Vergleichsstück · Großbritannien
Lee-Enfield SMLE Mk III (No. 1 Mk III)
- Fertigung
- Royal Small Arms Factory Enfield Lock, BSA, LSA sowie Lithgow (Australien) und Ishapore (Indien)
- Kaliber
- .303 British (7,7 × 56 R)
- Zeitraum
- 1907–1956
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Die Lee-Enfield lädt nicht selbst nach. Nach jedem Schuss hebt der Schütze einen Griff am hinteren Ende der Waffe an, zieht den daran hängenden Metallzylinder zurück und schiebt ihn wieder vor. Beim Zurückziehen fliegt die leere Hülse heraus, beim Vorschieben nimmt der Zylinder die nächste Patrone aus dem Magazin mit und drückt sie in den Lauf. Derselbe Zylinder hält den Lauf im Moment des Schusses hinten zu; er stützt sich dafür mit zwei Nasen im Gehäuse ab. Bei fast allen Gewehren dieser Bauart sitzen diese Nasen ganz vorn, dicht hinter der Patrone. Bei der Lee-Enfield sitzen sie hinten, am Ende des Zylinders — das ist der eine Unterschied, aus dem alles Weitere folgt. Der Griff muss nur etwa 60 statt 90 Grad angehoben werden, der Weg nach hinten fällt kürzer aus, und die Feder des Zündstifts wird nicht beim Öffnen, sondern erst beim Zuschieben gespannt. Das Öffnen geht dadurch fast von selbst, das Schließen verlangt Kraft. Wer diesen Rhythmus beherrscht, arbeitet die Waffe sehr schnell durch, und im Magazin liegen zehn Patronen statt der sonst üblichen fünf. Bezahlt wird das mit Nachgiebigkeit: Der Druck des Schusses läuft durch den ganzen langen Zylinder, bevor er ins Gehäuse geht, und dabei federt alles bei jedem Schuss ein wenig — jedes Mal etwas anders. Die Waffe galt deshalb als weniger treffgenau als die vorn abgestützten Gewehre ihrer Zeit, dafür schießt sie schneller.
Vergleichsstück. Gehört nicht zur Fertigung im Untersuchungsraum; steht hier als Maßstab.
Der Karabiner 98k lässt sich nicht sinnvoll bewerten, ohne die Alternative zu kennen. Diese Alternative war kein schlechterer Mauser. Sie war ein bewusst anders ausgelegtes System, der Lee-Verschluss. Beide sind Zylinderverschlüsse, beide sind Repetierer, beide waren jahrzehntelang Standardbewaffnung. An genau einer Stelle entscheiden sie entgegengesetzt.
Konstruktion
Mauser verriegelt vorn, unmittelbar hinter dem Patronenlager. Lee verriegelt hinten, an der Hülsenbrücke. Alles Weitere folgt aus diesem Unterschied.
| Merkmal | Lee-Enfield SMLE | Mauser 98 |
|---|---|---|
| Lage der Warzen | hinten am Kammerkörper | vorn am Kammerkopf |
| Kraftweg Patronenboden → Verriegelung | volle Kammerlänge | wenige Millimeter |
| Öffnungshub | ca. 60° | 90° |
| Spannen | beim Schließen | beim Öffnen |
| Magazin | 10 Patronen, abnehmbar | 5 Patronen, fest |
| Praktische Feuergeschwindigkeit | ca. 15 gezielte Schuss/min | ca. 15 Schuss/min, mit größerem Aufwand |
Die hintere Verriegelung erlaubt eine kurze Kammerführung und einen kurzen Weg; zusammen mit dem Spannen beim Schließen ergibt das einen Öffnungshub, der fast von selbst geht, und der abgekröpfte Kammerstängel dicht hinter dem Abzug tut das Übrige. Wer die Bewegung beherrscht, arbeitet die Waffe durch, ohne die Schulter zu verlassen.
Der Preis steht auf der anderen Seite derselben Rechnung. Der Gasdruck erreicht das Gehäuse nicht auf kurzem Weg, er läuft durch den gesamten Kammerkörper. Das federt. Gefährlich ist es nicht, denn die .303 war für dieses System ausgelegt und nicht umgekehrt; aber es federt bei jedem Schuss ein wenig anders, und das schlägt sich in der Streuung nieder. Dazu kommen der zweiteilige Schaft und die kurze Visierlinie eines auf dem Lauf sitzenden Visiers.
Verwendung
Für beide Lager ist die Schlussfolgerung unbequem. Auf dem Schießstand gewinnt Mauser; im Massengefecht mit sichtbarem Gegner auf mittlerer Entfernung gewann 1914 die SMLE. Die „mad minute” der britischen Ausbildung, fünfzehn gezielte Schuss in sechzig Sekunden und in Einzelfällen deutlich mehr, war Prüfungsanforderung und keine Legende.
Einordnung
Einen Sieger hat der Streit nie bekommen; die Frage löste sich stattdessen auf. Sobald das Nachladen die Waffe selbst übernimmt — beim M1 Garand, später beim Sturmgewehr 44 —, verschwindet der Grund, an der Verriegelungssteifigkeit zu sparen. Die Selbstladegewehre und Sturmgewehre dieses Registers verriegeln denn auch vorn oder unmittelbar hinter dem Patronenlager. Die unverriegelten Konstruktionen wie MP 18 oder G3 sparen dabei nicht an der Verriegelung, sondern kommen mit schwächerer Patrone oder mit Verzögerung statt Verriegelung aus. Ein Irrweg war der Lee-Verschluss deshalb nicht. Er war die richtige Antwort auf eine Frage, die zwei Jahrzehnte später niemand mehr stellte.
Konstruktion
- Verschluss
- Zylinderverschluss System Lee mit zwei Verriegelungswarzen am **hinteren** Ende des Kammerkörpers, die in Rastflächen der Hülsenbrücke greifen; schraubenförmig angeschnittene Verriegelungsflächen, abnehmbarer Kammerkopf
- Ladeprinzip
- Repetierer, Handrepetierung über den Kammerstängel
- Zuführung
- Abnehmbares Kastenmagazin für 10 Patronen, im Gebrauch am Gewehr belassen und von oben über eine feste Ladestreifenbrücke mit zwei Ladestreifen zu je 5 Patronen gefüllt; die Randlage des Stapels wird über Zubringerform und Magazingeometrie gesichert (ein eigener Patronenunterbrecher ist für das Lee-Magazin in der Literatur strittig)
- Abzug
- Zweistufiger Abzug mit Druckpunkt, Einzelfeuer
- Sicherung
- Sicherungshebel links am hinteren Hülsenende, mit dem Daumen der Schießhand erreichbar; sperrt Schlagbolzen und Kammer
- Visierung
- Offenes Visier mit V-Kimme auf Schieber, 200–2000 yards; Korn mit Schutzflügeln; beim Mk III zusätzlich seitlich angebrachtes Salvenvisier für Flächenfeuer auf große Entfernung (beim Mk III* entfallen)
Maße und Leistung
- Länge
- 1132 mm
- Lauflänge
- 640 mm
- Gewicht
- ca. 3,96 kg (ohne Bajonett)
- Magazin
- 10 Patronen, abnehmbares Kastenmagazin
- V₀
- ca. 744 m/s (Patrone .303 Mk VII)
- Kadenz
- ca. 15 gezielte Schuss/min praktische Feuergeschwindigkeit
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Verriegelt und schussbereit
Die beiden Verriegelungswarzen liegen am **hinteren** Ende des Kammerkörpers und greifen in Rastflächen der Hülsenbrücke. Zwischen Patronenboden und Verriegelungsstelle liegt damit die gesamte Länge des Kammerkörpers — beim Mauser-System sind es wenige Millimeter. Das ist der konstruktive Kern und die Ursache aller folgenden Eigenschaften, guter wie schlechter.
- 2
Schuss und Kraftfluss
Der Gasdruck drückt über den Hülsenboden auf den Kammerkopf. Die Kraft läuft durch den langen Kammerkörper nach hinten und von dort erst in die Hülsenbrücke. Kammer und Gehäuse federn dabei messbar — die Verriegelung ist elastischer als eine vorn liegende. Die Auslegung der Patrone bleibt deshalb auf einen vergleichsweise moderaten Gasdruck beschränkt.
- 3
Entriegeln — der leichte Hub
Der Kammerstängel wird um etwa 60° angehoben, die schraubenförmigen Verriegelungsflächen treten aus den Rastflächen. Entscheidend: Das Schlagstück wird hier **nicht** gespannt. Die SMLE spannt beim Schließen (cock on closing), der Öffnungshub bleibt dadurch auffallend leicht. Der Kammerstängel ist zudem nach unten abgekröpft und sitzt dicht hinter dem Abzug — die Hand muss den Griff kaum verlassen.
- 4
Zurückziehen, Ausziehen, Auswerfen
Der Kammerweg ist kürzer als bei den vorn verriegelten Zeitgenossen — nicht wegen der Patrone (.303 British baut mit rund 78 mm Gesamtlänge kaum kürzer als 7,92 × 57), sondern weil die hinten liegenden Warzen die Kammer erst am Ende des Rücklaufs freigeben und der Weg damit dicht an der Patronenlänge bleiben kann. Der Auszieher am Kammerkopf zieht die Hülse heraus, der Auswerfer kippt sie seitlich aus.
- 5
Vorschieben und Zuführen
Der Stoßboden nimmt die oberste Patrone aus dem Zehn-Schuss-Magazin. Weil .303 eine **Randpatrone** ist, muss jeder Rand vor dem der darunter liegenden Patrone liegen. Das Lee-Magazin hält den Stapel über die ausgeformte Zubringerplatte und seine Innengeometrie in dieser Lage und dämpft damit die berüchtigte Randverhakung („rim lock") — anders als beim Mosin-Nagant, der dafür einen eigenen Unterbrecher führt. Ob auch das Lee-Magazin ein solches Federblech besitzt, geben die Quellen widersprüchlich wieder.
- 6
Verschließen und Spannen
Erst der Schließhub spannt die Schlagbolzenfeder; der Kammerstängel wird niedergedrückt, die Warzen laufen über die schraubenförmigen Flächen ein und ziehen die Kammer dabei auf ihr endgültiges Kopfmaß. Der Rhythmus „leicht öffnen, kräftig schließen" kommt der schnellen Waffenhandhabung entgegen — und ist der eigentliche Grund für die hohe praktische Feuergeschwindigkeit.
- 7
Nachladen
Zwei Ladestreifen zu je fünf Patronen werden über die feste Ladebrücke in das am Gewehr verbleibende Magazin gedrückt. Das abnehmbare Magazin dient der Fertigung und Reinigung, nicht dem schnellen Wechsel im Gefecht.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Zwei vordere Verriegelungswarzen am Kammerkopf liegen unmittelbar hinter dem Patronenlager in Rastflächen des Hülsenkopfs; eine dritte, hintere Warze dient als Sicherheitsreserve.
- 2 Entriegeln: Der Kammerstängel wird nach oben gedreht. Die Warzen treten aus den Rastflächen, und eine Steuerfläche zieht die Kammer zugleich ein Stück zurück — das löst die Hülse aus dem Lager (Erstauszug).
- 3 Zurückziehen und Vorschieben: Die Kammer läuft zurück, der Auszieher hält die Hülse, der Auswerfer wirft sie aus. Beim Vorschieben nimmt der Stoßboden die oberste Patrone aus dem Kastenmagazin mit; Niederdrücken des Stängels verriegelt erneut.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Karabiner 98k
unter anderem Gustloff-Werke Weimar und Suhl, J. P. Sauer & Sohn · Deutschland · 1935- System
- Zylinderverschluss System Mauser 98, zwei **vorn** am Kammerkopf liegende Verriegelungswarzen plus hintere Sicherheitswarze, fest eingebautes Magazin für 5 Patronen
- Unterschied
- Der Kernvergleich. Mauser verriegelt unmittelbar hinter dem Patronenlager und erhält damit den kürzesten und steifsten Kraftweg, den ein Zylinderverschluss bieten kann — auf Kosten eines langen Kammerwegs, eines 90°-Hubs und des Spannens beim Öffnen. Lee verriegelt hinten und tauscht diese Steifigkeit gegen kurzen Weg, leichten Öffnungshub und doppelte Magazinkapazität.
- Befund
- Zwei saubere Antworten auf dieselbe Frage, mit gegensätzlichem Vorzeichen. Die Mauser-Lösung setzt sich langfristig durch — jede moderne Präzisionsbüchse verriegelt vorn. Im Massengefecht des Ersten Weltkriegs war die schnellere Waffe jedoch die britische.
M1 Garand
Springfield Armory, Winchester · USA · 1936- System
- Gasdrucklader mit Drehkopfverschluss, zwei vorn liegende Verriegelungswarzen, Ladeblock für 8 Patronen
- Unterschied
- Die dritte Antwort: Wer Feuergeschwindigkeit will, muss nicht am Verschluss sparen, sondern das Nachladen der Waffe überlassen. Der Selbstlader kombiniert die vorn liegende, steife Verriegelung mit einer Kadenz, die auch die geübteste SMLE-Bedienung nicht erreicht.
- Befund
- Der Zielkonflikt Steifigkeit gegen Bediengeschwindigkeit löst sich nicht im Repetierer auf, sondern verschwindet erst mit dem Selbstlader.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Weichere Verriegelung, begrenzter Gasdruck
Der lange Kraftweg zwischen Kammerkopf und hinteren Warzen federt unter Last. Die Patrone .303 blieb deshalb auf einen im Vergleich zu 7,92 × 57 moderaten Gasdruck ausgelegt. Für Umbauten auf leistungsstärkere Patronen gilt das System bis heute als heikel.
gesichert
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Zwei sich addierende Streuquellen
Die hintere Verriegelung, der zweiteilige Schaft mit eingeschraubtem Kolben und das vorn auf dem Lauf sitzende, verhältnismäßig kurze Visier wirken zusammen. Die SMLE galt der zeitgenössischen Kritik als weniger präzise als das Mauser-System — nicht weil ein Bauteil schlecht war, sondern weil sich mehrere Elastizitäten summieren.
plausibel
-
Randpatrone
Der vorstehende Rand der .303 macht Magazin und Zuführung aufwendiger (ausgeformter Zubringer, sorgfältige Ladefolge) und die Randverhakung möglich. In der Praxis war das Problem geringer als sein Ruf, solange randgefaste Militärmunition verwendet wurde; mit abweichender Fertigung tritt es wieder auf.
plausibel
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Kopfmaß über Kammerköpfe
Das Kopfmaß wird nicht durch Nacharbeit am Lauf, sondern durch Tausch des abnehmbaren Kammerkopfs eingestellt. Beim späteren No. 4 gab es dafür abgestufte, mit 0 bis 3 nummerierte Kammerköpfe. Elegant für den Truppeninstandsetzer, aber ein laufender Wartungsposten, den ein Mauser-Verschluss nicht kennt.
gesichert
Verwendung
- Standardgewehr des britischen Heeres und der Commonwealth-Streitkräfte im Ersten Weltkrieg
- Weiterverwendung im Zweiten Weltkrieg neben dem ablösenden Nachfolger No. 4
- Fertigung in Lithgow (Australien) und Ishapore (Indien) weit über die britische Produktion hinaus
- In diesem Register als Maßstab für die Bewertung des Karabiners 98k
Quellen
- [Online] Wikipedia Lee-Enfield — Lee-Enfield Link
- [Online] NRA Museum — British SMLE Mk III Bolt Action Rifle Link
- [Online] Lee Enfield Rifle Association — The Mad Minute Link
- [Online] Milsurps — The Lee Enfield Rifle — technische Beschreibung Link
- [Online] Lithgow SAF Museum — Military Production at Lithgow Small Arms Factory Link
- [Online] Military Factory — Lee-Enfield (Series) Bolt-Action Repeating Service Rifle Link