Nachwirkung · Deutschland (Suhl)
Haenel MK 556
- Fertigung
- C. G. Haenel GmbH, Suhl
- Kaliber
- 5,56 × 45 mm
- Zeitraum
- 2016–…
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Technisch ist dieses Gewehr unauffällig, und das ist keine Herabsetzung — es folgt dem Bauprinzip, das für diese Waffenklasse seit Jahrzehnten weltweit üblich ist. Den Lauf schließt hinten eine bewegliche Baugruppe aus zwei Teilen, der Verschluss. Vor dem Schuss ist er fest mit dem Lauf verhakt: Der vordere Teil trägt mehrere Nasen, die hinter passende Flächen am hinteren Laufende gedreht sind. Während das Geschoss durch den Lauf fliegt, zweigt eine Bohrung in der Laufwand einen Teil der heißen Pulvergase ab. Sie treffen nicht unmittelbar auf den Verschluss, sondern auf einen kurzen Kolben, und der stößt den hinteren Teil nach hinten; dieser verdreht über eine schräge Führung zuerst den vorderen Teil und löst dessen Nasen aus den Flächen. Erst dann läuft die ganze Baugruppe zurück, die leere Patronenhülse wird herausgezogen und ausgeworfen, das Schlagsystem gespannt. Eine Feder schiebt alles wieder nach vorn, dabei rutscht die nächste Patrone aus dem Magazin in den Lauf, und der vordere Teil dreht sich zurück, bis seine Nasen wieder hinter den Flächen liegen. Der Schütze kann zwischen Einzelschuss und Dauerfeuer umschalten. Die eine Eigenheit gegenüber dem Üblichen liegt bei der Gasbohrung: Sie ist verstellbar. Sitzt ein Schalldämpfer auf der Mündung, staut sich mehr Druck im System, und die Waffe würde ohne gedrosselte Gasentnahme zu hart arbeiten.
Nachwirkung. Diese Waffe liegt außerhalb des Untersuchungszeitraums 1871–1990. Sie steht hier, weil sie die Fertigungslinie des Registers bis in die Gegenwart fortsetzt.
Entwicklung
| Zeitpunkt | Vorgang |
|---|---|
| 14. September 2020 | Das Verteidigungsministerium gibt bekannt, dass das neue Sturmgewehr der Bundeswehr von C. G. Haenel in Suhl kommen soll, rund 120.000 Stück. Der MK 556 wird als „technisch etwas besser” und „wirtschaftlicher” bewertet als der konkurrierende HK416. |
| Oktober 2020 | Der unterlegene Mitbewerber Heckler & Koch legt Beschwerde ein. Das Ministerium widerruft die Zuschlagsentscheidung wegen des Verdachts auf Patentverletzung. |
| 2020/21 | Externe Patentrechtsgutachter kommen zu dem Ergebnis, dass eine Patentverletzung vorliegt. |
| März 2021 | Das Ministerium schließt Haenel vom Vergabeverfahren aus und will den Auftrag an Heckler & Koch vergeben. |
| Danach | Haenel geht gegen den Ausschluss vor. Das Oberlandesgericht Düsseldorf entscheidet, dass der Ausschluss berechtigt war. |
| Ergebnis | Den Auftrag erhielt Heckler & Koch. Haenel liefert das Standardgewehr der Bundeswehr nicht. |
Einordnung
1938 erging der Entwicklungsauftrag für den Maschinenkarabiner an C. G. Haenel in Suhl; unter Hugo Schmeisser entstand daraus der MKb 42(H) und das Sturmgewehr 44, die erste in großer Serie gebaute Waffe dieser Gattung.
82 Jahre später hätte derselbe Betrieb am selben Ort beinahe das Standardgewehr der deutschen Streitkräfte geliefert. Der Zuschlag lag bereits vor und wurde wieder aufgehoben.
Für die Aussagekraft ändert das wenig, für die Genauigkeit alles. Die Suhler Fertigungstradition ist keine abgeschlossene Geschichte; sie war 2020 wettbewerbsfähig genug, eine Ausschreibung zunächst zu gewinnen. Eine Erfolgsgeschichte ist sie trotzdem nicht. Am Ende liefert Heckler & Koch aus Oberndorf.
Konstruktion
| MKb 42(H), 1942 | MK 556, heute | |
|---|---|---|
| Grundkonzept | Mittelpatrone, Einzel- und Dauerfeuer, Gasdrucklader | unverändert |
| Verriegelung | Kippblock | Drehkopf |
| Patrone | 7,92 × 33 mm Kurz (Kurzpatrone) | 5,56 × 45 mm (innere Mittelpatrone) |
| Gasentnahme | fest | verstellbar, für Schalldämpferbetrieb |
| Fertigung | Blechpressteile als Neuerung | moderne Fertigungsverfahren, Wechselläufe |
Bemerkenswert ist die erste Zeile. Das Konzept, das 1942 in Suhl formuliert wurde, ist unverändert; Verriegelung, Kaliber und Fertigungsverfahren haben seither jeweils gewechselt. Darauf läuft der Befund hinaus, den dieses Register über die Region zieht. Ihr dauerhafter Beitrag liegt nicht in einzelnen Bauteilen, sondern in Konzepten.
Zur Systematik siehe Ladeprinzipien und Patronenklassen.
Konstruktion
- Verschluss
- Drehkopfverschluss mit mehreren Verriegelungswarzen
- Ladeprinzip
- Gasdrucklader mit indirektem Gasantrieb und verstellbarer Gasentnahme — die Verstellbarkeit erlaubt den Betrieb mit Schalldämpfer, bei dem sich der Gasdruck im System erhöht
- Zuführung
- Stangenmagazin nach dem in dieser Waffenklasse üblichen Standard
- Abzug
- Umschaltbar Einzel- und Dauerfeuer
- Visierung
- Montageschiene für optische Visiere
Maße und Leistung
- Lauflänge
- wahlweise 10,5″ · 12,5″ · 14,5″ · 16″
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Verriegelt und schussbereit
Die Warzen des Verschlusskopfs liegen hinter den Rastflächen der Laufverlängerung. Der Lauf steht fest.
- 2
Gasentnahme
Nach dem Passieren der Entnahmebohrung wird ein Teil der Pulvergase abgezweigt. Die Entnahme ist verstellbar — beim Betrieb mit Schalldämpfer wird sie gedrosselt, weil der Dämpfer den Gasdruck im System anhebt und die Waffe sonst übermäßig hart arbeitet.
- 3
Drehentriegelung
Der zurücklaufende Verschlussträger dreht über eine Steuerkurve den Verschlusskopf aus den Rastflächen — dasselbe Grundprinzip wie bei der MPi KM, mit anderer konstruktiver Ausführung.
- 4
Rücklauf, Auswurf, Spannen
Die Baugruppe läuft zurück, die Hülse wird ausgezogen und ausgeworfen, das Schlagsystem gespannt.
- 5
Vorlauf, Zuführung, Verriegelung
Die Schließfeder treibt vor; die nächste Patrone wird zugeführt, der Verschlusskopf zurück hinter die Rastflächen gedreht.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Die Warzen des Verschlusskopfs liegen hinter den Rastflächen des Gehäuses. Der Lauf steht fest — er läuft nicht mit zurück.
- 2 Gasentnahme: Hinter dem Geschoss strömt ein Teil der Pulvergase durch die Laufbohrung in den Gaszylinder und treibt den Kolben zurück. Der Kolben ist fest mit dem Verschlussträger verbunden (Langhub).
- 3 Entriegelung: Eine Steuerkurve im Träger dreht den Verschlusskopf aus den Rastflächen; erst danach nimmt der Träger ihn nach hinten mit.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Maschinenkarabiner 42(H) und Sturmgewehr 44
C. G. Haenel · Deutschland (Suhl) · 1942- System
- Gasdrucklader mit Langhubkolben, Kippblockverriegelung, 7,92 × 33 mm Kurz
- Unterschied
- Dieselbe Firma, derselbe Ort, 74 Jahre Abstand. Geblieben ist das Grundkonzept — Mittelpatrone, Einzel- und Dauerfeuer, Gasdrucklader. Gewechselt haben Verriegelungsart (Kippblock zu Drehkopf), Patronenklasse (Kurzpatrone zu innerer Mittelpatrone) und Fertigungsverfahren.
- Befund
- Der Vergleich zeigt, wie stabil das 1942 in Suhl formulierte Konzept ist: Die Merkmale, die es ausmachen, haben drei Generationen von Konstruktionsänderungen überdauert.
MPi AK-74N / MPi AKS-74N
VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa · DDR · 1985- System
- Gasdrucklader mit Langhubkolben, Drehkopfverschluss, 5,45 × 39 mm
- Unterschied
- Die letzte Standardwaffe der NVA und die erste ernstzunehmende deutsche Sturmgewehrentwicklung danach unterscheiden sich weniger, als die politische Distanz vermuten lässt: beide Gasdrucklader mit Drehkopfverschluss und innerer Mittelpatrone.
- Befund
- Ein Beleg dafür, dass die Systemfrage — Kolben oder direkte Gasabnahme, Drehkopf oder anderes — quer zu den Blockgrenzen verlief.
Verwendung
- Am 14. September 2020 als Sieger der Bundeswehr-Ausschreibung zur Nachfolge des G36 bekanntgegeben — als „technisch etwas besser" und „wirtschaftlicher" bewertet als das konkurrierende Angebot über rund 120.000 Gewehre
- Im Oktober 2020 Widerruf der Zuschlagsentscheidung wegen des Verdachts auf Patentverletzung, nachdem der unterlegene Mitbewerber Heckler & Koch Beschwerde eingelegt hatte
- Im März 2021 schloss das Verteidigungsministerium Haenel vom Verfahren aus; das Oberlandesgericht Düsseldorf bestätigte den Ausschluss als berechtigt. **Den Auftrag erhielt Heckler & Koch.**
- Zivile und behördliche Ausführungen werden weiter angeboten