Hersteller · Magdeburg
Polte oHG, Patronen-, Munitionsmaschinen- und Armaturenfabrik, Magdeburg
Polte in Magdeburg ist der bislang einzige Betrieb dieses Registers in Sachsen-Anhalt — und zugleich der Beleg dafür, dass sich die ostdeutsche Waffenfertigung nicht auf den Thüringer Waffenbau reduzieren lässt. Waffen und Munition sind zwei Industrien; die zweite hatte ihr Zentrum an der Elbe.
Das Kugelwalzverfahren
Eugen Polte entwickelte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein Kugelwalzverfahren zur rationellen Massenfertigung genormter Patronen und Patronenhülsen; aus dieser fertigungstechnischen Erfindung erwuchs im Ersten Weltkrieg die größte Munitionsfabrik des Deutschen Reichs.
Für die Objektkunde ist das zentral: Munitionsfertigung ist Normungsgeschichte. Wer Hülsenböden und ihre Bodenstempel lesen kann, liest Beschaffungs- und Normungspolitik — eine Systematik, die in der Stempelkunde dieses Registers noch aufzubauen ist.
Konzernbildung und Zwangsarbeit in der NS-Zeit
In der NS-Zeit baute Polte mit staatlichen Mitteln einen Rüstungskonzern auf und gründete Zweigwerke als Kapitalgesellschaften in Magdeburg und weiteren mitteldeutschen Städten. Die Anlagen in Grüneberg wurden 1932 übernommen und auf die eigene Fertigung umgestellt. Schwerpunkt war dort Infanterie- und 2-cm-Munition, daneben Hülsenfertigung und Werkzeugbau.
In den Werken arbeiteten zahlreiche ausländische Arbeitskräfte und Zwangsarbeiter. Ab März 1940 setzte die Bauleitung zunächst auf angeworbene ausländische Arbeiter, überwiegend Italiener, Franzosen, Polen und einige Spanier. Im Juli 1942 setzte Polte gegen den Widerstand der örtlichen Bevölkerung den Bau eines Lagers für Fremdarbeiter und Kriegsgefangene durch, in dem bis zu 800 Menschen unter Bewachung untergebracht waren.
Offene Forschungsfragen. Genaues Gründungsjahr, vollständige Werksliste des Konzerns, Bodenstempel-Systematik der Polte-Fertigung (das eigentliche Objektthema), Verbleib der Anlagen nach 1945.
Rechtsform und Firmierung
- letztes Viertel 19. Jh.
- Polte, Magdeburg · Fabrik
Aufgebaut auf Eugen Poltes Kugelwalzverfahren zur Massenfertigung genormter Patronen und Hülsen.
- NS-Zeit
- Polte-Konzern · Konzernbildung
Mit staatlichen Mitteln wurden Zweigwerke als Kapitalgesellschaften in Magdeburg und weiteren mitteldeutschen Städten gegründet.
Fertigungsprogramm
- ab Ende 19. Jh.
- Patronen und Patronenhülsen in Massenfertigung
Grundlage war das Kugelwalzverfahren — eine fertigungstechnische Erfindung, keine ballistische.
- Erster Weltkrieg
- Munition in größtem Umfang
Die größte Munitionsfabrik des Deutschen Reichs.
- NS-Zeit
- Infanterie- und 2-cm-Munition, Hülsenfertigung, Werkzeugbau
Standorte
- Magdeburg
Stammwerk und Konzernsitz.
- Grüneberg
Anlagen 1932 übernommen und auf die eigene Fertigung umgestellt; Schwerpunkt Infanterie- und 2-cm-Munition, daneben Hülsenfertigung und Werkzeugbau.
- Duderstadt
Weiteres Werk des Konzerns.
Personen
- Eugen Polte — Gründer; entwickelte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts das Kugelwalzverfahren
Beschäftigte
- ab Juli 1942 · bis zu 800 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene (in einem bewachten Lager auf einem früheren Fußballplatz)
Zwangsarbeit — belegt
Ab März 1940 zunächst angeworbene ausländische Arbeitskräfte, überwiegend Italiener, Franzosen, Polen und Spanier. Im Juli 1942 setzte Polte gegen den Widerstand der örtlichen Bevölkerung ein bewachtes Lager durch, in dem bis zu 800 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene untergebracht waren.
Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .