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OD WH

Vergleichsstück · Deutschland (Oberndorf am Neckar, Württemberg)

Mauser C96

Fertigung
Waffenfabrik Mauser AG, Oberndorf am Neckar
Kaliber
7,63 × 25 mm Mauser, 9 × 19 mm, 9 × 25 mm Mauser Export, 7,65 × 21 mm Parabellum
Zeitraum
1896–1937
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Bei dieser Pistole sitzt der Patronenvorrat nicht im Griff, sondern in einem fest eingebauten Kasten vor dem Abzug. Gefüllt wird er von oben: Der Verschluss — das Stück Stahl, das den Lauf hinten schließt — steht offen, ein Blechstreifen mit zehn Patronen wird angesetzt, und die Patronen werden mit dem Daumen nach unten in den Kasten gedrückt. Ein Wechsel gegen ein volles Magazin ist nicht vorgesehen. Lauf und das kastenförmige Gehäuse darüber bilden ein einziges Stück; darin läuft der Verschluss. Unter dem Gehäuse hängt ein kippbarer Block, dessen zwei Nasen von unten in Aussparungen des Verschlusses greifen und ihn festhalten. Beim Schuss schiebt der Rückstoß Lauf, Gehäuse und Verschluss gemeinsam wenige Millimeter zurück — lange genug, dass das Geschoss den Lauf verlässt und der Druck fällt. Dabei verlässt der Block die Kante, die ihn bis dahin von unten gestützt hat, kippt mit seinem hinteren Ende nach unten und gibt den Verschluss frei. Lauf und Gehäuse werden angehalten, der Verschluss läuft allein weiter, wirft die leere Hülse nach oben aus und drückt den außen liegenden Hahn, den Schlaghebel, in die gespannte Stellung. Eine Feder im Verschluss selbst schiebt ihn wieder vor und nimmt die nächste Patrone mit. Auffällig ist die Bauweise insgesamt: Bis auf die Schraube der Griffschalen kommt die Waffe ohne Schrauben aus, alle Teile halten durch ihre Form ineinander. Das ist sauber gedacht, verlangt aber sehr genaue Passungen und viel Fertigungsaufwand.

Vergleichsstück. Gehört nicht zur Fertigung im Untersuchungsraum; steht hier als Maßstab.

Oberndorf am Neckar liegt in Württemberg, nicht in Thüringen. Die C96 steht trotzdem im Register, weil ohne sie die wichtigste deutsche Pistolenentscheidung nicht erklärbar ist, die Entscheidung für die Pistole 08.

Konstruktion

Die C96 erschien 1896, die Borchardt C93, aus der über Georg Luger die 08 hervorging, sogar drei Jahre früher; beide Linien sind verriegelte Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, beide sind deutsch, beide bewarben sich um dieselbe Ordonnanz. Der Verschluss ist dabei die kleinere Differenz. Der Sperrblock der C96 schwenkt nach unten aus den Ausnehmungen des Verschlusses, das Kniegelenk der 08 knickt nach oben. Beide entriegeln nach wenigen Millimetern gemeinsamem Rücklauf; für die 08 nennt dieses Register rund 6 mm, für die C96 liegt die Angabe in derselben Größenordnung, ohne dass eine Quelle beide Werte nebeneinander misst.

Die größere Differenz liegt vor dem Abzug.

Mauser C96Pistole 08
Magazinfest, vor dem Abzugsbügelwechselbar, im Griffstück
FüllenLadestreifen von obenMagazinwechsel
Schließfederim Verschlussim Griffstück
Griffschmaler Rundgriff („Besenstiel”)Magazinschacht, formt den Griff
Schwerpunktvor der Handüber der Hand

Die C96 denkt wie ein Gewehr im Kleinen: Kastenmagazin vor dem Abzug, Ladestreifen, Kurvenvisier mit optimistischer Teilung, dazu ein Anschlagschaft-Holster. Die 08 denkt wie eine Pistole. Der Vorrat sitzt dort, wo ohnehin die Hand ist.

Varianten

JahrModellMerkmal
1912Neue Sicherung (NS)Hahn bei eingelegter Sicherung ablassbar
1916Modell 1916 („Rote Neun”)9 × 19 mm, Heereslieferung
1920/21Bolo99-mm-Lauf, kleinerer Griff, Vertragslage nach Versailles
1930M-30132-, später wieder 140-mm-Lauf; Magazin weiterhin fest
1931/32Modell 711erstmals Wechselmagazin, Selbstlader
1932M712 SchnellfeuerWechselmagazin, umschaltbar auf Dauerfeuer

Die M712 ist vollautomatisch und damit in Deutschland Kriegswaffe im Sinne des KWKG; sie wird in diesem Eintrag nicht behandelt.

Einordnung

Die deutsche Beschaffung wählte 1908 die 08. Damit fiel keine Entscheidung über Kniegelenk gegen Sperrblock; das Kniegelenk selbst wurde 1938 von der Pistole 38 abgelöst und ist heute Museumstechnik. Bestand hatte das Griffstückmagazin. Jede spätere deutsche Dienstpistole trägt es, die P 38, die Makarow der NVA, jede moderne Ordonnanz. Die C96 ist die letzte ernsthafte deutsche Dienstwaffenkandidatin mit Vorrat außerhalb des Griffs.

Im Feld landete sie trotzdem. Ab 1916 lieferte Mauser das Modell 1916 in 9 × 19 mm, kenntlich an Griffschalen mit rot ausgelegter „9”, damit niemand die falsche Patrone verwendet; rund 137.000 gelieferte Stück aus einem Auftrag über 150.000. Der Grund war nicht ein spätes Obsiegen der Konstruktion, sondern die 08-Fertigung, die den Bedarf nicht deckte.

Am längsten überlebte die Patrone, nicht die Waffe. Die 7,63 × 25 mm Mauser wurde in der Sowjetunion zur 7,62 × 25 mm Tokarew, trieb den TT-33 und die Maschinenpistolen der Roten Armee an und erreichte damit auch die frühe DDR.

Konstruktion

Verschluss
Verriegelter Verschluss mit kurzem Laufrücklauf. Lauf und Verschlussgehäuse sind ein Stück; unter dem Gehäuse hängt ein schwenkbarer Sperrblock, dessen zwei Warzen von unten in Ausnehmungen des Verschlusses greifen. Ein Absatz des Schlossgehäuses hält den Block in Verriegelungsstellung.
Ladeprinzip
Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf
Zuführung
Festes Kastenmagazin vor dem Abzugsbügel, von oben durch das offene Verschlussgehäuse mit Ladestreifen gefüllt; Standard 10 Patronen, Sonderformen mit 6 und 20 Patronen
Abzug
Single Action, außenliegender Hahn, Unterbrecher im abnehmbaren Schlossgehäuse
Sicherung
Hebelsicherung links hinter dem Hahn, mehrfach überarbeitet; ab 1912 die „Neue Sicherung" (NS), die das kontrollierte Ablassen des Hahns bei eingelegter Sicherung erlaubt
Visierung
Korn auf dem Laufansatz, Kurvenvisier auf dem Verschlussgehäuse, je nach Ausführung bis 500 oder 1000 m geteilt; Visierlinie um 200 mm

Maße und Leistung

Länge
ca. 288–312 mm (Militärausführung mit 140-mm-Lauf); Bolo ca. 255–271 mm
Lauflänge
99 mm (Bolo) bis 140 mm (Militärausführung)
Gewicht
ca. 1080–1130 g ungeladen
Magazin
10 Patronen, fest, Ladestreifen
V₀
ca. 425 m/s (7,63 × 25 mm), ca. 350 m/s (9 × 19 mm)
Kadenz
entfällt — Selbstlader; nur die Variante M712 schießt vollautomatisch

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Verriegelt und schussbereit

    Der Verschluss läuft in einem kastenförmigen Gehäuse, das mit dem Lauf ein Stück bildet. Der Sperrblock unter dem Gehäuse steht angehoben, seine beiden Warzen sitzen formschlüssig in den Ausnehmungen an der Unterseite des Verschlusses. Ein Absatz des Schlossgehäuses trägt den Block von unten und verhindert, dass er absinkt.

  2. 2

    Gemeinsamer Rücklauf

    Der Rückstoß treibt Lauf, Gehäuse, Sperrblock und Verschluss als starre Einheit nach hinten. Diese Phase dauert wenige Millimeter — lang genug, dass das Geschoss den Lauf verlässt und der Gasdruck abfällt, bevor sich der Verschluss öffnen darf.

  3. 3

    Entriegelung durch Abschwenken

    Danach endet der tragende Absatz des Schlossgehäuses. Der Sperrblock kippt mit seinem hinteren Ende nach unten, die Warzen treten aus den Ausnehmungen. Lauf und Gehäuse werden abgefangen, der Verschluss läuft allein weiter — dieselbe Aufgabe, die die Pistole 08 durch Aufknicken nach oben und die Colt M1911 durch Absenken des Laufs löst.

  4. 4

    Auswurf und Hahnspannen

    Der zurücklaufende Verschluss zieht die Hülse aus dem Patronenlager, der Auswerfer schleudert sie nach oben aus. Der Verschlussrücken drückt den außenliegenden Hahn in die Spannrast und komprimiert die Schließfeder, die im Verschluss selbst liegt — nicht im Griff, denn dort ist kein Platz.

  5. 5

    Vorlauf und Zuführung

    Die Schließfeder treibt den Verschluss vor. Er schiebt die oberste Patrone aus dem Kastenmagazin vor dem Abzug nach hinten oben in das Patronenlager und nimmt Lauf und Gehäuse mit.

  6. 6

    Wiederverriegelung

    In der vorderen Endlage läuft der Sperrblock wieder auf den Absatz des Schlossgehäuses auf und wird angehoben; die Warzen fahren in die Ausnehmungen ein. Ist das Magazin leer, hält der Zubringer den Verschluss offen — der Ladestreifen kann sofort angesetzt werden.

Schwenkriegel — verriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verriegelt: Das keilförmige Riegelstück unter dem Lauf steht oben und greift beidseitig in Ausnehmungen des Verschlusses.
  2. 2 Entriegelung: Nach wenigen Millimetern gemeinsamen Rücklaufs trifft der Steuerstift am Griffstück das Riegelstück und schwenkt es nach unten aus den Ausnehmungen.
  3. 3 Getrennt: Der Lauf wird abgefangen, der Verschluss läuft allein weiter, wirft aus und spannt den Hahn.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Pistole 08

DWM, später Gewehrfabrik Erfurt und Simson & Co. · Deutschland (Berlin, Erfurt, Suhl) · 1908
System
Verriegelter Rückstoßlader mit Kniegelenkverschluss, Magazin im Griffstück
Unterschied
Beide sind verriegelte Rückstoßlader derselben Jahre und derselben Nation. Der eigentliche Unterschied liegt aber nicht im Verschluss, sondern im Magazin: Die C96 trägt es fest vor dem Abzug und wird mit Ladestreifen gefüllt, die 08 trägt es wechselbar im Griffstück.
Befund
Die Entscheidung von 1908 fiel gegen die C96 und damit gegen das Magazin außerhalb des Griffs. Sämtliche späteren deutschen Dienstpistolen — P 38, Makarow, jede moderne Ordonnanz — folgen der 08, nicht der C96.

Tokarew TT-33

Staatliche Werke Tula · Sowjetunion · 1933
System
Verriegelter Rückstoßlader nach Browning-Art, Wechselmagazin im Griffstück, Patrone 7,62 × 25 mm
Unterschied
Konstruktiv verwandt ist nichts, munitionstechnisch alles: Die 7,62 × 25 mm Tokarew geht unmittelbar auf die 7,63 × 25 mm Mauser der C96 zurück und ist maßlich nahezu deckungsgleich.
Befund
Die Patrone der C96 überlebte die Pistole um Jahrzehnte und erreichte über die TT-33 und die Maschinenpistolen der Roten Armee auch die frühe DDR. Das Gehäuse verlor, die Munition gewann.

Colt M1911

Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · USA · 1911
System
Verriegelter Rückstoßlader, Entriegelung durch Absenken des Laufs über ein Schwenkglied, Magazin im Griffstück
Unterschied
Die M1911 kapselt die gesamte Mechanik in einem geschlossenen Schlitten und setzt das Magazin in den Griff. Die C96 legt Verschluss und Sperrblock in ein offenes Gehäuse und den Vorrat vor den Abzug.
Befund
Beide erschienen binnen 15 Jahren; die M1911 setzte das Layout durch, das der Pistolenbau bis heute benutzt. Die C96 blieb formal ein Solitär.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Kopflastigkeit und Griffgeometrie

    Magazin und Verschlussgehäuse liegen vor beziehungsweise über der Hand, der schmale runde Besengriff bietet wenig Führung. Die Waffe zielt schwer und liegt deutlich schlechter in der Hand als eine Pistole mit Griffmagazin.

    plausibel

  • Nachladen nur mit Ladestreifen

    Das feste Magazin lässt sich im Gefecht nicht durch ein volles austauschen. Das war 1896 üblich, ab etwa 1910 aber ein handfester Rückstand. Auch die M-30 von 1930 behielt das feste Magazin noch bei; Wechselmagazine kamen erst 1931/32 mit den Modellen 711 (Selbstlader) und 712 „Schnellfeuer" — und zwar als Antwort auf spanische Nachbauten, die sie bereits hatten.

    gesichert

  • Aufwendige Fertigung, empfindliche Passungen

    Die Waffe kommt bis auf die Griffschalenschraube ohne Schrauben aus; alles hält durch Formschluss. Das ist konstruktiv elegant, verlangt aber enge Toleranzen und viel Zerspanung. In den Truppenversuchen um die Jahrhundertwende galt die Konstruktion als zu verwickelt für den Massendienst.

    plausibel

  • Ehrgeizige Visierteilung

    Kurvenvisiere bis 500 oder 1000 m entsprechen keiner erreichbaren Trefferleistung aus freier Hand. Sinn ergeben sie erst mit angesetztem Anschlagschaft-Holster, das die Pistole zum Karabiner macht.

    plausibel

Verwendung

  • Kommerzielle Selbstladepistole und Offizier-Selbstbeschaffungswaffe ab 1896
  • Behelfsordonnanz des deutschen Heeres im Ersten Weltkrieg als Modell 1916 in 9 × 19 mm („Rote Neun"), rund 137.000 gelieferte Stück aus einem Auftrag über 150.000
  • Exportwaffe nach China, Persien, Südamerika und in die Türkei
  • Grundlage zahlreicher spanischer und chinesischer Nachbauten

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Mauser C96 Link
  2. [Online] Wikipedia (en) — Mauser C96 Link
  3. [Online] DeWiki — Mauser C96 — Datenblatt und Variantenübersicht Link
  4. [Online] 1896mauser.com — C-96 Mauser — Disassembly Link