunition dieses Raums vorläufig. Schließlich ist offen, wann die Magdeburger Hülsenfertigung endete: Nahezu alle Maschinen wurden in die UdSSR abtransportiert, der Betrieb 1948 in Volkseigentum überführt und über MAM, VEB Sanar und das VEB Schwerarmaturenwerk „Erich Weinert” (1952) bis 1960 im VEB Magdeburger Armaturenwerke „Karl Marx” aufgegangen — der fertigte Armaturen, nicht Munition. Die Polte oHG selbst wurde erst 1970 in Ludwigshafen gelöscht.

Beispiele im Register

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Polte-Werke Link
  2. [Online] Wikipedia (de) — Eugen Polte Link
  3. [Online] Sudenburg-Chronik — Polte-Werke — Betriebsgeschichte und Beschäftigtenzahlen Link
  4. [Archiv] Deutsche Digitale Bibliothek — Polte oHG, Patronen-, Munitionsmaschinen- und Armaturenfabrik, Magdeburg (Bestand) Link
  5. [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Magdeburg-Polte Link
  6. [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Duderstadt (Frauen) Link
  7. [Online] Landeshauptstadt Magdeburg — Das ehemalige Frauen-KZ der Polte-Werke Link
  8. [Online] Wikipedia (de) — Gedenkstätte für das KZ-Außenlager Polte-Magdeburg Link
  9. [Online] Initiative KZ-Außenlager Grüneberg — Die Munitionsfabrik Link
  10. [Online] Wikipedia (de) — Gedenkstätte Genthin-Wald Link
  11. [Online] Peterson Cartridge — Drawing Brass — How Cartridge Cases Are Made Link
  12. [Online] 4ming — Tiefziehen und Abstreckgleitziehen — Ziehverhältnisse und Zwischenglühen Link
  13. [Literatur] Europäisches Patentamt — EP 2 918 962 A1 — Verfahren zur Herstellung einer Patronenhülse Link
  14. [Online] H&N Sport — Hülse (Patronenhülse) — Werkstoff, Rückfederung, Berdan und Boxer Link
  15. [Online] Wikipedia (de) — Messing — Tombak und Kupferanteile Link
  16. [Online] Wikipedia (de) — Spannungsrisskorrosion — Mechanismus und Ammoniak als Auslöser Link
  17. [Online] Wikipedia (en) — Season cracking — britische Bestände in Indien, Aufklärung 1921 Link
  18. [Online] Wikipedia (de) — 7,92 × 33 mm Kurz — Entwicklung bei Polte, Stahlhülse, Hülsenkonus Link
  19. [Online] hartpunkt — Vor- und Nachteile unterschiedlicher Werkstoffe für Handwaffenmunition Link
  20. [Online] RWS — Sinoxid — erster nichtkorrosiver Zündsatz, 1928 Link
  21. [Online] Stephen Taylor — German WW2 7.92 mm Headstamps — Aufbau und Herstellercodes Link
  22. [Literatur] C.I.P. — Datenblatt 9 mm Luger (TAB. IV) Link
  23. [Literatur] Gesetze im Internet — § 27 SprengG — Erlaubnis zum Erwerb und zum Umgang Link