Modell
Pistole 08
- Fertigung
- Gewehrfabrik Erfurt , Simson & Co.
- Kaliber
- 9 × 19 mm
- Zeitraum
- 1908–1938
- Belegstatus
- gesichert
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Die Pistole 08 ist an einem Vorgang sofort zu erkennen: Beim Schuss klappt oben auf der Waffe ein Gelenk nach oben auf, statt dass ein geschlossenes Oberteil nach hinten über die Hand fährt. Dahinter steckt eine Antwort auf das Grundproblem jeder kräftigen Selbstladepistole — der Lauf muss hinten fest verschlossen bleiben, solange die Pulvergase drücken, und darf sich erst danach öffnen. Bei der 08 übernimmt das ein Gestänge aus zwei Gliedern, das wie ein durchgestrecktes Knie wirkt: Solange es gestreckt steht, lässt es sich von hinten nicht zusammendrücken. Beim Schuss laufen Lauf und Gelenk fest zusammenhängend etwa sechs Millimeter nach hinten; in dieser Zeit hat das Geschoss den Lauf verlassen und der Druck ist gefallen. Dann treffen zwei seitliche Rollen des Gelenks auf schräge Flächen am Griffstück, die sie nach oben drücken — das Knie knickt auf, das Stück, das den Lauf hinten zuhält, löst sich von ihm und zieht die leere Hülse heraus, die nach oben ausgeworfen wird. Eine Feder im Griff streckt das Gelenk wieder, schiebt es nach vorn und nimmt dabei die nächste Patrone aus dem Magazin mit. Der Preis dieser feinen Mechanik ist ihre Empfindlichkeit: Sand, Staub und verharztes Öl bremsen die Bewegung, und die Waffe verlangt Patronen mit dem passenden Druckverlauf, sonst öffnet sie nicht sauber.
Die Pistole 08 (Konstruktion Georg Luger) wurde 1908 als Ordonnanzpistole des Deutschen Reiches eingeführt und erst 1938 durch die Pistole 38 abgelöst.
Konstruktion
Das kennzeichnende Merkmal ist der unterknickende Kniegelenkverschluss. Beim Schuss laufen Lauf und Gabelstück kurz gemeinsam zurück; dabei treffen die Gelenkrollen auf schräge Anlaufflächen im Griffstück, das Kniegelenk knickt nach oben aus und öffnet den Verschluss. Anders als bei den später vorherrschenden Browning-Systemen fährt kein geschlossener Verschlussschlitten über den Handrücken zurück. Die Bewegung erfolgt nach oben.
Konstruktiv ist das eine feinmechanische Lösung. Der lange, mit engsten Toleranzen geführte Rücklauf verleiht der Waffe eine für ihre Zeit hohe Eigenpräzision. Er ist zugleich der Grund für ihre beiden Hauptschwächen, Schmutzempfindlichkeit und Munitionsfühligkeit, und für den Fertigungsaufwand, an dem sie in der Massenfertigung scheiterte.
Fertigung
- Gewehrfabrik Erfurt, ab 1911: staatliche Parallelfertigung zur DWM. Erfurter Stücke sind an der Fertigungsstättenmarkierung und der dichten Abnahmestempelung erkennbar.
- Simson & Co., Suhl, 1925–1934: einzige zugelassene Reichswehr-Fertigung der Weimarer Republik auf den übernommenen Erfurter Einrichtungen; rund 12.000 Stück.
Damit lässt sich an einem einzigen Modell der Übergang von kaiserlicher Staatsfertigung zu privatwirtschaftlicher Weimarer Fertigung zeigen, mitsamt der jeweils zugehörigen Abnahme- und Beschusspraxis. Für die Stempelkunde ist die 08 das ergiebigste Objekt des gesamten Registers.
Konstruktion
- Verschluss
- Verriegelter Kniegelenkverschluss mit kurzem Laufrücklauf. Lauf und Gabelstück laufen gemeinsam zurück; das Kniegelenk läuft dabei auf schräge Anlaufflächen des Griffstücks und knickt nach oben aus, statt geradlinig über den Handrücken zurückzulaufen.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf
- Zuführung
- Einreihiges Stangenmagazin im Griffstück
- Abzug
- Einzelfeder-Abzug, nur Single Action (Schlagbolzen wird beim Repetieren gespannt)
- Sicherung
- Hebelsicherung links am Griffstück
- Visierung
- Feste Kimme auf dem Kniegelenk, Korn auf dem Laufansatz
Maße und Leistung
- Länge
- ca. 222 mm
- Lauflänge
- 100 mm (Ordonnanzausführung)
- Gewicht
- ca. 870 g
- Magazin
- 8 Patronen
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Schuss
Der Schlagbolzen zündet die Patrone. Lauf, Gabelstück und das geschlossene Kniegelenk sind zu diesem Zeitpunkt starr verriegelt: Das Gelenk steht minimal unterhalb der Strecklage, sodass der Gasdruck es nicht aufknicken, sondern nur gestreckt halten kann.
- 2
Gemeinsamer Rücklauf
Der Rückstoß treibt Lauf, Gabelstück und Kniegelenk als Einheit etwa 6 mm nach hinten. Solange das Gelenk gestreckt bleibt, ist der Verschluss zu — das Geschoss verlässt in dieser Phase den Lauf, der Druck fällt ab.
- 3
Entriegelung durch Aufknicken
Die seitlichen Gelenkrollen laufen auf schräge Anlaufflächen des Griffstücks. Dadurch wird das Kniegelenk nach oben aus der Strecklage gedrückt und knickt auf. Erst jetzt trennt sich der Verschluss vom Lauf.
- 4
Hülsenauswurf und Spannen
Der aufknickende Verschluss zieht die Hülse aus dem Patronenlager; der Auswerfer schleudert sie nach oben aus. Gleichzeitig wird der Schlagbolzen gespannt und die Schließfeder im Griffstück komprimiert.
- 5
Vorlauf und Zuführung
Die Schließfeder streckt das Kniegelenk wieder. Der vorlaufende Verschluss schiebt die oberste Patrone aus dem Magazin in das Patronenlager.
- 6
Verriegelung
Gelenk und Lauf laufen gemeinsam in die vordere Endlage; das Kniegelenk geht wieder minimal unter die Strecklage und ist damit verriegelt. Die Waffe ist schussbereit.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Die beiden Kniegelenkglieder stehen knapp unterhalb der Strecklage. Der Gasdruck kann sie nur weiter strecken, nicht aufknicken — das Gelenk sperrt sich selbst.
- 2 Gemeinsamer Rücklauf: Lauf, Gabelstück und gestrecktes Gelenk laufen verriegelt zurück. Die seitlichen Gelenkrollen erreichen die schrägen Anlaufflächen des Griffstücks.
- 3 Entriegelt: Die Rampen drücken die Rollen nach oben, das Gelenk knickt aus. Erst jetzt trennt sich der Verschluss vom Lauf.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Colt M1911
Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · USA · 1911- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf; Verriegelung über Warzen am Lauf, die in den Schlitten greifen, Entriegelung durch Absenken des Laufs über ein Schwenkglied (Browning-System)
- Unterschied
- Beide sind verriegelte Rückstoßlader derselben Jahre, aber mit entgegengesetzter Konstruktionsphilosophie. Die 08 löst die Entriegelung über ein außenliegendes Präzisionsgelenk, die M1911 über ein innenliegendes, gekapseltes Absenken des Laufs im geschlossenen Schlitten.
- Befund
- Historisch setzte sich das Browning-Prinzip durch: gekapselt, schmutzunempfindlich, billiger zu fertigen. Die 08 ist die präzisere, die M1911 die robustere Lösung — der Zielkonflikt, an dem 1938 auch die Ablösung durch die P 38 hing.
Mauser C96
Waffenfabrik Mauser · Deutschland (Oberndorf) · 1896- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, Verriegelung über einen unter dem Verschluss schwenkenden Sperrblock; festes Kastenmagazin vor dem Abzug, Ladung über Ladestreifen
- Unterschied
- Die zeitgleiche deutsche Alternative — und die direkte Konkurrentin im Ringen um die Ordonnanzentscheidung. Sie lädt von oben über Ladestreifen statt über ein Griffmagazin und ist dadurch schwerer und kopflastiger.
- Befund
- Die Entscheidung für die 08 war zugleich eine Entscheidung für das Griffstückmagazin, das sich im Pistolenbau allgemein durchsetzte.
Nagant M1895
Fabrique d'armes Émile et Léon Nagant, später Tula · Belgien / Russland · 1895- System
- Revolver mit Trommelvorschub: Die Trommel schiebt sich beim Spannen nach vorn über den Laufansatz und dichtet den Spalt gasdicht ab
- Unterschied
- Der östliche Gegenentwurf derselben Generation — und die Waffe, die in Beständen der bewaffneten Organe der DDR noch neben der Makarow auftauchte. Wo die 08 auf Selbstladetechnik setzt, löst der Nagant das Dichtungsproblem mechanisch am Revolver.
- Befund
- Für dieses Register relevant, weil er zeigt, dass „Ordonnanzkurzwaffe um 1900" keine einheitliche Antwort hatte — und weil sich beide Linien in den DDR-Beständen der 1950er Jahre wiedertrafen.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Schmutzempfindlichkeit
Der offen über dem Verschluss liegende Kniegelenkmechanismus und die eng geführten Laufbahnen reagieren empfindlich auf Sand, Staub und Verharzung. Im Grabenkrieg war das ein praktischer Nachteil gegenüber Konstruktionen mit geschlossenem Verschlussgehäuse.
plausibel
-
Munitionsfühligkeit
Die Funktion hängt vom Gasdruckverlauf ab: Die 08 bevorzugt langsam brennende Pulver mit großer Gasmenge. Abweichende Ladungen führen zu Funktionsstörungen — bei modernen Fabrikpatronen ein bis heute diskutiertes Thema bei schießenden Sammlerinnen und Sammlern.
plausibel
-
Fertigungsaufwand und enge Toleranzen
Der lange, mit engsten Toleranzen geführte Rücklauf von Gabelstück und Verschluss verschafft der Waffe hohe Eigenpräzision — erkauft mit einem Fertigungsaufwand, der Massenproduktion unter Kriegsbedingungen erschwerte. Genau dieser Punkt führte zur Ablösung durch die Pistole 38.
plausibel
Verwendung
- Ordonnanzpistole des Deutschen Reiches 1908–1938
- Reichswehr der Weimarer Republik, beliefert 1925–1934 ausschließlich durch Simson & Co.
- Weiterverwendung in der Wehrmacht neben der P 38 bis Kriegsende, dazu Polizei- und Behördenbestände