Modell
Preußisches Zündnadelgewehr M/41 (Dreyse)
- Fertigung
- Gewehrfabrik Erfurt
- Kaliber
- 15,43 mm (in mehreren Darstellungen gerundet 15,4 mm) — Papierpatrone mit Bleigeschoss von rund 13,6 mm in einem Treibspiegel aus Pappe, der den Bohrungsdurchmesser ausfüllt; Ausführungen M/47 und M/55
- Zeitraum
- 1841–1876
- Belegstatus
plausibel Begründung anzeigenBegründung ausblenden
GESICHERT bis gut bezeugt sind: die Kabinettsordre vom 4. Dezember 1840 über zunächst 60.000 Gewehre, die Tarnbezeichnung „leichtes Perkussionsgewehr M/41", der Fertigungsbeginn im Herbst 1841 in der neu errichteten Fabrik Dreyses in Sömmerda, die amtliche Umbenennung in „Zündnadelgewehr M/41" im Jahr 1855, der Aufbau des Verschlusses aus Kammerhülse, Kammer und Schlösschen, die Zündung über eine im Treibspiegel sitzende Zündpille am Geschossboden und die Einführung des Nachfolgemusters M/62 durch Kabinettsordre vom 28. Juli 1862. Ebenfalls gut bezeugt ist das Kaliber 15,43 mm und der Zug: vier LINKSdrehende Züge von 0,78 mm Tiefe; die beiden umlaufenden Drallangaben widersprechen einander nur scheinbar, denn eine Dralllänge von 740 mm entspricht bei 15,43 mm Bohrungsdurchmesser rechnerisch einem Drallwinkel von rund 3°45′ — dieser Abgleich ist eine Rechnung dieses Registers und keine Quellenaussage. KORRIGIERT gegenüber einer früheren Fassung dieses Eintrags ist die Vorrangbehauptung. „Erstes bei einer Armee eingeführtes Hinterladergewehr" ist falsch: Die US-Armee führte 1819 den Hall M1819 ein, einen Hinterlader, der in Stückzahlen an die Truppe kam. Haltbar ist nur die engere Fassung — erstes als allgemeine Ordonnanzwaffe einer Großmacht eingeführtes Hinterladergewehr; die deutschsprachige Übersichtsdarstellung formuliert entsprechend vorsichtig („das erste in Massen produzierte und zum militärischen Einsatz taugliche Hinterladergewehr"). NUR ALS KONSTRUKTIONSABSICHT belegt ist die Begründung der Zündung von vorn: Die Darstellungen sagen, Dreyse habe sich davon einen vollständigeren Abbrand VERSPROCHEN; dass der Effekt eintrat, sagt keine. Ebenfalls nicht belegt war eine frühere Herleitung dieses Gedankens von Pauly — Paulys Zündung saß am Patronenboden; die Verlegung an den Geschossboden ist Dreyses eigene Festlegung und hier entsprechend zurückgenommen. SCHWANKEND ist die Pulverladung: 4,8 g in der englischsprachigen, „4,9 bis 5 g" in der deutschsprachigen Darstellung; der Eintrag nennt die Spanne statt eines Werts. GEGENGERECHNET und bestätigt sind die M/62-Bestandszahlen von 1870: 137.339 bei der Truppe plus 254.447 in den Depots ergeben 391.786, und genau diese Summe nennt eine zweite, unabhängige Darstellung als Gesamtbestand. Die waffenrechtliche Fundstelle wurde am Gesetzestext geprüft; Nr. 1.7 ist die richtige Nummer. NICHT BELEGT und der eigentliche Anlass dieses Eintrags ist die Erfurter Zuschreibung. Die eingesehenen Darstellungen zur Gewehrfabrik Erfurt nennen übereinstimmend „das Zündnadelgewehr" als erstes Erzeugnis, ohne ein Muster anzugeben. Die Betriebsaufnahme fällt auf den 28. September 1862, also zwei Monate NACH der Annahme des M/62. Für das M/62 ist Erfurt in einer Zündnadel-Darstellung ausdrücklich als eine von vier Fertigungsstätten benannt; das ist der belastbarste Erfurter Musternachweis, der für diesen Eintrag aufzufinden war. Die daneben geführte Händlerbeschreibung eines Erfurter M/62 trägt dagegen NICHTS: Bei erneutem Abruf lieferte die angegebene Adresse nur eine allgemeine Katalogliste ohne das Stück. GEGEN den naheliegenden Schluss, Erfurt habe von Anfang an das neue Muster gebaut, spricht ein Zeitbefund: Das M/62 kam erst 1867 an die Truppe, fünf Jahre nach der Kabinettsordre. In diesen fünf Jahren ist eine Fertigung oder Instandsetzung des alten Musters in Erfurt weder ausgeschlossen noch belegt. Ob in Erfurt überhaupt Gewehre des Musters M/41 gefertigt wurden, ist damit OFFEN und wird hier ausdrücklich nicht behauptet. Der Eintrag führt die Gewehrfabrik Erfurt gleichwohl als Hersteller, weil ihre Fertigung von Zündnadelgewehren als solche unstrittig ist; die Musterfrage steht sichtbar daneben. NICHT ÜBERTRAGBAR ist die Zuschreibung an Sömmerda: Konstrukteur, Sömmerdaer Fertigung und Erfurter Fertigung sind drei verschiedene Gegenstände. Die Sömmerdaer Fertigung lief in der Waffenfabrik von Dreyse, einer Rechtsperson, die dieses Register nicht als eigenen Eintrag führt; der Eintrag zu Rheinmetall Sömmerda setzt erst 1901 ein und ist deshalb hier NICHT als Hersteller verknüpft. WIDERSPRÜCHLICH sind die Maße. Zur Gesamtlänge stehen 1423, 1425 und 1430 mm nebeneinander, zum Gewicht 4600, 4630 und 4700 g; das sind Streuungen in vertretbarer Größenordnung. Nicht vertretbar ist die Spanne bei der Lauflänge: 906 beziehungsweise 907 mm gegen 865 mm am Objekt des Deutschen Historischen Museums, das zugleich mit 1430 mm die GRÖSSTE Gesamtlänge trägt. Eine kürzere Waffe mit längerem Lauf wäre erklärbar, eine längere Waffe mit deutlich kürzerem Lauf ist es nicht ohne Weiteres. Ob dort ohne die Kammer gemessen wurde, ist hier NICHT entschieden; die Angabe bleibt stehen. WIDERSPRÜCHLICH ist ferner die Mündungsgeschwindigkeit (295, 296 und 305 m/s) und die Feuergeschwindigkeit (drei bis fünf, sechs, bis zwölf Schuss/min je nach Bedingung und Darstellung). WIDERSPRÜCHLICH und für die Größenordnung des Gegenstands erheblich sind die Stückzahlen. Für das M/41 allein werden rund 450.000 genannt sowie 448.510 zur Mobilmachung 1870 verfügbare Waffen; die Fabrik Dreyses soll bis 1848 rund 45.000 und bis 1863 rund 300.000 Gewehre gebaut haben. Daneben steht die Angabe von über 1.375.000 Zündnadelwaffen insgesamt sowie ein preußischer Bestand von 270.000 Stück 1866 gegenüber 1.150.000 im Jahr 1870. Die Zahl für 1866 ist mit einer Feldarmee von 221.000 Mann bei Königgrätz allein schwer vereinbar und wird hier nur genannt, nicht übernommen. Für Erfurt liegt KEINE Stückzahl vor. NICHT AUFGELÖST ist der Zeitpunkt der Truppeneinführung: Mehrere Darstellungen nennen 1840 oder 1841 als Einführungsjahr, während dieselben Darstellungen die Ausgabe an die Truppe erst 1848 ansetzen. Beide Angaben stehen hier nebeneinander; die Jahreszahl 1841 im Kopf dieses Eintrags bezeichnet den Fertigungsbeginn und keinen Truppenbestand. Die zweite Jahreszahl 1876 bezeichnet den Abschluss der Ablösung durch das M/71 und ist KEIN Fertigungsende — ein solches ist für das M/41 nicht belegt; mit der Annahme des M/62 im Juli 1862 wechselte die laufende Fertigung auf das neue Muster. UMSTRITTEN ist die Wirkung bei Königgrätz. Die ältere Darstellung schreibt den Ausgang wesentlich dem Zündnadelgewehr zu; die neuere Forschung setzt seine Bedeutung nach Angabe der eingesehenen Übersichtsdarstellung „erheblich herab", weil die österreichischen Verluste maßgeblich auch aus Führungsfehlern und der Angriffstaktik folgten. Dieser Eintrag stellt beides nebeneinander. NICHT ÜBERNOMMEN wird die dort ebenfalls aufgestellte Angabe, das österreichische Lorenzgewehr habe die etwa DOPPELTE wirksame Schussweite besessen. Sie hält der Nachprüfung nicht stand: Dieselbe Darstellung nennt 600 m gegen rund 900 m, also das Anderthalbfache, und die Masse der österreichischen Infanterie führte das Lorenzgewehr in der Ausführung M1854/I mit einem festen Standvisier auf 300 Schritt, rund 225 m — ein verstellbares Visier bis 900 Schritt hatte erst die Ausführung M1854/II von 1857. Dass das Lorenzgewehr ballistisch die bessere Waffe war, bleibt davon unberührt; der Faktor tut es nicht. GEGENGERECHNET wurden ferner die Verlustzahlen von Königgrätz: Die 276 preußischen Vermissten sind in den 8.794 Mann ENTHALTEN und treten nicht hinzu; getrennt gezählt sind allein die 359 Offiziere. Zieht man die 22.170 Gefangenen aus der österreichischen Gesamtsumme von 42.812 heraus, bleiben 20.642 gegen 9.153 preußische: Das Verlustverhältnis sinkt von rund viereinhalb zu eins auf gut zwei zu eins. Der Eintrag rechnet das aus, weil die ungetrennte Zahl regelmäßig zur Überschätzung der Waffenwirkung benutzt wird. Beide Summen schließen die Offiziere ein; die sächsischen Verluste sind in keiner enthalten. NICHT AM OBJEKT NACHGEPRÜFT ist die Aptierung nach Beck: Beschrieben sind ein verkürztes, bewegliches Nadelrohr und ein Gummiring zur Abdichtung, dazu ein leichteres Geschoss von 21 g bei rund 12 mm und eine Visierteilung bis 1200 m. Wie diese Teile am Stück sitzen, war aus den zugänglichen Darstellungen nicht zu ermitteln. NICHT BELEGT ist eine Suhler Serienfertigung des Zündnadelgewehrs. Belegt sind zwei angrenzende Vorgänge: Karl August Luck aus Suhl erhielt 1865 ein Patent auf ein Zündnadel-Mustergewehr mit selbstspannendem Zylinderverschluss, Verriegelungswarzen und einer Abdichtung nach Art des Chassepot, und die Brüder Simson gründeten 1863 mit demselben Luck die Gewehrfabrik Simson & Luck, weil die Fertigung von Vorderladerteilen nach Einführung des Zündnadelgewehrs keine Zukunft mehr hatte. Ein Mustergewehr ist keine Fertigung, und ein Firmengründungsmotiv ist kein Lieferbeleg; beides wird hier entsprechend geführt. Eine Modellübersicht nennt „Simson & Luck" neben „N. v. Dreyse" als Herstellerbezeichnung an Zündnadelwaffen — an welchem Muster und in welchem Umfang, war NICHT zu ermitteln. ZWANGSARBEIT: nicht einschlägig, der gesamte Vorgang liegt vor 1933.
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Diese Waffe lädt nicht von selbst, und sie hat keinen Vorratsbehälter für Patronen. Für jeden Schuss wird eine einzelne Patrone von Hand eingelegt. Hinter dem Lauf sitzt ein Stahlzylinder, der den Lauf im Augenblick des Schusses von hinten zuhält; seitlich steht ein Griff daran ab. Der Griff wird angehoben, der Zylinder zurückgezogen, und das hintere Ende des Laufs liegt frei. Die Patrone ist eine Papierhülse. Hinten liegt das Pulver, davor steckt das Bleigeschoss in einem Teller aus fester Pappe, und auf der Rückseite dieses Tellers, mitten in der Ladung und ringsum von Pulver umgeben, klebt ein kleiner Klecks Zündstoff. Um ihn zu treffen, sitzt im Zylinder eine lange dünne Stahlnadel. Sie sitzt in einem eigenen kleinen Innenteil, und dieses Innenteil muss der Schütze nach dem Schließen des Zylinders mit dem Daumen von Hand nach vorn schieben; dabei wird die Feder der Nadel gespannt. Das ist ein zusätzlicher Handgriff, den spätere Gewehre nicht mehr brauchen — bei ihnen spannt das Öffnen und Schließen die Waffe nebenbei mit. Beim Abdrücken schnellt die Nadel nach vorn, durchsticht das Papier, fährt durch die gesamte Pulverladung hindurch und schlägt am anderen Ende in den Zündstoff. Das Pulver brennt daraufhin von vorn nach hinten ab. Zwei Folgen ergeben sich daraus, und sie erklären Ruhm und Elend dieser Waffe gleichermaßen. Weil von hinten geladen wird, kann der Schütze im Liegen nachladen und dabei in Deckung bleiben; wer sein Gewehr von vorn stopfen muss, richtet sich dazu auf. Und weil die Nadel bei jedem Schuss in der brennenden Ladung steht, wird sie heiß angegriffen. Sie verbiegt, sie rostet, sie bricht. Jeder Soldat trug deshalb Ersatznadeln bei sich und konnte sie im Feld selbst wechseln.
Dieser Eintrag steht am Anfang zweier Linien, und beide sind ungenauer, als sie geläufig erzählt werden. Er beschreibt die erste Hinterladerwaffe, die eine Großmacht als allgemeine Ordonnanzwaffe einführte — nicht die erste überhaupt: Die US-Armee führte 1819 den Hinterlader Hall M1819 ein und gab ihn in Stückzahlen an die Truppe aus, zweiundzwanzig Jahre vor Sömmerda. Und er beschreibt die Waffengattung, mit der die Gewehrfabrik Erfurt ihre Fertigung aufnahm — aber ob dort je ein Gewehr des hier behandelten Musters M/41 gebaut wurde, ist nicht belegt. Die Prüfung beider Ungenauigkeiten ist der Anlass für den Eintrag.
Konstruktion
Vier Merkmale bestimmen die Waffe, und keines davon findet sich am heutigen Zylinderverschluss-Gewehr wieder: Einzelladung ohne Magazin, Verriegelung über eine Keilfläche statt über Warzen, Spannen als eigener Handgriff nach dem Verschließen, Zündung von vorn durch die ganze Pulverladung hindurch. Nur die Bauform des Verschlusses selbst — ein Zylinder, der in einer Hülse läuft und über einen seitlich abstehenden Stängel bedient wird — hat überdauert.
Daraus folgt zunächst eine Einordnungsfrage. Das Zündnadelgewehr wird in diesem Register unter der Gattung Repetierbüchse geführt, und ein Repetierer ist es nicht. Es hat kein Magazin, aus dem nachgeladen würde; jede Patrone kommt einzeln von Hand ins Lager. Die Systematik dieses Registers kennt für Langwaffen jedoch nur die drei Werte Repetierbüchse, Selbstladegewehr und Sonstige, und der dritte führt in die Familie der Jagd- und Sonderwaffen. Dorthin gehört ein preußisches Ordonnanzgewehr nicht. Der Wert bezeichnet hier deshalb die Gattungsfamilie „Gewehre” und nicht die Ladeweise; dieselbe Lösung trägt bereits der Eintrag zum Modell 150, das ebenfalls ein Einzellader ist. Wer diese Waffe waffenkundlich korrekt benennen will, sagt: Einzellader mit Zylinderverschluss, von Hand bedient.
Die Verriegelung
Der Verschluss besteht aus drei ineinandergeschobenen Hohlzylindern. Außen die Kammerhülse, die alle Teile aufnimmt und Lauf und Schaft verbindet; in ihr die bewegliche Kammer, die den Lauf schließt; in dieser wiederum das Schlösschen, das den Nadelbolzen und dessen Feder führt.
Gehalten wird nicht über Formschluss. Am Kammerstängel sitzt keine Warze, im Hülsenkopf liegt keine Rastfläche. Stattdessen läuft der Stängel beim Niederdrücken in einen schräg eingeschnittenen Ausschnitt der Kammerhülse und zieht die Kammer dabei die letzten Zehntelmillimeter nach vorn gegen ein konisch ausgebildetes Mundstück des Laufs. Was die Waffe zusammenhält, ist die Selbsthemmung dieser Keilfläche und die Anpressung der Konusflächen aufeinander.
Zwei praktische Folgen ergeben sich daraus, und beide sind für die Beurteilung eines Altstücks unmittelbar wichtig. Erstens dichtet Metall auf Metall, ohne nachgiebiges Zwischenglied. Neu funktioniert das leidlich; mit Abnutzung und Verkrustung wird es schlechter, und der Gasverlust am Kammerspalt nimmt im Verlauf eines Gefechts messbar zu. Zweitens sitzt eine selbsthemmende Keilfläche unter Verschmutzung fest. Die Vorschrift sah deshalb einen Schlag von unten gegen den Knopf des Kammerstängels vor, um die Kammer aus dem Einschnitt zu drehen. Ein Gewehr, dessen Öffnen einen Faustschlag verlangt, ist kein Schnellfeuergerät.
Warum hier keine Schemaskizze steht. Dieses Register hält eine Zeichnung zum Zylinderverschluss bereit. Sie zeigt das System Mauser 98: zwei vordere Verriegelungswarzen am Kammerkopf, Rastflächen im Hülsenkopf, eine hintere Sicherheitswarze, Zuführung aus dem Kastenmagazin. Von diesen vier Merkmalen besitzt das Zündnadelgewehr keines. Die Skizze würde also gerade das abbilden, was den Unterschied ausmacht. Für diesen Eintrag wäre sie nicht bloß ungenau; sie wäre falsch. Sie ist deshalb weggelassen. Wer die Bauformen nebeneinanderlegen will, findet die Zeichnung beim Gewehr 98 und beim Karabiner 98a.
Die Zündung von vorn
Hier liegt der Kern der Konstruktion, und hier liegen ihre beiden Hauptschwächen. Beides ist dieselbe Entscheidung.
Die Patrone ist ein Papierkörper. Hinten die Ladung Schwarzpulver — die Angaben reichen von 4,8 g bis 5 g —, davor ein Treibspiegel aus fester Pappe, in dem das Bleigeschoss von rund 31 g sitzt, und auf der Rückseite dieses Spiegels die Zündpille. Der Zündsatz liegt damit am Geschossboden, mitten in der Waffe und ringsum von Pulver umschlossen. Die ältere Literatur nennt den Spiegel deshalb auch Zündspiegel.
Um an diese Pille heranzukommen, muss der Schlagbolzen die gesamte Ladung durchqueren. Genau dafür ist er eine lange dünne Nadel und kein kurzer Bolzen. Sie durchsticht beim Abziehen die Papierhülle, fährt der Länge nach durch das Pulver und schlägt am anderen Ende in den Zündsatz; die Ladung brennt daraufhin von vorn nach hinten ab.
Der Grund für diesen Aufwand ist verbrennungstechnisch. Genauer: Er war es in Dreyses Erwartung. Die Darstellungen formulieren vorsichtig. Dreyse versprach sich von der Zündung am Geschossboden einen vollständigeren Abbrand der Ladung, weil die Flamme gegen die noch unverbrannte Masse läuft. Ob der Vorteil eintrat, sagt keine der eingesehenen Quellen; die gemessene Mündungsgeschwindigkeit der Waffe war jedenfalls niedrig. Der Eintrag gibt die Begründung deshalb als Konstruktionsabsicht wieder und nicht als nachgewiesenen Effekt.
Von Pauly stammt sie nicht. Dreyse arbeitete ab 1809 in Paris in der Gewehrfabrik Samuel Johannes Paulys und hat dort die Hinterladung und den Gedanken der Einheitspatrone kennengelernt. Paulys Zündung saß jedoch am Patronenboden, also hinten. Die Verlegung des Zündsatzes an den Geschossboden und die lange Nadel, die daraus folgt, sind Dreyses eigene Festlegung.
Der Preis steht in derselben Zeile. Die Nadel steht bei jedem Schuss in der brennenden Ladung. Sie verzundert, sie korrodiert, sie verbiegt, und sie bricht. Behoben wurde das nie; entschärft wurde es dadurch, dass sich die Nadel ohne Werkzeug in kurzer Zeit wechseln lässt und jeder Mann Ersatznadeln mitführte. Für die Objektkunde folgt daraus ein Satz, den man sich merken sollte: Eine nicht originale Zündnadel ist bei dieser Waffe der Normalfall und kein Hinweis auf eine zusammengestellte Waffe.
Die zweite Schwäche liegt am anderen Ende desselben Systems. Weil die Patrone kein Metallgehäuse hat, kann sie das Patronenlager nicht selbst abdichten; die Abdichtung muss die Waffe leisten, und sie leistet sie über einen starren Konus. Das Infanteriegewehr M/71 löste beide Probleme mit einem einzigen Bauteil, der gezogenen Messinghülse: Sie dehnt sich unter Druck gegen die Lagerwand und dichtet selbst ab, und sie nimmt den Zündsatz in ihren Boden auf, womit die lange Nadel entfällt. Die Ablösung des Zündnadelsystems ist deshalb keine Verschlussgeschichte. Sie ist eine Munitionsgeschichte.
Entwicklung
Johann Nikolaus Dreyse, 1787 in Sömmerda geboren, arbeitete ab 1809 in Paris bei Pauly. 1824 begann er in Sömmerda mit Zündhütchen, 1827 stand ein Zündnadel-Vorderlader, 1836 der Hinterlader.
Die preußische Einführung verlief so, wie man es bei einer Waffe erwartet, von der man sich einen Vorteil verspricht: verdeckt. Von November 1839 bis August 1840 erprobten Truppenteile das System. Am 4. Dezember 1840 befahl der König die Fertigung von zunächst 60.000 Gewehren. Die Waffe wurde zur Geheimsache erklärt und bekam die Tarnbezeichnung „leichtes Perkussionsgewehr M/41” — der Grund, warum die Bezeichnung dieser Waffe bis heute ein Perkussionsschloss suggeriert, das sie nie hatte. Im Herbst 1841 lief die Fertigung in der neu errichteten Fabrik Dreyses in Sömmerda an. Erst 1855 erhielt sie amtlich den Namen Zündnadelgewehr M/41.
Zwischen Fertigung und Truppe liegen dann sieben Jahre, in denen die Gewehre im Berliner Zeughaus lagen. Ausgegeben wurden sie 1848 an die Füsilierbataillone der Linienregimenter, und der erste Kampfeinsatz fiel 1849 auf die Niederschlagung der Aufstände in Dresden, in der Pfalz und in Baden. Wer die Jahreszahlen dieses Eintrags gegeneinanderhält, sollte das im Blick behalten: Die Angabe „1840 eingeführt” und die Angabe „1848 ausgegeben” stehen in denselben Darstellungen nebeneinander und meinen zwei verschiedene Vorgänge.
Fertigung
Drei Dinge werden in Darstellungen zu dieser Waffe regelmäßig zu einem verschmolzen, und dieses Register trennt sie:
| Gegenstand | Sache | Registerstatus |
|---|---|---|
| Johann Nikolaus Dreyse | Person, Konstrukteur, 1787–1867, 1864 geadelt | kein Herstellernachweis |
| Waffenfabrik von Dreyse, Sömmerda | Betrieb, ab 1841, bis 1863 rund 300.000 Gewehre | eigener Eintrag fehlt; nur der Nachfolger ab 1901 wird geführt |
| Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt | Betrieb, Betriebsaufnahme 28. September 1862 | geführt; Musterfrage offen |
Die erste Zeile ist die Zuschreibungsregel dieses Registers in Reinform. Ein Konstrukteur ist kein Herstellernachweis. Dass Dreyse die Waffe entworfen hat, sagt über keinen einzigen Fertigungsort etwas aus, und die Sömmerdaer Fertigung ist unabhängig davon zu belegen — was sie auch ist, über die Firmenbeschriftung „N. v. Dreyse” an den Stücken selbst.
Die zweite Zeile ist eine Lücke dieses Registers, die hier benannt und nicht überspielt wird. Der Eintrag Rheinmetall Sömmerda beginnt 1901 mit der Übernahme durch Rheinmetall. Die Waffenfabrik von Dreyse, die das Zündnadelgewehr sechzig Jahre früher baute, hat keinen eigenen Eintrag. Sie deshalb hier als Hersteller zu verknüpfen, wäre bequem und falsch: Ein Eintrag, der 1901 einsetzt, kann nicht Hersteller einer Waffe von 1841 sein. Ein Jahr prüft eine Zuschreibung, auch die eigene.
Die dritte Zeile ist der Anlass des Eintrags. In der Herstellerdarstellung dieses Registers steht, das erste Erzeugnis der Gewehrfabrik Erfurt sei das Zündnadelgewehr gewesen. Das ist belegt. Nicht belegt ist, welches Muster.
Die Zeitrechnung ist eng. Erfurt nahm den Betrieb am 28. September 1862 auf. Das Nachfolgemuster M/62 war durch Kabinettsordre vom 28. Juli 1862 angenommen worden, zwei Monate vorher, und zwar weil die seit 1848 ausgegebenen M/41 nach vierzehn Dienstjahren abgenutzt waren. Ein neu errichtetes Staatswerk, das in dieser Lage die Fertigung aufnimmt, baut mit einiger Wahrscheinlichkeit das neue und nicht das auslaufende Muster.
Für das M/62 ist Erfurt auch tatsächlich als Fertiger benannt: Eine der hier ausgewerteten Zündnadel-Darstellungen führt das M/62 als „in der Dreyseschen Fabrik in Sömmerda und in den preußischen Gewehrfabriken Spandau, Danzig und Erfurt produziert”. Saarn erscheint in dieser Aufzählung nicht mehr, was zur Verlegung von 1862 passt. Daneben steht eine Händlerbeschreibung eines Zündnadel-Infanteriegewehrs M/62 mit Erfurter Fertigungsbezeichnung; deren Beleglage ist allerdings schwach, weil unter der angegebenen Adresse inzwischen nur noch eine allgemeine Katalogliste erscheint und das Stück selbst nicht mehr aufzurufen ist.
Entschieden ist damit trotzdem nichts, und zwar aus einem Grund, der in die Gegenrichtung weist. Zwischen der Annahme des M/62 im Juli 1862 und seiner Ausgabe an die Truppe liegen fünf Jahre: Die Füsilierbataillone erhielten es erst 1867, die übrigen Bataillone ein Jahr später. Ein Anlaufwerk, das im Herbst 1862 zu arbeiten beginnt und dessen neues Muster erst 1867 zur Truppe gelangt, hat reichlich Gelegenheit, zunächst am eingeführten Muster zu fertigen oder Bestände instand zu setzen. Die Wahrscheinlichkeitsüberlegung von oben trägt deshalb nicht.
Der Eintrag hält fest, was gilt: Erfurt fertigte Zündnadelgewehre, und für das Muster M/62 ist das benannt. Ob darunter auch Gewehre des Musters M/41 waren, ist offen. Für Erfurt liegt zudem keine einzige Stückzahl vor.
Fünf Fertigungsorte werden in den Darstellungen genannt, und ihre Reihenfolge ist selbst schon eine Aussage:
| Fertigung | Ort | Zeit | Umfang |
|---|---|---|---|
| Waffenfabrik von Dreyse | Sömmerda | ab Herbst 1841 | rund 45.000 bis 1848, rund 300.000 bis 1863 |
| Kgl. Gewehrfabrik | Spandau | ab 1853 | jährlich von 12.000 auf 48.000 gesteigert (bis 1867) |
| Kgl. Gewehrfabrik | Danzig | ab 1853 | keine Zahl ermittelbar |
| Kgl. Gewehrfabrik | Saarn (Ruhr) | ab 1853 | keine Zahl ermittelbar |
| Kgl. Gewehrfabrik | Erfurt | ab 1862 | keine Zahl ermittelbar; für das M/62 als Fertiger benannt, für das M/41 nicht |
Zwölf Jahre lang war Sömmerda alleiniger Fertiger. Erst 1853 traten die staatlichen Fabriken hinzu, und Saarn bei Mülheim an der Ruhr ist dabei genau das Werk, das Preußen wegen seiner Nähe zu Frankreich für gefährdet hielt und dessen Ersatz die Erfurter Fabrik war. Die beiden Werke hängen also zusammen: Erfurt ist als Nachfolgestandort einer Zündnadelfertigung errichtet worden.
Was Suhl damit zu tun hat, und was nicht. Eine Serienfertigung des Zündnadelgewehrs in Suhl ist nicht belegt, und sie wird hier nicht behauptet. Belegt sind zwei angrenzende Vorgänge. Karl August Luck, Büchsenmacher aus Suhl, meldete am 9. März 1865 ein Zündnadel-Mustergewehr zum Patent an, das im Mai desselben Jahres erteilt wurde: selbstspannender Zylinderverschluss, Verriegelungswarzen, Gasabdichtung nach Art des Chassepot, aufgebaut auf einem umgearbeiteten Lorenz-Vorderlader. Ein Suhler Handwerker hatte damit 1865 beisammen, was der preußischen Ordonnanzwaffe fehlte. Angenommen wurde es nicht. Zwei Jahre zuvor hatten die Brüder Simson ihre Gewehrfabrik Simson & Luck mit eben diesem Luck gegründet, nach der Firmengeschichte deshalb, weil die Zulieferung von Vorderladerteilen nach Einführung des Zündnadelgewehrs keine Zukunft mehr hatte. Ein Mustergewehr ist keine Fertigung, und ein Gründungsmotiv ist kein Lieferbeleg. Beides bleibt hier deshalb außerhalb der Herstellerzuschreibung stehen — aber es zeigt, dass die Umstellung auf die Hinterladung auch die Suhler Werkstattlandschaft umbaute, und nicht nur die preußischen Arsenale.
Varianten
Aus dem M/41 wurde eine ganze Familie. Die Maße stammen aus einer Modellübersicht und sind bei den Nebenmustern nicht gegengeprüft.
| Muster | Jahr | Gesamtlänge | Lauf | Gewicht | Bestimmung |
|---|---|---|---|---|---|
| M/41 | 1841 | 1425 mm | 907 mm | 4700 g | Infanteriegewehr |
| M/49 | 1849 | 1250 mm | 800 mm | 4550 g | verkürzte Büchse, Garde |
| M/54 | 1854 | 1237 mm | 776 mm | 4530 g | Pikenbüchse, Gussstahllauf |
| M/57 | 1857 | 820 mm | 388 mm | 2350 g | Kavalleriekarabiner, kürzere Patrone |
| M/60 | 1860 | 1290 mm | 786 mm | 4700 g | Füsiliergewehr |
| M/62 | 1862 | 1345 mm | 842 mm | 4690 g | Infanteriegewehr, löst das M/41 ab |
| M/65 | 1865 | 1230 mm | 769 mm | 4940 g | Jägerbüchse mit Stecher |
| M/69 | 1869 | 1100 mm | 646 mm | 3785 g | Pioniergewehr |
Für diesen Eintrag zählt die fett gesetzte Zeile. Das M/62 ist rund 80 mm kürzer als das M/41 bei fast gleichem Gewicht, das Korn sitzt rund 30 mm weiter vorn und dient zugleich als Bajonetthalter, und es gab zwei Schaftlängen mit rund 20 mm Unterschied, gekennzeichnet KA und LA. An die Truppe kam es allerdings spät. Die Füsilierbataillone von 32 Infanterieregimentern erhielten es 1867, die übrigen Bataillone ein Jahr darauf, also fünf Jahre nach der Kabinettsordre. Zur Mobilmachung 1870 standen 137.339 Gewehre M/62 bei der Truppe und 254.447 in den Artilleriedepots. Diese beiden Zahlen sind gegengerechnet: Ihre Summe von 391.786 entspricht genau dem Gesamtbestand, den eine zweite Darstellung unabhängig angibt.
Quer zu dieser Reihe liegt die Aptierung nach Beck ab 1869, also die Umarbeitung vorhandener Waffen statt eines neuen Musters. Beschrieben sind ein verkürztes, bewegliches Nadelrohr und ein Gummiring zur Abdichtung, dazu ein leichteres Geschoss von 21 g bei rund 12 mm und eine Visierteilung, die bis 1200 m reicht. Die Darstellungen begründen den Umbau ausdrücklich damit, dass er den Schlag gegen den Kammerstängel entbehrlich machte. Wie die Teile am Stück sitzen, war für diesen Eintrag nicht zu ermitteln.
Verwendung
Der Ruf der Waffe hängt an einem einzigen Tag, und der Befund dieses Tages ist strittiger, als es die Erzählung zulässt.
Am 3. Juli 1866 standen bei Königgrätz 221.000 Preußen mit 702 Geschützen gegen 215.000 Österreicher und Sachsen mit 650 Geschützen. Die preußischen Verluste betrugen 359 Offiziere und 8.794 Mann, die österreichischen 1.313 Offiziere und 41.499 Mann, die sächsischen 55 Offiziere und 1.446 Mann.
Diese Gegenüberstellung ist die meistzitierte Zahl zum Zündnadelgewehr, und sie trägt weniger, als sie scheint. In den 41.499 österreichischen Mann stecken 22.170 Gefangene, und Gefangene fallen nicht unter Feuer, sondern beim Auseinanderbrechen einer Front. Die österreichische Gesamtsumme beträgt mit Offizieren 42.812; ohne die Gefangenen bleiben 20.642 Tote, Verwundete und Vermisste. Ihnen stehen 9.153 preußische gegenüber. Aus einem Verhältnis von rund viereinhalb zu eins wird eines von gut zwei zu eins. Das ist immer noch deutlich, verlangt aber nicht mehr nach einer einzigen Ursache.
Die naheliegende Erklärung bleibt trotzdem die Ladeweise, und sie ist unstrittig, soweit sie eine Aussage über Körperhaltungen ist. Ein preußischer Schütze lud im Liegen und blieb dabei in Deckung. Ein österreichischer Schütze musste sich zum Laden aufrichten und den Ladestock durch den Lauf führen. Drei bis fünf Schuss standen gegen zwei bis drei, und die Deckung stand gegen keine.
Daneben gehört der Einwand. Neuere Darstellungen setzen die Bedeutung der Waffe erheblich herab. Die österreichischen Verluste folgen danach zu einem erheblichen Teil aus Führungsfehlern, aus eigenmächtigen Gegenangriffen im Swiepwald und aus einer Angriffstaktik, die geschlossene Verbände gegen Feuer führte. Königgrätz war außerdem die erste europäische Schlacht, bei der große Verbände über die Eisenbahn herangeführt wurden. Wer die Waffe zur Ursache erklärt, überspringt diese Ebene.
Zu diesem Einwand gehört regelmäßig der Satz, das österreichische Lorenzgewehr habe die etwa doppelte wirksame Schussweite besessen. Der Satz ist hier nachgeprüft und nur eingeschränkt haltbar. Dieselbe Übersichtsdarstellung, die ihn aufstellt, nennt für das Zündnadelgewehr 600 m und für den österreichischen Minié-Vorderlader rund 900 m. Das ist das Anderthalbfache und nicht das Doppelte. Vor allem aber trug die Masse der österreichischen Infanterie das Lorenzgewehr in der Ausführung M1854/I, und die hatte ein Standvisier ohne Verstellung, eingerichtet auf 300 Schritt, also rund 225 m. Erst die Ausführung M1854/II von 1857 bekam ein Klappvisier bis 900 Schritt, rund 675 m. Wer die Waffe eines österreichischen Infanteristen von 1866 kennt, kennt seine wirksame Schussweite noch nicht; das entscheidet die Visierung.
Der Eintrag hält deshalb Folgendes für belegt: Das Lorenzgewehr war das ballistisch bessere Geschoss- und Laufsystem, kleineres Kaliber, längerer Lauf, höhere Präzision. Der Faktor zwei ist eine Angabe der Sekundärliteratur, kein nachgerechneter Wert, und er wird hier nicht übernommen.
Beide Lesarten stehen nebeneinander, und sie sind auch nebeneinander brauchbar. Die Waffe war ballistisch unterlegen und taktisch überlegen. Das eine ist eine Aussage über Geschosse, das andere über Menschen im Gelände.
Vier Jahre später kehrte sich das Verhältnis um. Das französische Chassepot von 1866 war ebenfalls ein Zündnadelgewehr, aber mit 11 mm Kaliber, einem gasdruckgeweiteten Kautschukring zur Abdichtung und einem Zündsatz am Patronenboden statt am Geschossboden. Die Darstellungen nennen 436 gegen 296 m/s und eine Visierteilung bis 1200 m. Preußische Schützen kamen 1870/71 unter Feuer, bevor sie selbst wirken konnten.
Für die Bestimmung
An einem Zündnadelgewehr sind fünf Fragen in dieser Reihenfolge zu klären.
- Welches Muster? Die Gesamtlänge trennt zuverlässig. Rund 1425 mm bedeutet M/41, rund 1345 mm M/62; dazwischen liegen keine Infanteriemuster. Sitzt das Korn deutlich weiter vorn und dient zugleich als Bajonetthalter, spricht auch das für das M/62. Karabiner und Pikenbüchsen sind über die Länge ohnehin eindeutig.
- Aptiert oder nicht? Ein bewegliches, verkürztes Nadelrohr und eine Visierteilung bis 1200 m weisen auf die Umarbeitung nach Beck ab 1869. Eine Teilung bis 600 oder 700 m gehört zum unveränderten Zustand und entspricht den Patronen M/47 beziehungsweise M/55.
- Wer hat gefertigt? Die Firmenbeschriftung ist das erste Merkmal. Für Sömmerda kommen nach einer Modellübersicht drei Formen vor: „N. v. Dreyse”, „N. und F. v. Dreyse” und „F. v. Dreyse”. Die Reihenfolge legt eine Datierung über die Firmenfolge vom Vater auf den Sohn Franz nahe — Johann Nikolaus starb 1867 —, aber welche Form für welchen Zeitraum steht, ist hier nicht belegt und wäre an datierten Stücken zu klären. Daneben stehen „Kgl. Gewehrfabrik Spandau” und die entsprechenden Bezeichnungen für Danzig, Saarn und Erfurt sowie zwei Privatfirmen, „Simson & Luck” und „Christoph Gräber & Co.”; an welchem Muster und in welchem Umfang diese beiden lieferten, war hier nicht zu ermitteln. Der Ortsname allein trägt nicht weiter als bis zum Werk: Ein Ort ist kein Betrieb, und in Erfurt bestanden später mehrere.
- Ist die Nadel original? Die Frage ist bei dieser Waffe anders zu bewerten als sonst. Nadeln waren Verbrauchsteile und im Feld zu wechseln. Eine ersetzte Nadel spricht nicht gegen die Waffe; ein unbeschädigter Konus am Laufmundstück und eine saubere Kammerstirn sagen mehr über den Gebrauchszustand aus.
- Wie steht die Sperrfeder? Sie hält den gespannten Nadelbolzen. Eine ermüdete oder ausgeschlagene Sperrfedernase ist bei einer Waffe ohne eigene Sicherung der sicherheitsrelevante Befund, weil das Nichtspannen die einzige Sicherung ist, die es gibt.
Ein Hinweis, der über das Einzelstück hinausgeht: Erbeutete preußische Zündnadelgewehre finden sich in österreichischen und bayerischen Sammlungen mit Provenienzangabe. Das Stück des Bayerischen Armeemuseums wurde 1850 an einen Infanteristen des Regiments Nr. 25 in Köln ausgegeben und 1866 nach dem Gefecht bei Kissingen erbeutet. Eine so geschlossene Kette ist bei Waffen dieses Alters selten und für die Datierung der Ausgabepraxis mehr wert als jede Maßtabelle.
Einordnung
Erstens markiert die Zündnadelfertigung den Beginn des Erfurter Werks und damit den zeitlichen Anfangspunkt dieses Registers auf der Herstellerseite — die Gattung, nicht notwendig dieses Muster. Die Gewehrfabrik Erfurt entstand als Ersatz für Saarn, ein Werk, das Zündnadelgewehre baute und das man wegen der Nähe zu Frankreich für gefährdet hielt. Der Standort ist also nicht neben der Zündnadelfertigung entstanden, sondern aus ihr heraus verlagert worden. Was danach in Erfurt gebaut wurde — Infanteriegewehr M/71, Reichsrevolver, Gewehr 98, Pistole 08, Karabiner 98a —, steht in einer Reihe, die hier anfängt.
Zweitens ist die Waffe der beste Beleg für die These, die dieses Register an mehreren Stellen vertritt: dass die Patrone die Bauart bestimmt. Verschlussbauform, Abdichtungsproblem, Nadellänge, Nadelbruch und die niedrige Mündungsgeschwindigkeit folgen sämtlich aus einer einzigen Festlegung, nämlich dem Papierkörper mit dem Zündsatz am Geschossboden. Das Infanteriegewehr M/71 behält den Zylinderverschluss bei und löst trotzdem alle diese Probleme, weil es die Patrone tauscht. Wer die Ablösung des Zündnadelgewehrs als Verschlussfortschritt erzählt, erzählt sie falsch.
Drittens ist sie ein Prüfstein für die Zuschreibungsarbeit. Hier stehen ein berühmter Konstrukteur, ein Traditionsstandort und ein Registerbetrieb nebeneinander, und alle drei sind verschiedene Gegenstände. Die Versuchung, aus „Erfurts erstes Erzeugnis war das Zündnadelgewehr” und „das Zündnadelgewehr ist das M/41” den Satz „Erfurt baute das M/41” zu bilden, ist groß, und sie ist ein Fehlschluss über zwei richtige Prämissen. Genau solche Fehlschlüsse haben dieses Register vier Korrekturen gekostet.
Viertens, und das ist der unbequemste Punkt: Die Waffe verdankt ihren Ruf einem Vorgang, den neuere Forschung anders bewertet. Sie war ballistisch das schwächere Gewehr des Feldzugs von 1866. Was sie den Gegnern voraushatte, war eine Bewegung, die ein Vorderlader nicht zulässt — Laden im Liegen. Dass eine unterlegene Konstruktion ein Ergebnis herbeiführt, weil sie eine einzige Handlung ermöglicht, ist die eigentliche Lehre dieses Eintrags und lässt sich auf spätere Fälle dieses Registers übertragen.
Fünftens, und das gehört zur vierten Feststellung dazu: Die Gegenrechnung ist selbst korrekturbedürftig. Wer die Bedeutung der Waffe herabsetzt, greift meist zum Satz von der doppelten Schussweite des Gegners, und der hält, wie oben gezeigt, der Nachprüfung nicht stand. Eine Legende wird nicht dadurch widerlegt, dass man ihr eine zweite gegenüberstellt. Der belastbare Befund ist schmaler und unspektakulärer: bessere Ballistik auf der einen Seite, die einzig mögliche Deckung beim Laden auf der anderen, und dazwischen eine Schlacht, deren Ausgang von Führung, Anmarschwegen und Eisenbahnen mindestens ebenso abhing wie von beidem.
Waffenrechtliches
Das Zündnadelgewehr M/41 ist ein Einzellader und keine Kriegswaffe; es fällt nicht unter das Kriegswaffenkontrollgesetz. Für das Waffengesetz gibt es hier eine ausdrücklich einschlägige Vorschrift, die nicht über den Umweg des Alters gesucht werden muss. Anlage 2 Abschnitt 2 Unterabschnitt 2 Nr. 1.7 nimmt „Schusswaffen mit Zündnadelzündung, deren Modell vor dem
- Januar 1871 entwickelt worden ist” vom Erlaubnisvorbehalt für Erwerb und Besitz aus. Das System Dreyse stammt aus den 1830er Jahren und ist 1840/41 eingeführt worden; die Voraussetzung ist damit erfüllt. Maßgeblich ist die Entwicklung des Modells und nicht das Fertigungsjahr des einzelnen Stücks. Andere Umgangsarten bleiben von der Freistellung unberührt, und für Umarbeitungen auf Metallpatronen gilt sie nicht, weil ein solches Stück keine Zündnadelzündung mehr hat. Die Einordnung im Einzelfall trifft die zuständige Behörde; dieser Eintrag ersetzt keine Feststellung und gibt keine Rechtsauskunft. Siehe Methodik.
Offene Forschungsfragen. Erstens die Erfurter Musterfrage: Für das M/62 ist Erfurt als Fertiger benannt; offen bleibt, ob dort zwischen der Betriebsaufnahme im September 1862 und der Truppenausgabe des M/62 ab 1867 auch Gewehre des Musters M/41 gebaut oder instand gesetzt wurden, und in welchem Umfang. Preußische Beschaffungsakten oder eine Handvoll datierter, Erfurt-gestempelter Stücke würden die Frage entscheiden. Zweitens die Registerlücke: Die Waffenfabrik von Dreyse in Sömmerda ist der wichtigste Fertiger dieser Waffe und hat in diesem Register keinen eigenen Herstellereintrag; die Werkslinie beginnt erst 1901. Drittens die Lauflänge: 906 oder 865 mm, an drei gemessenen Stücken zu klären. Viertens die Aptierung nach Beck, deren Bauteile hier nur nach Beschreibung wiedergegeben und an keinem Stück nachgesehen wurden. Fünftens die Suhler Frage: Steht die Herstellerbezeichnung „Simson & Luck” an Zündnadelwaffen für eine Ordonnanzlieferung, für Umarbeitungen oder für Handelsware — und gibt es einen Lieferbeleg?
Konstruktion
- Verschluss
- Zylinderverschluss aus drei ineinandergeschobenen Hohlzylindern: Kammerhülse, Kammer und Schlösschen. Verriegelungswarzen gibt es nicht. Beim Niederdrücken des Kammerstängels läuft dieser in einen schrägen Einschnitt der Kammerhülse und presst die Kammer nach vorn gegen ein konisch ausgebildetes Laufmundstück. Gehalten wird über Keilwirkung und Anpressung, nicht über Formschluss hinter Rastflächen — der Grund für den Gasaustritt am Kammerspalt und für den Umstand, dass ein verschmutzter Verschluss sich nur mit einem Schlag von unten gegen den Kammerstängelknopf öffnen ließ.
- Ladeprinzip
- Einzellader mit Handbedienung. Kein Magazin, keine Zuführung, kein selbsttätiger Anteil am Zyklus. Verschlussbewegung und Spannen sind getrennte Handgriffe: Erst wird die Kammer geschlossen und verriegelt, dann das Schlösschen mit dem Daumen vorgeschoben, bis die Sperrfeder greift.
- Zuführung
- Einzelladung von Hand in die geöffnete Kammer. Die Papierpatrone ist druckempfindlich und wurde in einer Blechbüchse beziehungsweise in Patronentaschen mit Einsteckfächern getragen.
- Abzug
- Einfacher Abzug, der über die Sperrfeder den Nadelbolzen freigibt. Ein Unterbrecher fehlt und wäre ohne Funktion — die Waffe gibt je Ladevorgang genau einen Schuss ab. Die Jägerbüchse M/65 erhielt abweichend einen Stecher.
- Sicherung
- Keine Sicherung im heutigen Sinn. Gesichert wird durch Nichtspannen: Solange das Schlösschen nicht vorgeschoben ist, steht die Nadelfeder entspannt. Bei der Zustandsbeurteilung eines Altstücks ist der Sitz der Sperrfedernase deshalb der sicherheitsrelevante Prüfpunkt.
- Visierung
- Standvisier mit Klappen. Für die Patrone M/47 auf 600 m geteilt, für die Patrone M/55 auf 700 m. Die Angaben bezeichnen die Visierteilung; die Trefferwahrscheinlichkeit gegen Einzelziele fällt nach der Literatur schon jenseits von rund 200 m stark ab.
Maße und Leistung
- Länge
- 1423 mm (Schmid), 1425 mm (Modellübersicht und Bayerisches Armeemuseum), 1430 mm (Objekt des Deutschen Historischen Museums)
- Lauflänge
- 906 mm (Schmid) beziehungsweise 907 mm (Modellübersicht). Das Objekt des Deutschen Historischen Museums ist mit 865 mm verzeichnet — eine Abweichung von rund 40 mm, die sich aus den Angaben nicht auflösen lässt, siehe Belegnotiz
- Gewicht
- 4630 g (Schmid), 4700 g (Modellübersicht), 4600 g (DHM-Objekt)
- Magazin
- kein Magazin — Einzellader
- V₀
- 295 bis 296 m/s in den deutschsprachigen Darstellungen, 305 m/s in der englischsprachigen; für aptierte Waffen wird 350 m/s genannt
- Kadenz
- Im Gefecht drei bis fünf Schuss/min, auf dem Schießstand bis zu zwölf. Eine Darstellung nennt pauschal sechs. Zum Vergleich: der österreichische Vorderlader zwei bis drei
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Ausgangslage — geschlossen und gespannt
Die Kammer sitzt vorn und wird vom Kammerstängel, der im schrägen Einschnitt der Kammerhülse liegt, gegen das konische Laufmundstück gepresst. Im Schlösschen steht der Nadelbolzen unter der Spannung seiner Schraubenfeder, gehalten von der Sperrfedernase. Die Nadelspitze ragt noch nicht in die Ladung.
- 2
Abziehen und Zündung
Der Abzug hebt die Sperrfeder aus, die Feder treibt den Nadelbolzen nach vorn. Die Nadel durchsticht die Papierhülle, fährt der Länge nach durch die Pulverladung und schlägt in die Zündpille am Boden des Treibspiegels. Der Zündpunkt liegt damit VOR der Ladung; sie brennt von vorn nach hinten ab.
- 3
Schuss, Spiegel und Gasaustritt
Geschoss und Treibspiegel gehen gemeinsam durch den Lauf, der Spiegel löst sich an der Mündung ab. Zugleich entweicht ein Teil der Gase am Kammerspalt zwischen Kammer und Laufmundstück. Eine mitgehende Dichtung gibt es nicht; die Abdichtung ist Metall auf Metall und wird mit jedem Schuss schlechter.
- 4
Entriegeln — der umgekehrte Erstauszug
Beim Mauser 98 zieht eine Steuerfläche die Kammer beim Öffnen mit Kraft zurück und reißt die Hülse los; dieser Erstauszug fehlt hier, und er wird auch nicht gebraucht. Die Schwierigkeit ist die entgegengesetzte: Die verkeilte, verschmutzte Kammer sitzt fest. Die Vorschrift sieht dafür einen Schlag von unten gegen den Knopf des Kammerstängels vor, der die Kammer aus dem Einschnitt dreht. Erst die Aptierung nach Beck machte ihn entbehrlich.
- 5
Öffnen — ohne Auszieher und ohne Auswerfer
Die Kammer wird bis zum Anschlag zurückgezogen. Einen Auszieher trägt sie nicht, einen Auswerfer hat die Waffe nicht, und beide wären ohne Gegenstand: Die Patrone ist restlos verbrannt, es gibt keine Hülse. Zurück bleiben Pulverrückstände und Papierreste, die sich im Patronenlager und an der Kammerstirn festsetzen.
- 6
Laden
Die Patrone wird von Hand in das freiliegende Lager geschoben, Geschoss voran. Ein Zuführwinkel ist nicht zu bestimmen, weil keine Zuführung stattfindet — es gibt kein Magazin, aus dem eine Patrone in einer Schräge auf das Lager gehoben würde. Das Einlegen verlangt Sorgfalt, weil die Papierhülse bricht.
- 7
Schließen und Verriegeln
Die Kammer wird vorgeschoben und der Kammerstängel niedergedrückt. Dabei läuft er in den schrägen Einschnitt der Kammerhülse und zieht die Kammer die letzten Zehntelmillimeter gegen den Konus des Laufmundstücks. Ein Formschluss entsteht nicht; die Verbindung hält, weil die Keilfläche unter Last selbsthemmend ist.
- 8
Spannen als eigener Handgriff
Erst jetzt wird das Schlösschen mit dem Daumen am Daumenstollen nach vorn in die Kammer geschoben, bis die Sperrfedernase einfällt. Dabei spannt sich die Nadelfeder. Anders als beim Mauser 98, wo das Öffnen spannt, ist der Spannvorgang hier vom Verschlussweg getrennt — der Grund, warum die Waffe trotz Hinterladung mehr Handgriffe braucht, als der Vergleich mit einem Repetierer erwarten lässt.
- 9
Abzugsseite — kein Unterbrecher
Einen Abzugsunterbrecher gibt es nicht. Er wäre bei einer Waffe ohne selbsttätigen Anteil am Zyklus funktionslos: Nach dem Schuss bleibt der Nadelbolzen vorn stehen, bis der Schütze ihn beim nächsten Spannvorgang von Hand zurückführt. Die Jägerbüchse M/65 fügt einen Stecher hinzu, der das Abzugsgewicht senkt und an der Systematik nichts ändert.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Infanteriegewehr Lorenz M1854
k. k. Ärarialwerkstätten und private Auftragnehmer · Österreich · 1854 plausibel- System
- Perkussions-Vorderlader, 13,9 mm, Kompressionsgeschoss, Lauf rund 945 mm bei rund 1335 mm Gesamtlänge, rund 3,9 kg; Ausführung M1854/I mit festem Standvisier auf 300 Schritt (rund 225 m), erst die Ausführung M1854/II von 1857 mit verstellbarem Visier bis 900 Schritt (rund 675 m)
- Unterschied
- Der Gegner von Königgrätz, und er ist der aufschlussreichste Vergleich dieses Eintrags, weil er in beide Richtungen ausschlägt. Das Lorenzgewehr ist leichter, kürzer im Bau bei längerem Lauf und kleiner im Kaliber; die geläufige Angabe, es sei dem Zündnadelgewehr in der wirksamen Schussweite um etwa das Doppelte überlegen gewesen, wird in diesem Eintrag NICHT übernommen — sie steht in der Sekundärliteratur neben Zahlen, die nur das Anderthalbfache ergeben, und sie setzt eine Visierung voraus, die das Gros der österreichischen Infanterie in der Ausführung M1854/I gar nicht hatte. Was dem Lorenzgewehr fehlt, ist die Hinterladung: Geladen wird von der Mündung her, im Stehen oder Knien, mit zwei bis drei Schuss in der Minute.
- Befund
- Die Waffe war der besseren Waffe unterlegen, sobald das Gelände Deckung bot. Das ist der eigentliche Befund von 1866 und keine Aussage über Ballistik.
Fusil Chassepot Mle 1866
Manufactures d'armes de Châtellerault, Saint-Étienne, Tulle und weitere · Frankreich · 1866 plausibel- System
- Zündnadelgewehr mit 11 mm, Papierpatrone mit Zündsatz am Patronenboden, Abdichtung über einen Kautschukring am Kammerkopf, Visierteilung bis 1200 m, Mündungsgeschwindigkeit nach einer Darstellung 436 m/s
- Unterschied
- Dieselbe Grundidee, an der entscheidenden Stelle anders gelöst. Der Kautschukring wird vom Gasdruck aufgeweitet und dichtet die Kammer ab, solange Druck ansteht; die Dreyse dichtet über einen starren Konus, der sich abnutzt. Die zweite Änderung betrifft den Zündort: Beim Chassepot sitzt der Zündsatz hinten, die Nadel ist kurz und steht nicht in der brennenden Ladung.
- Befund
- 1870/71 kehrt sich das Verhältnis von 1866 um, und zwar an derselben Stelle: Wieder entscheidet die Ballistik allein nichts. Es kommt darauf an, was die Truppe mit ihr anfangen kann. Die französische Waffe hatte eigene Mängel — starke Verkrustung im engeren Lauf, alternde Kautschukringe, bruchgefährdete lange Papierpatronen.
Infanteriegewehr Modell 1871
Mauser Oberndorf, staatliche Gewehrfabriken einschließlich Erfurt, Suhler Auftragnehmer · Deutsches Reich · 1871 plausibel- System
- Zylinderverschluss System Mauser, Einzellader, metallische Zentralfeuer- Einheitspatrone 11,15 × 60 R
- Unterschied
- Der unmittelbare Nachfolger, und der Bruch liegt in der Patrone. Die Metallhülse dehnt sich beim Schuss und dichtet das Patronenlager selbst ab; damit entfällt das Abdichtungsproblem, an dem das Zündnadelsystem gescheitert war, ohne dass am Verschluss etwas Grundsätzliches geändert werden müsste. Der Zündsatz wandert in den Hülsenboden, die lange Nadel verschwindet, und mit ihr Nadelbruch und Nadelkorrosion.
- Befund
- Für dieses Register die eigentliche Fortsetzungslinie. Erfurt stellte auf das M/71 um und fertigte 1876 mit rund 1.000 Arbeitern etwa 60.000 Gewehre; Simson & Luck in Suhl kam nach der Deutschen Biographie in der sogenannten Mauserzeit auf rund 150.000 Stück. Der Zeitraum der Suhler Zahl ist unscharf und mit dem Erfurter Jahreswert nicht verrechenbar.
Gewehr 98
Gewehrfabrik Erfurt und weitere · Deutsches Reich · 1898 gesichert- System
- Zylinderverschluss System Mauser 98 mit zwei vorderen Verriegelungswarzen und einer hinteren Sicherheitswarze, Kastenmagazin für 5 Patronen, Ladestreifen, 7,92 × 57 mm
- Unterschied
- Siebenundfünfzig Jahre später, im selben Werk, dieselbe Grundbauform Zylinderverschluss — und drei Dinge sind hinzugekommen, die dem Zündnadelgewehr fehlen: Formschluss über Warzen statt Keilwirkung, Magazin statt Einzelladung, Spannen beim Öffnen statt als eigener Handgriff. Erst das dritte macht aus einem Hinterlader einen Repetierer im heutigen Sinn.
- Befund
- Der Vergleich benennt zugleich, warum die Schemaskizze dieses Registers hier weggelassen ist: Sie zeigt genau die Warzenverriegelung und das Kastenmagazin, die das Zündnadelgewehr nicht besitzt.
Lee-Enfield SMLE Mk III
Royal Small Arms Factory Enfield Lock und weitere · Großbritannien · 1907 gesichert- System
- Zylinderverschluss System Lee mit hinten liegenden Verriegelungswarzen, abnehmbares Kastenmagazin für 10 Patronen, .303 British
- Unterschied
- Aufschlussreich ist hier die Lage der Abstützung. Das Lee-System stützt hinten ab und gilt deshalb als weicher als das Mauser-System; gemessen am Zündnadelgewehr ist es gleichwohl eine formschlüssige Verriegelung, und der Unterschied zwischen vorn und hinten liegender Warze ist ein Feinheitenstreit gegenüber dem Unterschied zwischen Warze und Keil.
- Befund
- Der Vergleich dient der Maßstabsbildung: Was in der Literatur zum Zylinderverschluss als grundlegende Systemfrage verhandelt wird, spielt sich innerhalb einer Bauform ab, zu der das Zündnadelgewehr noch nicht gehört.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Nadelbruch und Nadelkorrosion
Die Nadel steht bei jedem Schuss in der brennenden Ladung und danach in heißen Gasen. Sie verzundert, verbiegt und bricht. Konstruktiv ist das keine Fehlleistung. Es ist die unvermeidliche Kehrseite der Zündung von vorn: Wer den Zündsatz an den Geschossboden legt, muss die ganze Ladung durchstechen. Praktisch wurde der Mangel entschärft statt behoben — die Nadel ist ohne Werkzeug in kurzer Zeit wechselbar, und jeder Mann führte Ersatznadeln mit. Für die Beurteilung eines Altstücks folgt daraus: Eine nicht originale Nadel ist bei dieser Waffe der Regelfall und kein Mangel der Zusammenstellung.
plausibel
-
Gasaustritt am Kammerspalt
Zwischen Kammer und Laufmundstück liegt eine starre Konusfläche ohne nachgiebige Dichtung. Sie dichtet neu leidlich und mit fortschreitender Abnutzung und Verkrustung immer schlechter; die Darstellungen halten fest, dass der Gasverlust im Verlauf eines Gefechts zunimmt. Zwei Folgen sind bedeutsam: Die Mündungsgeschwindigkeit fällt gegenüber vergleichbaren Vorderladern niedrig aus, und der Schütze bekommt Gas ins Gesicht, was in der Literatur als Grund für Schießen aus der Hüfte genannt wird. Behoben wurde der Mangel erst durch die Aptierung nach Beck ab 1869 und endgültig durch die Metallhülse des M/71.
plausibel
-
Verkeilter Verschluss — der Schlag gegen den Kammerstängel
Die Verriegelung über die Keilfläche ist selbsthemmend; Verkrustung verstärkt das. Zum Öffnen war deshalb ein Schlag von unten gegen den Knopf des Kammerstängels vorgesehen. Ein Handgriff, der im Gefecht Zeit kostet und die Feuergeschwindigkeit unter Belastung von den zwölf Schuss des Schießstands auf die drei bis fünf des Gefechts drückt. Die Aptierung nach Beck wird in den Darstellungen ausdrücklich damit begründet, dass sie ihn entbehrlich machte.
plausibel
-
Patronenfertigung als Schwachstelle des Systems
Die Papierpatrone ist ein zusammengesetztes Erzeugnis aus Hülle, Pulver, Treibspiegel, Zündpille und Geschoss. Eine Darstellung gibt an, bei rund zehn Prozent der Patronen habe das Geschoss nicht genau im Spiegel gesessen. Hinzu kommt die Empfindlichkeit gegen Nässe und Druck im Tornister. Der Fehler liegt damit nicht an der Waffe, und er ist trotzdem ein Fehler der Waffe: Ein System, dessen Abdichtung, Zündung und Geschossführung sämtlich in einem Papierkörper stecken, kann nicht genauer sein als dessen Fertigung.
plausibel
-
Reichweite und Treffwahrscheinlichkeit
Gegen Massenziele nennen die Darstellungen rund 600 m, gegen Einzelziele nur etwa 200 m. Der österreichische Perkussions-Vorderlader lag darüber; wie weit, ist strittig — die Angaben reichen vom Anderthalbfachen bis zum Doppelten und hängen daran, welche Visierausführung unterstellt wird. Für die Bewertung reicht der unstrittige Teil: Der Vorteil der Waffe lag nirgends in der Ballistik. Er lag in der Ladeweise, und wo das Gelände keine Deckung bot, verschwand er.
plausibel
Verwendung
- Fertigung ab Herbst 1841 in Sömmerda; die Gewehre wurden zunächst im Berliner Zeughaus eingelagert und blieben Staatsgeheimnis
- Ausgabe an die Füsilierbataillone der preußischen Linienregimenter 1848; erster Kampfeinsatz 1849 gegen die Aufstände in Dresden, in der Pfalz und in Baden sowie im Schleswig-Holsteinischen Krieg
- Deutsch-Dänischer Krieg 1864
- Deutscher Krieg 1866, Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli — der Vorgang, dem die Waffe ihren Ruf verdankt
- Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, nun dem französischen Chassepot unterlegen; zur Mobilmachung waren nach einer Angabe 448.510 Gewehre M/41 verfügbar
- Ablösung durch das Infanteriegewehr M/71; nach einer Darstellung bis 1876 abgeschlossen. Ausgemusterte Bestände gingen in den Handel und in Verbündetenlieferungen
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Dreyse-Zündnadelgewehr , Verschluss aus Kammerhülse, Kammer und Schlösschen; schräger Einschnitt der Kammerhülse als Verriegelung; konisches Laufmundstück; Zündpille im Treibspiegel; Varianten M/41 bis M/69; Aptierung nach Beck; Fertigungsorte Sömmerda, Spandau, Danzig, Saarn, Erfurt; vier Züge mit Drallwinkel 3°45′ Link
- [Online] Wikipedia (en) — Dreyse needle gun , Zündsatz am Boden des Spiegels, Nadelwechsel unter 30 Sekunden mit zwei mitgeführten Ersatznadeln, 4,8 g Ladung, zunehmender Gasverlust am Verschluss, über 1.375.000 gefertigte Zündnadelwaffen, Bestände 1866 und 1870 Link
- [Online] Schmids Zündnadelseite — Zündnadelgewehr M/41 , 1423 mm Gesamtlänge, 906 mm Lauf, 4630 g, vier Züge mit 740 mm Dralllänge, Erprobung November 1839 bis August 1840, 448.510 zur Mobilmachung 1870 verfügbare Waffen, Hersteller N. v. Dreyse in Sömmerda Link
- [Online] Schmids Zündnadelseite — Die wichtigsten Zündnadelgewehr-Modelle , Maßtafel M/41 (1425 / 907 mm, 4700 g), M/62 (1345 / 842 mm, 4690 g), M/60, M/65, M/54, M/49, M/57, M/69; Herstellerbezeichnungen „N. v. Dreyse" und „Simson & Luck", Kgl. Gewehrfabrik Spandau Link
- [Online] Schmids Zündnadelseite — Vergleich der Systeme im Krieg 1870/71 , Chassepot 11 mm gegen Dreyse 15,54 mm, 436 gegen 296 m/s, Verkrustung des engeren französischen Laufs, alternde Kautschukdichtung, bruchgefährdete Papierpatronen, werkzeuglose Wartung der Dreyse Link
- [Online] Schmids Zündnadelseite — Zündnadelmustergewehr System Luck , Karl August Luck aus Suhl, Patentanmeldung 9. März 1865, Erteilung 3. Mai 1865, selbstspannender Zylinderverschluss mit Verriegelungswarzen und Gasabdichtung nach Chassepot-Art, Kaliber 13,9 mm auf umgebautem Lorenz-Vorderlader Link
- [Online] Kuratorium historischer Waffensammlungen — Geschichte des preußischen Zündnadelgewehr M/41 , Truppenerprobung 1839/40, Kabinettsordre vom 4. Dezember 1840 über 60.000 Gewehre, Tarnbezeichnung „leichtes Perkussionsgewehr M/41", Fertigungsbeginn Herbst 1841 in Sömmerda, Einlagerung im Berliner Zeughaus, Ausgabe an die Füsilierbataillone 1848, amtliche Bezeichnung ab 1855. Die Seite war für diesen Eintrag nur mittelbar auswertbar, siehe Belegnotiz Link
- [Online] Kuratorium historischer Waffensammlungen — Geschichte des preußischen Zündnadelgewehr M/62 , Kabinettsordre vom 28. Juli 1862, Verschleiß der seit 1848 ausgegebenen M/41, Verkürzung um 70 bis 80 mm, Schaftlängen KA und LA mit rund 20 mm Unterschied, Korn rund 30 mm nach vorn gerückt und zugleich Bajonetthalter, Bestände 1870: 137.339 bei der Truppe und 254.447 in den Artilleriedepots. Nur mittelbar auswertbar, siehe Belegnotiz Link
- [Objektbefund] Bayerisches Armeemuseum — Zündnadelgewehr M/41, Inventarstück , Hersteller Firma Johann Nikolaus von Dreyse, Sömmerda, Fertigungsjahr 1847, Kaliber 15,43 mm, Länge 1425 mm; 1850 an einen Infanteristen des Regiments Nr. 25 in Köln ausgegeben, 1866 nach dem Gefecht bei Kissingen von bayerischen Soldaten erbeutet, 1886 an das Museum Link
- [Objektbefund] Deutsches Historisches Museum — Zündnadel-Infanteriegewehr M/41, Inv. W 54/217 , Sömmerda 1846, Gesamtlänge 143 cm, Lauflänge 86,5 cm, Kaliber 15,43 mm, Gewicht 4600 g; nachgewiesen über die Deutsche Digitale Bibliothek Link
- [Online] Schmids Zündnadelseite — Zündnadelgewehr M/62 , Kabinettsordre vom 28. Juli 1862; 1345 mm Gesamtlänge, 842 mm Lauf, 4690 g; Ausgabe an die Truppe erst ab 1867, zunächst an die Füsilierbataillone; Fertigung „in der Dreyseschen Fabrik in Sömmerda und in den preußischen Gewehrfabriken Spandau, Danzig und Erfurt" — SAARN wird nicht mehr genannt; 391.786 Gewehre M/62 zur Mobilmachung 1870, 175.246 in den Artilleriedepots am 15. März 1871. Dies ist der einzige auswertbare Beleg dafür, dass Erfurt ein bestimmtes Zündnadelmuster gefertigt hat Link
- [Objektbefund] Lander Historic Arms — Preußen, Zündnadel-Infanteriegewehr M/62, Fertigung ERFURT , Händlerbeschreibung eines Erfurter Stücks, nur über den Titel greifbar. Bei erneutem Abruf lieferte die angegebene Adresse lediglich eine allgemeine Katalogliste ohne das Stück; die Quelle trägt damit NICHTS mehr und wird nur geführt, um den Prüfweg nachvollziehbar zu halten Link
- [Online] Wikipedia (de) — Johann Nikolaus von Dreyse , 1787–1867, ab 1809 bei Samuel Johannes Pauly in Paris, Zündhütchen 1824, Zündnadel-Vorderlader 1827, Hinterlader 1836, Fabrik in Sömmerda ab 1841 mit rund 300.000 Gewehren bis 1863, Nobilitierung 1864, Nachfolge durch Franz von Dreyse, Verkauf an Rheinmetall 1901 Link
- [Online] Wikipedia (de) — Schlacht bei Königgrätz , 3. Juli 1866; 221.000 Preußen mit 702 Geschützen gegen 215.000 Österreicher und Sachsen mit 650 Geschützen; preußische Verluste 359 Offiziere und 8.794 Mann (darin 1.929 Tote, 6.948 Verwundete, 276 Vermisste), österreichische 1.313 Offiziere und 41.499 Mann (darin 5.658 Tote, 7.574 Verwundete, 7.410 Vermisste, 22.170 Gefangene), sächsische 55 Offiziere und 1.446 Mann; Hinweis, die neuere Forschung setze die Bedeutung des Zündnadelgewehrs erheblich herab. Die dort genannte Reichweitenrelation ist in sich uneinheitlich: einerseits „nur etwa halb so groß" wie beim Lorenz, andererseits 600 m gegen rund 900 m — das Anderthalbfache Link
- [Online] Wikipedia (de) — Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt , Errichtung 1859 bis 1862, Betriebsaufnahme 28. September 1862, erstes Erzeugnis Zündnadelgewehr ohne Musterangabe, 420 Beschäftigte 1866, Umstellung auf das Infanteriegewehr Modell 1871; „Etwa 1000 Arbeiter fertigten allein im Jahre 1876 60.000 Gewehre"; Verlegung aus Saarn bei Mülheim an der Ruhr nach Erfurt 1862, weil Saarn „in Grenznähe zu Frankreich lag und im Falle eines Krieges leicht hätte erobert werden können" Link
- [Literatur] Deutsche Biographie — Simson (Suhler Unternehmerfamilie) , Ab 1862 Fertigung von Gewehrläufen und Bajonetten als Gebr. Simson; 1863 Gründung der Gewehrfabrik Simson & Luck mit dem Mechaniker Karl Luck, weil „die Produktion von Bauteilen für Vorderladerwaffen seit der Einführung des Dreyse'schen Zündnadel-Hinterladegewehrs nicht zukunftsträchtig war"; in der sogenannten Mauserzeit rund 150.000 „Gewehre 71"; Ausscheiden Lucks 1884 Link
- [Online] Bundesministerium der Justiz — Waffengesetz, Anlage 2 (Waffenliste) , Abschnitt 2 Unterabschnitt 2 Nr. 1.7 — vom Erlaubnisvorbehalt für Erwerb und Besitz ausgenommen sind „Schusswaffen mit Zündnadelzündung, deren Modell vor dem 1. Januar 1871 entwickelt worden ist"; daneben Nr. 1.5 für einläufige Einzellader mit Zündhütchenzündung und Nr. 1.6 für Lunten- und Funkenzündung Link
- [Online] Hungariae.com — Lorenz Infantry Musket M1854 , Kaliber 13,9 mm, Gesamtlänge 1335 mm, Lauf 945 mm, Gewicht 3,9 kg; Ausführung M1854/I mit festem Standvisier auf 300 Schritt (rund 225 m), gefertigt 1854–1857; Ausführung M1854/II mit verstellbarem Visier bis 900 Schritt (rund 675 m), gefertigt 1857–1861. Der Server liefert ein fehlerhaftes TLS-Zertifikat; die Angaben wurden deshalb gegen Auktions- und Sammlerdarstellungen gegengeprüft Link