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OD WH

Nachwirkung · Deutschland (Oberndorf am Neckar)

Heckler & Koch MP5

Fertigung
Heckler & Koch GmbH
Kaliber
9 × 19 mm
Zeitraum
1966–…
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Die MP5 kehrt um, was Maschinenpistolen bis dahin taten. Bei der MP 18 und der MP 40 steht der schwere Verschlussblock vor dem Schuss offen hinten, läuft beim Abdrücken nach vorn, schiebt eine Patrone in den Lauf und zündet sie im selben Zug — eine große Masse ist also in Bewegung, während die Kugel den Lauf verlässt, und das verzieht die Waffe. Bei der MP5 liegt die Patrone bereits im Lauf, der Verschlussblock steht vorn und hält ihn zu, und ein gespanntes Schlagstück, der Hammer, wartet darauf, auf die Patrone zu schlagen. Beim Abdrücken bewegt sich fast nichts außer diesem Hammer. Deshalb trifft die Waffe im Einzelschuss weit besser als ihre Vorgängerinnen. Möglich macht das eine Bremse, die den Block lange genug vorn hält, ohne ihn fest zu verriegeln. Er besteht aus zwei Teilen: vorn ein leichter Kopf mit zwei seitlich sitzenden Rollen, dahinter ein schweres Stück mit einem Keil, der die Rollen nach außen in schräge Aussparungen am Laufende drückt. Beim Schuss kommt der Kopf nur zurück, wenn die Rollen nach innen ausweichen — und dabei werfen sie das schwere Stück ein Mehrfaches weiter nach hinten. Diese Arbeit kostet gerade so viel Zeit, dass der Druck im Lauf gefallen ist, bevor sich etwas öffnet. Ein einfacher Verschlussblock hätte dafür aus geschlossener Stellung unbrauchbar viel wiegen müssen. Danach läuft alles zurück, die leere Hülse fliegt aus — mit dunklen Längsstreifen, die aus Rillen im Laufende stammen und die Hülse von der Wand lösen —, und eine Feder schiebt den Block wieder vor.

Nachwirkung. Liegt außerhalb des Untersuchungsraums. Der Eintrag steht hier, weil die Konstruktion auf eine im Untersuchungsraum entstandene zurückgeht.

Entwicklung

Die MP5 ist der letzte Schritt einer Übertragungskette, die im Untersuchungsraum beginnt. Sie lässt sich in vier Stationen benennen:

JahrOrtSchritt
1942Döbeln, SachsenDas MG 42 verriegelt mit Rollen
1944/45Oberndorf (Mauser)Ludwig Vorgrimler deutet das Prinzip beim StG 45(M) von Verriegelung zu Verzögerung um
1959Oberndorf (Heckler & Koch)Das G3 macht daraus über Frankreich und Spanien ein Standardgewehr
1964–66Oberndorf (Heckler & Koch)Dasselbe System wird auf die Pistolenpatrone übertragen — die MP5

Zurechnung mit Vorsicht. Die Rollenidee stammt aus Döbeln, die entscheidende Umdeutung von formschlüssiger Verriegelung zu bloßer Verzögerung von Mauser, die Anwendung auf 9 × 19 mm von Heckler & Koch. Von den drei konstruktiven Leistungen stammt genau eine aus dem Untersuchungsraum. Das Register führt die MP5 deshalb als Nachwirkung mit indirekter Zurechnung.

Konstruktion

Die technisch interessantere Neuerung ist die Feuerstellung und nicht der Rollenverschluss. Bis 1966 war die Maschinenpistole eine zuschießende Waffe. Der Verschluss steht offen, läuft beim Auslösen nach vorn und zündet im Vorlauf. So arbeiten die MP 18 von 1918, die MP 40, die Uzi und die Sterling. Das Verfahren ist billig und funktioniert, verschiebt aber im Moment der Schussabgabe eine schwere Masse nach vorn; die Waffe zuckt, bevor das Geschoss den Lauf verlässt.

Zuschießend (MP 18, MP 40)Aufschießend (MP5)
Verschluss vor dem Schussoffen, hintengeschlossen, vorn
Zündungim Vorlauf, fester Schlagbolzenstehend, durch Hammer
Einzelschussgenauigkeitgeringhoch
Bauaufwandniedrighoch

Erst der verzögerte Verschluss erlaubt diese Umstellung. Ein reiner Masseverschluss müsste, um aus geschlossener Stellung sicher zu arbeiten, unvertretbar schwer werden. Die Rollenübersetzung liefert dieselbe Wirkung bei geringerer Masse. Siehe Verschlusssysteme.

Verwendung

Die MP5 gilt als die verbreitetste Maschinenpistole der Welt. Das stimmt, aber nur in einer bestimmten Lesart. Nach Stückzahl ist die Aussage nicht zu halten, und zwar in beide Richtungen: Heckler & Koch hat keine Gesamtzahl veröffentlicht, und die Lizenzfertigungen sind nicht mitzuzählen; die Literatur kommt über „mehrere Hunderttausend” nicht hinaus. Belegt sind dagegen die Vergleichszahlen der Gegenstücke. Die MP 40 liegt bei über einer Million, die sowjetische PPSch-41 im Millionenbereich darüber. Ihre Sonderstellung liegt daher nicht in der Menge, sondern in der Breite der Einführung: Polizei- und Spezialeinheiten in mehr als vierzig Staaten, dazu Lizenzfertigung unter anderem in Griechenland, der Türkei, Pakistan, Mexiko, Iran und dem Vereinigten Königreich. Für die Objektbestimmung heißt das, dass der Firmenname Heckler & Koch den Fertigungsort nicht belegt. Neben Oberndorf am Neckar kommen mehrere Lizenzfertigungen in Betracht, deren Kennzeichnung sich unterscheidet.

Ihren Ruf verdankt die Waffe zwei Einsätzen: Mogadischu 1977 durch die GSG 9 und die Erstürmung der iranischen Botschaft in London 1980 durch den SAS. Die Bilder der Londoner Aktion wurden zur wirksamsten Werbung, die eine Waffe der Nachkriegszeit erhalten hat.

Waffenrechtliches

Vollautomatische Waffe mit Pistolenpatrone und damit Maschinenpistole im Sinne der Systematik dieses Registers sowie Kriegswaffe nach dem KWKG. Nur dokumentiert, nie sammelbar. Halbautomatische zivile Ableitungen (etwa die SP5-Reihe) unterliegen einer eigenen rechtlichen Bewertung. Siehe Methodik.

Konstruktion

Verschluss
**Rollenverzögerter Masseverschluss**, konstruktiv das verkleinerte System des G3: zweiteiliger Verschluss aus leichtem Kopf mit zwei Rollen und schwerem Träger mit keilförmigem Schließstück. Die Rollen stützen sich an schrägen Flächen der Laufverlängerung ab und übersetzen die Bewegung — sie sperren nicht formschlüssig. Patronenlager mit Längsrillen (Kammerrillen) zur Ausziehhilfe.
Ladeprinzip
Rückstoßlader, verzögert, **aufschießend** (geschlossener Verschluss): Die Waffe feuert in allen Feuerarten aus vorderer Verschlussstellung mit gespanntem Hammer. Das ist der entscheidende Unterschied zu den zuschießenden Maschinenpistolen ihrer Zeit.
Zuführung
Stangenmagazin, 15 oder 30 Patronen; frühe Magazine gerade, seit 1977 gebogen. Später auch 40 und 50 Patronen.
Abzug
Wechselbare Abzugsgruppe. Verbreitet SEF (Sicher/Einzel/Feuerstoß) sowie die sogenannte Navy-Gruppe mit Piktogrammen, teils mit Dreischussbegrenzung.
Sicherung
Kombinierter Sicherungs- und Feuerwahlhebel in der Abzugsgruppe
Visierung
Drehtrommelvisier mit offener Kimme und drei Lochkimmen, Korn im Tunnel

Maße und Leistung

Länge
680 mm (MP5A2, fester Schaft); MP5A3 660 mm ausgezogen, 490 mm eingeschoben
Lauflänge
225 mm (MP5K 115 mm)
Gewicht
2,54 kg (MP5A2/A3, ungeladen); Baureihe insgesamt 2,0–3,6 kg
Magazin
15 oder 30 Patronen, Stangenmagazin
V₀
rund 400 m/s
Kadenz
rund 800 Schuss/min (MP5K rund 900, MP5SD rund 700)

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Ausgangslage — Verschluss vorn, Hammer gespannt

    Anders als bei MP 18 und MP 40 steht der Verschluss vor dem Schuss **geschlossen**, die Patrone liegt im Lager, der Hammer ist gespannt. Die Rollen sind vom Schließstück nach außen an die Schrägen der Laufverlängerung gedrückt.

  2. 2

    Auslösen

    Der Abzug gibt den Hammer frei; dieser schlägt auf den Schlagbolzen. Weil beim Auslösen keine große Masse nach vorn läuft, bleibt die Waffe im Moment der Schussabgabe ruhig — daher die für eine Maschinenpistole ungewöhnliche Treffgenauigkeit im Einzelfeuer.

  3. 3

    Abstützung und Verzögerung

    Der Gasdruck drückt über den Hülsenboden den leichten Verschlusskopf zurück. Die Rollen weichen an den Schrägen nach innen aus und treiben dabei das Schließstück und den schweren Träger nach hinten — dieser legt ein Vielfaches des Kopfweges zurück. Die dafür nötige Beschleunigung der großen Masse ist die Verzögerung. Formschlüssig gesperrt ist nichts.

  4. 4

    Öffnen und Auswerfen

    Nach dem Druckabfall laufen Kopf und Träger gemeinsam zurück. Weil die Hülse noch unter Restdruck ausgezogen wird, entlasten die Kammerrillen sie durch eingeblasenes Gas; die Hülse trägt danach die charakteristischen Längsriefen. Ausziehen, Auswerfen, Spannen des Hammers.

  5. 5

    Vorlauf und Zuführen

    Die Schließfeder treibt den Verschluss vor, der Stoßboden nimmt die oberste Patrone aus dem Magazin und schiebt sie ins Lager. Das Schließstück drückt die Rollen wieder nach außen an die Schrägen.

  6. 6

    Fortsetzung oder Halt

    In Stellung Einzelfeuer fängt die Abzugsstange den Hammer, der Verschluss bleibt geschlossen. Im Feuerstoß wiederholt sich der Zyklus, bis der Abzug losgelassen oder das Magazin leer ist — auch dann bleibt der Verschluss vorn. Einen Verschlussfang bei leerem Magazin hat die Waffe in der Grundausführung nicht.

Rollenverzögerung — NICHT verriegelt, nur verzögert, Lauf feststehend

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 Lauf feststehend 2 Lauf feststehend schneller 3 Lauf feststehend
  1. 1 Ausgangslage: Der Lauf steht FEST. Der Verschluss ist zweiteilig — ein leichter Verschlusskopf vorn, ein schwerer Verschlussträger dahinter, dazwischen ein keilförmiges Steuerstück. Die Rollen liegen in Ausnehmungen des Laufhalters, sind aber nicht formschlüssig gesperrt.
  2. 2 Kraftteilung: Der Hülsenboden drückt den Verschlusskopf zurück. Die Rollen laufen auf schrägen Flächen und übertragen dabei den größten Teil der Kraft auf den schweren Träger — der muss sich ungefähr um den Faktor der Flächenneigung schneller bewegen als der Kopf. Der Kopf wird dadurch ausgebremst.
  3. 3 Öffnen: Sobald die Rollen aus den Ausnehmungen heraus sind, laufen Kopf und Träger gemeinsam zurück. Der Verschluss war nie verriegelt — er wurde nur so lange gebremst, bis der Druck gefallen war. Genau deshalb brauchen diese Waffen ein geriefeltes Patronenlager: Die Hülse löst sich unter Restdruck.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Heckler & Koch G3

Heckler & Koch GmbH · Deutschland (Oberndorf am Neckar) · 1959
System
Rollenverzögerter Masseverschluss, 7,62 × 51 mm NATO
Unterschied
Dasselbe Prinzip, andere Patronenklasse. Die MP5 ist konstruktiv das verkleinerte G3 — Preßblechgehäuse, zweiteiliger Rollenverschluss, Drehtrommelvisier, wechselbare Abzugsgruppe. Die Übertragung war aber keine bloße Maßstabsverkleinerung: Druckverlauf und Impuls der Pistolenpatrone unterscheiden sich grundlegend von der Gewehrpatrone, das Verzögerungsverhältnis musste neu ausgelegt werden.
Befund
Ohne das G3 gäbe es die MP5 nicht. Sie ist der Beweis, dass das rollenverzögerte System über die Patronenklassen hinweg trägt.

MG 42

Metall- und Lackwarenfabrik Johannes Großfuß · Deutschland (Döbeln, Sachsen) · 1942 plausibel
System
Rückstoßlader mit **Rollenverriegelung**, formschlüssig gesperrt
Unterschied
Der Ausgangspunkt der Linie — und zugleich der Punkt, an dem die Zurechnung genau zu fassen ist: Das MG 42 verriegelt formschlüssig, die MP5 verzögert nur. Die Umdeutung von Verriegelung zu Verzögerung stammt nicht aus Döbeln, sondern aus Oberndorf (Mauser, StG 45(M)).
Befund
Die Verbindung zum Untersuchungsraum ist real, aber **indirekt und über zwei Stationen vermittelt** — Rollenidee aus Döbeln, Umdeutung von Mauser, Anwendung auf die Pistolenpatrone von Heckler & Koch.

MP 40

Erfurter Maschinenfabrik B. Geipel (ERMA) u. a. · Deutschland (Erfurt, Suhl, Steyr) · 1940
System
Unverriegelter Masseverschluss, zuschießend, 9 × 19 mm
Unterschied
Gleiche Patrone, gegensätzliche Lösung. Die MP 40 hält den Verschluss allein durch Masse geschlossen und feuert aus offener Stellung; die MP5 übersetzt Masse mechanisch und feuert aus geschlossener. Das kostet Bauaufwand und bringt Treffgenauigkeit im Einzelschuss. Fertigungsseitig steht die MP 40 für kriegswirtschaftliche Vereinfachung, die MP5 für Präzisionsanspruch im Polizeidienst.
Befund
Das unmittelbarste Gegensatzpaar der 9-mm-Maschinenpistole in Deutschland — und ein direkter Bezug zum Untersuchungsraum, weil ERMA in Erfurt zu den Fertigern der MP 40 gehörte.

MP 18,I

Theodor Bergmann Abteilung Waffenbau (Konstruktion Hugo Schmeisser) · Deutschland (Suhl) · 1918
System
Unverriegelter Masseverschluss, zuschießend, 9 × 19 mm
Unterschied
Der Anfang der Gattung, ebenfalls aus dem Untersuchungsraum. Zwischen MP 18 und MP5 liegen fast fünfzig Jahre, in denen die Pistolenpatronen-Waffe beim unverriegelten, zuschießenden Masseverschluss blieb. Die MP5 verlässt genau diese beiden Festlegungen.
Befund
Die Gattung beginnt 1918 in Suhl und wird 1966 in Oberndorf konstruktiv neu definiert — beide Male mit derselben Patrone.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Riefen an der Hülse

    Wie beim G3 wird die Hülse unter Restdruck ausgezogen; die Kammerrillen hinterlassen deutliche Längsriefen. Für die Bestimmung am ausgeworfenen Stück ein sicheres Merkmal, für das Wiederladen ein Nachteil.

    plausibel

  • Aufwendiger als ein einfacher Masseverschluss

    Bei der Pistolenpatrone genügt mechanisch ein unverriegelter Masseverschluss — MP 18, MP 40, Uzi und Sterling belegen das. Der rollenverzögerte Verschluss ist die technisch anspruchsvollere und teurere Lösung; er wird durch Treffgenauigkeit und geringeren Rückstoß gerechtfertigt, nicht durch Notwendigkeit.

    plausibel

  • Verzögerung ist auf die Patrone abgestimmt

    Das Verhältnis aus Rollendurchmesser, Schließstückwinkel und Massen ist auf den Druckverlauf einer bestimmten Patrone ausgelegt. Die Ableitungen in 10 mm Auto und .40 S&W blieben Randerscheinungen und wurden um 2000 eingestellt.

    plausibel

  • Leistungsgrenze der Pistolenpatrone

    Gegen moderne Schutzwesten reicht 9 × 19 mm nicht aus. Genau deshalb wandern Behörden seit den 1990er Jahren zu Waffen mit Mittelpatrone oder zu Spezialpatronen ab — die MP5 ist davon unabhängig von ihrer mechanischen Güte betroffen.

    plausibel

Verwendung

  • Bundesgrenzschutz ab Herbst 1966 als erster Nutzer, danach Landespolizeien und Bundeswehr
  • GSG 9 bei der Befreiung der „Landshut" in Mogadischu 1977
  • Special Air Service bei der Erstürmung der iranischen Botschaft in London 1980
  • Polizei- und Spezialeinheiten in mehr als 40 Staaten

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — HK MP5 Link
  2. [Online] Wikipedia (en) — Heckler & Koch MP5 Link
  3. [Online] Modern Firearms — Heckler und Koch MP5 submachine gun (Germany) Link
  4. [Online] HK MP5 Collector — Entstehungsgeschichte der MP5 Link
  5. [Online] all4shooters — Rückblick — 50 Jahre Heckler & Koch MP5 Link
  6. [Online] Heckler & Koch — Produktseite MP5 Link