Thema
Sportwaffenbau in der DDR
Eine These auf dem Prüfstand — Staatsaufgabe statt Marktsegment?
Wer sich die DDR-Sportwaffen dieses Registers nebeneinanderlegt — die Haenel 310, die Haenel 312, die Suhl 150, die Biathlonmodelle 626 und 628 —, kommt schnell auf eine Erklärung, die alles zu ordnen scheint:
Die DDR betrieb Sportwaffenbau nicht als Marktsegment, sondern als Staatsaufgabe, weil olympische Medaillen außenpolitische Währung waren. Daraus folgte eine andere Konstruktionskultur als im Westen: kleine Stückzahlen, enge Kopplung an Kaderathleten und den DTSB, keine Preisdisziplin, kein Händlernetz — dafür Zugriff auf eine Fertigungstiefe, die ein westlicher Mittelständler nicht hatte.
Diese These ist plausibel, sie ist elegant, und sie ist in Teilen falsch. Dieser Aufsatz prüft sie — er bestätigt sie nicht. Das ist ein Unterschied, den das Register an anderer Stelle schon einmal ausbuchstabiert hat: siehe Wie weit reicht die Wirkung?.
Die These in ihre Bestandteile zerlegt
Eine zusammengesetzte Behauptung lässt sich nur prüfen, wenn man sie auseinandernimmt. Die These enthält sechs voneinander unabhängige Aussagen:
| Nr. | Teilbehauptung | Ergebnis der Prüfung |
|---|---|---|
| 1 | Medaillen waren außenpolitische Währung | bestätigt |
| 2 | Sportwaffenbau war Staatsaufgabe, kein Marktsegment | teils bestätigt, teils widerlegt |
| 3 | Enge Kopplung an Kaderathleten und den DTSB | halb widerlegt — die Kopplung bestand, aber nicht zum DTSB |
| 4 | Kleine Stückzahlen als Merkmal | bestätigt, aber ohne Aussagekraft |
| 5 | Keine Preisdisziplin, kein Händlernetz | widerlegt — Preisdisziplin gab es, nur in anderer Währung |
| 6 | Zugriff auf Fertigungstiefe, die dem Westen fehlte | widerlegt am entscheidenden Fall — die Tiefe war da, floss aber nach Wiesa, nicht ins Sportgerät |
Die Reihenfolge des Aufsatzes folgt dieser Tabelle.
1. Der Rahmen: warum Medaillen tatsächlich Währung waren
Dieser Teil der These hält, und zwar präziser, als er üblicherweise formuliert wird.
Der Streit um die deutsche Olympiavertretung war ein Anerkennungsstreit. 1968 in Mexiko-Stadt trat die DDR erstmals mit eigener Mannschaft an — aber nicht mit eigenen Hoheitszeichen: Beide deutschen Mannschaften führten weiterhin die seit 1960 vereinbarte gemeinsame Flagge Schwarz-Rot-Gold mit den weißen olympischen Ringen im roten Streifen, und als Hymne erklang für beide der Schlusssatz von Beethovens Neunter. (Die verbreitete Formulierung „unter olympischer Flagge” trifft es nicht — die olympische Flagge ist weiß mit Ringen.) Erst 1972 in München liefen eigene Fahne und eigene Hymne. Wer die Zäsur pauschal auf 1968 legt, verkürzt sie; die vollständige Gleichstellung im olympischen Protokoll fiel mit dem Beginn der Entspannungspolitik zusammen.
Am 8. April 1969 beschloss das Politbüro die „Grundlinie der Entwicklung des Leistungssports in der DDR bis 1980”. Ihr Kriterium war offen ökonomisch: Maßstab der Bewertung einer Sportart wurde der ökonomische Aufwand je Medaille. Sportarten mit schlechtem Verhältnis — Basketball, Eishockey, Hockey, Moderner Fünfkampf, Wasserball, alpiner Skisport — wurden zurückgestuft; nichtolympische Sportarten (Tennis, Tischtennis, Schach, Motorsport) fielen ganz aus der Spitzenförderung.
Für dieses Register ist wichtig, dass Schießen und Biathlon beide auf der Förderliste standen. Die These hat also einen realen Mechanismus hinter sich: Es gab eine staatliche Instanz, die Medaillenausbeute gegen Aufwand rechnete, und die Waffenfertigung war ein Teil dieses Aufwands.
2. Staatsaufgabe oder Marktsegment? Die Luftgewehre widerlegen die Pauschale
Hier bricht die These zum ersten Mal.
Luftdruckwaffen waren in der DDR rechtlich keine Schusswaffen. Eine Anordnung des Ministers des Innern über Herstellung, Vertrieb, Besitz und Verwendung von Luftdruckwaffen regelte sie Anfang 1957 eigens — das Datum geben die Quellen unterschiedlich an: der Abdruck in der GST-Zeitschrift „Der Sportschütze” mit dem 10. Februar 1957, das westdeutsche Handbuch „DDR A–Z” mit dem 16. Februar 1957 (GBl. S. 163). Ab diesem Zeitpunkt konnten Privatpersonen sie erwerben, während im staatlich organisierten Schießsport, namentlich der GST, schon seit 1952 mit ihnen geschossen wurde.
Gesetzlich geregelt war daneben nur noch der Besitz von Jagdwaffen und -munition (8. Durchführungsbestimmung zum Jagdgesetz vom 14. April 1962). Jeder andere Waffenbesitz war grundsätzlich verboten: Die §§ 206–209 StGB drohten für unbefugtes Herstellen, Besitzen oder Beschaffen von Schusswaffen, wesentlichen Teilen, Munition oder Sprengmitteln Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren an, in qualifizierten Fällen nicht unter zwei Jahren. (Der oft zitierte Rahmen „zwei bis zehn Jahre” gehört nicht hierher, sondern zu § 225 StGB — der Nichtanzeige fremden unbefugten Waffenbesitzes.)
Genau in diese Lücke fällt das Massenprodukt des Registers. Die Haenel 310 stand auf Jahrmärkten, in GST-Ausbildungsräumen und in Vereinen; die Haenel 312 wurde von 1967 bis 1992 gefertigt, also fünfundzwanzig Jahre lang. Das ist keine Kleinserie für Kaderathleten, das ist ein Serienerzeugnis mit privaten Käufern und mit Varianten (312-1, 312-1.2 für die laufende Scheibe); Ausführungen für den Export — unter anderem im Kaliber 5,5 mm und mit stärkerer Kolbenfeder — sind über den Ersatzteilhandel greifbar, eine belastbare Exportstatistik liegt diesem Aufsatz nicht vor.
Für den Bereich Luftdruckwaffen ist die Behauptung „kein Marktsegment” damit falsch. Es war im Inland das einzige Segment mit einem echten Endkundenmarkt — auch die Jagd war keines: Jäger in der DDR besaßen ihre Gewehre nicht, sondern entliehen sie als Staatseigentum bei der Volkspolizei für die Dauer der Jagd, und die Zuteilung wurde nach einer Entscheidung der Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei von 1957 bewusst knapp gehalten. Luftdruckwaffen waren zugleich, wie der Systemartikel festhält, das einzige Feld unmittelbarer Ost-West-Konkurrenz, weil sie nach 1945 keinen Besatzungsbeschränkungen unterlagen.
Der technische Gegenbeweis im selben Fall
Wenn die Medaillenlogik die Konstruktion bestimmt hätte, müsste man erwarten, dass die Suhler Matchluftgewehre dem internationalen Stand folgen. Sie tun es nicht.
Die 312 ist ein konventioneller Federkolben-Seitenspanner mit dem charakteristischen doppelten Impuls: erst die vorlaufende Kolbenmasse, dann der Rückstoß. Das westliche Konkurrenzerzeugnis, das Feinwerkbau 300 aus Oberndorf am Neckar, kam 1969 heraus und löste genau dieses Problem konstruktiv — über ein Schlittensystem: Das ganze Triebwerk aus Lauf und Kompressionszylinder ist im Schaft auf Schienen geführt und läuft nach dem Schuss zurück, statt seine Impulse in die Waffenlage einzuleiten. Das ist der Grund, warum das FWB 300 die internationale Matchklasse dominierte und die 312 im Register ausdrücklich als Gewehr „bis Vereinsebene, unterhalb der internationalen Meisterschaftsklasse” geführt wird. Auch die Größenordnung gehört dazu: Vom FWB 300 und seiner Variante 300S entstanden zusammen rund 345.000 Stück — Matchwaffenbau ist Kleinserie, aber nicht in dieser Klasse.
Zum Fertigungsende des FWB 300 widersprechen sich die Quellen: Die deutschsprachige Wikipedia nennt 1993 (Variante 300S bis etwa 1994), die Produktchronik des Herstellers 1998. Am Befund ändert das nichts.
Der Befund ist unbequem für die These: In dem Segment, das die größten Stückzahlen und die breiteste Anwendung hatte, hat der Medaillendruck die Konstruktion gerade nicht angetrieben. Die Suhler Luftgewehrlinie blieb 25 Jahre auf ihrem Stand, während der Westen im selben Zeitraum zweimal wechselte: 1969 vom starren Federkolben zum Schlittensystem, 1984 mit dem Feinwerkbau 600 vom Federkolben zur Pressluft — der Bauart, die den internationalen Wettkampf seither bestimmt und die in Suhl nie in Serie ging.
3. Die Kopplung bestand — aber nicht zum DTSB
Dieser Teil der These ist am schärfsten zu korrigieren, und die Korrektur ist kein Detail.
Schützenvereine im überlieferten Sinn waren in der DDR nicht zugelassen. Der Schießsport lief ausschließlich über staatliche Träger. Der Deutsche Schützenverband der DDR wurde am 8. Oktober 1958 in Leipzig gegründet und am 31. August 1959 in die internationale UIT aufgenommen. Entscheidend ist seine Konstruktion: Der DSV war einer der wenigen Sportverbände der DDR, der kein Mitglied des DTSB war. Getragen wurde er von drei Organisationen:
| Träger | Zugehörigkeit |
|---|---|
| GST — Gesellschaft für Sport und Technik | 1952 gegründet, zunächst unter dem Ministerium des Innern, später dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt (siehe Datierungsstreit unten) |
| SV Dynamo | Sportvereinigung der bewaffneten Organe des Innenministeriums und des MfS |
| ASV Vorwärts | Armeesportvereinigung der NVA |
Wann genau die GST an das Verteidigungsministerium überging, ist strittig: Die hier herangezogene Verbandschronik nennt 1956, die deutschsprachige Wikipedia unter Verweis auf eine Ministerratsverordnung den 14. September 1968. Am Ergebnis ändert das wenig — geführt wurde die GST von Anfang an von Offizieren, und ihr erklärter Zweck war die vormilitärische Ausbildung.
Der DSV war zugleich Teilverband der GST. Damit hing der Schießsport der DDR nicht am Sportbund, sondern an den bewaffneten Organen. Die These behauptet eine „enge Kopplung an Kaderathleten und den DTSB” — die Kopplung an Kaderathleten trifft zu, die an den DTSB nicht. Sie ging ans Verteidigungsministerium.
Das ist mehr als eine Organigrammfrage. Es erklärt, warum neben dem Wettkampfgerät ein zweiter Erzeugnistyp existiert, den die Marktlogik gar nicht kennt: das Wehrsportgewehr. Der Kleinkaliber-Repetierer KKV1001 des VEB Ernst-Thälmann-Werk Suhl ist in Auktionsbeschreibungen ausdrücklich als DDR-Wehrsportgewehr geführt — die Ziffernfolge 1001 ist dabei keine Modell-, sondern eine Liefernummer, die seit 1953 für Erzeugnisse an die GST verwendet wurde; die Haenel 310 trug in GST-Beständen stärkere Federn als in Schießbudenausführung. Der Staatsauftrag hinter dem Suhler Sportwaffenbau war also mindestens ebenso sehr vormilitärische Ausbildung wie olympische Medaille. Die These lässt diesen zweiten Zweck vollständig aus — und er war der mengenmäßig größere.
Beim Biathlon liegt es formal anders: Es ist eine Wintersportdisziplin und war nicht im Schützenverband organisiert. Praktisch ändert das wenig — der Armeesportklub Vorwärts Oberhof, ein Klub der Armeesportvereinigung Vorwärts und damit der NVA, stellte über Jahre die komplette olympische Biathlonmannschaft der DDR; an ihn gingen auch die beiden ersten in Suhl gefertigten Biathlonwaffen. Ob Biathlon verbandsrechtlich dem DTSB-Skiverband zugeordnet war, ist hier nicht geprüft.
4. Kleine Stückzahlen: der Fall, in dem die These weitgehend trägt
Die Suhler Biathlonwaffen sind das Musterbeispiel, an dem die These zutrifft — und zwar quantitativ belegbar. Nur nicht in jedem Detail, mit dem sie üblicherweise ausgeschmückt wird.
Aus dem Gerätenummernbuch der Abteilung Versuchsbau ergibt sich: Über alle drei Modelle des Suhler Unterladers (626, 626-1, 628) wurden 208 Wettkampfwaffen gefertigt — Erprobungsmuster und Trainingsgewehre mit Infrarot-Schussimulation kommen hinzu und sind in der Zahl nicht enthalten. Die erste trägt die Nummer V0400 und das Datum 13. September 1978, die letzten beiden die Nummern V0805 und V0806 vom 11. Juni 1991, beide Modell 626-1. In dreizehn Jahren also rund sechzehn Gewehre pro Jahr, nicht auf einer Fertigungsstraße, sondern in der Versuchsbauabteilung — dort, wo Prototypen entstehen. Die Schäfte wurden roh geliefert und auf einzelne Athleten zugearbeitet, die Abzugsgruppe stammte aus der Suhl 150, und gefertigt wurde nach der auswertenden Darstellung nicht in Serie, sondern einzeln oder in Kleinstlosen, wenn ein Athlet in den Spitzenbereich aufrückte — namentlich dokumentiert ist eine Waffe für Frank Ullrich.
Die Modelle unterscheiden sich nicht in der Leistung, sondern in der Bedienung: 626 und 626-1 sind Unterspanner mit dem schwenkbaren Pistolengriff, das 628 hat einen anders geführten Repetiermechanismus. Ob dessen Zweitkonstruktion tatsächlich auf die Bedienvorliebe einzelner Schützen zurückgeht, ist die Lesart dieses Registers und keine Quellenaussage; derselbe Autor bezeichnet das 628 an einer Stelle als „Seitenspanner”, an anderer als „Oberspanner”. Wer die These an diesem Punkt festmachen will, muss wissen, dass sie hier auf einer Vermutung steht.
Belastbar ist der Rest: Eine Fertigung, die Schäfte je Athlet zuarbeitet und neben der Hauptbaureihe eine zweite Verschlussbauart in zweistelliger Stückzahl unterhält, kennt keine Stückkostenrechnung. Das ist der sachliche Kern der These.
Und das Ergebnis rechtfertigte es aus Sicht des Auftraggebers: 1980 in Lake Placid wurde Frank Ullrich mit Gold im Sprint der erste deutsche Biathlon-Olympiasieger überhaupt und holte dazu zweimal Silber (Einzel und Staffel); 1988 in Calgary gewann Frank-Peter Rötsch als erster Biathlet beide Einzelstrecken. Zweihundertacht handgebaute Gewehre gegen mehrere olympische Titel — als Aufwand-Ertrags-Rechnung im Sinne des Beschlusses von 1969 ist das ein hervorragendes Geschäft.
Eine Einschränkung, die nicht übersprungen werden darf. Dass diese Medaillen mit den Suhler Gewehren geschossen wurden, ist naheliegend, aber in den hier herangezogenen Quellen nicht ausgesprochen: Weder die Athletenbiografien noch die Ergebnislisten nennen Waffen. Belegt ist nur, dass für Ullrich in Suhl eine Waffe gebaut wurde und dass die ersten beiden Gewehre an den ASK Oberhof gingen. Die Rechnung „208 Gewehre gegen olympische Titel” ist deshalb eine plausible Zuordnung, keine Quellenaussage.
Aber: kleine Stückzahlen sind kein Systemmerkmal
Der Einwand liegt nahe und ist berechtigt. Matchwaffenbau ist überall Kleinserie. Anschütz, Feinwerkbau, Hämmerli und Walther sind mittelständische Betriebe, die Wettkampfgeräte in Größenordnungen fertigen, die mit Automobil- oder Ordonnanzfertigung nichts zu tun haben. Der Unterschied zwischen Suhl und Ulm liegt nicht in der Losgröße, sondern darin, wer bestellt: im Westen ein Fachhandel mit Endkunden, in der DDR ein Verband mit Kaderliste.
Teilbehauptung 4 ist damit richtig, aber allein nicht tragfähig. Sie unterscheidet Ost und West nicht.
5. Preisdisziplin: die schärfste Widerlegung
Die These behauptet, der Staatsauftrag habe den Sportwaffenbau von ökonomischem Druck befreit. Das Gegenteil ist der Fall. Der Druck kam nur aus einer anderen Richtung.
Der VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann” war in erster Linie ein Devisenbetrieb. Zwischen 1980 und 1989 exportierte der staatlich gelenkte Außenhandel Suhler Jagd- und Sportwaffen in mehr als fünfzig Staaten (die Werkschronik der Marke Merkel nennt für die DDR-Zeit sogar mehr als siebzig Länder); der Suhler Drilling deckte einen erheblichen Teil der Weltproduktion dieser Bauart ab, vermarktet unter Simson, Fortuna und Merkel. Devisen aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet waren für die DDR knapper als Medaillen.
Daraus folgt eine Beobachtung, die die These umdreht. Ernst G. Dieter — ein Pseudonym; der Autor war früher selbst in der Suhler Waffenindustrie tätig — hat die Suhler Sportwaffenfertigung aus Werksunterlagen, Akten des Suhler Beschussamtes und Zeitzeugengesprächen aufgearbeitet. In der Besprechung seiner Bände heißt es, das Segment Sportwaffen sei zu DDR-Zeiten eine kleine Nische gewesen und habe sogar innerhalb der Werkleitung des Thälmann-Werks auf Widerstand gestoßen, weil Jagdwaffen ertragreicher waren. Der Zusatz des Rezensenten — Jagdwaffen seien „wohl lukrativer” gewesen — ist als Einschätzung formuliert, nicht als Zahlenbefund; eine Ertragsrechnung des Betriebs liegt diesem Aufsatz nicht vor.
Der Sportwaffenbau war also nicht der verwöhnte Staatsauftrag, der über den Dingen stand. Er war der unrentable Anhang eines Exportbetriebs, der um seinen Platz kämpfen musste — nur eben nicht gegen den Wettbewerb, sondern gegen die eigene Werkleitung und deren Devisenplan.
Die Medaillenbilanz stützt das
Wenn Medaillen die Währung waren, dann sagt die Medaillenbilanz einer Sportart, wie viel sie dem Staat wert sein konnte. Im olympischen Schießen kam die DDR über alle Spiele hinweg auf 3 Gold, 8 Silber, 5 Bronze — sechzehn Medaillen, Rang 26 im Nationenvergleich. Die drei Goldmedaillen verteilen sich auf zwei Spiele: 1976 in Montreal Uwe Potteck (Freie Pistole) und Norbert Klaar (Schnellfeuerpistole), 1988 in Seoul Axel Wegner (Skeet). Zum Vergleich: Allein in Moskau 1980 holte die DDR insgesamt 47 Goldmedaillen.
Der Schießsport war also nach dem Maßstab von 1969 gerade keine Sportart mit hoher Medaillenrendite, und ein medaillengetriebener Staat müsste hier unterinvestieren — genau das zeigt der Befund aus dem Werk. Die These erklärt den Biathlonfall gut und den Schießsportfall schlecht.
Ein Gegenbefund gehört daneben, weil er aus derselben Quellenlage stammt: Nach Dieter wurde der Schießsport 1969 aufgespalten. Für die Breite blieben einige nationale Disziplinen mit teilweise zweitklassigem Gerät, die internationalen Disziplinen und die Matchwaffen waren ausgesuchten Kaderathleten vorbehalten; als Gründe nennt er ökonomische Zwänge und die Neuprofilierung der GST als Wehrorganisation. Für den Bereich der Feuerwaffen — anders als bei den Luftdruckwaffen — trifft die These vom Staatsauftrag ohne Markt damit zu.
6. Fertigungstiefe: das Land hatte sie, der Sportwaffenbau nicht
Der letzte Teil der These ist der verführerischste: Ein volkseigener Betrieb, eingebettet in eine Planwirtschaft, habe Zugriff auf Fertigungskapazitäten gehabt, von denen ein westlicher Mittelständler nur träumen konnte.
Prüfen wir das an dem Fall, an dem es sich entscheidet — dem Biathlonverschluss.
Das VEB Gerätewerk Wiesa war der alleinige Sturmgewehr- und Maschinengewehrhersteller der DDR: offiziell gegründet am 21. Februar 1957 unter einem unverfänglichen Betriebsnamen — Zweck und Erzeugnisse unterlagen der Geheimhaltung, der Betrieb wurde von der MfS-Kreisdienststelle Annaberg abgeschirmt —, zuletzt rund 1.400 Beschäftigte, eine Jahresfertigung in der Größenordnung von 100.000 Sturmgewehren bei einer geplanten Kapazität bis 200.000, am Standort Geyer ein Werk mit der Grundproduktion und daneben ein zweites, das ab 1988 über zentrale Computertechnik mit Industrierobotern automatisiert war. Das ist Fertigungstiefe im Wortsinn.
Und die Verbindung nach Suhl bestand: Das Thälmann-Werk lieferte Wiesa nach übereinstimmender Darstellung zweier Lexikonartikel Läufe, Gaskolben, Mündungsbremsen, Reinigungszubehör und Bajonette für die Kalaschnikow-Familie zu; die Endmontage lag in Wiesa. Der Suhler Betrieb war also nicht abgeschottet vom Rüstungsprogramm, sondern dessen Laufhersteller. Belastbare Angaben zu Umfang, Zeitraum und Organisation dieser Zulieferung fehlen — und ein Übergriff in die andere Richtung, von der Rüstungsfertigung ins Sportgerät, ist damit nicht belegt.
Und das Ergebnis dieser Tiefe im Sportgerät? Der Suhler Biathlonverschluss ist ein Kniegelenk — ein Prinzip aus dem 19. Jahrhundert, sauber ausgeführt, aber nicht neu. Der sowjetische Konkurrent aus Ischewsk, einem der größten Waffenwerke der Welt, löste dieselbe Aufgabe ebenfalls über ein Kniegelenk.
Neu war die Grundidee ohnehin nicht in Suhl: Das erste Randfeuer-Biathlongewehr mit Kniegelenkverschluss kam 1976 aus Finnland — das Finnbiathlon-22 von Torsti Laaksonen, zwei Jahre vor dem ersten datierten Suhler Stück und in über 3.500 Exemplaren, einem Vielfachen der Suhler Gesamtausbringung.
Die Konstruktion, die die Disziplin bis heute bestimmt, kam 1984 aus einer oberbayerischen Büchsenmacherwerkstatt: der Geradezugverschluss von Peter Fortner, der über radial ausweichende Stahlkugeln in eine Ringnut verriegelt und sich mit Zeigefinger und Daumen einer Hand bedienen lässt — Einzelheiten unter Anschütz Biathlon. Fortners Betrieb ist ein Handwerksbetrieb mit CNC-Maschinen. Er verdrängte beide Staatsindustrien aus der Disziplin — allerdings nicht „innerhalb weniger Jahre”: Suhler Unterlader waren bis 2007 im Weltcup (Sven Fischer, einschließlich der olympischen Erfolge 2006), Ischmasch-Waffen bis um 2010. Die Verdrängung dauerte zwei Jahrzehnte.
Der Befund zur Fertigungstiefe. Die DDR hatte die Tiefe — sie saß in Wiesa, unter Geheimhaltung und MfS-Abschirmung, und Suhl war daran als Laufhersteller beteiligt. Der Sportwaffenbau saß daneben in derselben Stadt, in einer Versuchsbauabteilung mit sechzehn Gewehren im Jahr. Dass die Rüstungsfertigung dem Sportgerät zugute kam, lässt sich an keinem Stück zeigen; belegt ist, dass die entscheidende Konstruktion der Disziplin aus keiner der beiden Staatsindustrien kam, sondern aus einer Werkstatt — und die vorangehende schon aus einer finnischen.
Eine Ausnahme, die in die Gegenrichtung zeigt
Ein einziger dokumentierter Fall überschreitet die Linie zwischen Militär- und Sportfertigung — und er läuft andersherum als die These es nahelegt. Wiesa baute aus vorhandenen 500-mm-Läufen das PG 500 (Erzeugnisnummer 915), eine Ableitung der MPi KM mit Lochkolben, höhenverstellbarer Schaftbacke, Zielfernrohraufnahme über einen Adapter der Nachtsichtgeräteschiene und auf Einzelfeuer beschränktem Abzug. Die Museumsquelle des Werks nennt ausdrücklich zwei Ausführungen: eine für Sportschützen gedachte und eine als Präzisions- beziehungsweise Militärwaffe. Die Datierung ab 1988, die Abnahme kleiner Stückzahlen durch das MfS und die Ablehnung durch die NVA — versorgt mit der sowjetischen Dragunow als SSG-D — stehen nicht dort, sondern in Sammlerdarstellungen und sind entsprechend schwächer belegt.
Nicht der Sportwaffenbau griff auf die militärische Fertigungstiefe zu, sondern der Rüstungsbetrieb suchte spät noch ein ziviles Anwendungsfeld. Der Befund ist dünn belegt und hier ausdrücklich als ungeklärt geführt.
Abgrenzung. MPi K, MPi KM und die Waffen der AK-74-Reihe sind vollautomatische Waffen und damit Kriegswaffen im Sinne des KWKG. Das PG 500 ist als einzelfeuerbeschränkte Ableitung davon rechtlich gesondert zu bewerten; das Register dokumentiert beide ausschließlich industriegeschichtlich.
Der schlecht belegte Teil: Kleinkaliber und Sportpistolen
Beim Kleinkaliber-Matchbau ist die Quellenlage am dünnsten, und das gehört benannt.
Terminologisch ist dies der Bereich, in dem „Kleinkaliber” fachlich korrekt ist: gemeint ist die Randfeuerpatrone .22 lfB und nichts anderes — siehe Patronenklassen und die Korrektur zur Begriffsverwendung im Korrekturregister.
Belegt ist, dass die Suhler Sportwaffenfertigung nicht nur im volkseigenen Betrieb lief. Nach der Verlagsdarstellung zu Ernst G. Dieters Band fertigten auch Mitgliedsbetriebe von Handwerksgenossenschaften der Region sowie die Zentrale Waffenwerkstatt der GST in Suhl Sportwaffen in kleinen Losgrößen — ab etwa 1949 zunächst Scheibenpistolen, ab etwa 1954 zunehmend leistungsfähige Sport- und Matchbüchsen sowie international anerkannte Wettbewerbspistolen. Die verbreitete Zahl „46 Modelle” ist dabei keine Fertigungsstatistik, sondern die Zahl der in diesem Buch vorgestellten Modelle; als Angabe über die Produktion des Landes ist sie hier nicht gegengeprüft und nicht zitierfähig.
Zwei Punkte bleiben offen und werden hier offen ausgewiesen:
Erstens die Sportpistolen. Zu Modellbezeichnungen, Stückzahlen und Fertigungsträgern der Suhler Wettkampfpistolen ließ sich in dieser Recherche nichts Belastbares finden. Der Marktbestand zeigt vor allem Gebrauchsware — den .22-Repetierer KKV1001 und die Pistole 1001, den in Suhl aus Walther-Werkzeugen und -Zeichnungen weitergebauten Nachbau der Walther PP für Volkspolizei und NVA, in .22 lfB als Übungs- und in 7,65 mm als Dienstwaffe —, nicht das Wettkampfgerät.
Zweitens, und das ist die interessantere Lücke: Uwe Potteck gewann 1976 in Montreal Gold mit der Freien Pistole und einem Weltrekord von 573 Ringen, vor seinem Mannschaftskameraden Harald Vollmar. Mit welcher Waffe, ließ sich hier nicht belegen. Verbreitet ist die Angabe, die Freie Pistole des Ostblocks jener Jahre sei die sowjetische TOZ-35 aus Tula gewesen; keine der für diesen Aufsatz herangezogenen Quellen nennt Pottecks Gerät. Das Register verzeichnet die Frage als offen, statt die naheliegende Antwort zu übernehmen. Dasselbe gilt für die beiden anderen DDR-Goldschützen: Womit Norbert Klaar 1976 die Schnellfeuerpistole und Axel Wegner 1988 das Skeet gewann — letzteres eine Flintendisziplin, in der Suhl nachweislich fertigte —, ist hier ebenfalls ungeklärt.
Sollte sich bestätigen, dass DDR-Goldmedaillen im Schießen mit sowjetischen Importwaffen geholt wurden, wäre das die härteste Widerlegung von Teilbehauptung 6, die dieser Aufsatz kennt. Genau deshalb wird sie hier nicht behauptet.
Doping und Staatssport
Das gehört benannt, und es gehört sauber getrennt.
Ab 1974 lief unter der Bezeichnung Staatsplanthema 14.25 ein staatlich organisiertes Zwangsdopingsystem. Die Bundeszentrale für politische Bildung spricht vom „flächendeckenden Zwangsdoping von annähernd 15.000 Kaderathleten”; nach DDR-internen Einschätzungen wurde bei rund 20 Prozent von ihnen mit irreversiblen Schäden gerechnet. Die Zahlen schwanken in der Literatur erheblich — die Doping-Opfer-Hilfe hatte bis Ende 2014 knapp 700 Betroffene mit bleibenden gesundheitlichen Folgen dokumentiert. Häufigstes Mittel war das in der DDR entwickelte Anabolikum Oral-Turinabol; in den 1980er Jahren kamen Versuche mit Psychopharmaka und Blutdoping hinzu. Geheimhaltung und in großen Teilen auch die Organisation lagen bei der Hauptabteilung XX/3 des MfS.
Ob und in welchem Umfang der Schießsport der DDR davon erfasst war, ließ sich in dieser Recherche nicht klären. Die dokumentierte Überlieferung des Staatsplans betrifft schwerpunktmäßig Kraft- und Ausdauersportarten. Im Schießsport wäre pharmakologisch die Wirkstoffgruppe der Betablocker einschlägig — sie steht heute für Schießdisziplinen auf der Verbotsliste. Ein Befund für die DDR liegt hier nicht vor. Kein Befund ist kein Freispruch, sondern eine ungeprüfte Frage.
Methodisch gilt für dieses Register eine klare Trennung, und sie schneidet in beide Richtungen:
- Das Doping erklärt nichts an der Waffentechnik. Ein Kniegelenkverschluss wird nicht besser oder schlechter dadurch, unter welchen Bedingungen der Mensch trainierte, der ihn bediente. Wer die Konstruktionsleistung der Suhler Versuchsbauabteilung mit dem Staatsdoping erklären will, begeht denselben Kurzschluss wie jener, der sie damit für erledigt erklärt.
- Umgekehrt darf die technische Leistung das andere nicht abmildern. Der Register-Eintrag zu einem Gerät ist kein Urteil über das System, das es bestellt hat.
Beides steht nebeneinander, weil beides zur Sache gehört — dieselbe Regel, die dieses Register für die Jahre 1933 bis 1945 anwendet.
Was 1990 blieb, was verschwand
Die aufschlussreichste Prüfung der These liefert der Zusammenbruch. Wenn Sportwaffenbau eine Staatsaufgabe ohne Markt war, dann müsste er mit dem Staat verschwunden sein. Genau das ist passiert.
| Zweig | Ende oder Fortsetzung |
|---|---|
| Biathlonwaffen 626/626-1/628 | letzte Waffe am 11. Juni 1991, danach kein Nachfolger. Die vorhandenen Waffen blieben bis 2007 im Weltcup, es kamen keine hinzu; die Disziplin gehört seither dem Fortner-Verschluss. |
| Matchluftgewehr 312 | Fertigung bis 1992; nach 1989/90 als Haenel 600 von der Jagd- und Sportwaffen Suhl GmbH fortgeführt, ein Auslaufjahr dieser Variante ist nicht belegt. Ein Nachfolger kam nicht. |
| KK-Matchgewehr Suhl 150 | Fertigung endete mit dem Betrieb; die Waffen sind bis heute wettkampftauglich und auf dem Gebrauchtmarkt gesucht — als Bestand, nicht als Erzeugnis. |
| Gerätewerk Wiesa | Fertigungsstopp nach dem Ministerratsbeschluss vom 14. Dezember 1989, Abwicklung durch die Treuhand mit Kosten von etwa 162 Millionen DM; Fortführung als „Spezialwerkzeuge und Hydraulik GmbH” mit nur noch rund 20 Prozent der Belegschaft (von etwa 1.400 auf rund 280). |
| Deutscher Schützenverband der DDR | löste sich zum 1. Januar 1991 auf; die östlichen Verbände traten dem Deutschen Schützenbund bei. |
| Jagdwaffen | überlebten als einziger Zweig. |
Die Betriebslinie der Jagdwaffen ist zugleich eine Lehrgeschichte über die Härte des Übergangs: Die noch 1989 aus dem VEB hervorgegangene Jagd- und Sportwaffen Suhl GmbH musste bereits 1993 Insolvenz anmelden; 1994 folgte die Neugründung als Suhler Jagd- und Sportwaffen GmbH unter der Marke Merkel. 2003 übernahm Heckler & Koch, 2007 die Caracal International LLC aus Abu Dhabi. Heute ist die Merkel Jagd- und Sportwaffen GmbH mit 112 Beschäftigten und 14,3 Millionen Euro Umsatz (2024) der letzte größere manufakturell-industrielle Betrieb am Standort. Der Traditionsname C. G. Haenel wurde 2008 innerhalb derselben Unternehmensgruppe wiederbelebt — heute mit Behörden- und Militärwaffen wie dem MK 556, nicht mit Sportgerät; eine durchgehende Betriebslinie steht dahinter nicht. Und 1994/95 legte Simson Suhl noch einmal die Makarow für den Weltmarkt auf.
Der Befund, der die These umdreht. Überlebt hat in Suhl genau der Zweig, der schon vorher ein Marktsegment war — die Jagdwaffe, die Devisen brachte und einen Kundenkreis hatte. Verschwunden ist genau der Zweig, den die These als Staatsaufgabe beschreibt. Das bestätigt die Diagnose und widerlegt ihre implizite Wertung: Die staatliche Bestellung war kein Privileg, sie war die einzige Nachfrage. Als sie wegfiel, gab es keine zweite.
Die Gegenprobe, ausdrücklich
Wo die These nicht zutrifft:
- Nicht bei den Luftdruckwaffen. Sie waren rechtlich keine Schusswaffen, ab 1957 privat erwerbbar und wurden 25 Jahre lang in Serie gebaut. Ein Marktsegment im Wortsinn — und ausgerechnet dort blieb die Konstruktion hinter dem Westen zurück.
- Nicht beim DTSB. Der Schießsport hing an der GST und damit an den bewaffneten Organen, nicht am Sportbund. Der DSV war ausdrücklich kein DTSB-Verband.
- Nicht bei der Preisdisziplin. Sie existierte, nur in Devisen statt in Endkundenpreisen — und sie drückte den Sportwaffenbau in die Nische, gegen den Widerstand der eigenen Werkleitung.
- Nicht beim Schießsport als Ganzes. 16 olympische Medaillen und Rang 26 sind nach dem Kriterium von 1969 eine schlechte Rendite. Der medaillengetriebene Staat hat den Schießsport nicht bevorzugt, sondern eher stiefmütterlich behandelt — anders als den Biathlon.
- Nicht bei der Fertigungstiefe. Der Kniegelenkverschluss im Biathlongewehr kam 1976 aus Finnland, der bis heute maßgebliche Geradezug 1984 aus einer oberbayerischen Handwerkswerkstatt. Beide Staatsindustrien wurden von Kleinbetrieben geschlagen — wenn auch über zwei Jahrzehnte, nicht über Nacht.
- Nicht als Alleinstellungsmerkmal der kleinen Stückzahl. Matchwaffenbau ist überall Kleinserie. Der Unterschied liegt im Besteller, nicht in der Losgröße.
Wo sie zutrifft:
- Der Rahmen stimmt. Medaillen waren Anerkennungswährung, und ab 1969 gab es ein Förderkriterium, das Aufwand gegen Medaillen rechnete.
- Der Biathlonfall stimmt weitgehend. 208 Wettkampfwaffen in dreizehn Jahren aus einer Versuchsbauabteilung, Schäfte je Athlet zugearbeitet, Einzelbau statt Serie, dazu eine zweite Verschlussbauart — und in denselben Jahren olympische Titel 1980 und 1988. Eine Fertigung dieser Art ist ohne staatlichen Besteller nicht denkbar und ohne ihn auch nicht überlebensfähig, wie 1991 zeigte. Offen bleibt, ob die zweite Bauart wirklich auf Athletenwünsche zurückging und ob die Medaillen mit diesen Waffen fielen.
- Kein Händlernetz stimmt — für alles jenseits der Luftdruckwaffen. Schützenvereine waren verboten, Schusswaffenbesitz außerhalb von Jagd und Dienst grundsätzlich untersagt, und selbst Jagdwaffen waren Staatseigentum zur Ausleihe. Ein Fachhandel im westlichen Sinn existierte nicht.
Was daraus für die Objektkunde folgt
Drei praktische Konsequenzen für die Arbeit am Stück:
Die Zuordnung „Sportwaffe” ist in der DDR keine Verwendungsangabe. Dieselbe Bauart konnte Jahrmarktgerät, GST-Ausbildungswaffe oder Vereinsgerät sein; unterschieden wurde bei der Haenel 310 nicht über das Modell, sondern über die Federstärke. Wer ein Stück beurteilt, muss die Ausstattung lesen, nicht das Typenschild.
Kleinserien tragen Einzelfertigungsmerkmale. Bei den Biathlonwaffen sind Schaftmaße athletenspezifisch, das Fertigungsdatum steht in der Regel unter dem Beschusszeichen am Lauf, in mindestens einem dokumentierten Fall abweichend am Systemkasten. Solche Merkmale sind bei Serienware bedeutungslos und hier der Hauptzugang zur Datierung.
Die Überlieferungslage ist systematisch verzerrt. Nicht mehr benötigte Waffen wurden in der DDR planmäßig verschrottet. Viele Modelle der Nachkriegsjahre existieren nur noch als Foto oder Zeichnung; von den 208 Biathlonwaffen sind derzeit 19 Stück nachgewiesen. Wer aus der Häufigkeit erhaltener Stücke auf Fertigungszahlen schließt, rechnet an einem ausgedünnten Bestand.
Offene Forschungsfragen. Ob 1969 tatsächlich private Sportwaffen eingezogen wurden und in welchem rechtlichen Verfahren — die Angabe geht auf Dieter zurück, ist hier aber nur über eine Buchbesprechung greifbar und an den Verordnungen zu prüfen. Welche Waffen die drei DDR-Goldschützen Potteck, Klaar und Wegner führten. Modellbezeichnungen, Stückzahlen und Fertigungsträger der Suhler Wettkampfpistolen. Das Verhältnis zwischen der Zentralen Waffenwerkstatt der GST, den Handwerksgenossenschaften und der Sportwaffenabteilung des VEB. In welchem Umfang, über welchen Zeitraum und in welcher Organisationsform das Suhler Werk Läufe und Baugruppen für die Kalaschnikow-Fertigung in Wiesa lieferte — dass es das tat, ist belegt, alles Weitere nicht. Datierung und Abnehmer des PG 500. Ob die Biathlon-Olympiasiege 1980 und 1988 mit Suhler Waffen erzielt wurden. Ob das Modell 628 auf Athletenwünsche zurückgeht. Und die Frage, die dieser Aufsatz nicht beantworten konnte: ob im Schießsport der DDR gedopt wurde. Zu klären an Betriebsunterlagen des Thälmann-Werks, an den Beständen des DTSB und der GST im Bundesarchiv und an den Unterlagen des Stasi-Unterlagen-Archivs.
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Leistungssportbeschluss vom 8. April 1969 Link
- [Online] sport-record.de — DSV — Deutscher Schützenverband der DDR Link
- [Literatur] Bundesstiftung Aufarbeitung — Uta Andrea Balbier, „Flaggen, Hymnen und Medaillen" — die gesamtdeutsche Olympiamannschaft und die Anerkennungsfrage Link
- [Literatur] kommunismusgeschichte.de — DDR A–Z, Stichwort Waffenbesitz (Ausgabe 1969, S. 694) — Luftdruckwaffen-AO vom 16.02.1957, Jagdwaffen-DB 1962, Strafrahmen §§ 206–209 und § 225 StGB , A bis Z, 11. Auflage, Bonn 1969, S. 694 Link
- [Online] Backyard Safari — Jagdwaffenvergabe in der DDR — Jagdwaffen als Staatseigentum zur Ausleihe Link
- [Online] Wikipedia (de) — Gesellschaft für Sport und Technik — Unterstellung unter das Ministerium für Nationale Verteidigung am 14.09.1968 Link
- [Online] Wikipedia (de) — Gesamtdeutsche Mannschaft — gemeinsame Flagge Schwarz-Rot-Gold mit olympischen Ringen, Hymne Beethoven Link
- [Online] Backyard Safari — Dokumente zum DDR-Waffenrecht I — Anordnung vom 10.02.1957 über Luftdruckwaffen Link
- [Online] Backyard Safari — Suhler Sportwaffen — Besprechung der Bände von Ernst G. Dieter Link
- [Literatur] Deutsche Nationalbibliothek — Ernst G. Dieter, Sportgewehre und Sportpistolen Kaliber .22 aus Suhl und Zella-Mehlis Link
- [Online] Waffencenter Gotha — Verlagsbeschreibung zu Dieter, Sportgewehre und Sportpistolen Kaliber .22 — Zentrale Waffenwerkstatt der GST, Handwerksgenossenschaften, 46 vorgestellte Modelle Link
- [Online] ACTS-HE — Suhler Biathlongewehre — neue Erkenntnisse I (Gerätenummernbuch) Link
- [Online] ACTS-HE — Suhler Biathlongewehre 626, 626-1 und 628 Link
- [Online] Wikipedia (de) — Haenel 312 — Entwicklung 1965–1967, Fertigung 1967–1992, Haenel 600 Link
- [Online] Wikipedia (de) — FWB 300 — Schlittensystem, Produktion ab 1969, Ende 1993 (300S bis etwa 1994), zusammen rund 345.000 Stück Link
- [Online] Feinwerkbau — Produktchronik des Herstellers — Modell 300 (1969–1998), Modell 600 ab 1984 als erstes Pressluft-Matchluftgewehr Link
- [Online] Wikipedia (de) — VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa — Gründung 21.02.1957, Standorte Wiesa und Geyer, Zulieferer, Abwicklung Link
- [Online] Wikipedia (de) — Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann" — Zulieferer für die Kalaschnikow-Fertigung in Wiesa Link
- [Online] Wikipedia (de) — Frank Ullrich — Gold im Sprint und zweimal Silber, Lake Placid 1980 Link
- [Online] Wikipedia (de) — Frank-Peter Rötsch — Doppelsieg im Einzel und Sprint, Calgary 1988 Link
- [Online] Wikipedia (de) — Uwe Potteck — Freie Pistole, Montreal 1976, 573 Ringe Weltrekord Link
- [Online] Wikipedia (en) — Norbert Klaar — Olympiasieger Schnellfeuerpistole, Montreal 1976 Link
- [Online] Wikipedia (en) — Axel Wegner — Olympiasieger Skeet, Seoul 1988 Link
- [Online] Wikipedia (de) — ASK Vorwärts Oberhof — Wintersport-Leistungszentrum der Armeesportvereinigung Link
- [Objektbefund] Dorotheum — Auktionsbeschreibung KK-Repetierbüchse VEB Ernst Thälmann Werk Suhl, Mod. KKV1001 — DDR-Wehrsportgewehr, Kal. .22 l. r. Link
- [Online] Wikipedia (de) — Merkel Jagd- und Sportwaffen — Betriebsgeschichte nach 1990 Link
- [Online] Wikipedia (de) — Liste der Olympiasieger im Schießen — Medaillenspiegel nach Nationen Link
- [Online] PIRSCH — Suhler Drilling — Exportschlager aus der DDR Link
- [Archiv] Bundesarchiv — Geheimakte Doping — Staatsplanthema 14.25 Link
- [Online] Bundeszentrale für politische Bildung — Staatsplan „Sieg" — die Stasi im Leistungssport Link
- [Online] STG940 — Spezial-Präzisionsgewehr PG 500 Link