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Technik · Fertigungsverfahren

Schäfte und Schaftholz

Das Bauteil, das keine Waffe braucht und ohne das keine funktioniert

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BELEGT sind die beiden Fälle, die diesen Eintrag tragen, jeweils über die Modell- und Herstellereinträge dieses Registers und die dort genannten Quellen: dass die ersten MPi-Serien aus Wiesa mangels Birkenholz Buchenholzschäfte erhielten, die den Dauerprüfungen der NVA nicht standhielten (Herstellereintrag Wiesa); und dass bei der SWT-40 die Birkenholzschäfte im Frost rissen, was durch Bohrungen und eingesetzte Querbolzen behoben wurde. Ebenso der zweiteilige Schaft der Lee-Enfield, die zweiteiligen verleimten Buchenschäfte des Kar 98a aus Amberger Fertigung ab 1917, der verstellbare Schaft des SSG 82, sein freischwingender Lauf und die Ableitung seines Schafts von Suhler Matchgewehren, sowie der braune Kunststoff der KK-MPi 69. NICHT ERMITTELT und ausdrücklich offen: die tatsächlichen Holzarten der einzelnen Registerwaffen im Regelfall — für die meisten Einträge ist das Schaftmaterial gar nicht erfasst. Ferner die Trocknungsverfahren und Feuchtegehalte, die in den Vorschriften gefordert wurden; die Frage, ab wann in der DDR Schichtholz statt Vollholz verwendet wurde; und ob die Suhler und Zella-Mehliser Betriebe eigene Schäftereien unterhielten oder zukauften. Die allgemeinen holztechnischen Zusammenhänge — Quellen und Schwinden mit der Luftfeuchte, Anisotropie, Vorteile von Schichtholz — sind Grundwissen der Holztechnik und hier nicht einzeln belegt. Wo dieser Eintrag daraus Schlussfolgerungen für einzelne Waffen zieht, ist das jeweils gekennzeichnet.

Der Schaft ist das merkwürdigste Bauteil einer Waffe. Er nimmt nicht am Schuss teil, führt kein Geschoss, verriegelt nichts und hält keinem Gasdruck stand. Und ohne ihn funktioniert nichts.

Er hat drei Aufgaben, und alle drei sind mechanisch:

  1. Er verbindet Mensch und Waffe. Wo die Wange liegt, wie weit der Abzug entfernt ist, in welchem Winkel die Schulter den Rückstoß aufnimmt — daraus folgt, ob ein Schütze eine Waffe ruhig halten kann.
  2. Er leitet den Rückstoß. Und zwar in einer Richtung, die möglichst nahe an der Laufachse liegt; je weiter darunter, desto stärker steigt die Waffe.
  3. Er hält den Lauf. Und genau hier entscheidet sich, ob aus einer guten Waffe eine präzise wird.

Zwei Fälle, in denen das Holz die Waffe entschied

Für dieses Register ist der Schaft kein Nebenthema, weil er in zwei Einträgen den Ausschlag gab — und beide Male ging es nicht um Konstruktion, sondern um Material.

Wiesa: Buche statt Birke

Die ersten Serien der MPi K aus Wiesa erhielten mangels Birkenholz Buchenholzschäfte — und die hielten den Dauerprüfungen der NVA nicht stand.

Das ist bemerkenswert in beide Richtungen. Es zeigt, dass in der frühen DDR ein Rohstoff so knapp sein konnte, dass ein Waffenwerk das vorgesehene Holz nicht bekam. Und es zeigt, dass die Abnahme funktionierte: Die Ersatzlösung fiel durch.

Für die Bestimmung folgt daraus, was der Herstellereintrag festhält: Schaftmaterial ist ein Datierungsmerkmal.

SWT-40: Birke, die im Frost riss

Bei der sowjetischen SWT-40 war es umgekehrt — dort war Birke das vorgesehene Holz, und es riss im Frost. Abgeholfen wurde durch Bohrungen und eingesetzte Querbolzen, also durch eine nachträgliche mechanische Sicherung gegen das Aufreißen.

Auch das ist ein Bestimmungsmerkmal: Ein Stück mit Querbolzen ist entweder später gefertigt oder nachgearbeitet.

Dieselbe Holzart, zwei entgegengesetzte Befunde. In Wiesa war Birke das Gewünschte und Buche der unbrauchbare Ersatz; bei der SWT-40 war Birke das Verwendete und riss. Ein Widerspruch ist das nicht — es kommt auf Wuchs, Trocknung, Verarbeitung und Klima an, nicht auf den Namen der Holzart. Genau darin liegt die Schwierigkeit: Holz ist kein genormter Werkstoff.

Warum Holz überhaupt ein Problem ist

Holz arbeitet. Es nimmt Feuchtigkeit aus der Luft auf und gibt sie ab, und dabei ändert es sein Maß — quer zur Faser erheblich, längs kaum. Das hat drei Folgen für eine Waffe:

Es verzieht sich. Ein Schaft, der bei 60 Prozent Luftfeuchte eingepasst wurde, drückt bei 90 Prozent anders gegen den Lauf als bei 30. Wo er drückt, biegt sich der Lauf beim Schuss anders — und der Treffpunkt wandert.

Es reißt. Wenn die Außenseite schneller trocknet als der Kern oder das Holz gefriert, entstehen Spannungen, die es aufreißen lassen. Genau das geschah bei der SWT-40.

Es ist ungleich. Zwei Schäfte aus demselben Stamm sind nicht identisch. Bei einer Waffe, die in Hunderttausenden gefertigt wird, ist das ein Problem der Gleichmäßigkeit.

Deshalb wird Schaftholz getrocknet, ausgelagert und ausgesucht, bevor es verarbeitet wird — ein Arbeitsgang, den der Eintrag zur MP 41 als Büchsenmacherarbeit beschreibt: Schaftholz auswählen, trocknen, einpassen. Genau der Arbeitsgang, den die MP 40 mit ihrem Blechbau und Kunststoffgriffstück abgeschafft hatte.

Die drei Antworten der Fertigung

Vollholz

Der klassische Weg. Buche, Nussbaum, Birke, Ahorn. Nussbaum gilt als das beste Schaftholz — maßhaltig, zäh, gut zu bearbeiten und schön; er ist aber teuer und langsam gewachsen. Buche ist verbreitet und billig, arbeitet aber mehr.

Zweiteilige Schäfte

Statt eines Stücks vom Kolben bis zur Mündung zwei Teile: Hinterschaft und Vorderschaft. Zwei Waffen dieses Registers haben das:

  • Die Lee-Enfield — ihr zweiteiliger Schaft ist im Eintrag ausdrücklich als einer der Gründe für ihre Streuung genannt.
  • Der Kar 98a in Amberger Fertigung ab 1917 mit verleimten Schäften aus Buche.

Der Vorteil ist die Materialausbeute: Aus einem Stamm lassen sich mehr kurze als lange fehlerfreie Stücke gewinnen. Der Nachteil ist die Verbindungsstelle — sie ist eine zusätzliche Stelle, an der sich etwas bewegen kann.

Dass Amberg 1917 auf verleimte Buche umstellte, ist ein Kriegsmerkmal: Material wird knapp, und man nimmt, was reicht.

Schichtholz

Dünne Holzlagen werden mit gekreuzter Faserrichtung verleimt. Das Ergebnis arbeitet erheblich weniger als Vollholz, weil sich die Bewegungen der Lagen gegenseitig aufheben — und es ist gleichmäßiger, weil ein Fehler in einer Lage von den anderen getragen wird.

Der Eintrag Werkstoffe und Oberflächen führt Schichtholz als Merkmal späterer und einfacherer Fertigung: rau, häufig ungeschliffen. Das ist ein Bestimmungsmerkmal — aber es sagt etwas über den Aufwand, nicht über die Güte. Schichtholz ist technisch die bessere Lösung; es sieht nur nicht danach aus.

Offen. Ab wann die DDR-Fertigung auf Schichtholz überging, ist in diesem Register nicht ermittelt. Für den Karabiner S werden Schichtholzschäfte im Handel angeboten und teils als DDR-Fertigung bezeichnet — belegt ist das nicht.

Kunststoff

Der Ausweg aus dem Materialproblem. Er arbeitet nicht, reißt nicht, ist maßhaltig und in Formen zu pressen statt zu schnitzen.

In diesem Register ist er greifbar an der KK-MPi 69 mit ihrem braunen Kunststoff an Griff, Handschutz und Schaft — einem der sechs Merkmale, an denen sie von der MPi-KM zu unterscheiden ist.

Der freischwingende Lauf — die konsequenteste Lösung

Wenn das Problem darin besteht, dass der Schaft unkontrolliert gegen den Lauf drückt, ist die saubere Lösung, ihn gar nicht drücken zu lassen.

Ein freischwingender Lauf berührt den Schaft nirgends. Er hängt allein am Systemkasten und führt bei jedem Schuss dieselbe Schwingung aus, statt sich an wechselnden Auflagepunkten unterschiedlich zu verbiegen.

Das SSG 82 hat genau das — und es ist der wichtigste einzelne Griff, mit dem aus einem Gewehr ein Präzisionsgewehr wird. Zusammen mit dem Abzug von rund 350 g und dem verstellbaren Schaft stammt er aus derselben Quelle: dem Suhler Sportwaffenbau, konkret dem Kleinkaliber-Standardgewehr 150.

Der Preis ist Empfindlichkeit gegen Beschädigung: Ein freischwingender Lauf, den irgendetwas berührt — ein verzogener Schaft, ein Fremdkörper im Spalt —, verliert genau den Vorteil, für den er gebaut wurde.

Der verstellbare Schaft

Im Sportwaffenbau selbstverständlich, im Militärbau lange nicht: Schaftlänge, Backenhöhe und Schaftkappe lassen sich auf den einzelnen Schützen einstellen.

Der Grund ist einfach — Menschen sind verschieden gebaut, und ein Anschlag, bei dem Auge, Wange und Schulter nicht von selbst an derselben Stelle liegen, ist nicht wiederholbar. Wer nicht wiederholbar anschlägt, trifft nicht wiederholbar.

Die Anschütz-Biathlonbüchsen und das Suhl 150 sind darauf ausgelegt; das SSG 82 übernahm es. Dass eine Polizeiwaffe der DDR einen verstellbaren Schaft hat, ist ein Erbe des Sportwaffenbaus und kein militärisches Merkmal.

Was am Stück zu prüfen ist

  1. Holzart und Aufbau. Vollholz oder Schichtholz? Einteilig oder zweiteilig? Bei zweiteiligen Schäften: verleimt oder verschraubt?
  2. Risse und Querbolzen. Bolzen quer durch den Schaft sind selten Zierrat. Bei der SWT-40 sind sie die belegte Antwort auf Frostrisse; bei anderen Waffen können sie eine spätere Reparatur sein.
  3. Berührt der Schaft den Lauf? Bei einem Präzisionsgewehr mit freischwingendem Lauf muss ringsum Spalt sein. Ein durchgeschobenes Blatt Papier zeigt es in fünf Sekunden.
  4. Passt der Schaft zur Waffe? Ein später Schaft an einer frühen Waffe ist häufig und kein Mangel — aber keine originale Zusammenstellung.
  5. Oberfläche. Geschliffen und geölt gegen rau und ungeschliffen: Das trennt Friedens- von Kriegs- und Sport- von Truppenfertigung. Siehe Werkstoffe und Oberflächen.

Warum das für dieses Register mehr ist als Materialkunde

An zwei Stellen hat das Schaftholz über die Annahme einer Waffe entschieden — in Wiesa fiel die Buche durch die Dauerprüfung, bei der SWT-40 riss die Birke im Frost. In beiden Fällen war die Konstruktion in Ordnung.

Das ist derselbe Befund wie beim lMG GZ 500, wo der Maschinenpark die Lauflänge bestimmte: Nicht jede Eigenschaft einer Waffe geht auf eine konstruktive Entscheidung zurück. Manche gehen auf das zurück, was gerade zu haben war — und für ein Register, das nach dem Verhältnis von Fertigungsort und Erzeugnis fragt, sind genau das die interessanten Fälle.

Offene Forschungsfragen. Welche Holzarten verwendeten die Suhler und Zella-Mehliser Betriebe, und unterhielten sie eigene Schäftereien? — Ab wann ging die DDR-Fertigung auf Schichtholz über? — Welche Trocknungs- und Feuchtevorschriften galten? — Und für die meisten Einträge dieses Registers gilt schlicht: Das Schaftmaterial ist gar nicht erfasst. Das wäre am Objekt in Sekunden festzustellen und gehört ins Maßblatt.

Beispiele im Register

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (en) SVT-40 , Im Frost reißende Birkenholzschäfte, behoben durch Bohrungen und eingesetzte Querbolzen Link
  2. [Online] Wikipedia (de) VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa , Erste Serien mangels Birkenholz mit Buchenholzschäften, die den Dauerprüfungen der NVA nicht standhielten Link