Modell
Scharfschützengewehr 82 (SSG 82)
- Fertigung
- Abteilung Bewaffnung und Chemischer Dienst (BCD) des MfS, getarnte Werkstatt auf dem Gelände des VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann", Suhl
- Kaliber
- 5,45 × 39 mm
- Zeitraum
- 1982–1989
- Belegstatus
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GESICHERT im Sinne einer amtlichen Darstellung ist der Kern: Das SSG 82 wurde von der Abteilung Bewaffnung und Chemischer Dienst (BCD) des MfS in einer eigenen Produktionsstätte in Suhl entwickelt und gebaut, die Anfang der 1980er Jahre auf dem Gelände des VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk errichtet und als Zentrales Abnahmebüro einer NVA-Dienststelle getarnt war; dort arbeiteten etwa 25 MfS-Mitarbeiter, und bis 1989 entstanden rund 1.900 Stück. Diese Angaben stammen vom Bundesarchiv. Sie berichtigen die frühere Darstellung dieses Registers, die Waffe sei „im Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk" entstanden — siehe Korrekturen. ÜBEREINSTIMMEND belegt sind die Maße (1.080 mm, Lauf 600 mm kaltgehämmert und freischwingend, Verjüngung von 23,5 auf 19,5 mm, 4,5 kg, Magazin zu 5, V0 980 m/s), das Abzugsgewicht von 350 ± 50 g, das Zielfernrohr Ziel4/S 4 × 32 des VEB Carl Zeiss Jena auf Suhler Schwenkmontage und die Ableitung vom Kleinkaliber-Standardgewehr 150. UNGEKLÄRT ist der Verschlussaufbau im Einzelnen. Die deutschsprachige Darstellung nennt vier Verriegelungswarzen bei 60 Grad Drehwinkel, ohne zu sagen, wo sie sitzen; eine englischsprachige Beschreibung spricht von hinten liegender Verriegelung. Für eine aus einem Kleinkalibergewehr abgeleitete Kammer wäre das folgerichtig, für eine Zentralfeuer-Hochdruckpatrone ungewöhnlich. Die Frage ist am zerlegten Stück zu entscheiden und steht bei den offenen Forschungsfragen. ABWEICHEND sind die Stückzahlen: rund 1.900 nach dem Bundesarchiv, „etwa 2.000" nach einer Sammlerdarstellung. Der Unterschied ist gering und vermutlich eine Rundung; dieses Register führt die amtliche Zahl. NICHT ERMITTELT sind Drall und Zugprofil, die Präzisionsforderung des Auftraggebers und die tatsächlich erreichten Streukreise, die Sicherung, Jahresstückzahlen und die Namen der Konstrukteure.
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Das SSG 82 ist ein Repetierer: Nach jedem Schuss muss der Schütze den Verschluss von Hand öffnen, zurückziehen und wieder vorschieben, um die nächste Patrone zu laden. Genau das ist hier kein Rückstand, sondern Absicht. Bei einer Waffe, die einen einzigen Treffer auf mittlere Entfernung liefern soll, bewegt sich im Moment des Schusses nichts außer dem Geschoss — kein Verschluss läuft zurück, kein Gas wird abgezweigt, nichts verzieht die Waffe. Wer stattdessen einen Selbstlader baut, muss diese Bewegungen erst beherrschen, um dieselbe Genauigkeit zu erreichen. Der Lauf ist kaltgehämmert und liegt frei: Er berührt den Schaft nirgends, sondern hängt nur an seinem hinteren Ende. Dadurch schwingt er beim Schuss immer gleich, statt sich an wechselnden Auflagepunkten unterschiedlich zu verbiegen — der wichtigste einzelne Griff, mit dem man aus einem Gewehr ein Präzisionsgewehr macht. Das Zielfernrohr mit vierfacher Vergrößerung kam aus Jena. Ungewöhnlich ist die Patrone: 5,45 × 39 mm ist eine verhältnismäßig kleine Militärpatrone, die man eher in Sturmgewehren erwartet. Sie hat wenig Rückstoß, ein sehr schnelles Geschoss und liegt auf den Entfernungen, um die es hier geht — im Stadtgebiet, bei einer Geiselnahme — flach genug.
Das SSG 82 ist das einzige eigens konstruierte Scharfschützengewehr der DDR. Es hat in diesem Register lange gefehlt und kam bis heute nur als Vergleichsstück im Eintrag zur HK PSG1 vor.
Beim Nachrecherchieren stellte sich heraus, dass die naheliegende Zuschreibung falsch ist.
Wer diese Waffe gebaut hat
Nicht der VEB. Nach der Darstellung des Bundesarchivs entwickelte und fertigte sie die Abteilung Bewaffnung und Chemischer Dienst (BCD) des Ministeriums für Staatssicherheit — in einer eigenen Produktionsstätte, die Anfang der 1980er Jahre auf dem Gelände des VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk errichtet und als „Zentrales Abnahmebüro” einer NVA-Dienststelle getarnt wurde. Dort arbeiteten etwa 25 MfS-Mitarbeiter. Bis 1989 entstanden rund 1.900 Gewehre.
Das ist genau die Unterscheidung, um die es diesem Register geht, und hier tritt sie in ihrer schärfsten Form auf: Dieselbe Adresse, ein anderer Betrieb. Wer „Suhl, Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk” liest, denkt an den volkseigenen Betrieb mit seinen Sport- und Jagdwaffen. Gemeint ist eine abgeschottete Werkstatt derselben Straße, die einer anderen Behörde unterstand, unter falschem Namen firmierte und ihre Erzeugnisse nicht in den Handel gab.
Der frühere Stand dieses Registers — die Waffe sei „im Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk entstanden” — ist berichtigt und protokolliert: Korrekturen.
Was aus derselben Werkstatt sonst noch kam. Das Bundesarchiv nennt zwei weitere Eigenentwicklungen des MfS aus Suhl: einen Revolver „Smart” und eine verdeckt zu tragende Kleinstmaschinenpistole. Beide fehlen in diesem Register vollständig und sind hiermit als Lücke benannt. Welche verdeckt zu führende Waffe das MfS nachweislich einsetzte, steht dagegen fest: die tschechoslowakische Škorpion, eingebaut in einen Aktenkoffer.
Von unten herauf gebaut
Der zweite ungewöhnliche Punkt ist die Herkunft der Konstruktion. Scharfschützengewehre entstehen üblicherweise von oben herunter: Man nimmt ein vorhandenes Ordonnanzgewehr, sucht die besten Läufe heraus, setzt ein Zielfernrohr darauf und verbessert den Abzug. So entstanden das sowjetische SWD aus der Kalaschnikow-Familie und, mit weit mehr Aufwand, die PSG1 aus dem G3.
Suhl ging den umgekehrten Weg. Grundlage war das Kleinkaliber-Standardgewehr 150 — ein Sportgerät in .22 lfB. Aus ihm wurde durch Hochziehen auf eine Zentralfeuerpatrone das SSG 82.
Man sieht es der Waffe an drei Stellen an:
- Der Abzug löst bei rund 350 g aus. Das ist Sportgewehrniveau; ein Militärgewehr liegt bei einem Vielfachen davon.
- Der Schaft ist von den Suhler Matchgewehren abgeleitet und verstellbar.
- Das Gewicht liegt bei 4,5 kg. Die PSG1 wiegt 8,1 kg.
Das ist kein Zufall, sondern folgt aus dem, was die Stadt konnte. Suhl war seit den 1950er Jahren ein Zentrum des Sportwaffenbaus mit internationalen Erfolgen; Militärgewehre baute die DDR in Lizenz in Wiesa. Wer in Suhl ein Präzisionsgewehr brauchte, griff naheliegenderweise zum Sportgerät. Siehe Sportwaffenbau in der DDR.
Warum ein Repetierer
Für eine Waffe von 1982 wirkt der Handrepetierer altmodisch. Er ist eine Entscheidung, keine Rückständigkeit.
Im Augenblick des Schusses bewegt sich bei einem Repetierer kein einziges Bauteil der Waffe. Kein Verschluss läuft zurück, kein Gas wird abgezweigt, kein Kolben schlägt an. Bei einem Selbstlader dagegen beginnt der Nachladevorgang, während das Geschoss noch im Lauf ist — und alles, was sich dabei bewegt, kann den Treffpunkt verziehen.
Ein Selbstlader kann trotzdem präzise sein. Aber er muss es sich erarbeiten, und die PSG1 zeigt, mit welchem Aufwand: verstärktes Gehäuse, ausgesuchte Rollenpaarungen, ein besonderer Verschlusspuffer, ein Abzug in eigener Baugruppe — bis die Waffe so teuer war, dass sie sich aus dem Markt hob.
Suhl kam ohne diesen Umweg aus. Der Preis steht daneben: kein zweiter Schuss ohne Anschlagsunterbrechung. Für die vorgesehene Aufgabe — ein geplanter Treffer aus vorbereiteter Stellung — war das hinnehmbar.
Warum diese Patrone
Die 5,45 × 39 mm ist eine Überraschung. Man erwartet in einem Scharfschützengewehr die volle Gewehrpatrone, also 7,62 × 54 R beim SWD oder 7,62 × 51 NATO bei der PSG1. Hier steht eine innere Mittelpatrone, wie sie sonst Sturmgewehre führen. Siehe Patronenklassen.
Der Grund liegt im Entstehungszeitpunkt. Das SSG 82 entstand, nachdem die DDR die Unterlagen zur 5,45 × 39 erhalten hatte — es ist die Präzisionsergänzung zum Kalaschnikow-Programm, zeitgleich mit der MPi AK-74N aus Wiesa. Eine gemeinsame Patrone bedeutet gemeinsame Beschaffung, gemeinsame Lagerhaltung, gemeinsame Fertigung.
Ballistisch passt sie zum Zweck. Die 5,45 × 39 ist rückstoßarm, sehr schnell — 980 m/s aus dem 600-mm-Lauf — und auf den Entfernungen, um die es geht, flach genug. Ihre Schwächen greifen erst weiter draußen: Sie verliert schneller Energie und ist windempfindlicher als eine volle Gewehrpatrone.
Genau das ist der Punkt: Das SSG 82 ist keine Antwort auf das SWD. Es ist kein militärisches Scharfschützengewehr, sondern eine Polizeiwaffe für den Nahbereich — Objektsicherung, Geiselnahme, Stadtgebiet. Die Patrone verrät den Zweck.
Ein Vorbehalt zu diesem Vergleich. Ob die NVA das SWD überhaupt führte, ist in den für dieses Register greifbaren Quellen nicht belegt — siehe den dortigen Eintrag. Verglichen werden hier also zwei Konstruktionen und zwei Aufgaben, nicht zwei Beschaffungsentscheidungen der DDR.
Die Optik kam aus Jena
Das Zielfernrohr Ziel4/S 4 × 32 stammt vom VEB Carl Zeiss Jena und sitzt auf einer Suhler Schwenkmontage. Vierfache Vergrößerung, Deutsches Absehen.
Damit gehören zu dieser Waffe zwei Betriebe des Untersuchungsraums. Was ein 4 × 32 gegenüber einem 4 × 24 leistet — und warum das Suhler Polizeigewehr die lichtstärkere Optik bekam —, steht unter Zieloptik und Visierung. Ein eigener Herstellereintrag zu Carl Zeiss Jena fehlt in diesem Register weiterhin und ist hiermit als Lücke benannt.
Der freischwingende Lauf
Der Lauf ist kaltgehämmert, 600 mm lang und verjüngt sich von 23,5 auf 19,5 mm. Vor allem aber ist er freischwingend: Er berührt den Schaft nirgends, sondern hängt allein am Systemkasten.
Das ist der wichtigste einzelne Griff, mit dem man aus einem Gewehr ein Präzisionsgewehr macht; warum, steht unter Schäfte und Schaftholz. Ein im Schaft aufliegender Lauf verbiegt sich beim Schuss je nachdem, wie fest er wo aufliegt — und das ändert sich mit Temperatur, Feuchtigkeit und dem Druck, mit dem der Schütze das Gewehr hält. Ein freischwingender Lauf schwingt bei jedem Schuss gleich. Siehe Läufe und Züge.
Was 1989 damit geschah
Mit der Entwaffnung des MfS nach der friedlichen Revolution wurden die Bestände eingesammelt. Allein in der am 4. Dezember 1989 besetzten Suhler Bezirksverwaltung fanden sich zehn SSG 82.
Die eingesammelten Waffen gingen an die NVA und damit später an die Bundeswehr, und wurden von dort zu großen Teilen verkauft. Rund 600 Stück gelangten um 2000 über einen Importeur in die Vereinigten Staaten — weshalb ein Teil der greifbaren Beschreibungen englischsprachig ist und aus dem Sammlerumfeld stammt.
Für die Objektkunde heißt das: Ein SSG 82 im Umlauf hat einen Weg hinter sich, der über mindestens drei Eigentümer läuft — MfS, NVA/Bundeswehr, Handel. Kennzeichnungen aus jeder dieser Stationen sind zu erwarten und auseinanderzuhalten.
Für die Bestimmung
- Kaliber. 5,45 × 39 mm ist bei einem Repetierer dieser Bauform praktisch ein Alleinstellungs- merkmal.
- Abzugsgewicht. Rund 350 g weist auf die Sportgewehrherkunft und schließt eine militärische Ordonnanzwaffe aus.
- Zielfernrohr und Montage. Ziel4/S 4 × 32 aus Jena auf Suhler Schwenkmontage. Eine andere Optik ist eine spätere Zutat.
- Laufverjüngung von 23,5 auf 19,5 mm über 600 mm.
- Magazin. Ab Werk fünf Patronen; Ersatzmagazine zu sieben und zehn Schuss sind im Umlauf und nicht ursprünglich.
- Ausführungsqualität. Sie schwankt bei gleichbleibender Bauform — bei rund 1.900 Stück aus einer 25-Mann-Werkstatt ist das Manufaktur, keine Serie, und kein Hinweis auf eine Fälschung.
Offene Forschungsfragen. Wo sitzen die vier Verriegelungswarzen — vorn oder hinten? Am zerlegten Stück in einer Minute zu beantworten. — Drall und Zugprofil des Laufs. — Welche Präzision forderte der Auftraggeber, und welche wurde erreicht? — Wer konstruierte die Waffe? Die Namen sind in keiner der eingesehenen Darstellungen genannt. — Was steht in der Werbebroschüre des MfS, die im Stasi-Unterlagen-Archiv liegt? Sie ist die einzige greifbare zeitgenössische Quelle und in diesem Register noch nicht ausgewertet. — Und was waren der Revolver „Smart” und die Kleinstmaschinenpistole aus derselben Werkstatt?
Waffenrechtliches
Halbautomat ist diese Waffe nicht, Vollautomat ebenso wenig: Das SSG 82 ist ein Repetierer und damit keine Kriegswaffe nach dem KWKG. Für Erwerb und Besitz gilt das Waffengesetz. Dieses Register dokumentiert die Waffe ausschließlich technik- und zeitgeschichtlich; zur Einordnung siehe Methodik.
Konstruktion
- Verschluss
- Zylinderverschluss mit vier Verriegelungswarzen und 60 Grad Drehwinkel. Wo genau diese Warzen sitzen, ist in diesem Register UNGEKLÄRT: Die deutsche Übersichtsdarstellung nennt vier Warzen ohne Ortsangabe, eine englischsprachige Beschreibung spricht von hinten liegender Verriegelung. Beides schließt einander nicht aus — bei einer aus einem Kleinkaliber-Sportgewehr abgeleiteten Kammer wäre die hintere Verriegelung naheliegend, für eine Hochdruckpatrone dagegen ungewöhnlich. Am zerlegten Stück ist die Frage in einer Minute zu beantworten.
- Ladeprinzip
- Repetierer. Kein Selbstlader — und das aus Absicht: Im Augenblick des Schusses bewegt sich kein Bauteil der Waffe.
- Zuführung
- Abnehmbares Stangenmagazin zu 5 Patronen
- Abzug
- Feinabzug mit rund 350 ± 50 g Abzugsgewicht — Sportgewehrniveau, nicht Militärniveau. Das ist eines der deutlichsten Merkmale der Herkunft aus dem Suhler Sportwaffenbau.
- Sicherung
- Nicht ermittelt
- Visierung
- Zielfernrohr Ziel4/S 4 × 32 des VEB Carl Zeiss Jena mit Deutschem Absehen, auf einer Suhler Schwenkmontage. Keine offene Visierung als Rückfallebene ermittelt.
Maße und Leistung
- Länge
- 1.080 mm
- Lauflänge
- 600 mm, kaltgehämmert und freischwingend; der Lauf verjüngt sich von 23,5 mm auf 19,5 mm
- Gewicht
- 4,5 kg ohne Magazin
- Magazin
- 5 Patronen; Ersatzmagazine zu 7 und 10 Patronen im Umlauf
- V₀
- 980 m/s
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Laden
Der Verschluss wird um 60 Grad geöffnet und zurückgezogen. Beim Vorschieben nimmt der Stoßboden die oberste Patrone aus dem Stangenmagazin und schiebt sie in das Patronenlager.
- 2
Verriegeln
Das Schließen dreht die Kammer um 60 Grad; vier Verriegelungswarzen greifen hinter ihre Widerlager. Der kurze Drehwinkel von 60 statt 90 Grad verkürzt die Handbewegung und lässt Raum für ein tief sitzendes Zielfernrohr — ein Merkmal, das die Waffe mit modernen Präzisionsbüchsen teilt und mit dem Gewehr 98 gerade nicht.
- 3
Schuss
Der Schlagbolzen zündet. Anders als bei einem Selbstlader bewegt sich in diesem Moment kein Bauteil der Waffe — keine zurücklaufende Masse, kein abgezweigtes Gas, kein Gasdruckkolben. Was den Treffpunkt verziehen könnte, existiert schlicht nicht.
- 4
Der Lauf schwingt
Der Lauf ist freischwingend: Er berührt den Schaft nirgends, sondern ist nur am Systemkasten befestigt. Dadurch führt er bei jedem Schuss dieselbe Schwingung aus, statt sich an wechselnden Auflagepunkten unterschiedlich zu verbiegen. Siehe Läufe und Züge.
- 5
Entladen und Wiederholen
Öffnen zieht die Hülse aus und wirft sie aus, gleichzeitig wird der Schlagbolzen gespannt. Der Schütze muss dafür den Anschlag lösen — der Preis, den der Repetierer für seine Ruhe im Schuss zahlt.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Zwei vordere Verriegelungswarzen am Kammerkopf liegen unmittelbar hinter dem Patronenlager in Rastflächen des Hülsenkopfs; eine dritte, hintere Warze dient als Sicherheitsreserve.
- 2 Entriegeln: Der Kammerstängel wird nach oben gedreht. Die Warzen treten aus den Rastflächen, und eine Steuerfläche zieht die Kammer zugleich ein Stück zurück — das löst die Hülse aus dem Lager (Erstauszug).
- 3 Zurückziehen und Vorschieben: Die Kammer läuft zurück, der Auszieher hält die Hülse, der Auswerfer wirft sie aus. Beim Vorschieben nimmt der Stoßboden die oberste Patrone aus dem Kastenmagazin mit; Niederdrücken des Stängels verriegelt erneut.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Suhl Modell 150
VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann" · DDR (Suhl) · 1960 plausibel- System
- Kleinkaliber-Standardgewehr, Zylinderverschluss, .22 lfB
- Unterschied
- Die Grundlage. Das SSG 82 ist kein umgebautes Militärgewehr, sondern ein auf eine Zentralfeuerpatrone hochgezogenes Sportgerät. Schaft, Abzug und die ganze Auslegung auf den ruhigen Einzelschuss stammen von dort.
- Befund
- Der ungewöhnlichste Punkt dieser Waffe. Andere Länder bauten Scharfschützengewehre aus Ordonnanzgewehren, also von oben herunter. Suhl baute von unten herauf, aus dem, was die Stadt konnte: Sportwaffen. Siehe Sportwaffenbau in der DDR.
HK PSG1
Heckler & Koch · Bundesrepublik (Oberndorf) · 1972 plausibel- System
- Rollenverzögerter Masseverschluss, Selbstlader, 7,62 × 51 mm NATO, 8,1 kg
- Unterschied
- Die zeitgleiche westdeutsche Antwort auf dieselbe polizeiliche Aufgabe — und der Gegenentwurf in jedem Punkt. Statt Repetierer ein Selbstlader, statt innerer Mittelpatrone die volle Gewehrpatrone, statt 4,5 kg rund 8,1 kg, statt Jenaer Optik ein Hensoldt.
- Befund
- Der Vergleich fällt nicht zugunsten einer Seite aus. Suhl erreichte über den Repetierer ohne Umwege, was Oberndorf dem Selbstlader mit erheblichem Aufwand abringen musste — gab dafür aber den zweiten Schuss ohne Anschlagsunterbrechung auf. Zwei Häuser, dieselbe Aufgabe, entgegengesetzte Ausgangspunkte.
MPi AK-74N
VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa · DDR (Wiesa) · 1983 plausibel- System
- Gasdrucklader, Drehkopfverschluss, 5,45 × 39 mm
- Unterschied
- Dieselbe Patrone, dieselben Jahre, dieselbe Republik — und ein völlig anderer Zweck. Das SSG 82 entstand, nachdem die DDR die Unterlagen zur 5,45 × 39 erhalten hatte; es ist die Präzisionsergänzung zum Kalaschnikow-Programm.
- Befund
- Bemerkenswert ist, dass die Ergänzung nicht als Selbstlader ausfiel. Der sowjetische Weg wäre die SWD gewesen; Suhl ging einen eigenen.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Kein zweiter Schuss ohne Anschlagsunterbrechung
Der Repetierer kauft seine Ruhe im Schuss damit, dass der Schütze zum Nachladen den Anschlag lösen muss. Bei der vorgesehenen Aufgabe — ein Treffer, geplant, aus vorbereiteter Stellung — fällt das kaum ins Gewicht; bei mehreren Zielen in kurzer Folge sehr wohl. Genau dafür wurde in Oberndorf der Aufwand der PSG1 getrieben.
plausibel
-
Reichweite der Patrone
Die 5,45 × 39 ist eine innere Mittelpatrone mit leichtem Geschoss. Sie ist rückstoßarm und sehr schnell, verliert aber schneller Energie und ist windempfindlicher als eine volle Gewehrpatrone. Für den vorgesehenen Einsatzraum — Stadtgebiet, Objektsicherung, Geiselnahme — genügt sie; als militärisches Scharfschützengewehr auf große Entfernung wäre sie unterlegen. Die Waffe ist deshalb ausdrücklich keine Antwort auf die SWD.
plausibel
-
Fertigungsqualität schwankt
An eingeführten Stücken ist beschrieben, dass die Ausführung im Detail unterschiedlich ausfällt, während die Bauform gleich bleibt. Das ist bei einer Fertigung von rund 1.900 Stück in einer Werkstatt mit etwa 25 Beschäftigten nicht überraschend — es ist Manufakturfertigung, keine Serie.
ungeklärt
Verwendung
- Hauptabteilung XXII des Ministeriums für Staatssicherheit — die Antiterror-Diensteinheit
- Personenschutz und Objektsicherung des MfS
- Kräfte des Ministeriums des Innern, Bereitschaftspolizei
- Passkontrolleinheiten
- Nach 1989: eingesammelt, an NVA beziehungsweise Bundeswehr abgegeben, später zu großen Teilen verkauft; rund 600 Stück gelangten um 2000 über einen Importeur in die Vereinigten Staaten
Quellen
- [Archiv] Bundesarchiv — Die geheimen Waffen der Stasi , Entwicklung und Fertigung durch die Abteilung Bewaffnung und Chemischer Dienst (BCD) des MfS in einer eigenen Produktionsstätte in Suhl; Anfang der 1980er Jahre auf dem Gelände des VEB FAJAS errichtet und als Zentrales Abnahmebüro (ZAB-Stelle) einer NVA-Dienststelle legendiert; etwa 25 MfS-Mitarbeiter; bis 1989 rund 1.900 SSG 82; vorgesehen für Geiselnahmen, Terrorismusbekämpfung, Objektsicherung und Scharfschützenteams; zehn Stück in der am 4. Dezember 1989 besetzten Suhler Bezirksverwaltung; Abgabe an NVA beziehungsweise Bundeswehr und späterer Verkauf; daneben ein eigener Revolver „Smart" und eine Kleinstmaschinenpistole aus derselben Werkstatt Link
- [Online] Wikipedia (de) — Scharfschützengewehr 82 , 1982, Grundlage Suhler Kleinkaliber-Standardgewehr 150; 5,45 × 39 mm; Gesamtlänge 1.080 mm, Lauf 600 mm kaltgehämmert und freischwingend, Verjüngung 23,5 auf 19,5 mm, 4,5 kg ohne Magazin, Magazin zu 5, V0 980 m/s; Zielfernrohr Ziel4/S 4 × 32 des VEB Carl Zeiss Jena auf Suhler Schwenkmontage; verstellbarer Schaft; Verwendung durch die Hauptabteilung XXII des MfS, Kräfte des MdI und Bereitschaftspolizei Link
- [Online] Forgotten Weapons — SSG-82: The Enigmatic East German Sniper Rifle , Entwicklung, nachdem die DDR die Unterlagen zur 5,45 × 39 erhalten hatte, als Präzisionsergänzung zum AK-74-Programm; rund 2.000 Stück; ausdrücklich für die inneren Sicherheitsorgane, nicht für die Armee; Schaft von Suhler .22-Matchgewehren abgeleitet; hinten liegende Verriegelung; Zielfernrohr 4 × aus Jena mit Deutschem Absehen; schwankende Ausführungsqualität bei gleichbleibender Bauform; rund 600 Stück um 2000 über Century International Arms in die Vereinigten Staaten Link
- [Online] ssg-82.com — Geschichte Scharfschützengewehr SSG-82 , Abzugsgewicht 350 ± 50 g; Länge 1.080 mm, Lauf 600 mm, 4,5 kg, Magazin zu 5; ausdrücklich für den Einsatz im MfS vorgesehen; Ausrüstung von Antiterror-, Personenschutz- und Grenzkontrolleinheiten. Die Seite weist selbst darauf hin, dass Entwicklungsauftrag, beteiligte Personen, Erprobung, Fertigungsjahre und Verbleib nicht dokumentiert sind Link
- [Archiv] Stasi-Unterlagen-Archiv — Werbebroschüre der Stasi zum Scharfschützengewehr 82 , Nachweis einer zeitgenössischen Broschüre des MfS zur eigenen Waffe; in diesem Register bislang NICHT ausgewertet Link