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OD WH

Modell

Suhler Unterlader (Biathlongewehre Modell 626, 626-1 und 628)

Fertigung
VEB Ernst-Thälmann-Werk
Kaliber
.22 lfB
Zeitraum
1978–1991
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Ein Biathlet muss zwischen zwei Schüssen nachladen, ohne Kopf und Schulter zu bewegen — jede Bewegung kostet das mühsam gefundene Zielbild. Diese Waffe löst das mit zwei Kunstgriffen. Der erste betrifft den Verschluss — das Stück hinter dem Lauf, das ihn beim Schuss nach hinten dicht hält. Es wird nicht durch Drehen und Einhaken festgesetzt, sondern durch eine Kette aus zwei Gliedern, die so weit gerade gestreckt ist, dass ihr Gelenkpunkt über den Streckpunkt hinaussteht. Wie ein durchgedrücktes Knie trägt sie in dieser Lage jede Last von vorn: Der Druck der abgefeuerten Patrone streckt sie nur noch fester. Öffnen lässt sie sich allein, indem jemand sie von außen wieder einknickt. Der zweite Kunstgriff ist, womit das geschieht. Bei den alten Hebelgewehren war es ein Bügel, den die ganze Hand umfassen musste. In Suhl ist der Pistolengriff selbst der Hebel: Er sitzt beweglich am Schaft und ist über Zwischenstücke mit der Gelenkkette verbunden. Der Schütze schwenkt ihn um etwa dreißig Grad nach vorn und unten, das Gelenk knickt ein, der Verschluss läuft zurück, zieht die leere Hülse heraus und wirft sie aus; beim Zurückschwenken schiebt er die nächste Patrone aus dem Magazin in den Lauf und streckt die Kette wieder durch. Die Hand bleibt dabei am Griff, der Zeigefinger vorn am Abzug. Der Preis dafür ist, dass sich ausgerechnet das Bauteil bewegt, an dem die Waffe gehalten wird.

Das Biathlonschießen stellt eine konstruktive Frage, die für den Waffenbau untypisch ist. Gefragt ist ruhiges Repetieren, nicht schnelles. Der Athlet kommt mit hohem Puls an den Stand, gibt fünf Schuss ab und bewegt zwischen ihnen viermal den Verschluss. Jede Bewegung, die Kopf, Schulter oder Trageriemen verlagert, kostet ein neu zu suchendes Zielbild und damit mehr Zeit, als der Verschlussweg selbst je brauchen könnte. Ein Zylinderverschluss beantwortet das denkbar schlecht: vier Bewegungen, von denen zwei quer zur Laufachse in die Waffe greifen, und ein Kammerstängel, der seitlich oben steht, weit weg von der Schießhand. Das Suhler Matchgewehr Modell 150 hatte damit kein Problem, weil beim liegenden Präzisionsschießen zwischen den Schüssen ohnehin Zeit ist. Im Biathlon ist keine.

Im Jahr 1978 schrieb das Reglement einheitlich die Randfeuerpatrone .22 lfB vor und verkürzte die Distanz auf 50 Meter. Ein Monatsdatum nennt keine der ausgewerteten Quellen. Damit ist dieser Eintrag nach dem Modell 150 der zweite des Registers, für den der Begriff „Kleinkaliber” fachlich korrekt ist; siehe Patronenklassen. Dieselbe Umstellung setzte in mehreren Ländern gleichzeitig Konstruktionsarbeit in Gang, und in Finnland, in Ischewsk, in Suhl und ab 1984 in Ulm suchte man denselben Ausweg aus dem Drehverschluss.

Konstruktion

Suhl griff auf ein Prinzip zurück, das rund hundertzwanzig Jahre älter war als die Aufgabe: den Kniegelenkverschluss, wie ihn das Henry-Gewehr von 1860 und die Winchester-Modelle der folgenden zwei Jahrzehnte trugen.

Er verriegelt durch Geometrie statt durch Formschluss. Eine Gelenkkette aus zwei Gliedern wird so weit gestreckt, dass ihr Gelenkpunkt über den Totpunkt hinaus steht. In dieser Lage lässt sie sich durch Druck von vorn nicht mehr zusammenklappen; jede Kraft aus dem Patronenlager treibt sie nur weiter in die Streckung. Öffnen kann sie nur, wer sie von außen wieder über den Totpunkt zurückknickt. Nach demselben Wirkmechanismus arbeitet die Pistole 08; dort besorgen schräge Anlaufflächen im Griffstück das Ausknicken beim Rücklauf, hier die Hand des Schützen.

Der Griff als Hebel

Das Kniegelenk selbst war nicht neu. Neu war, womit es geknickt wird.

Beim Henry-Gewehr und seinen Nachfolgern ist der Hebel der schwenkbare Abzugsbügel. Der Schütze umgreift ihn, der Zeigefinger verlässt das Züngel, die ganze Hand wechselt zwischen zwei Aufgaben. Für Biathlon taugt das nicht. Der Finger müsste zwischen einem Abzugsgewicht von 500 Gramm und einer Bedienkraft ganz anderer Größenordnung hin- und herwechseln, und die Griffhand müsste den Griff loslassen.

Die Suhler Lösung dreht das um. Der Pistolengriff selbst ist der Hebel. Er ist gelenkig statt starr am Schaft gelagert und über eine Dreieckplatte und einen Zwischenhebel mit der Kniehebelkette verbunden. Der Schütze schwenkt ihn um etwa 30° nach vorn und unten, die Gelenklinie knickt ein, der Verschluss öffnet; Zurückschwenken schließt und verriegelt. Die Hand bleibt am Griff, und ein geänderter Abzugsbügel lässt den Zeigefinger vorn am Züngel stehen. Ein Umschalten zwischen 500 Gramm Abzugsgewicht und rund 2500 Gramm Bedienkraft entfällt damit. (Die vielzitierten „etwa 15°” stammen aus einer englischsprachigen Übersicht, deren Absatz im Beleg auf das westdeutsche Krico 360 S II verweist; die 30° sind am Realstück gemessen.)

Der Name „Unterlader” trifft die Tradition, denn die Betätigung liegt unten wie beim Unterhebelrepetierer. Irreführend ist er, wenn man dabei an einen Fingerhebel unter dem Schaft denkt. Einen solchen Hebel gibt es nicht. Es ist der Griff.

Übernahmen vom Modell 150

Der Versuchsbau baute um, statt neu zu entwerfen. Systemhülse und Abzugsbaugruppe stammen vom Modell 150 „Standard”, dem Suhler KK-Matchgewehr, die Abzugsgruppe nach Quellenlage vollständig. Ausgetauscht wurde genau das, worin sich Biathlon vom Präzisionsschießen unterscheidet: Drehverschluss gegen Kniegelenk, Einzellader gegen Fünfschussmagazin, Matchschaft gegen einen dreiteiligen, je Athlet zugearbeiteten Schaft. Für die Bestimmung am Objekt folgt daraus eine Reihenfolge: zuerst die vom 150 geerbten Baugruppen, dann der Magazinschacht (seitlich angewinkelt beim 626, gerade beim 626-1), dann die Gehäusebeschriftung „Suhl-Biathlon”.

Verwendung

Dass die Konstruktion funktionierte, ist gut belegt. Mit Waffen dieser Modelle wurden bis 2007 Titel bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gewonnen. Sven Fischer blieb bis zu seinem Rücktritt 2007 der letzte internationale Spitzenathlet mit einem Suhler Unterlader; nach dem Ausstellungstext des Waffenmuseums Suhl gewann er 2006 mit einer Waffe des Baujahrs 1988 olympisches Gold und Silber. Welches der drei Modelle das war, sagt keine Quelle. Die im Register verbreitete Zuordnung „626-1” ist eine Vermutung und hier nicht übernommen. In den Fertigungsunterlagen des Versuchsbaus ist außerdem eine namentlich für Frank Ullrich gefertigte Waffe nachgewiesen; die ersten beiden Gewehre überhaupt gingen im September 1978 an dessen Klub, den ASK Oberhof.

Einordnung

Die Denkfigur ist in der Waffengeschichte selten. Ein Bedienelement kommt nicht hinzu; ein vorhandenes bekommt eine zweite Funktion. Der Pistolengriff muss ohnehin gehalten werden, und ihn zugleich als Repetierhebel zu benutzen spart jede zusätzliche Handbewegung. Ein zweites Biathlongewehr mit dieser Lösung ist nicht bekannt, mit einer möglichen Ausnahme: Eine englischsprachige Übersicht führt das Krico 360 S II (rund fünfzig Stück, frühe 1990er Jahre, wiedervereinigtes Deutschland) als der Suhler Konstruktion ähnlich an. Der Beleg dafür fehlt dort; die Spur ist offen und im Register nicht geprüft.

Aufschlussreicher als die Mechanik ist die Konstellation. Zwei Betriebe mit gemeinsamer südthüringischer Wurzel bearbeiten um 1980 dieselbe Aufgabe. Der eine, der VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann”, fertigt auf dem Gelände, auf dem seit 1856 Waffen gebaut werden. Der andere, J. G. Anschütz, 1856 in Mehlis gegründet, wurde 1945 enteignet und demontiert und baute 1950 in Ulm neu auf. Beide tragen dieselbe Kompetenzlinie in Randfeuer-Präzision, Matchläufen und Matchabzügen und stehen sich, wie schon bei den Luftdruckwaffen, als geteilte Erben derselben Region gegenüber.

Suhl 626 / 626-1Anschütz 1827 Fortner
Erstes datiertes Stück13.09.1978 (Gerätenummernbuch)Verschluss ab 1984
VerriegelungKniegelenk, geometrisch über TotpunktStahlkugeln radial in Ringnut
Bewegtes Bedienelementder Pistolengriff selbstKammergriff, mit zwei Fingern
Was ruhig bleibtKopf, Schulter, AnschlagKopf, Schulter, Anschlag und die Griffhand
WegSchwenken um rund 30° (am Objekt gemessen)kurzer Geradezug
Ausbringungrund 200 bis 210 Stück insgesamtindustrielle Serie
Endemit dem Betrieb 1990/91in Fertigung

Es kommt auf die vierte Zeile an. Beide Systeme lösen den Anschlagwechsel, nur das Ulmer löst zusätzlich die Frage, was mit der Schießhand geschieht. Der konstruktive Unterschied ist real, er ist aber nicht der einzige Grund für den Ausgang, und dieses Register würde sich zu leicht machen, wenn es ihn dazu erklärte. Der Suhler Unterlader war nie ein Marktprodukt. Einzelbau im Versuchsbau, Schaftteile je Sportler zugearbeitet, Abgabe an Kaderathleten eines Verbandsapparats: 208 Waffen in dreizehn Jahren, rund sechzehn im Jahr, sind keine Serie, sondern eine Werkstattleistung. Die wirtschaftliche Seite behandelt Sportwaffenbau in der DDR. Als der Betrieb 1990/91 endete, endeten mit ihm Fertigung, Ersatzteile und Service in einem Zug; Ulm dagegen verkaufte an jeden, der zahlte. Der Wettbewerb, den Suhl verlor, war deshalb nur zum Teil ein technischer. Der oft nachgesprochene Zusatzgrund, das Gewehr sei zu teuer gewesen, hält der Prüfung nicht stand: Er stammt aus einer englischsprachigen Übersicht, deren Beleg an dieser Stelle vom westdeutschen Krico 360 S II handelt, nicht von der DDR-Fertigung.

Auch die Idee kam nicht aus Suhl. In Finnland entstand bereits 1976 das Finnbiathlon-22, das erste Randfeuergewehr mit Kniegelenkverschluss, zwei Jahre vor dem ersten datierten Suhler Stück und acht Jahre vor Fortner; als Konstrukteur wird Torsti Laaksonen genannt, als Fertiger die Tampereen Asepaja, mit über 3500 Stück zwischen 1977 und 1984 (Sammlerangabe, nicht unabhängig geprüft). Ischmasch stellte noch im selben Jahr 1976 ein eigenes Randfeuer-Kniegelenk vor und brachte 1979 die seitlich betätigte BI-7-Reihe. Eigenständig ist an Suhl die Verlegung des Hebels in den Pistolengriff; das Prinzip ist es nicht. Ein Vorbild für die Verlegung ist nicht bekannt.

Für die Bestimmung

Die überlebenden Stücke sind Einzelstücke mit Athletenbezug. Von den rund zweihundert gefertigten Waffen sind derzeit neunzehn als erhalten dokumentiert, zehn davon eingehend, mit Gerätenummern zwischen V0574 und V0790. Wer ein solches Stück bewertet, bewertet ein Sportgeschichtsobjekt, und Gerätenummer, Magazinschacht und Schaftteile gehören festgehalten, bevor irgendetwas daran verändert wird.

Waffenrechtliches

Der Suhler Unterlader ist ein handrepetierendes Sportgerät im Randfeuerkaliber .22 lfB ohne jede Selbstladefunktion. Ein Fall des Kriegswaffenkontrollgesetzes ist er damit nicht. Die KWKG-Hinweise, die dieses Register bei vollautomatischen Waffen führt, etwa beim MKb 42(H) / StG 44, greifen hier nicht. Erwerb und Besitz richten sich nach dem Waffengesetz und setzen ein Bedürfnis voraus. Die sportliche Zweckbestimmung ist eindeutig.

Offene Forschungsfragen. Die Datierung: 13. September 1978 nach dem Gerätenummernbuch des Versuchsbaus, 1979 nach Wikipedia und Waffenmuseum, „1980er Jahre” nach der älteren Übersichtsseite desselben Autors, der 2024 dann das Gerätenummernbuch ausgewertet und selbst „seit 1978” geschrieben hat. Die Stückzahlen: 171 plus 41 gegen 208 gegen rund 210; die ältere Zahl steht auch noch im Eintrag zum Anschütz 1827 Fortner. Die Bauart des Modells 628, beim selben Autor einmal „Seitenspanner”, einmal „Oberspanner”; hier spricht die Objektlage für „Seitenspanner”, entschieden ist es damit nicht. Die Angabe des Museumstextes, der Griffspanner sei „1984 erstmals durch Frank Ullrich bei den Olympischen Spielen in Sarajevo eingesetzt” worden: Ullrich startete dort noch, aber „erstmals” verträgt sich nicht mit einem ersten Gewehr von 1978, das an seinen eigenen Klub ging, und nicht mit seinen Siegen von 1980. Das Modell des Gewehrs, mit dem Sven Fischer 2006 Gold gewann; belegt ist nur das Baujahr 1988. Das Krico 360 S II als möglicher Nachbau nach 1990. Und, am wichtigsten, es fehlt jede Angabe zum Konstrukteur. Wer im Versuchsbau den beweglichen Pistolengriff entworfen hat, nennt keine der ausgewerteten Quellen. Zu klären an Betriebsunterlagen, an Unterlagen des DTSB und der Sportvereinigung Dynamo sowie an den Beständen des Waffenmuseums Suhl.

Konstruktion

Verschluss
Kniegelenkverschluss nach Art des Systems Henry. Verriegelt wird nicht durch Formschluss zwischen Verschlusskopf und Gehäuse, sondern durch Geometrie: Die Kniehebellinie wird über ihren Totpunkt hinaus überstreckt und stützt sich dort gegen den Gasdruck ab; entriegelt wird ausschließlich, indem sie von außen wieder über den Totpunkt zurückgeknickt wird. Die Systemhülse geht auf die des KK-Matchgewehrs Modell 150 „Standard" zurück. Beim Modell 628 ist dasselbe Gelenk einfacher ausgeführt und um 90° gedreht; es liegt rechts außen und wird über einen bogenförmig laufenden Bedienklotz betätigt.
Ladeprinzip
Handrepetierer mit Unterhebelbetätigung. Kein Gasdruck- und kein Rückstoßantrieb — jeder Zyklus wird vom Schützen ausgeführt. Verriegelung und Ladeprinzip sind getrennt zu lesen: verriegelt wird über die Gelenklinie, geladen rein von Hand.
Zuführung
Einreihiges Kunststoffmagazin zu 5 Patronen, teils mit angeformter Aufnahme für drei Reservepatronen; im Vorderschaft ein Halter für vier Reservemagazine, dazu Anschraubschienen für Handstopp und Tragesystem. Beim Modell 626 wird das Magazin seitlich um rund 135° zur Vertikalachse eingesetzt, beim 626-1 gerade — das äußerlich auffälligste Unterscheidungsmerkmal beider Baureihen. Belegt ist es allerdings nur aus der Literatur: ein Realexemplar des 626 war der objektnächsten Quelle bis 2022 überhaupt nicht bekannt.
Abzug
Abzugsbaugruppe des Modells 150 „Standard", nach Quellenlage vollständig übernommen: Vorweg, Vorzugsgewicht, Abzugsgewicht, Weg und Züngelstellung einstellbar. Der Abzugsbügel ist gegenüber dem Matchgewehr geändert, damit der Zeigefinger während des Ladezyklus vorn am Züngel bleiben kann. Reglementmindestwiderstand 500 g.
Sicherung
Keine Sicherung als Wettkampfmerkmal — die Sicherheit wird organisatorisch hergestellt: entladene Waffe auf der Loipe, Lauf nach oben, Magazin erst am Schießstand.
Visierung
Diopter und Ringkorn im Korntunnel; vergrößernde Optik ist nach Reglement verboten, zulässig sind allein nicht vergrößernde Korrekturgläser. Am Korntunnel sitzt eine federbelastete Schutzklappe gegen Schnee; das außen liegende Verschlussgestänge der 626er-Reihe ist zusätzlich von einer eingehängten Blechhaube abgedeckt.

Maße und Leistung

Lauflänge
rund 470 mm (18½") am Einzelstück V0574 nach Auktionsbeschreibung; eine Herstellerangabe liegt nicht vor. Die kursierenden 54 cm stammen aus einer Passage, deren Beleg das westdeutsche Krico 360 S II betrifft
Gewicht
rund 4,2 kg — aus derselben, auf Krico gestützten Passage und für die Suhler Waffe nicht unabhängig belegt; Reglementrahmen 3,5 bis 7,5 kg. Am Einzelstück ohnehin schwankend, weil die Schaftteile je Athlet gefertigt wurden
Magazin
5 Patronen, Einzelreihe, Kunststoff
V₀
Reglementgrenze 360 m/s, Geschossmasse 2,55 bis 2,75 g — Reglement, keine Waffeneigenschaft
Kadenz
entfällt — Handrepetierer. Maßgeblich ist nicht die Schussfolge, sondern die Zeit zwischen Schuss und wiedererlangtem Zielbild

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Verriegelt und schussbereit

    Die Glieder der Kniehebelkette stehen überstreckt, der Gelenkpunkt liegt jenseits seines Totpunkts. In dieser Lage kann der Gasdruck den Verschluss nicht öffnen: Jede Kraft aus dem Patronenlager treibt die Kette weiter in die Streckung, also fester zu. Derselbe Gedanke wie bei der Parabellum-Pistole, nur ohne Antrieb — was dort der Rückstoß besorgt, macht hier die Hand.

  2. 2

    Entriegeln durch Knicken der Gelenklinie

    Der Schütze schwenkt den Pistolengriff nach vorn und unten. Der Griff ist nicht starr am Schaft, sondern gelenkig gelagert und über eine Dreieckplatte und einen Zwischenhebel mit der Kniehebelkette verbunden; die Schwenkbewegung drückt die Gelenklinie über den Totpunkt zurück. Maßgeblich ist die Messung am Realstück: etwa 30°; zur verbreiteten Gegenangabe „etwa 15°" siehe Belegnotiz.

  3. 3

    Öffnen und Auswerfen

    Das einknickende Gelenk zieht den Verschluss nach hinten; geführt wird er von einem durchgehenden Querstift, der beidseitig in Steuerkurven der Systemhülse läuft. Zwei symmetrisch im spitzen Winkel stehende Auszieherkrallen fassen die Randfeuerhülse, der Ausstoßer kippt sie aus, die Schlagbolzenfeder wird gespannt. Der Weg bleibt kurz, weil die .22 lfB nur rund 25 mm Patronenlänge braucht.

  4. 4

    Zuführen und erneutes Verriegeln

    Der Griff wird zurückgeschwenkt, der Verschluss läuft vor und schiebt die oberste Patrone über eine flache Rampe ins Lager. Am Ende der Bewegung steht die Gelenklinie wieder über dem Totpunkt: keine Warzen, keine Drehung, kein Kraftschluss, der nachzustellen wäre.

  5. 5

    Schuss

    Der Schlagbolzen trifft den umlaufenden Hülsenrand, nicht das Zentrum — das Randfeuerprinzip. Entscheidend für den sportlichen Wert ist, was in den vorangegangenen Schritten nicht geschehen ist: Kopf, Schulter und Trageriemen wurden nicht bewegt, das Zielbild nicht verlassen.

Kniegelenkverschluss — verriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verriegelt: Die beiden Kniegelenkglieder stehen knapp unterhalb der Strecklage. Der Gasdruck kann sie nur weiter strecken, nicht aufknicken — das Gelenk sperrt sich selbst.
  2. 2 Gemeinsamer Rücklauf: Lauf, Gabelstück und gestrecktes Gelenk laufen verriegelt zurück. Die seitlichen Gelenkrollen erreichen die schrägen Anlaufflächen des Griffstücks.
  3. 3 Entriegelt: Die Rampen drücken die Rollen nach oben, das Gelenk knickt aus. Erst jetzt trennt sich der Verschluss vom Lauf.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Anschütz Biathlon-Kleinkalibergewehre (Modellreihe 1827 Fortner)

J. G. Anschütz, Ulm — Verschluss von Peter Fortner, Rohrdorf-Geiging · Deutschland (Ulm / Oberbayern) · 1984
System
Geradezug-Zylinderverschluss, verriegelt über radial in eine Ringnut gedrückte Stahlkugeln; Bedienung mit Zeigefinger und Daumen einer Hand
Unterschied
Beide Systeme lösen dieselbe Aufgabe — Repetieren ohne Anschlagwechsel — und nehmen dafür die Drehbewegung des Kammerstängels heraus. Der Unterschied liegt darin, was sich bewegt: Bei Fortner zwei Finger einer ruhenden Hand, in Suhl der Griff selbst, also das Bauteil, mit dem die Waffe gehalten wird. Der Suhler Weg spart die Fingerarbeit, erkauft sie aber mit einer Bewegung der ganzen Schießhand und einem Hebelweg von einigen zehn Grad.
Befund
Der eigentliche Befund dieses Eintrags. Zwei Betriebe mit gemeinsamer südthüringischer Wurzel beantworten dieselbe Frage — der eine als volkseigener Betrieb am alten Ort, der andere als 1945 enteignete und in Ulm neu aufgebaute Firma. Die westliche Antwort ist sechs Jahre jünger und hat sich weltweit durchgesetzt. Rein technisch erklärt sich das nicht: Der Suhler Unterlader war nie ein Marktprodukt und stand nach 1990 ohne Fertigung und Ersatzteile da.

Suhl Modell 150 „Standard"

VEB Ernst-Thälmann-Werk · DDR (Suhl) · 1960 plausibel
System
KK-Matchgewehr, Zylinderverschluss mit Drehung, Einzellader, .22 lfB
Unterschied
Kein Konkurrent, sondern die Basis. Systemhülse und Abzugsbaugruppe des 150 wurden übernommen; ausgetauscht wurde genau das, was der Biathlon anders braucht — Drehverschluss gegen Kniegelenk, Einzellader gegen Magazin, Matchschaft gegen dreiteiligen, je Athlet angepassten Schaft.
Befund
Zeigt den Konstruktionsweg des Versuchsbaus: nicht Neuentwurf, sondern Umbau eines vorhandenen Präzisionsgeräts an einer einzigen Stelle. Wer ein Suhler Biathlongewehr bestimmen will, prüft zuerst die vom 150 geerbten Baugruppen.

Finnbiathlon-22

Tampereen Asepaja (TAP), Tampere — Konstrukteur Torsti Laaksonen · Finnland · 1976 plausibel
System
KK-Biathlongewehr mit seitlich angeordnetem Kniegelenkverschluss, .22 lfB
Unterschied
Das erste Randfeuer-Biathlongewehr mit Kniegelenk — zwei Jahre vor dem ersten datierten Suhler Stück und acht Jahre vor Fortner. Damit ist die Grundidee, das Repetieren über eine knickende Gelenklinie statt über einen Drehverschluss zu führen, nicht in Suhl entstanden.
Befund
Der wichtigste Dämpfer gegen die Erzählung von der Suhler Erfindung: Suhl war eigenständig in der Umsetzung, nicht im Prinzip. Über 3500 Finnbiathlon entstanden zwischen 1977 und 1984, ein Vielfaches der Suhler Gesamtausbringung. Das Jahr 1976 und die Priorität sind durch die englischsprachige Übersicht gedeckt; Konstrukteursname, Fertiger und Stückzahl stehen dort nicht, sondern nur in einer Sammlerdarstellung.

Ischmasch BI-7 (Reihe)

Ischewski Maschinostroitelny Sawod · Sowjetunion / Russland (Ischewsk) · 1979 plausibel
System
KK-Biathlongewehr, Kniegelenkverschluss nach Art des Systems Henry, jedoch seitlich verbaut und mit dem Zeigefinger zu ziehen
Unterschied
Der dritte Kniegelenkweg und der einzige, der beides verbindet: das Gelenk der Suhler Lösung mit einer Bedienung, die der des Fortner-Systems nahekommt. Der Hebel wird gezogen, nicht geschwenkt; die Griffhand bleibt am Griff.
Befund
Die unmittelbare Konkurrenz innerhalb des Ostblocks, und die langlebigere: Kati Wilhelm schoss bis zu ihrem Karriereende 2010 mit diesem System, während der letzte Suhler Unterlader 2007 aus dem Weltcup verschwand. Das Kniegelenk selbst war in Ischewsk schon 1976 da, die BI-7-Reihe kam 1979 — beides vor oder zeitgleich mit der Suhler Serienreife. Vorsicht bei der Personenzuordnung: Eine verbreitete Übersicht zählt auch Frank Luck zu den Ischmasch-Schützen „bis zum Karriereende 2010"; Luck beendete seine Laufbahn jedoch 2004, und sowohl die objektnächste Quelle als auch die Suhler Sonderausstellung führen ihn als Nutzer eines Suhler Modells 628.

Pistole 08 (Parabellum)

DWM, Gewehrfabrik Erfurt und weitere · Deutschland · 1908
System
Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, nach oben ausknickendes Kniegelenk
Unterschied
Systematischer, nicht sportlicher Vergleich: dieselbe Verriegelungsgeometrie in völlig anderer Anwendung. Bei der Pistole 08 knicken schräge Anlaufflächen im Griffstück das Gelenk beim Rücklauf selbsttätig aus, in Suhl besorgt das die Hand des Schützen.
Befund
Zeigt, warum das Kniegelenk für die .22 lfB naheliegt: rein geometrische Verriegelung, empfindlich gegen Verschmutzung und Toleranzen — bei geringem Gasdruck kaum von Belang, bei der 9 × 19 mm sehr wohl.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Der Griff ist zugleich Halte- und Bedienelement

    Der konstruktive Kern ist auch die konstruktive Grenze. Wer repetiert, bewegt das Bauteil, mit dem er die Waffe hält; der Fortner-Verschluss bewegt nur zwei Finger einer ruhenden Hand. Das ist keine bloße Registermeinung: Eine Übersichtsdarstellung nennt als Nachteil ausdrücklich, dass durch die Pumpbewegung am Griff „enorme Bewegung in der Waffe entstehen kann", und die objektnächste Quelle führt die Entstehung des Modells 628 darauf zurück, dass einige Sportler mit der Handhabung des Unterspanners Schwierigkeiten hatten — der Hersteller hat das Problem also selbst anerkannt. Was fehlt, sind Messwerte zum Haltungsverlust beider Systeme. Die Objektbeschreibung hält umgekehrt fest, dass die Bewegung um den Drehpunkt des Verschlusssystems verläuft und dabei kein seitliches Moment in die Waffe einträgt.

    plausibel

  • Kein Marktprodukt, keine Versorgung nach 1990

    Die Waffen waren Sportgerät des Verbandsapparats, nicht Ware; gefertigt wurde im Versuchsbau in Einzelbau. Mit dem Ende des Betriebs 1990/91 entfielen Fertigung, Ersatzteile und Service in einem Zug — für ein Wettkampfgerät, das laufend am Athleten nachgestellt wird, ein härterer Ausschlussgrund als jede technische Eigenschaft. Der oft nachgesprochene Zusatzgrund „zu teuer" hält der Prüfung nicht stand: Er stammt aus einer englischsprachigen Übersicht, und der dort hinterlegte Beleg bezieht sich auf das westdeutsche Nachfolgemodell Krico 360 S II der frühen 1990er Jahre, nicht auf die DDR-Fertigung. Für einen Binnenbetrieb, der an Kaderathleten ablieferte, wäre ein Preisargument ohnehin erklärungsbedürftig.

    plausibel

  • Individuell angepasste Schäfte erschweren die Bestimmung

    Vorderschaft, Pistolengriff und Schulterstütze der Modelle 626/626-1 sind getrennt angesetzte Holzteile, roh geliefert und je Sportler zugearbeitet; Maß- und Gewichtsangaben am Einzelstück sind deshalb nicht baureihentypisch. Beim 628 ist der Schaft aus dem Ganzen ausgeführt.

    plausibel

  • Modellchronologie und Datierung nicht abschließend geklärt

    Die Quellen nennen für dieselbe Baureihe 1978, 1979 und pauschal „die 1980er Jahre" als Beginn und 1990 oder 1991 als Ende. Nachrangig, aber ungeklärt bleibt auch, wie das Modell 628 im Betrieb hieß: Derselbe Autor schreibt 2022 „Seitenspanner", 2024 „Oberspanner". Hier trägt die Objektlage allerdings nur in eine Richtung — die Beschreibung des Realstücks VO735 (Bedienklotz rechts außen, mit dem Daumen bogenförmig zu führen) und der Befund einer englischsprachigen Übersicht, das 628 entspreche in der Verschlussart den Ischmasch-Gewehren, stützen beide „Seitenspanner"; „Oberspanner" steht ohne Objektbezug da.

    ungeklärt

Verwendung

  • Wettkampfwaffe von Kaderathleten der DDR im Biathlon; Einzelbau im Versuchsbau des VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerks „Ernst Thälmann" Suhl, kein Handelsgut
  • Erstauslieferung der beiden ersten Gewehre (V0400 und V0401, 13.09.1978) an den ASK Oberhof — Armeesportklub, aber Sportgerät und keine Ordonnanzwaffe
  • Weltmeisterschaften, Weltcup und Olympische Winterspiele; in den Fertigungsunterlagen ist namentlich eine für Frank Ullrich gefertigte Waffe nachgewiesen
  • Sven Fischer als letzter internationaler Spitzenathlet mit diesem System bis zu seinem Rücktritt 2007; nach Angabe des Waffenmuseums Suhl gewann er 2006 mit einer Waffe des Baujahrs 1988 olympisches Gold und Silber
  • Heute Sammler- und Museumsstück; Sonderausstellung des Waffenmuseums Suhl (eröffnet 9. November 2024, gelaufen bis Herbst 2025) „Suhler Biathlongewehre — Von Meistern für Sieger", mit Originalwaffen von Andrea Henkel, Kati Wilhelm, Mark Kirchner, Sven Fischer und Frank Luck

Quellen

  1. [Objektbefund] Engelhardt (ACTS-HE) — Suhler Biathlongewehre — Objektbefunde an V0693 (626-1) und VO735 (628); Bedienung über Dreieckplatte und Griffhebel, rund 30° Schwenkweg, 628 als Seitenspanner; Datierung dort noch „1980er Jahre" (2022) Link
  2. [Archiv] Engelhardt (ACTS-HE) — Neue Erkenntnisse I — Gerätenummernbuch des Versuchsbaus: 208 Wettkampfwaffen, erstes Gewehr 13.09.1978 (V0400, an ASK Oberhof), letzte 11.06.1991 (V0805/V0806), 19 Realexemplare bekannt; 628 dort als „Oberspanner" (2024) Link
  3. [Objektbefund] Engelhardt (ACTS-HE) — Modell 626-1 — Einzelstückdokumentation, Gerätenummer V0693 Link
  4. [Online] Waffenmuseum Suhl — Sonderausstellung „Suhler Biathlongewehre — Von Meistern für Sieger" — Quelle für „1979–1990", „ca. 210 Stück", Sarajevo 1984/Frank Ullrich und Sven Fischers Waffe „Baujahr 1988". Die Seite ist seit dem Relaunch der Museumswebsite offline; zitiert nach dem Archivstand vom 20.03.2025 Link
  5. [Online] VDB — Mit Suhler Qualität zum Olympiasieg — Bericht zur Ausstellungseröffnung am 9.11.2024; übernimmt die Angaben des Museumstextes, keine unabhängige Quelle Link
  6. [Online] inSüdthüringen — Suhler Biathlongewehre — Die beste Waffe, die keiner mehr baut Link
  7. [Online] Wikipedia (de) — Biathlongewehr — Suhler Unterlader, Ischmasch B7, Fortnerverschluss, Reglement Link
  8. [Online] Wikipedia (de) — Kniegelenkverschluss Link
  9. [Online] Wikipedia (en) — Biathlon rifle — Finnbiathlon 1976 als erstes Randfeuergewehr mit Kniegelenk, Ischmasch-Kniegelenk 1976 und BI-7 ab 1979, Sven Fischer 2006. Die Angaben zu Suhl (15° Schwenkweg, 4,2 kg, 54 cm, „zu teuer") stehen in einem Absatz, dessen Belege sich auf das Krico 360 S II beziehen — mit Vorbehalt zu benutzen Link
  10. [Literatur] Dieter 2010 — Ernst G. Dieter: Im Zeichen des Waffenschmieds, Teil 2, Selbstverlag Bad Liebenstein 2010 — Fundort der älteren Stückzahlen 171/41; nicht selbst eingesehen, zitiert nach Engelhardt
  11. [Online] Combat Operators — Finnbiathlon — Konstrukteur Torsti Laaksonen, Fertigung Tampereen Asepaja, über 3500 Stück 1977–1984; Sammlerdarstellung ohne Quellenapparat Link
  12. [Online] Alderfer Auction — Suhl Biathlon target rifle, Gerätenummer V0574 — 18½" Lauf, seitlich angewinkelter Magazineinschub, Schwenkgriff. Die im Los angeführte Einlieferer-Behauptung „nur 100 Stück für Olympia 1984" ist unbelegt und widerspricht allen anderen Quellen Link

Aus derselben Fertigung