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OD WH

Vergleichsstück · USA

Colt Single Action Army (Modell 1873)

Fertigung
Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company, Hartford
Kaliber
.45 Colt, .44-40 WCF, .38-40 WCF, .32-20 WCF, .476 Eley
Zeitraum
1873–…
Belegstatus
gesichert

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

An diesem Revolver geschieht nichts von selbst — jeder Schritt ist Handarbeit. Sechs Patronen sitzen in einer drehbaren Trommel hinter dem Lauf, jede in einer eigenen Bohrung, die Kammer heißt. Geladen wird durch eine kleine Klappe rechts am Gehäuse: Der Hahn, der außen liegende Schlaghebel, wird ein Stück zurückgezogen, dann läuft die Trommel frei, und jede Kammer wird einzeln vor die Öffnung gedreht und gefüllt. Zum Schießen zieht der Daumen den Hahn ganz nach hinten. Diese eine Bewegung erledigt drei Dinge zugleich: Eine Klinke dreht die Trommel um genau eine Kammer weiter, ein Bolzen fällt in eine Rast und richtet die Kammer auf den Lauf aus, und der Hahn bleibt hinten stehen. Der Abzug gibt ihn nur noch frei, er spannt nichts. Für jeden weiteren Schuss muss von Hand nachgespannt werden. Das Bauteil, an dem sich diese Waffe von der zeitgleichen deutschen Konkurrenz unterscheidet, sitzt rechts unter dem Lauf: eine gefederte Stange, die man nach hinten drückt und die dabei die leere Hülse aus der Kammer schiebt, die gerade vor der Klappe steht. Ohne sie müsste jede Hülse einzeln mit einem Hilfsmittel herausgetrieben werden. Eine bedienbare Sicherung fehlt dagegen ganz: Der Schlagbolzen, der Stift, der die Patrone zündet, sitzt fest am Hahn und liegt in Ruhestellung unmittelbar auf dem Zündhütchen im Patronenboden, weshalb der Revolver üblicherweise nur mit fünf Patronen geführt wird.

Vergleichsstück. Gehört nicht zur Fertigung im Untersuchungsraum; steht hier als Maßstab.

Der Colt Single Action Army steht in diesem Register aus einem einzigen, aber tragfähigen Grund. Er ist die Kontrollgruppe zum Reichsrevolver M1879. Wer beurteilen will, ob der Reichsrevolver rückständig war oder nur anders gewichtet, braucht ein Stück, das dieselbe Bauform verkörpert. Der Colt tut das bis in die Details.

Konstruktion

MerkmalColt SAA (1873)Reichsrevolver M1879
Rahmenfest, geschlossenfest, geschlossen
LadenLadeklappe, Kammer für KammerLadeklappe, Kammer für Kammer
Trommelschaltungbeim Spannen des Hahnsbeim Spannen des Hahns
Abzugnur Single Actionnur Single Action
EntladenAusstoßerstange am Laufkein Ausstoßer
Sicherungkeine bedienbareSicherungshebel am Rahmen
Kaliber.45 Colt10,6 × 25 mm R

Die Übereinstimmung ist bemerkenswert. Beide Waffen beantworten die Frage nach einem robusten Militärrevolver mit demselben Satz Entscheidungen: fester Rahmen statt Kipplauf, Klappe statt Ausschwenktrommel, Handspannung statt Spannabzug. In einer einzigen Zeile weichen sie ab.

Die Ausstoßerstange

Man könnte den fehlenden Ausstoßer beim Reichsrevolver als Zeitproblem abtun, die Technik sei 1879 eben noch nicht reif gewesen. Der Einwand hält der Prüfung nicht stand.

Die Ausstoßerstange in einem Gehäuse rechts unter dem Lauf war schon vor dem SAA Serienbauteil. Charles B. Richards erhielt sein Patent auf die Umrüstung von Perkussionsrevolvern auf Patronenmunition am 25. Juli 1871. Weil umgebaute Revolver zwingend ein Mittel zum Austreiben der Hülsen brauchten, setzte Colt die Ausstoßergehäuse in die frei gewordene Aussparung des Ladehebels. Die Richards-Mason-Umbauten trugen ab 1872 das durchgehende Gehäuse bis an die Trommel. Der SAA von 1873 übernahm dieses Bauteil unverändert.

Als die Gewehr-Prüfungskommission entschied, war die Lösung also seit acht Jahren patentiert, seit sieben Jahren in Serie und an mehreren tausend Waffen erprobt. Der Verzicht ist damit keine Lücke im Stand der Technik. Er ist eine bewusste Gewichtung zugunsten von Teilezahl, Fertigungsaufwand und Robustheit, also dieselbe Logik, die auch gegen Kipplauf und Ausschwenktrommel entschied, hier allerdings ohne erkennbaren Gegenwert.

Einordnung

Umgekehrt ist der Colt nicht auf ganzer Linie der bessere Revolver. Er hat keine bedienbare Sicherung. Sein Schlagbolzen sitzt fest am Hahn und liegt in Ruhestellung auf dem Zündhütchen, weshalb er praktisch nur mit fünf statt sechs Patronen geführt wird. Der Reichsrevolver hat dagegen einen kräftigen Sicherungshebel am Rahmen.

Das verschiebt die Bewertung, hebt sie aber nicht auf. Ein Sicherungshebel kostet ebenfalls Teile. Die deutsche Konstruktion war also durchaus bereit, Aufwand zu treiben, nur eben an einer anderen Stelle: Sie investierte in das Verhindern eines ungewollten Schusses und sparte am Nachladen. Der Colt tat das Gegenteil.

Für das Register ist der SAA damit weniger ein amerikanisches Gewehrkapitel als ein Prüfstein: Er zeigt, dass die auffälligste Schwäche der ersten deutschen Ordonnanzkurzwaffe kein Versäumnis der Epoche war. Siehe auch Kurzwaffen im Systemvergleich.

Waffenrechtliches

Der Colt Single Action Army ist ein sechsschüssiger Revolver mit Einzelladung über die Ladeklappe, also weder Einzellader noch Selbstlader, und keine Kriegswaffe im Sinne des KWKG. Fertigungen vor dem 1. Januar 1871 gibt es bei diesem Modell nicht; der SAA erschien 1873 und ist damit durchgehend erlaubnispflichtig. Siehe Methodik.

Konstruktion

Verschluss
Trommelrevolver mit festem, dreischraubigem Rahmen und geschlossenem Rahmenoberteil. Sechsschüssige Trommel auf einem von vorn eingeschobenen Achsbolzen. Kein Kipplauf, keine ausschwenkbare Trommel.
Ladeprinzip
Einzelladung über eine Ladeklappe rechts am Rahmen. Zum Entladen dient eine federbelastete Ausstoßerstange im Gehäuse rechts unter dem Lauf: Ihr Kopf sitzt vorn und wird nach hinten gedrückt, wodurch die Stange von vorn in die jeweils vor der Ladeklappe stehende Kammer eintritt und die Hülse nach hinten aus der Ladeöffnung schiebt.
Zuführung
Sechsschüssige Trommel, Weiterschaltung beim Spannen des Hahns
Abzug
Ausschließlich Single Action — der Hahn wird für jeden Schuss mit dem Daumen gespannt. Der Abzug löst nur aus, er spannt nicht.
Sicherung
Keine bedienbare Sicherung. Drei Rasten am Hahnstollen ergeben zusammen mit der abgeschlagenen Ruhelage vier Hahnstellungen: abgeschlagen (ohne Rast), Sicherungsraste (Viertelspannung), Laderaste (Halbspannung), Vollspannung. Die vier sprichwörtlichen Klicks beim Spannen sind damit nicht deckungsgleich — der dritte stammt vom einfallenden Trommelsperrbolzen. Der Schlagbolzen sitzt fest am Hahn und ruht in abgeschlagener Stellung unmittelbar auf dem Zündhütchen.
Visierung
Kimmenrille im Rahmenoberteil, Kornblatt auf dem Lauf. Beides fest, ohne jede Verstellmöglichkeit.

Maße und Leistung

Länge
330 mm (7½″-Lauf) · 279 mm (5½″) · 260 mm (4¾″)
Lauflänge
191 mm / 140 mm / 121 mm
Gewicht
ca. 1050 g (Ausführung mit 7½″-Lauf)
Magazin
6 Kammern
V₀
ca. 265–300 m/s (.45 Colt, 255-grs-Geschoss über 40 grs Schwarzpulver; die Angaben schwanken stark je nach Hülsenbauart und Lauflänge)
Kadenz
entfällt — Einzelfeuer, Hahn von Hand gespannt

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Laden

    Die Ladeklappe rechts am Rahmen wird aufgeklappt, der Hahn bis zur Laderaste zurückgezogen. Damit tritt der Sperrbolzen aus der Trommel aus, und die Trommel läuft frei im Uhrzeigersinn. Jede Kammer wird einzeln vor die Ladeöffnung gedreht und gefüllt — technisch derselbe Vorgang wie beim Reichsrevolver.

  2. 2

    Spannen

    Der Hahn wird bis zur Vollspannung durchgezogen. Die Schaltklinke greift dabei in die Trommelverzahnung und dreht die Trommel um genau eine Kammer weiter, während der Sperrbolzen in die Rastnut der Trommel einfällt und Kammer und Lauf ausrichtet.

  3. 3

    Schuss

    Der Abzug gibt den Hahn frei. Der am Hahn befestigte Schlagbolzen trifft das Zündhütchen. Zwischen Trommel und Lauf bleibt der bauartbedingte Spalt, an dem Gas entweicht.

  4. 4

    Wiederholen

    Für jeden weiteren Schuss muss der Hahn erneut mit dem Daumen gespannt werden. Die Schussfolge hängt damit an der Handhabung, nicht an der Mechanik — genau wie beim Reichsrevolver.

  5. 5

    Entladen — hier trennen sich die Wege

    Ladeklappe auf, Hahn in die Laderaste. Der Kopf der Ausstoßerstange rechts unter dem Lauf wird mit Daumen oder Zeigefinger nach hinten gedrückt; die Stange fährt von vorn in die Kammer ein, die gerade vor der Ladeöffnung steht, und schiebt die Hülse nach hinten aus dem Rahmen. Anschließend zieht ihre Feder die Stange wieder nach vorn. Trommel eine Kammer weiterdrehen, wiederholen. Sechs Hülsen in wenigen Sekunden, ohne Werkzeug, ohne Absetzen der Waffe. Der Reichsrevolver hat für exakt diesen Schritt kein Bauteil.

  6. 6

    Führen

    Weil der Schlagbolzen fest am Hahn sitzt und in Ruhestellung auf dem Zündhütchen liegt, ist das Führen mit sechs Patronen gefährlich. Die Praxisregel lautet seit jeher: fünf laden, die sechste Kammer leer unter dem Hahn. Die Sicherungsraste fängt nur einen abrutschenden Hahn ab; ein Schlag auf den Hahnsporn bricht sie.

Revolver mit festem Rahmen, Ladeklappe und ohne Ausstoßer

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Laden: Die Ladeklappe rechts am Rahmen wird geöffnet, die Trommel von Hand weitergedreht und jede Kammer einzeln durch die Öffnung gefüllt.
  2. 2 Schuss: Der Hahn muss für jeden Schuss von Hand gespannt werden (Single Action); dabei dreht das Schaltwerk die Trommel um eine Kammer weiter.
  3. 3 Entladen: Es gibt keinen Ausstoßer. Die Hülsen müssen einzeln durch die geöffnete Ladeklappe herausgedrückt werden — ein zügiges Nachladen ist konstruktiv ausgeschlossen.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Reichsrevolver M1879 / M1883

Suhler Konsortium, Gewehrfabrik Erfurt, Mauser · Deutschland · 1879
System
Revolver mit festem Rahmen, Ladeklappe, Single Action — aber ohne Ausstoßerstange
Unterschied
Rahmen, Ladeklappe, Trommelschaltung und Abzugsprinzip sind derselbe konstruktive Ansatz. Der einzige funktionale Unterschied ist die Ausstoßerstange: Der Colt hat sie, der sechs Jahre jüngere Reichsrevolver nicht. Ohne sie müssen die Hülsen einzeln von vorn aus den Kammern getrieben werden.
Befund
Der Kernbefund dieses Eintrags. Die Ausstoßerstange war 1879 kein Novum, sondern seit den Colt-Patronenumbauten von 1871 in Serie und patentiert. Der Reichsrevolver verzichtet also nicht mangels Verfügbarkeit, sondern weil die Gewehr-Prüfungskommission anders gewichtete.

Smith & Wesson Model 3 „Schofield"

Smith & Wesson · USA · 1875
System
Kipplaufrevolver mit selbsttätigem Sternausstoßer, Single Action, .45 S&W Schofield
Unterschied
Der unterlegene Konkurrent aus denselben US-Truppenversuchen. Beim Abkippen wirft ein Sternausstoßer alle sechs Hülsen gleichzeitig aus — deutlich schneller als die Stange am Colt, aber um den Preis eines geteilten Rahmens.
Befund
Zeigt, dass auch in den USA drei Entladekonzepte nebeneinander bewertet wurden. Die Armee entschied sich für den festeren Rahmen und nahm die langsamere Entladung in Kauf — dieselbe Abwägung wie in Berlin, nur ohne den Verzicht auf das Bauteil selbst.

Nagant M1895

Fabrique d'armes Émile et Léon Nagant, später Tula · Belgien / Russland · 1895
System
Revolver mit festem Rahmen, Ladeklappe, Ausstoßerstange und zusätzlichem Trommelvorschub zur Abdichtung des Trommelspalts
Unterschied
Übernimmt die Bauform des Colt fast unverändert — fester Rahmen, Klappe, Stange — und ergänzt sie um die gasdichte Verriegelung sowie um Spannabzug.
Befund
Belegt die Langlebigkeit des Colt-Layouts: Zweiundzwanzig Jahre später steht dasselbe Grundschema noch am Anfang einer neuen Ordonnanzwaffe.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Kein sicheres Führen mit voller Trommel

    Der starr am Hahn sitzende Schlagbolzen ruht in abgeschlagener Stellung auf dem Zündhütchen. Die Sicherungsraste ist filigran und bricht bei einem Schlag auf den Hahn. Der Revolver wird deshalb praktisch nur mit fünf Patronen geführt — ein Sechstel der Kapazität geht verloren.

    gesichert

  • Entladen bleibt ein Einzelvorgang

    Die Ausstoßerstange beschleunigt das Entladen erheblich, ersetzt aber keinen Sternausstoßer: Jede Hülse wird einzeln ausgestoßen, jede Kammer einzeln nachgeladen. Gegenüber Kipplaufrevolvern mit Sammelausstoßung bleibt der Colt langsam.

    gesichert

  • Nur Single Action

    Ohne Spannabzug muss für jeden Schuss umgegriffen oder die zweite Hand eingesetzt werden. Ab den 1890er Jahren war das gegenüber Double-Action-Konstruktionen ein klarer Rückstand.

    gesichert

  • Visierung nicht verstellbar

    Kimmenrille und festes Korn erlauben keinerlei Anpassung an Laborierung oder Entfernung. Korrekturen erfolgten nur durch Nachfeilen.

    plausibel

Verwendung

  • Ordonnanzrevolver der US-Armee von 1873 bis zur Ablösung durch den Colt M1892
  • Kavallerieausführung mit 7½″-Lauf, verkürzte „Artillery"-Ausführung mit 5½″-Lauf aus Instandsetzungsbeständen, zivile Ausführung mit 4¾″-Lauf
  • Nach der Einführung des M1892 in .38 wurden SAA-Bestände wegen der besseren Wirkung des .45 Colt zeitweise wieder ausgegeben
  • Ziviler Dauerläufer: erste Fertigungsgeneration 1873–1941, danach ab 1956 erneut aufgelegt und bis heute gebaut

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (en) — Colt Single Action Army Link
  2. [Online] American Rifleman — The Colt Single Action Army — A Look Back Link
  3. [Online] American Rifleman — Colt Model 1871-72 Open Top — The Revolver That Begat The Single Action Army Link
  4. [Online] AllOutdoor — Curious Relics — Die Richards-Mason-Umbauten und ihre Ausstoßergehäuse Link
  5. [Online] Firearms Research Center — Designing a Safety for a Colt Single Action Army Link