Modell
Wieger StG-940 (Modelle 941 und 942)
- Fertigung
- GWB Wiesa
- Kaliber
- 5,56 × 45 mm NATO
- Zeitraum
- 1986–1990
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Mechanisch bietet dieses Gewehr nichts, was es von einer Kalaschnikow unterscheiden würde, und das ist beabsichtigt. Beim Schuss wird ein Teil der Pulvergase durch eine Bohrung im Lauf in ein Rohr darüber geleitet und drückt dort auf einen Kolben. Der Kolben ist fest mit dem Verschlussträger verbunden und läuft die ganze Strecke mit ihm zurück; der Träger führt den Verschluss, also das Stahlstück, das den Lauf von hinten zuhält. Zuerst legt der Träger ein Stück Weg allein zurück; dann greift eine schräge Kurve in den Verschlusskopf, dreht ihn um ein Stück und löst dabei zwei Nasen aus den Aussparungen des Gehäuses, in denen sie bis dahin saßen. Erst danach kann sich der Verschluss öffnen: Die leere Patronenhülse fliegt heraus, das Schlagstück, das die nächste Patrone zündet, wird gespannt, eine Feder schiebt alles wieder nach vorn, die nächste Patrone gelangt aus dem gekrümmten Magazin in den Lauf, und der Kopf dreht sich wieder fest. Ein Hebel an der rechten Seite bestimmt, ob auf einen Abzug ein einzelner Schuss oder eine Serie folgt. Das Besondere dieser Waffe liegt nicht in der Mechanik, sondern in der Patrone: Sie ist für die im Westen übliche Munition eingerichtet, obwohl sie in einem Staat des Warschauer Pakts entstand und für den Verkauf ins Ausland gedacht war. Weil eine andere Patrone einen anderen Druckverlauf erzeugt, mussten Gasentnahme, bewegte Massen und Federkräfte neu aufeinander abgestimmt werden. Genau darin bestand die Entwicklungsarbeit — nicht im Verschluss.
Die Wieger ist der bemerkenswerteste DDR-Waffenentwurf der Spätzeit und zugleich der am wenigsten bekannte. Der Markenname ist ein Kofferwort aus Wiesa und Germany.
Entwicklung
Im Juli 1986 erhielt die IMES GmbH den Auftrag, ein Sturmgewehr im Kaliber 5,56 × 45 mm NATO zu entwickeln und zu fertigen; die Ausführung übernahm der VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa, die Teile kamen aus Suhl.
Ein Staat des Warschauer Pakts entwickelte damit eine Waffe für die Munitionsnorm des Gegners. Die eigene Armee war nicht der Adressat; sie führte ein Jahr zuvor die MPi AK-74N in 5,45 × 39 mm ein. Gedacht war die Wieger für den Weltmarkt. Wer AK-Robustheit wollte, aber NATO-Munition verschoss, fand sonst kein Angebot. Die Wieger besetzte diese Lücke zwischen den Blöcken.
Konstruktion
Mechanisch bleibt die Waffe im AK-System, also Gasdrucklader mit Langhubkolben und Drehkopfverschluss. Die konstruktive Aufgabe lag woanders. Die 5,56 × 45 mm NATO hat einen anderen Gasdruckverlauf als die 5,45 × 39 mm, für die das System ausgelegt war; Gasentnahme, bewegte Massen und Federkräfte mussten neu abgestimmt werden.
Varianten
Die Modellzuordnung folgt den sowjetischen Vorbildern. Die 941 ist an AK-74 und AKM orientiert, die 942 an der AKMS, letztere mit einer eigens entwickelten DDR-Schaftkonstruktion.
Fertigung
Ab 1988 lief die Fertigung, 1989 wurden erste Exportverträge mit Indien und Peru geschlossen, 1990 kam mit der deutschen Einheit der Exportstopp. Die Waffe erreichte den Markt praktisch nicht.
Einordnung
Aufschlussreich für dieses Register ist sie trotzdem. Die DDR-Rüstungsentwicklung dachte in ihrer Spätphase nicht blockgebunden, sondern als Anbieter auf einem Weltmarkt, und Wiesa erbrachte dafür konstruktive Eigenleistung über die Lizenzfertigung hinaus.
Quellenlage. Zur Entwicklungsgeschichte sind Unterlagen verschwunden; der Vorgang war Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen. Vieles beruht deshalb auf Sammler- und Museumsdarstellungen statt auf Akten. Das Waffenmuseum Suhl hat der Waffenfamilie eine Sonderausstellung gewidmet und ist für die Forschung der naheliegendste Anlaufpunkt.
Waffenrechtliches
Vollautomatische Waffe und damit Kriegswaffe nach dem KWKG. Sie wird hier ausschließlich industrie- und technikgeschichtlich dokumentiert. Siehe Methodik.
Konstruktion
- Verschluss
- Drehkopfverschluss mit zwei Verriegelungswarzen, Bauart der AK-Familie
- Ladeprinzip
- Gasdrucklader mit langhubigem Gaskolben
- Zuführung
- Gekrümmtes Stangenmagazin
- Abzug
- Umschaltbar Einzel- und Dauerfeuer
- Sicherung
- Kombinierter Sicherungs- und Feuerwahlhebel der AK-Bauart
- Visierung
- Korn mit Kornschutz, Kurvenvisier; seitliche Zielfernrohrschiene
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Verriegelt und schussbereit
Die Warzen des Verschlusskopfs liegen hinter den Rastflächen des Gehäuses. Das Grundsystem entspricht der MPi AK-74N — die Entwicklungsleistung lag nicht im Verschluss, sondern in der Anpassung an eine fremde Patrone.
- 2
Schuss und Gasentnahme
Pulvergase treiben den mit dem Verschlussträger fest verbundenen Langhubkolben zurück. Die 5,56 × 45 mm NATO hat einen anderen Gasdruckverlauf als die 5,45 × 39 mm — die Abstimmung von Gasentnahme und bewegten Massen war die eigentliche konstruktive Aufgabe.
- 3
Freiweg und Drehentriegelung
Nach dem Freiweg dreht eine Steuerkurve im Träger den Verschlusskopf aus den Rastflächen.
- 4
Rücklauf, Auswurf, Spannen
Die Baugruppe läuft zurück, wirft die Hülse aus und spannt das Schlagsystem.
- 5
Vorlauf, Zuführung, Verriegelung
Die Schließfeder treibt vor, die nächste Patrone wird zugeführt, der Verschlusskopf zurück hinter die Rastflächen gedreht.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Die Warzen des Verschlusskopfs liegen hinter den Rastflächen des Gehäuses. Der Lauf steht fest — er läuft nicht mit zurück.
- 2 Gasentnahme: Hinter dem Geschoss strömt ein Teil der Pulvergase durch die Laufbohrung in den Gaszylinder und treibt den Kolben zurück. Der Kolben ist fest mit dem Verschlussträger verbunden (Langhub).
- 3 Entriegelung: Eine Steuerkurve im Träger dreht den Verschlusskopf aus den Rastflächen; erst danach nimmt der Träger ihn nach hinten mit.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
MPi AK-74N / MPi AKS-74N
VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa · DDR · 1985- System
- Gasdrucklader, Langhubkolben, Drehkopf; Patrone 5,45 × 39 mm
- Unterschied
- Dasselbe Werk, dasselbe System, ein Jahr Abstand — aber eine andere Patrone. Die MPi AK-74N war für die eigene Armee bestimmt, die Wieger für den Export in Staaten, die NATO-Munition verwendeten.
- Befund
- Der Vergleich isoliert die Wirkung der Patronenumstellung bei sonst gleicher Konstruktion — und zeigt zugleich, dass die DDR-Rüstung im Export nicht blockgebunden dachte.
M16 / AR-15
Colt und Lizenznehmer · USA · 1963- System
- Direkte Gasabnahme, Drehkopfverschluss, 5,56 × 45 mm NATO
- Unterschied
- Gleiches Kaliber, gegensätzliches Gassystem. Die Wieger bietet NATO-Munitionskompatibilität mit AK-Robustheit — genau die Kombination, die für Abnehmer außerhalb beider Bündnisse attraktiv war.
- Befund
- Damit ist die Wieger konstruktionsgeschichtlich der interessanteste DDR-Entwurf: Sie verbindet die östliche Mechanik mit der westlichen Munitionsnorm. Siehe Kalaschnikow gegen AR-15.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Zu spät für den Markt
Die Fertigung lief ab 1988 an, 1989 wurden erste Exportverträge mit Indien und Peru geschlossen — 1990 kam mit der Einheit der Exportstopp. Die Waffe erreichte den Markt praktisch nicht.
plausibel
-
Quellenlage
Zur Entwicklungsgeschichte sind Unterlagen verschwunden; der Vorgang war Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen. Für die Forschung heißt das: Vieles beruht auf Sammler- und Museumsdarstellungen statt auf Akten.
ungeklärt
Verwendung
- Ausschließlich für den Export entwickelt; ab 1988 Fertigung, 1989 erste Verträge mit Indien und Peru
- Mit der deutschen Einheit 1990 Exportstopp; eine Truppeneinführung in der NVA fand nicht statt