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OD WH

Modell

Infanteriegewehr M/71 (Mauser Modell 71)

Fertigung
Sauer & Sohn , V. C. Schilling , Haenel , Gewehrfabrik Spandau , Gewehrfabrik Erfurt
Kaliber
11,15 × 60 mm R
Zeitraum
1871–1890
Belegstatus
plausibel Begründung anzeigenBegründung ausblenden

ÜBEREINSTIMMEND belegt sind: Entwurf durch Paul Mauser zwischen 1867 und 1871, vorläufige Annahme am 2. Dezember 1871 wegen der noch fehlenden Sicherung, endgültige Annahme am 14. Februar 1872, Ausgabe an die Truppe von Ende 1873 bis Herbst 1875; Patrone 11,15 × 60 mm R mit Schwarzpulver; Gesamtlänge 1.350 mm, Lauf 855 mm, 4,5 kg, V0 rund 440 m/s, Visier von 200 bis 1.600 m; Verriegelung über die Führungsrippe vor der Gehäusebrücke; die an dieser Waffe entwickelte Flügelsicherung; rund 1,82 Millionen Gewehre und Jägerbüchsen sowie 80.000 bis 100.000 Karabiner zwischen 1871 und 1890; das Modell 71/84 ab 1884 mit Röhrenmagazin nach Kropatschek zu acht Patronen, über einen Stellhebel auch als Einzellader zu führen; Ablösung durch das Gewehr 88 ab 1888. ZUM SUHLER ANTEIL: Die deutschsprachige Übersichtsdarstellung nennt die Fertiger namentlich und führt darunter die „Produktionsgenossenschaft Spangenberg, Sauer, Schilling und Haenel" in Suhl. Das ist der genaue Name des Zusammenschlusses, den dieses Register bislang nur als „Suhler Konsortium" und nur im Zusammenhang mit dem Reichsrevolver führte. Eine zweite Darstellung nennt für die Fertigung dieses Konsortiums den Zeitraum 1876 bis 1882; die deutschsprachige nennt keinen. Der Zeitraum ist deshalb hier als plausibel, nicht als gesichert geführt. WIDERSPRÜCHLICH ist die Beteiligung Erfurts. Die Fertigerliste der deutschsprachigen Übersichtsdarstellung nennt Amberg, Danzig und Spandau als staatliche Fabriken — Erfurt NICHT. Der Eintrag zur Gewehrfabrik Erfurt in diesem Register führt dagegen für 1876 rund 1.000 Beschäftigte und etwa 60.000 Gewehre M1871 im Jahr, gestützt auf eine Darstellung der Stadt Erfurt. Beides lässt sich nicht ohne Weiteres vereinbaren. Dieses Register löst den Widerspruch NICHT auf und behält Erfurt in der Fertigerliste, weil die Erfurter Angabe konkreter ist und weil im Jahr 1876 kaum ein anderes Gewehr in Erfurt gefertigt worden sein kann. Die Auflösung wäre an Beschaffungsakten zu suchen; bis dahin steht der Punkt bei den offenen Forschungsfragen. NICHT ERMITTELT sind: die Stückzahl des Suhler Anteils, die Aufteilung zwischen den vier beteiligten Häusern, ob die Genossenschaft eine eigene Rechtsform hatte oder eine bloße Liefergemeinschaft war, und wie sie zum späteren Reichsrevolver-Konsortium steht — dieselben vier Namen, aber ob dieselbe Einrichtung, ist offen.

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Dieses Gewehr wird von Hand geladen, und zwar Patrone für Patrone. Der Schütze hebt einen seitlichen Griff, zieht ihn nach hinten, legt eine Patrone in die freigelegte Öffnung, schiebt den Griff wieder vor und drückt ihn nach unten — damit ist der Lauf hinten verschlossen und die Waffe schussbereit. Das Verschließen übernimmt eine einzige Führungsrippe am Verschluss, die sich beim Herunterdrücken hinter eine Kante im Gehäuse legt. Das ist wenig; spätere Gewehre bekamen zwei oder drei solcher Stützstellen weit vorn am Verschluss, weil der Druck der Munition wuchs. Für Schwarzpulver reichte diese eine Rippe aus. Die Patrone ist nach heutigen Maßstäben riesig: elf Millimeter Geschossdurchmesser, in einer Hülse von sechs Zentimetern Länge, gefüllt mit Schwarzpulver. Sie schießt langsamer als jede spätere Militärpatrone, dafür wirft sie ein sehr schweres Geschoss — und sie qualmt. Nach jedem Schuss steht eine Wolke vor dem Schützen, und im Lauf setzt sich Rückstand ab, der das Nachladen mit der Zeit erschwert. Beides verschwand erst, als 1888 rauchschwaches Pulver kam.

Das Infanteriegewehr M/71 ist das erste einheitliche Ordonnanzgewehr des Deutschen Reiches — und für dieses Register vor allem der Anlass, aus dem in Suhl eine Arbeitsform entstand, die dann sechzig Jahre hielt.

Die Suhler Genossenschaft

Die Fertigerliste dieses Gewehrs nennt neben Mauser selbst und den staatlichen Gewehrfabriken einen Zusammenschluss mit einem sperrigen Namen:

„Produktionsgenossenschaft Spangenberg, Sauer, Schilling und Haenel” in Suhl

Das ist der genaue Name dessen, was dieses Register bislang nur als „Suhler Konsortium” führte — und nur im Zusammenhang mit dem Reichsrevolver von 1879. Beim M/71 ist es acht Jahre früher greifbar.

Alle vier Häuser stehen in diesem Register:

Die Suhler Genossenschaft
FirmaEintrag
Spangenberg & Sauerunter J. P. Sauer & Sohn
V. C. SchillingV. C. Schilling
C. G. HaenelC. G. Haenel

Nach einer zweiten Darstellung fertigte die Genossenschaft das M/71 zwischen 1876 und 1882.

Warum sie sich zusammenschlossen

Suhl bestand aus vergleichsweise kleinen Häusern mit handwerklicher Tradition. Ein Reichsauftrag über Hunderttausende Gewehre in einheitlichen Maßen war für keines davon allein zu bewältigen — weder in der Menge noch in der Kapitalbindung, noch in der Maßhaltigkeit, die eine Ordonnanzfertigung verlangt.

Der Zusammenschluss ist damit keine kartellartige Absprache, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt Anbieter zu sein. Wer in dieser Größenordnung liefern will, muss entweder ein Großbetrieb sein — wie Erfurt oder Spandau — oder sich mit anderen zusammentun.

Genau diese Form kehrt in Suhl wieder: beim Reichsrevolver von 1879, und im Ersten Weltkrieg beim Gewehr 98, das ab 1915 gleich vier Suhler Häuser gleichzeitig fertigten. Suhl trat gegenüber dem Staat regelmäßig im Verbund auf, nicht als einzelne Firma. Siehe Suhl.

Ein Widerspruch, den dieses Register nicht auflöst

Die Fertigerliste nennt als staatliche Gewehrfabriken Amberg, Danzig und Spandau. Erfurt nicht.

Der Eintrag zur Gewehrfabrik Erfurt in diesem Register führt dagegen für 1876 rund 1.000 Beschäftigte und etwa 60.000 Gewehre M1871 im Jahr, gestützt auf eine Darstellung der Stadt Erfurt.

Beides lässt sich nicht ohne Weiteres vereinbaren. Zwei Auflösungen sind denkbar:

  1. Die Fertigerliste ist unvollständig und nennt nur die Hauptfertiger.
  2. Die Erfurter Angabe meint ein anderes Gewehr oder einen anderen Zeitraum.

Für die erste Lesart spricht, dass 1876 in Erfurt kaum ein anderes Gewehr gefertigt worden sein kann: Das Zündnadelgewehr war abgelöst, das Gewehr 88 gab es noch nicht. Dieses Register behält Erfurt deshalb in der Fertigerliste — aber es behauptet nicht, die Sache sei geklärt. Sie ist an Beschaffungsakten zu entscheiden.

Konstruktion

Der Schritt, um den es 1871 wirklich ging

Nicht der Hinterlader — den hatte Preußen mit dem Zündnadelgewehr seit 1841. Der Schritt von 1871 ist die Metallpatrone.

Das Zündnadelgewehr verschoss eine Papierpatrone, und Papier dichtet nicht. Gase traten am Verschluss aus, was die Leistung begrenzte und die Bedienung unangenehm machte. Eine Messinghülse dehnt sich beim Schuss an die Wand des Patronenlagers und dichtet dadurch selbst ab. Erst damit ließ sich der Gasdruck vollständig nutzen — und erst damit wurde der Verschluss ein einfaches mechanisches Bauteil statt eines Dichtungsproblems.

Eine einzige Verriegelungsfläche

Verriegelt wird über die Führungsrippe des Verschlusses, die sich beim Herunterdrücken des Kammerstängels vor der Gehäusebrücke abstützt. Das ist eine tragende Stelle, und sie liegt hinten.

Für Schwarzpulver genügt das. Die Drücke sind vergleichsweise niedrig, die Mündungsgeschwindigkeit liegt bei rund 440 m/s. Mit rauchschwachem Pulver ab 1888 stiegen die Drücke so weit, dass die Verriegelung nach vorn an den Verschlusskopf wandern und vervielfacht werden musste: zwei Warzen beim Gewehr 88, zwei plus eine Sicherheitswarze beim Gewehr 98.

Kein Rückstand, sondern Angemessenheit. Das britische Lee-Enfield verriegelte ebenfalls hinten und blieb damit bis 1957 im Dienst. Die hintere Verriegelung verträgt weniger Druck, ergibt dafür einen kürzeren und schnelleren Verschlussweg. Das M/71 war seiner Munition angemessen — es war die Munition, die sich änderte.

Die Flügelsicherung

Am hinteren Ende des Verschlusses sitzt ein Flügelhebel, der die Waffe sichert. Er wurde für dieses Gewehr entwickelt — und zwar unter Zeitdruck: Die Annahme am 2. Dezember 1871 erfolgte ausdrücklich nur vorläufig, weil eine geeignete Sicherung noch fehlte. Erst als sie vorlag, folgte am 14. Februar 1872 die endgültige Annahme.

Dieser Flügel ist bis heute das Erkennungszeichen des Mauser-Verschlusses. Er sitzt an Jagdbüchsen der Gegenwart in derselben Form, in der er 1871/72 nachgereicht wurde.

Das Modell 71/84 — ein Zwischenschritt mit vier Jahren Haltbarkeit

1884 bekam das Gewehr ein Röhrenmagazin nach Kropatschek im Vorderschaft: acht Patronen, hintereinander liegend, über einen Stellhebel auch als Einzellader zu führen.

Damit war die Waffe mehrladefähig — und vier Jahre später überholt. 1888 kam mit dem Gewehr 88 alles auf einmal: kleineres Kaliber, rauchschwaches Pulver, Mittelschaftmagazin, vordere Verriegelung.

Das M/71/84 ist damit ein lehrreicher Fall: Es verbesserte die alte Waffe an der Stelle, an der der Mangel am offensichtlichsten war — der Mehrladefähigkeit —, während der eigentliche Umbruch woanders bevorstand, nämlich in der Munition. Wer nur das offensichtliche Problem löst, löst möglicherweise das falsche.

Für die Bestimmung

  1. Magazin unter dem Lauf vorhanden? Dann M/71/84, nicht M/71.
  2. Führungsrippe als Verriegelung, hinten abgestützt — gegenüber den vorderen Warzen der späteren Gewehre das sicherste Unterscheidungsmerkmal am zerlegten Stück.
  3. Fertigerkennzeichen. Suhler Stücke aus der Genossenschaftszeit tragen die Zeichnungen von Spangenberg & Sauer, V. C. Schilling oder C. G. Haenel; staatliche Stücke die der Arsenale. Für den Karabiner ist ein Objektnachweis von Spangenberg & Sauer, Suhl, greifbar.
  4. Kaliber. 11,15 × 60 mm R. Das Grenzaufsehergewehr M1879 führt dagegen 11,15 × 37,5 mm R — eine erheblich kürzere Hülse bei gleichem Geschossdurchmesser.

Offene Forschungsfragen. Fertigte Erfurt das M/71 oder nicht? — Wie hoch war der Suhler Anteil, und wie verteilte er sich auf die vier Häuser? — War die Produktionsgenossenschaft eine eigene Rechtsform oder eine bloße Liefergemeinschaft? — Und ist sie dieselbe Einrichtung wie das Konsortium, das ab 1879 den Reichsrevolver fertigte? Die Namen stimmen überein, mehr ist bislang nicht zu sagen.

Waffenrechtliches

Einzellader beziehungsweise Repetierer mit Röhrenmagazin, keine Kriegswaffe nach dem KWKG. Stücke dieser Zeit können je nach Herstellungsjahr und Ausführung als antike Waffe einzuordnen sein; verbindlich ist allein die Entscheidung der zuständigen Behörde. Dieses Register dokumentiert die Waffe technik- und industriegeschichtlich. Siehe Methodik.

Konstruktion

Verschluss
Zylinderverschluss mit einer einzigen Verriegelungsfläche: der Führungsrippe, die sich vor der Brücke des Gehäuses abstützt. Erst das Gewehr 88 und danach das Gewehr 98 verlegten die Verriegelung nach vorn an den Verschlusskopf und vervielfachten sie.
Ladeprinzip
Einzellader. Nach jedem Schuss wird von Hand repetiert und eine neue Patrone eingelegt. Das Modell 71/84 bekam ab 1884 ein Röhrenmagazin.
Zuführung
M/71 ohne Magazin; M/71/84 mit Röhrenmagazin im Vorderschaft nach Kropatschek, 8 Patronen, über einen Stellhebel auch als Einzellader zu führen.
Abzug
Einfacher Druckpunktabzug
Sicherung
Flügelsicherung am hinteren Ende des Verschlusses — an dieser Waffe entwickelt und danach das Erkennungszeichen des Mauser-Verschlusses bis in die Gegenwart. Ihretwegen wurde die Annahme des Gewehrs 1871 zunächst nur vorläufig ausgesprochen.
Visierung
Offenes Visier, geteilt von 200 bis 1.600 m

Maße und Leistung

Länge
1.350 mm
Lauflänge
855 mm
Gewicht
4,5 kg
Magazin
keines beim M/71; 8 Patronen im Röhrenmagazin beim M/71/84
V₀
rund 440 m/s

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Öffnen

    Der Kammerstängel wird angehoben; dabei löst sich die Führungsrippe aus ihrer Abstützung. Beim Zurückziehen zieht der Auszieher die abgeschossene Hülse heraus und wirft sie aus.

  2. 2

    Laden

    Beim M/71 wird eine einzelne Patrone von Hand in die Öffnung gelegt. Beim M/71/84 hebt ein Zubringer die nächste Patrone aus dem Röhrenmagazin unter dem Lauf.

  3. 3

    Schließen und Verriegeln

    Der Verschluss wird vorgeschoben und der Kammerstängel heruntergedrückt. Dabei legt sich die Führungsrippe hinter ihre Anlagefläche im Gehäuse. Es ist die einzige tragende Stelle — bei Schwarzpulverdrücken genügt das, bei den späteren rauchschwachen Ladungen nicht mehr.

  4. 4

    Schuss

    Der Schlagbolzen zündet die Patrone 11,15 × 60 mm R. Das schwere Geschoss verlässt den Lauf mit rund 440 m/s — langsam gegenüber allem, was nach 1888 kam, aber mit erheblicher Masse.

  5. 5

    Was das Schwarzpulver hinterlässt

    Nach dem Schuss steht eine Rauchwolke vor der Stellung, und im Lauf setzt sich Rückstand ab. Beides ist keine Nebensache: Die Wolke verrät die Stellung und nimmt die Sicht, der Rückstand erschwert das Repetieren mit jedem Schuss mehr. Rauchschwaches Pulver beendete das erst 1888. Siehe Innenballistik.

Zylinderverschluss System Mauser 98 — Handrepetierer

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verriegelt: Zwei vordere Verriegelungswarzen am Kammerkopf liegen unmittelbar hinter dem Patronenlager in Rastflächen des Hülsenkopfs; eine dritte, hintere Warze dient als Sicherheitsreserve.
  2. 2 Entriegeln: Der Kammerstängel wird nach oben gedreht. Die Warzen treten aus den Rastflächen, und eine Steuerfläche zieht die Kammer zugleich ein Stück zurück — das löst die Hülse aus dem Lager (Erstauszug).
  3. 3 Zurückziehen und Vorschieben: Die Kammer läuft zurück, der Auszieher hält die Hülse, der Auswerfer wirft sie aus. Beim Vorschieben nimmt der Stoßboden die oberste Patrone aus dem Kastenmagazin mit; Niederdrücken des Stängels verriegelt erneut.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Zündnadelgewehr

Königliche Gewehrfabriken u. a. · Preußen · 1841 plausibel
System
Zylinderverschluss, Papierpatrone, langer Zündstift durch die Ladung bis zum Zündhütchen am Geschossboden
Unterschied
Der unmittelbare Vorgänger und die Waffe, die Preußen 1866 den Vorsprung gab. Das M/71 löst dessen Grundproblem: Die Metallhülse dichtet den Verschluss ab, während die Papierpatrone das nie konnte.
Befund
Der Schritt von 1871 ist nicht der Übergang zum Hinterlader — den gab es seit 1841 —, sondern der Übergang zur Metallpatrone. Damit erst wurde der Verschluss dicht und der Gasdruck nutzbar.

Gewehr 88

Spandau, Danzig, Erfurt, Amberg, Loewe Berlin, ÖWG Steyr · Deutsches Reich · 1888 gesichert
System
Zylinderverschluss mit zwei vorderen Warzen am abnehmbaren Kammerkopf, Mittelschaftmagazin, 8 × 57 mm I mit rauchschwachem Pulver
Unterschied
Der Nachfolger und der eigentliche Bruch: kleineres Kaliber, rauchschwaches Pulver, Mehrladung aus dem Mittelschaftmagazin und eine Verriegelung, die vorn am Verschlusskopf sitzt statt hinten an der Führungsrippe.
Befund
Zwischen M/71 und Gewehr 88 liegen siebzehn Jahre und ein vollständiger Wechsel der Munitionstechnik. Das M/71/84 von 1884 ist der Zwischenschritt, der noch versuchte, die alte Patrone mehrladefähig zu machen — und innerhalb von vier Jahren überholt war.

Reichsrevolver M1879

Suhler Konsortium, Gewehrfabrik Erfurt · Deutsches Reich · 1879 plausibel
System
Revolver mit Ladeklappe, 10,6 × 25 mm R
Unterschied
Dieselben Suhler Häuser, derselbe Auftraggeber, acht Jahre später — und dieselbe Form der Zusammenarbeit. Der Reichsrevolver ist der bekanntere Konsortialauftrag; das M/71 war der erste.
Befund
Wer die Suhler Konsortialfertigung verstehen will, muss beide zusammen sehen. Das M/71 begründete die Arbeitsform, der Reichsrevolver verstetigte sie.

Lee-Enfield

Royal Small Arms Factory Enfield u. a. · Vereinigtes Königreich · 1895 plausibel
System
Zylinderverschluss mit hinten liegender Verriegelung, abnehmbares Magazin
Unterschied
Auch das Lee-Enfield verriegelt hinten statt vorn — und blieb damit bis 1957 im Dienst. Die hintere Verriegelung ist also nicht schlechthin unterlegen; sie verträgt nur weniger Druck und ergibt einen kürzeren, schnelleren Verschlussweg.
Befund
Der Vergleich entlastet das M/71 in einem Punkt: Seine Verriegelung war nicht rückständig, sondern der Munition angemessen. Erst die höheren Drücke rauchschwachen Pulvers zwangen zur vorderen Verriegelung — und selbst dann nicht überall.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Eine einzige Verriegelungsfläche

    Die Führungsrippe stützt sich hinten ab und trägt allein. Für Schwarzpulverdrücke genügt das. Mit rauchschwachem Pulver stiegen die Gasdrücke so weit, dass die Verriegelung nach vorn an den Verschlusskopf wandern und vervielfacht werden musste — der Weg, den das Gewehr 88 und danach das Gewehr 98 gingen.

    plausibel

  • Einzellader

    Nach jedem Schuss eine Patrone von Hand einlegen. Das war 1871 üblich und 1884 nicht mehr — deshalb das Röhrenmagazin des M/71/84. Dessen Bauart hat allerdings eine eigene Schwäche: Im Röhrenmagazin liegen die Patronen hintereinander, Geschossspitze an Zünderboden.

    plausibel

  • Schwarzpulver

    Rauch, Rückstand, geringe Mündungsgeschwindigkeit. Die Rauchwolke verrät die Stellung und nimmt dem Schützen die Sicht auf das eigene Ziel; der Rückstand erschwert das Repetieren. Das ist keine Schwäche der Konstruktion, sondern des Standes der Munitionstechnik — und der Grund, warum 1888 alles auf einmal ersetzt wurde.

    plausibel

Verwendung

  • Vorläufige Annahme am 2. Dezember 1871, endgültige Annahme am 14. Februar 1872 als Infanteriegewehr Modell 1871 (ohne Bayern)
  • Ausgabe an die deutsche Truppe von Ende 1873 bis Herbst 1875
  • Ab 1884 als M/71/84 mit Röhrenmagazin; ab 1888 durch das Gewehr 88 ersetzt, abgeschlossen 1890

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) Mauser Modell 71 , Fertiger: Mauser selbst rund 100.000 Gewehre für Württemberg; die Mehrzahl aus den Gewehrfabriken Amberg, Danzig und Spandau; dazu die „Produktionsgenossenschaft Spangenberg, Sauer, Schilling und Haenel" in Suhl, die Österreichische Waffenfabriksgesellschaft in Steyr und die National Arms & Ammunitions Corp. in Birmingham mit 75.000 Stück. Erfurt wird NICHT genannt. Ausgabe an die Truppe von Ende 1873 bis Herbst 1875; Gesamtzahl rund 1,82 Millionen Gewehre und Jägerbüchsen nach Dieter Storz; M71/84 ab 1884 mit Achtschuss-Röhrenmagazin nach Kropatschek, per Stellhebel als Einzellader zu führen; Ablösung ab 1888 durch das Gewehr 88 Link
  2. [Online] Wikipedia (en) Mauser Model 1871 , Entwurf durch Paul Mauser 1867–1871; vorläufige Annahme am 2. Dezember 1871 bis zur Entwicklung einer geeigneten Sicherung, endgültige Annahme am 14. Februar 1872 als Infanteriegewehr Modell 1871 (ohne Bayern); die Mauser-Flügelsicherung wurde für das Gewehr 71 entwickelt; Patrone 11,15 × 60 R mit Schwarzpulver; 1.350 mm Gesamtlänge, 855 mm Lauf, 4,5 kg, V0 rund 440 m/s, Visier 200 bis 1.600 m; Einzellader mit der Führungsrippe als einziger Verriegelungsfläche, verriegelt vor der Gehäusebrücke; rund 1,82 Millionen Gewehre und Jägerbüchsen sowie 80.000–100.000 Karabiner 1871–1890; Varianten Jägerbüchse, Karabiner 1871 in voller Fertigung ab 1876, Grenzaufsehergewehr M1879 in 11,15 × 37,5 R Link
  3. [Online] militaryrifles.com M1871 German Mauser , Fertigung des Suhler Konsortiums Spangenberg, Sauer, Schilling und Haenel zwischen 1876 und 1882 Link
  4. [Objektbefund] Auktionsnachweis Karabiner M 1871 von Spangenberg & Sauer, Suhl , Objektnachweis für die Suhler Karabinerfertigung unter der Firmierung Spangenberg & Sauer Link

Aus derselben Fertigung