Vergleichsstück · Belgien / Russland
Nagant M1895
- Fertigung
- Fabrique d'armes Émile et Léon Nagant, später Tula
- Kaliber
- 7,62 × 38 mm R Nagant
- Zeitraum
- 1895–1945
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Jeder Revolver hat eine schmale Lücke zwischen der drehbaren Trommel und dem Lauf, und durch diese Lücke entweicht bei jedem Schuss seitlich heißes Gas. Der Nagant ist der einzige Revolver, der sie tatsächlich schließt. Beim Spannen des Hahns, des außen liegenden Schlaghebels, dreht ein Schaltwerk im Inneren die Trommel nicht nur um eine Kammer weiter — eine der sieben Bohrungen, in denen die Patronen stecken —, sondern schiebt sie zugleich ein Stück nach vorn, sodass sie sich über einen kegelförmigen Ansatz am hinteren Laufende schiebt. Dazu gehört eine eigens entworfene Patrone: Das Geschoss steckt vollständig in der Hülse, deren Rand über die Geschossspitze hinausragt. Beim Vorschieben tritt dieser Hülsenrand in den Laufansatz ein und dichtet endgültig ab. Waffe und Munition sind ein Paket; mit anderen Patronen arbeitet die Konstruktion nicht wie vorgesehen. Der Gewinn ist messbar, aber bescheiden, und kein anderer Hersteller hat das Prinzip je übernommen. Im Übrigen ist der Revolver herkömmlich gebaut: Die sieben Kammern werden einzeln durch eine Klappe an der Seite gefüllt, und zum Entladen wird ein Stab, der unter dem Lauf mitgeführt wird, zur Seite geschwenkt und drückt die Hülsen eine nach der anderen durch dieselbe Klappe wieder heraus. Das dauert. Die für Offiziere bestimmte Ausführung löst auch durch bloßes Durchziehen des Abzugs aus; bei der Mannschaftsausführung muss der Hahn für jeden Schuss von Hand gespannt werden.
Vergleichsstück. Gehört nicht zur Fertigung im Untersuchungsraum; steht hier als Maßstab.
Der Nagant M1895 ist der mechanisch aufwendigste Revolver seiner Epoche und für dieses Register das schärfste Gegenstück zum Reichsrevolver.
Konstruktion
Jeder Revolver mit fester Trommel verliert Gas am Spalt zwischen Trommel und Lauf. Das kostet Mündungsgeschwindigkeit und erzeugt einen seitlichen Gasstrahl.
Der Nagant löst das mechanisch. Beim Spannen schiebt sich die Trommel nach vorn über einen Konus am Laufansatz; dazu kommt eine eigens entworfene Patrone, deren Hülsenhals über die Geschossspitze hinausragt und sich beim Vorschub in den Laufansatz schiebt. Waffe und Patrone sind ein Paket; ohne diese Munition funktioniert die Konstruktion nicht bestimmungsgemäß.
Kein anderer Hersteller übernahm das Prinzip. Deutlicher lässt sich kaum anzeigen, dass der Ertrag den Aufwand nicht rechtfertigte.
Einordnung
Beide haben festen Rahmen und Ladeklappe. Der Nagant hat aber einen Ausstoßerstab, in der Offiziersausführung einen Spannabzug und dazu die Gasabdichtung, sechzehn Jahre nach dem Reichsrevolver.
Damit ist er neben der Colt SAA der zweite Beleg dafür, dass die konservative Auslegung des deutschen Ordonnanzrevolvers eine Entscheidung war und keine technische Grenze der Zeit. Die Gewehr-Prüfungskommission hätte einen Ausstoßer haben können. Sie wollte Robustheit und Fertigungseinfachheit.
| Waffe | optimiert auf | Preis dafür |
|---|---|---|
| Reichsrevolver (1879) | Robustheit, Fertigungseinfachheit | kein Ausstoßer, nur Single Action |
| Nagant M1895 | Gasabdichtung | erheblicher Aufwand, Sonderpatrone, langsames Entladen |
| Webley Mk I (1887) | Nachladegeschwindigkeit | schwächerer Rahmen durch den Kipplauf |
Alle drei standen um 1890 zur Wahl. Dass die deutsche Kommission die konservativste Variante nahm, ist der Ausgangspunkt dieses Registers.
Konstruktion
- Verschluss
- Trommelrevolver mit festem Rahmen und Ladeklappe — bis hierhin wie der Reichsrevolver. Die Besonderheit ist der **Trommelvorschub**: Beim Spannen schiebt sich die Trommel nach vorn über einen Konus am Laufansatz.
- Ladeprinzip
- Einzelladung über eine seitliche Ladeklappe; Entladen mit einem Ausstoßerstab, der unter dem Lauf mitgeführt und zum Gebrauch ausgeschwenkt wird
- Zuführung
- Siebenschüssige Trommel
- Abzug
- Double Action und Single Action; die Offiziersausführung hat Spannabzug, die Mannschaftsausführung ist reiner Handspanner
- Sicherung
- keine im heutigen Sinn
- Visierung
- Feste Kimme und Korn
Maße und Leistung
- Magazin
- 7 Patronen
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Laden
Die Ladeklappe wird geöffnet, die Trommel von Hand weitergedreht und jede der sieben Kammern einzeln gefüllt — wie beim Reichsrevolver.
- 2
Spannen und Trommelvorschub
Beim Spannen dreht das Schaltwerk die Trommel weiter **und schiebt sie zugleich nach vorn** über einen Konus am Laufansatz. Der Spalt zwischen Trommel und Lauf, an dem jeder gewöhnliche Revolver Gas verliert, wird dadurch geschlossen.
- 3
Die Rolle der Patrone
Das Geschoss sitzt **vollständig in der Hülse**, deren Hals über die Geschossspitze hinausragt. Beim Vorschub schiebt sich dieser Hülsenhals in den Laufansatz und dichtet endgültig ab. Waffe und Patrone bilden ein Paket — die Konstruktion funktioniert nur mit dieser eigens entworfenen Munition.
- 4
Schuss
Weil kein Gas am Trommelspalt entweicht, steht die volle Gasenergie zur Verfügung. Der Gewinn an Mündungsgeschwindigkeit ist messbar, aber bescheiden — gemessen am konstruktiven Aufwand.
- 5
Entladen
Anders als der Reichsrevolver besitzt der Nagant einen Ausstoßerstab, der unter dem Lauf mitgeführt und zum Gebrauch ausgeschwenkt wird. Die Hülsen werden einzeln herausgedrückt — umständlich, aber immerhin mit waffeneigenem Werkzeug.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Laden: Die Ladeklappe rechts am Rahmen wird geöffnet, die Trommel von Hand weitergedreht und jede Kammer einzeln durch die Öffnung gefüllt.
- 2 Schuss: Der Hahn muss für jeden Schuss von Hand gespannt werden (Single Action); dabei dreht das Schaltwerk die Trommel um eine Kammer weiter.
- 3 Entladen: Es gibt keinen Ausstoßer. Die Hülsen müssen einzeln durch die geöffnete Ladeklappe herausgedrückt werden — ein zügiges Nachladen ist konstruktiv ausgeschlossen.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Reichsrevolver M1879 / M1883
Suhler Konsortium, Gewehrfabrik Erfurt · Deutschland · 1879- System
- Revolver mit festem Rahmen, Ladeklappe, **ohne** Ausstoßer, Single Action
- Unterschied
- Beide haben festen Rahmen und Ladeklappe. Der Nagant hat aber einen Ausstoßerstab, in der Offiziersausführung einen Spannabzug und den gasdichten Trommelvorschub. Er ist derselben Bauartfamilie ein Vierteljahrhundert voraus.
- Befund
- Der schärfste Beleg dafür, dass die konservative Auslegung des Reichsrevolvers eine Entscheidung war und keine technische Grenze der Zeit.
Pistole M (Makarow)
VEB Ernst-Thälmann-Werk und weitere · DDR / Sowjetunion · 1951- System
- Unverriegelter Masseverschluss, Spannabzug, 9 × 18 mm
- Unterschied
- Ein halbes Jahrhundert Abstand, dieselbe Truppe. Der Nagant blieb bis in die 1940er Jahre im sowjetischen Dienst und tauchte danach in Beständen der bewaffneten Organe der DDR auf — neben Makarow und Tokarew TT-33.
- Befund
- Für die Bestimmung von DDR-Beständen relevant: Nicht alles, was dort geführt wurde, war modern oder sowjetischer Nachkriegsfertigung.
Webley Mk I
Webley & Scott · Großbritannien · 1887- System
- Kipplaufrevolver mit selbsttätigem Sternausstoßer, Double Action
- Unterschied
- Die entgegengesetzte Priorität: Webley optimiert das **Nachladen** — alle sechs Hülsen auf einmal —, Nagant die **Gasabdichtung**. Beide zahlen dafür, Webley mit einem schwächeren Rahmen, Nagant mit erheblichem Aufwand und langsamem Entladen.
- Befund
- Die drei Revolver zusammen — Reichsrevolver, Nagant, Webley — decken das gesamte Spektrum der Prioritäten ab, die um 1890 zur Wahl standen.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Aufwand ohne entsprechenden Ertrag
Der gasdichte Trommelvorschub ist mechanisch aufwendig, verlangt eine eigens entworfene Patrone und bringt einen bescheidenen Leistungsgewinn. Kein anderer Hersteller übernahm das Prinzip — der deutlichste denkbare Hinweis darauf, dass die Rechnung nicht aufging.
plausibel
-
Langsames Entladen
Trotz Ausstoßerstab müssen sieben Hülsen einzeln durch die Ladeklappe herausgedrückt werden. Gegenüber Kipplaufrevolvern mit Sternausstoßer ein erheblicher Rückstand.
plausibel
-
Bindung an eine Sonderpatrone
Die 7,62 × 38 mm R mit versenktem Geschoss ist ausschließlich für diese Waffe entstanden. Für Sammler heißt das: Munitionsbeschaffung ist ein eigenes Problem, und Ersatzpatronen anderer Kaliber funktionieren nicht bestimmungsgemäß.
plausibel
Verwendung
- Ordonnanzrevolver des Russischen Reiches ab 1895 und der Roten Armee
- Ab 1933 zunehmend durch die Tokarew TT-33 abgelöst, aber noch im Zweiten Weltkrieg im Einsatz
- Später in Beständen der bewaffneten Organe der DDR geführt
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Nagant M1895 Link