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OD WH

Vergleichsstück · Großbritannien

Webley Mk I

Fertigung
P. Webley & Son, Birmingham (ab 1897 Webley & Scott)
Kaliber
.455 Webley Mk I, .455 Webley Mk II
Zeitraum
1887–1894
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Dieser Revolver ist um einen einzigen Handgriff herum gebaut: das Entladen. Der Daumen drückt einen Riegel oben hinter der Trommel nach unten, und die vordere Hälfte der Waffe — Lauf und Trommel als eine Baugruppe — klappt um ein Scharnier nach unten weg. Bei dieser Bewegung schiebt ein Nocken am Rahmen eine sternförmige Platte aus der Rückseite der Trommel heraus. Sie greift unter die Ränder aller sechs Hülsen zugleich und wirft den kompletten Trommelinhalt in einem Zug aus. Am Ende der Bewegung springt die Platte federgetrieben in die Trommel zurück, sodass die Kammern — die sechs Bohrungen, in denen die Patronen stecken — von hinten frei liegen und einzeln neu gefüllt werden können; dann wird die Laufgruppe hochgeklappt, und der Riegel rastet wieder ein. Geschossen wird wahlweise durch bloßes Durchziehen des Abzugs, der den Hahn, den außen liegenden Schlaghebel, dabei selbst spannt und die Trommel um eine Kammer weiterdreht, oder mit von Hand gespanntem Hahn für den genaueren Schuss. Alles Weitere folgt aus dem Abkippen. Weil der Rahmen dafür geteilt sein muss, hängen Scharnier und Riegel an Kräften, die sonst ein durchgehendes Stück Stahl aufnimmt. Das begrenzt den zulässigen Druck im Inneren — und deshalb verschießt diese Waffe ein schweres, langsam fliegendes Bleigeschoss statt eines leichten und schnellen.

Vergleichsstück. Gehört nicht zur Fertigung im Untersuchungsraum; steht hier als Maßstab.

Der Webley Mk I ist in diesem Register kein britischer Exkurs, sondern ein Messpunkt. Er wurde am 8. November 1887 eingeführt, acht Jahre nach dem Reichsrevolver M1879, und beantwortet dieselbe Frage in jeder Hinsicht anders.

Konstruktion

Der Bügelriegel wird mit dem Daumen entriegelt, der Lauf kippt nach unten, und dabei treibt ein Nocken die Sternplatte aus der Trommel. Die Platte greift unter alle sechs Hülsenränder zugleich und wirft den kompletten Trommelinhalt in einer einzigen Bewegung aus. Danach schnappt sie federbelastet zurück. Die Kammern sind frei.

Alles andere an dieser Waffe ist Konsequenz daraus. Der Rahmen ist geteilt, weil der Lauf abkippen muss, und Scharnier und Riegel müssen Kräfte aufnehmen, die ein geschlossener Rahmen in einem Stück trägt, was den zulässigen Gasdruck begrenzt. Daraus folgt die .455 Webley: ein schweres, langsam fliegendes Bleigeschoss von 265 grains bei etwa 190 m/s. Der Webley kann nicht schnell schießen, also schießt er schwer.

Varianten

Beim Mk I gehört der Stoßboden hinter der Trommel zum Rahmen. Beim Mk II von 1894 ist er ein gehärtetes, eingeschwalbtes und verschraubtes Blech und damit austauschbar. Solche Änderungen entstehen aus Instandsetzungsberichten, nicht am Reißbrett. Mit sieben Jahren Fertigungszeit war der Mk I das kürzeste Kapitel der Reihe. Wie viele Stücke dabei entstanden, ist ungeklärt; die Angaben reichen von rund 10.500 Militärstücken bis zu rund 40.000, wobei die höchste bekannte Seriennummer (41349) eher für die obere Zahl spricht. Die Bauart selbst blieb bis zum Mk VI und im britischen Dienst bis 1963.

Einordnung

Waffeoptimiert aufPreis dafür
Reichsrevolver (1879)Robustheit, Fertigungseinfachheitkein Ausstoßer, nur Single Action
Nagant M1895Gasabdichtung am TrommelspaltSonderpatrone, hoher Aufwand, langsames Entladen
Webley Mk I (1887)Nachladegeschwindigkeitgeteilter Rahmen, begrenzter Gasdruck

Der Nagant ist dabei der lehrreichere der beiden Vergleiche. Er ist konstruktiv genauso ehrgeizig wie der Webley, nur an anderer Stelle. Er schließt den Trommelspalt und behält das umständliche Entladen bei; der Webley löst das Entladen und lässt den Trommelspalt, wie er ist. Welche Wette besser war, hat die Waffengeschichte entschieden. Der Sternausstoßer wurde Standard, der gasdichte Trommelvorschub blieb ein Einzelfall.

Der Webley beantwortet damit die Frage, die am Reichsrevolver hängt: War die konservative Auslegung 1879 alternativlos? Sie war es nicht. Acht Jahre später und wenige hundert Kilometer entfernt stand die Gegenlösung in der Truppe, mit allen Nachteilen, die sie erkauft, und mit dem Vorteil, dessen Fehlen beim Reichsrevolver bis heute als sein größter Mangel gilt.

Konstruktion

Verschluss
Kipplaufrevolver mit vorn liegendem Scharnier. Lauf, Trommelachse und Trommel sitzen in einer beweglichen Baugruppe, die gegen den feststehenden Griffrahmen abkippt. Verriegelt wird oben über einen **Bügelriegel** (stirrup latch), der über einen Zapfen des Laufbügels greift und mit dem Daumen hinter dem Stoßboden entriegelt wird.
Ladeprinzip
Einzelladung von hinten in die geöffnete Trommel; Entladen selbsttätig beim Abkippen
Zuführung
Sechsschüssige Trommel mit zentralem Sternausstoßer
Abzug
Double Action und Single Action — Spannabzug für schnelles Schießen, Hahn für den gezielten Schuss von Hand spannbar
Sicherung
Keine Sicherung im heutigen Sinn; Sicherheit allein über den langen, schweren Spannabzugsweg
Visierung
Festes Korn, Kimme im Bügelriegel bzw. im Rahmensteg

Maße und Leistung

Länge
260 mm (Ausführung mit 4-Zoll-Lauf)
Lauflänge
102 mm (4 Zoll)
Gewicht
etwa 1,0 kg
Magazin
6 Patronen (Trommel)
V₀
etwa 185–190 m/s mit .455 Mk I (265 grains, Schwarzpulver)
Kadenz
praktisch etwa 20–25 Schuss/min einschließlich Nachladen

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Entriegeln

    Der Daumen drückt den Bügelriegel hinter dem Stoßboden nach unten. Der Bügel gibt den Zapfen am oberen Ende des Laufbügels frei — die Verbindung zwischen beweglicher Laufgruppe und Griffrahmen ist gelöst.

  2. 2

    Abkippen und Ausstoßen

    Die Laufgruppe schwenkt um das vordere Scharnier nach unten. Ein Nocken am Rahmen greift dabei in den Ausstoßermechanismus und schiebt die Sternplatte aus der Trommelrückseite heraus. Die Sternplatte greift unter alle sechs Hülsenränder zugleich und wirft **den kompletten Trommelinhalt in einer Bewegung aus** — das ist der eine Vorgang, um den herum die ganze Waffe konstruiert ist.

  3. 3

    Rückstellen des Ausstoßers

    Am Ende des Ausstoßwegs schnappt die Sternplatte federbelastet in die Trommel zurück und liegt wieder bündig hinter den Kammern. Erst dadurch sind die Kammern von hinten frei zugänglich.

  4. 4

    Laden und Schließen

    Sechs Patronen werden einzeln von hinten eingelegt, die Laufgruppe wird hochgeschwenkt, der Bügelriegel rastet über dem Zapfen ein. Die Waffe ist geschlossen; Trommel und Lauf sind wieder gegen den Griffrahmen abgestützt.

  5. 5

    Spannen und Schalten

    Beim Durchziehen des Spannabzugs — oder beim Spannen des Hahns von Hand — dreht die Schaltklinke die Trommel über den Sperrzahnkranz um eine Kammer weiter, die Trommelsperre fixiert sie fluchtend zum Lauf, der Hahn geht nach hinten.

  6. 6

    Schuss und Entladen

    Der Hahn fällt, der Schuss bricht, Gas entweicht wie bei jedem Revolver mit fester Trommel am Trommelspalt. Nach sechs Schuss beginnt der Zyklus von vorn — Entriegeln, Abkippen, alle Hülsen auf einmal.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Reichsrevolver M1879 / M1883

Suhler Konsortium, Gewehrfabrik Erfurt · Deutschland · 1879
System
Fester Rahmen, Ladeklappe, ohne Ausstoßer, nur Single Action
Unterschied
Der härteste denkbare Kontrast, acht Jahre auseinander. Der Reichsrevolver hat **keinen Ausstoßer** — jede Hülse wird einzeln durch die Ladeklappe herausgestochert, im Feld mit einem separat mitgeführten Stab. Der Webley wirft **alle sechs auf einmal** aus und hat dazu einen Spannabzug.
Befund
Beide Waffen lösen dieselbe Aufgabe an entgegengesetzten Enden der Skala. Der Webley belegt, dass der fehlende Ausstoßer beim Reichsrevolver keine technische Grenze der Epoche war, sondern eine Entscheidung zugunsten von Rahmenfestigkeit und Fertigungseinfachheit.

Nagant M1895

Fabrique d'armes Émile et Léon Nagant, später Tula · Belgien / Russland · 1895
System
Fester Rahmen, Ladeklappe, Ausstoßerstab, gasdichter Trommelvorschub, sieben Schuss
Unterschied
Entgegengesetzte Priorität bei vergleichbarem konstruktivem Ehrgeiz: Webley steckt den Aufwand in die **Nachladegeschwindigkeit**, Nagant in die **Gasabdichtung** am Trommelspalt. Der Nagant behält den festen Rahmen und entlädt weiter Hülse für Hülse; der Webley verliert nichts an Zeit und dafür Rahmensteifigkeit.
Befund
Die beiden zeigen, dass um 1890 zwei völlig verschiedene Antworten auf die Frage möglich waren, was an einem Revolver zu verbessern lohnt. Die Geschichte hat dem Webley recht gegeben: Der Sternausstoßer setzte sich durch, der Trommelvorschub blieb ein Einzelfall.

Colt M1911

Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · USA · 1911
System
Selbstladepistole, kurzer Rückstoß, Kastenmagazin
Unterschied
Die dritte Antwort auf dieselbe Frage — und die endgültige. Das Wechselmagazin macht die Diskussion über Ausstoßersysteme gegenstandslos, weil nicht mehr Hülsen entfernt, sondern ein ganzer Vorratsbehälter getauscht wird.
Befund
Der Webley löst das Nachladeproblem des Revolvers so gut, wie es innerhalb der Bauart überhaupt geht. Vierundzwanzig Jahre später verschwindet das Problem mitsamt der Bauart.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Geteilter Rahmen als Gasdruckgrenze

    Scharnier und Bügelriegel müssen den Rückstoß aufnehmen, den ein geschlossener Rahmen in einem Stück trägt. Das begrenzt den zulässigen Gasdruck und ist der sachliche Grund dafür, dass die .455 ein schweres, langsames Geschoss blieb statt eines schnellen. Bei Verschleiß von Scharnier und Riegel entsteht Spiel zwischen Lauf- und Griffgruppe.

    plausibel

  • Fest im Rahmen sitzendes Stoßbodenblech

    Beim Mk I ist der Stoßboden hinter der Trommel Teil des Rahmens. Wird er ausgeschlagen, ist der ganze Rahmen betroffen. Beim Mk II von 1894 wurde genau das geändert: ein gehärtetes, eingeschwalbtes und verschraubtes Blech, das sich austauschen lässt. Die Änderung ist die deutlichste Aussage darüber, wo die Truppe den Schwachpunkt fand.

    gesichert

  • Der Ausstoßer unterscheidet nicht

    Die Sternplatte greift unter alle sechs Böden zugleich — auch unter die von nicht abgefeuerten Patronen. Ein teilweise verschossener Satz lässt sich nicht selektiv leeren; entweder man wirft alles aus oder man klaubt einzeln nach.

    plausibel

  • Munitionsübergang Schwarzpulver zu Cordite

    Die ursprüngliche .455 Mk I war eine Schwarzpulverpatrone. Die Cordite-Ladung ab 1894 verbrannte in der langen Hülse unvollständig, was 1897 zur verkürzten Mk-II-Hülse führte. Der Mk-I-Revolver stammt damit aus der Zeit vor der stabilen Munitionsnorm, unter der die späteren Marks dienten.

    plausibel

Verwendung

  • Ordonnanzrevolver der britischen Armee, offiziell eingeführt am 8. November 1887
  • Erstauftrag über 10.000 Stück zu 3 £ 1 s 1 d je Waffe. Die Gesamtstückzahl des Mk I ist in der Literatur strittig: Sammlerquellen nennen rund 40.000 (höchste bekannte Seriennummer 41349), eine Händlerdarstellung dagegen nur rund 10.500 Militärstücke. Beide Zahlen sind hier nicht überprüfbar
  • Kolonialeinsätze des Britischen Empire ab 1887 und in den 1890er Jahren
  • Ab 1894 durch den Mk II abgelöst (Regierungsabnahme am 21. Mai 1895), die Bauart selbst blieb bis zum Mk VI und darüber hinaus bis 1963 im Dienst

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (en) — Webley Revolver Link
  2. [Online] Wikipedia (en) — .455 Webley Link
  3. [Objektbefund] NRA Museum — Webley Mk I revolver Link
  4. [Online] Military Factory — Webley Model 1887 Six-Shot Service Revolver Link
  5. [Online] American Rifleman — The Webley Mk VI: Construction & Disassembly Link
  6. [Online] Militaria.co.uk — The Webley Revolver: Complete History & Guide Link