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Hersteller · Suhl

Heinrich Krieghoff Waffenfabrik, Suhl

1886–1945 KaiserreichErster WeltkriegWeimarer Republik1933–1945 plausibel

Der Ursprung liegt 1886 in Suhl, wo Ludwig Krieghoff mit einem Partner die Gewehrfabrik Sempert & Krieghoff gründete — von Anfang an mit Schwerpunkt auf hochwertigen Jagdwaffen. 1916 gründete sein Sohn Heinrich eine eigene Firma, übernahm 1919 das väterliche Geschäft und führte beide unter seinem Namen zusammen.

Das FG 42

Krieghoff gehörte zu den Fertigern des Fallschirmjägergewehrs 42, einer der technisch anspruchsvollsten deutschen Konstruktionen des Zweiten Weltkriegs; die Serienfertigung lief zwischen 1943 und 1945 bei Heinrich Krieghoff sowie in geringerem Umfang bei Rheinmetall und L. O. Dietrich. Im Wettbewerb um den Auftrag hatte Krieghoff zuvor einen eigenen Entwurf mit Steigblockverschluss vorgelegt. Der wurde rasch verworfen.

Damit steht Suhl bei zwei der ambitioniertesten deutschen Automatwaffenprojekte des Krieges in der Fertigung: dem Maschinenkarabiner bei Haenel und dem FG 42 bei Krieghoff.

Zwangsarbeit

Die Prüfung ist abgeschlossen; der Einsatz von Zwangsarbeit ist belegt und wird auch vom Unternehmen nicht bestritten. Strittig ist allein der Umfang: Der Befund stützt sich auf eine einzige, aber ungewöhnlich detaillierte Angabe — und er führt zu einem dokumentierten Widerspruch, der selbst zum Befund gehört.

792 Menschen aus elf Ländern

Zwischen 1996 und 1998 erforschten rund 40 Jugendliche aus vier Suhler Schulen die Geschichte ihrer Stadt in den Jahren 1933 bis 1945; ausgewertet wurden Hunderte von Akten, Geschäftsunterlagen, Briefe, Zeitungen und Zeitzeugenberichte. 1998 legten sie eine zweibändige Dokumentation vor. Danach beschäftigte die Waffenfabrik Heinrich Krieghoff bis 1944 allein in Suhl 792 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter:

HerkunftZahl
Russen287
Franzosen196
Polen71
Jugoslawen65
Belgier55
Niederländer43
Tschechen41
Dänen19
Litauer8
Esten4
Letten3
Summe792

Die Einzelposten summieren sich exakt auf die genannte Gesamtzahl. Das spricht für eine Auszählung aus Personalunterlagen, nicht für eine Schätzung — welche Akten dahinterstehen, geht aus der zugänglichen Berichterstattung allerdings nicht hervor.

Zur Einordnung: Die Suhler Rüstungsbetriebe steigerten zwischen 1933 und 1944 ihre Gewinne nach denselben Recherchen zum Teil auf das Zehnfache. Bei 23.000 Einwohnern kamen mehr als 10.000 Zwangsarbeiter in die Stadt, verteilt auf 75 Lager. Betroffen waren nicht nur die kriegswichtigen Großbetriebe — auch Dachdecker, Schuster, Klempner, Bäcker, eine Apotheke, eine Färberei und ein Schuhgeschäft forderten Arbeitskräfte an, und die Stadt selbst setzte sie im Straßenbau, auf dem Bahnhof, bei der Müllabfuhr, im Schlachthof und im Stollenbau ein.

Dass die Zuteilung von Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern für den Raum Suhl/Zella-Mehlis über das Stammlager Bad Sulza lief, steht nicht in dieser Dokumentation, sondern in der Einleitung der Thüringer Quellenedition von 2002. Ob Krieghoff Arbeitskräfte auf diesem Weg erhielt, ist damit nicht gesagt.

Der Widerspruch von 2000

Im Juli 2000 befragte die Berliner Zeitung die Nachfolgebetriebe zur Einzahlung in den Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft. Heinz-Ulrich Krieghoff, Sohn Heinrich Krieghoffs und Chef der Ulmer Firma, antwortete: „Ich sage Ihnen eiskalt, keinen Pfennig.” Zur Begründung führte er die Enteignung des Suhler Werks und mindestens eines Dutzends Familiengrundstücke durch die sowjetische Besatzungsmacht an. Zum Umfang des Einsatzes sagte er, man habe „nur 50 oder 60, höchstens 70” in Suhl gehabt und „KZ-Insassen” überhaupt nicht; außerdem werde mit den Zwangsarbeitern heute vieles übertrieben.

Dieses Register stellt beide Angaben nebeneinander, weil beide zum Quellenbestand gehören:

  • 792 — Auszählung der Schülerdokumentation von 1998, mit Aufschlüsselung nach elf Ländern.
  • 50 bis 70 — Erinnerungsaussage des Firmenchefs 2000, ohne Beleg, ohne Aufschlüsselung, 55 Jahre nach den Ereignissen und im Kontext einer Entschädigungsforderung.

Der Unterschied beträgt mehr als das Elffache. Die höhere Zahl ist die deutlich besser belegte; die niedrigere ist eine unbelegte Erinnerungsaussage. Der Teilaussage zu den KZ-Häftlingen widerspricht der gegenwärtige Forschungsstand hingegen nicht — siehe unten.

Kein KZ-Außenlager bei Krieghoff

Das einzige Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Suhl bestand vom **15. Juli bis

  1. Oktober 1943** und war den Gustloff-Werken zugeordnet, nicht Krieghoff. Achtzig Häftlinge kamen am 15. Juli 1943 aus Buchenwald; insgesamt durchliefen 91 Häftlinge das Lager, mindestens zwei Drittel Polen, viele im Frühjahr 1943 aus Majdanek überstellt, daneben Häftlinge aus Deutschland, der Sowjetunion, Belgien, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und den Niederlanden. Sie mussten Baracken für die spätere Unterbringung von „Fremdarbeitern” bauen. Am 19. Juli 1943 erschoss ein SS-Posten den 36-jährigen polnischen Häftling Edward Piskorz, Vater von vier Kindern, bei einem angeblichen Fluchtversuch.

Krieghoff gehörte auch nicht zu den zehn Firmen, die sich am 8. Februar 1943 zur Arbeitsgemeinschaft Barackenlager Fröhlicher Mann zusammenschlossen — dort waren Sauer, Haenel, Merkel, Rempt, Greifelt, Schmidt & Habermann, Funk sowie drei Zella-Mehliser Firmen beteiligt. Wo Krieghoff seine 792 Arbeitskräfte unterbrachte, ist damit offen. Ein eigener Krieghoff-Firmenbestand in einem Thüringer Staatsarchiv ist hier nicht nachgewiesen; Ansatzpunkte wären die Suhler Schülerdokumentation von 1998, die Behördenüberlieferung der Thüringer Staatsarchive und die Krieghoff-Akte der Bank der deutschen Luftfahrt im Bundesarchiv (BArch R 8121/563), die Lagepläne für Suhl, Kloster Veßra und Schwarza enthält.

Was offen bleibt

Nicht ermittelt sind: Lagerorte und Unterbringung, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen im Werk, Todesfälle, der zeitliche Verlauf des Einsatzes, der Anteil der Zwangsarbeit an der Gesamtbelegschaft und die Zahl eingesetzter Kriegsgefangener. Auch die Suhler Gesamtzahl ist nicht eindeutig: Neben den „mehr als 10.000” der Schülerdokumentation steht die Angabe „bis zu 8.500” mit 150 Toten aus einer örtlichen antifaschistischen Veröffentlichung, die keine Quelle nennt. Beide Angaben werden hier geführt, keine wird bevorzugt.

Der Einsatz fiel in dieselben Jahre wie die Fertigung des FG 42 (1943–1945) und die Parabellum-Fertigung für die Luftwaffe. Die Verbindung ist nicht interpretiert, sondern zeitlich: Was Krieghoff in diesen Jahren auslieferte, entstand in einem Betrieb, in dem nach der Zählung der Schülerdokumentation von 1998 bis 1944 792 Menschen aus elf Ländern zur Arbeit gezwungen waren. Zum größeren Zusammenhang siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.

Nach 1945

Wie Sauer, Walther und Anschütz folgte Krieghoff dem Muster der gespaltenen Marke: Das Suhler Werk ging verloren, das Unternehmen begann in Ulm mit dreizehn Beschäftigten neu und besteht dort bis heute als Hersteller von Jagd- und Sportwaffen.

Für die Objektbestimmung gilt deshalb dieselbe Regel wie bei den anderen drei: Suhl oder Ulm entscheidet die Datierung, nicht der Firmenname.

Offene Forschungsfragen. Fertigungskennzeichen der Suhler Zeit, Stückzahlen des FG 42 aus Krieghoff-Fertigung, Umfang der übrigen Rüstungsfertigung, Verbleib der Suhler Anlagen nach 1945. Zum Zwangsarbeitseinsatz ist das Ob geklärt, das Wieviel nur aus einer Quelle (792 Personen bis 1944) und das Wie gar nicht: Lagerorte, Arbeitsbedingungen, Todesfälle und Kriegsgefangeneneinsatz stehen offen. Zur Firmengeschichte existiert einschlägige Monografie-Literatur („Heinrich Krieghoff — Geschichte einer deutschen Waffenfabrik, Suhler Zeit”), die hier noch nicht ausgewertet ist.

Rechtsform und Firmierung

1886
Sempert & Krieghoff · Gewehrfabrik

Gegründet von Ludwig Krieghoff mit einem Partner, Schwerpunkt Jagdwaffen.

1916
Heinrich Krieghoff · eigene Firma des Sohnes
1919
Heinrich Krieghoff Waffenfabrik · Zusammenführung

Heinrich Krieghoff übernahm das väterliche Geschäft; beide Firmen wurden unter seinem Namen zusammengeführt.

nach 1945
H. Krieghoff GmbH, Ulm · westdeutsche Neugründung

Neubeginn mit dreizehn Beschäftigten.

Fertigungsprogramm

ab 1886
hochwertige Jagdwaffen
1943–1945
Fallschirmjägergewehr FG 42

Serienfertigung bei Heinrich Krieghoff, in geringerem Umfang bei Rheinmetall und L. O. Dietrich. Im Wettbewerb hatte Krieghoff zuvor einen eigenen Entwurf mit Steigblockverschluss vorgelegt, der verworfen wurde.

Standorte

  • Suhl

    Stammsitz bis 1945.

  • Kufstein

    In Archivbeständen als weiterer Standort geführt; Zeitraum und Funktion sind hier nicht geklärt.

  • Kloster Veßra

    Ebenfalls in Archivbeständen genannt; vermutlich Verlagerungsstandort der Kriegsjahre — nicht belegt.

Personen

  • Ludwig Krieghoff — Mitgründer von Sempert & Krieghoff, 1886
  • Heinrich Krieghoff — Sohn; führte beide Firmen ab 1919 unter seinem Namen zusammen, ab 1916

Beschäftigte

  • nach 1945 · 13 (Neubeginn in Ulm)

Zwangsarbeit — belegt

Belegt. Nach den Recherchen einer 1998 vorgelegten Schülerdokumentation beschäftigte die Heinrich Krieghoff Waffenfabrik bis 1944 allein in Suhl 792 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter: 287 Russen, 196 Franzosen, 71 Polen, 65 Jugoslawen, 55 Belgier, 43 Niederländer, 41 Tschechen, 19 Dänen, acht Litauer, vier Esten und drei Letten. Der Firmenchef Heinz-Ulrich Krieghoff, Sohn des Betriebsinhabers, nannte im Jahr 2000 dagegen „50 oder 60, höchstens 70" und lehnte jede Zahlung in den Entschädigungsfonds ab. Beide Angaben stehen hier nebeneinander; sie unterscheiden sich um mehr als das Elffache. Ein KZ-Außenlager ist Krieghoff nicht zugeordnet — das einzige Suhler Außenlager des KZ Buchenwald (15. Juli bis 1. Oktober 1943) bestand bei den Gustloff-Werken. Krieghoff gehörte auch nicht zu den zehn Firmen der „Arbeitsgemeinschaft Barackenlager Fröhlicher Mann" vom 8. Februar 1943; wo die 792 untergebracht waren, ist hier nicht geklärt.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Modelle dieses Herstellers

Quellen

  1. [Online] Berliner Zeitung — Getroffen in Suhl (12. Juli 2000) — über die Schülerdokumentation von 1998, mit der Aufschlüsselung der 792 Zwangsarbeiter Link
  2. [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Suhl Link
  3. [Literatur] Moczarski / Post / Weiß (Hrsg.) — Zwangsarbeit in Thüringen 1940–1945. Quellen aus den Staatsarchiven des Freistaates Thüringen , Quellen zur Geschichte Thüringens, Bd. 19, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2002, ISBN 3-931426-67-X — Dok. 30 und 31 zum Suhler Gemeinschaftslager „Fröhlicher Mann"; Krieghoff kommt im gesamten Band nicht vor. Einleitung S. 24 zur Zuteilung über das Stammlager Bad Sulza. Die Live-URL der Landeszentrale ist tot (HTTP 404), zitiert wird die Wayback-Fassung. Link
  4. [Online] alerta (antifaschistische Gruppe Südthüringen) — Vom Tag der Befreiung und wie Täter zu Opfern werden — Herkunft der Angabe „bis zu 8.500 Zwangsarbeiter, 150 Tote"; ohne Quellenangabe, hier nur als Beleg dafür geführt, dass die Zahl im Umlauf ist Link
  5. [Online] Krieghoff — Unternehmensgeschichte Link
  6. [Online] Wikipedia (de) — Krieghoff Link
  7. [Online] Wikipedia (en) — FG 42 Link
  8. [Archiv] Deutsche Digitale Bibliothek — Heinrich Krieghoff, Waffenfabrik, Suhl/Thüringen, Kufstein und Kloster Veßra Link