Hersteller · Suhl
C. G. Haenel Waffen- und Fahrradfabrik, Suhl
Carl Gottlieb Haenel gründete den Betrieb 1840 als Waffen- und Fahrradfabrik in Suhl — die Doppelfertigung aus Waffen und Zweirädern war für die Region typisch und findet sich ebenso bei Simson.
Der Konstrukteur
1921 trat Hugo Schmeisser ein, zuvor bei Bergmann tätig. Zunächst entstanden Taschenpistolen nach seinen Patenten. Aus dieser Verbindung von Suhler Fertigungskapazität und Schmeisser’scher Konstruktion wurde die folgenreichste Werkstattbeziehung der Region — Einzelheiten unter Die Schmeissers.
Zwei Gattungen aus einem Haus
| Waffe | Bedeutung | Rechtsstatus heute |
|---|---|---|
| MP 28 | Weiterentwicklung der bei Bergmann entstandenen MP 18,I | Kriegswaffe |
| MP 40 / MP 41 | Fertigungsanteile der Standard-MP der Wehrmacht | Kriegswaffe |
| MKb 42(H) → StG 44 | erste in großer Serie gebaute Waffe der Gattung Sturmgewehr | Kriegswaffe |
Der Entwicklungsauftrag für den Maschinenkarabiner ging 1938 an Haenel, die Leitung übernahm Schmeisser. Damit ist Suhl der Ort, an dem sowohl die Maschinenpistole als auch das Sturmgewehr zur Serienreife kamen — ein Befund, der in der allgemeinen Wahrnehmung der Stadt als Jagdwaffenzentrum meist untergeht.
Beteiligung am Reichsrevolver
Vor der Automatwaffen-Ära gehörte Haenel zum Suhler Konsortium, das den Reichsrevolver M1879/M1883 lieferte — gemeinsam mit V. C. Schilling und Spangenberg & Sauer. Die Firma umspannt damit den gesamten Zeitraum dieses Registers, von der ersten reichseinheitlichen Ordonnanzwaffe bis zum Sturmgewehr.
Abgrenzung. Sämtliche vollautomatischen Haenel-Konstruktionen sind Kriegswaffen im Sinne des KWKG. Dieses Register dokumentiert sie ausschließlich als Industrie- und Technikgeschichte. Siehe Methodik.
Zwangsarbeit
Die Prüfung dieses Registers ist für Haenel abgeschlossen und positiv ausgefallen. Sie stützt sich nicht auf einen Rückschluss aus der Betriebsgröße, sondern auf Schriftgut aus der eigenen Registratur der Firma: Zwei Stücke aus der Akte Fa. C. G. Haenel Suhl Nr. 141 im Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Meiningen wurden 2002 in der Quellenedition Zwangsarbeit in Thüringen 1940–1945 im Wortlaut veröffentlicht.
Das ist für diesen Eintrag mehr als eine Randnotiz. Die Sturmgewehr-Entwicklung gilt als die konstruktive Spitzenleistung der Region; sie fällt in dieselben Jahre wie die beiden Dokumente und in dieselbe Belegschaft. Beides gehört in dieselbe Fertigungsgeschichte — siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.
Der Rahmen: Suhl als Zwangsarbeitsstandort
Die Zuteilung von Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern für die Rüstungsindustrie im Raum Suhl/Zella-Mehlis lief über das Stammlager Bad Sulza. Für die Stadt selbst stehen mehrere Größenordnungen nebeneinander, die sich nicht decken:
| Angabe | Quelle |
|---|---|
| mehr als 10.000 Zwangsarbeiter bei 23.000 Einwohnern, 75 Lager | zweibändige Schülerdokumentation von 1998 (rund 40 Suhler Schülerinnen und Schüler, vier Schulen, zwei Jahre Recherche) |
| etwa 10.000 bei 20.000 Einwohnern | Wikipedia-Artikel zur Stadt |
| über 8.500 Befreite aus 14 Nationen, über 30 Lager | Stadtarchiv Suhl, Ausstellung (2020 erstellt) |
| bis zu 8.500, davon 150 Tote | Zeitschrift Alerta der Antifaschistischen Gruppen Südthüringen, ohne Quellenangabe |
Dieses Register führt alle vier und entscheidet den Widerspruch nicht. Festzuhalten ist die Größenordnung: Auf jeden zweiten bis dritten Einwohner der Stadt kam ein Mensch, der hier zur Arbeit gezwungen war.
Die „Arbeitsgemeinschaft Barackenlager Fröhlicher Mann”
Am 8. Februar 1943 schlossen sich zehn Suhler und Zella-Mehliser Waffenfirmen zu einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts zusammen — „zwecks gemeinsamer Errichtung, Finanzierung und Unterhaltung eines Gemeinschaftslagers zur lagermässigen Unterbringung von Arbeitskräften”. Bei einer Belegfähigkeit von 902 Mann verteilten sich die Anteile so:
| Firma | Plätze |
|---|---|
| J. P. Sauer & Sohn, Suhl | 220 |
| C. G. Haenel, Suhl | 165 |
| Venus-Waffenwerk Oskar Will, Zella-Mehlis | 132 |
| Remo-Gewehrfabrik Gebrüder Rempt, Suhl | 100 |
| Fr. Langenhan, Zella-Mehlis | 88 |
| J. G. Anschütz, Zella-Mehlis | 77 |
| Suhler Waffenwerk Gebrüder Merkel, Suhl | 55 |
| Greifelt & Co., Suhl | 44 |
| Schmidt & Habermann, Suhl | 11 |
| Christoph Funk, Suhl | 10 |
Haenel hielt damit den zweitgrößten Anteil. Die Errichtungskosten waren auf rund 400.000 Reichsmark veranschlagt und im Verhältnis der Anteile zu tragen; in gleicher Höhe hatten die Gesellschafter ihren Wechselkredit einzubringen. Den Vorstand bildeten ein Vorsitzer und zwei Beisitzer: Vorsitzender Herr Rempt, erster Beisitzer Herr Foss, zweiter Beisitzer Herr Haenel. Ob damit ein Namensträger der Gründerfamilie oder schlicht der Vertreter der Firma gemeint ist, geht aus dem Vertragsabdruck nicht hervor.
Zwei Einzelheiten des Vertrags sind aufschlussreich. Erstens die Kündigungsfrist: Vor dem 31. Dezember 1945 war eine Kündigung nur einstimmig möglich — die Gesellschafter rechneten im Februar 1943 mit einem Lagerbetrieb bis mindestens Kriegsende plus Reserve. Zweitens die Gewinnklausel: „An dem Gewinn und Verlust sind die Gesellschafter im Verhältnis ihrer Anteile beteiligt.” Das Lager war als Wirtschaftsbetrieb angelegt.
(ThStAM, Fa. C. G. Haenel Suhl Nr. 141, Bl. 61)
Das Lager war zu diesem Zeitpunkt nicht neu. Das zeigt ein Schreiben aus derselben Quellenedition, dessen eigentlicher Inhalt hier nicht übergangen werden soll: Am 15. August 1942 ersuchte die Firma J. P. Sauer & Sohn die Gestapo, gegen einen namentlich genannten sowjetischen Zwangsarbeiter vorzugehen, den sie für Fluchten und Widersetzlichkeit im Lager verantwortlich machte. Die Firma schrieb, sie glaube bestimmt, „daß eine Beseitigung – in welcher Form, das müsste der Geheimen Staatspolizei überlassen bleiben – das Wirksamste wäre”. Nebenbei ist dem Schreiben zu entnehmen, dass der Mann am 20. Juni 1942 „zum Lager Fröhlicher Mann überwiesen” und im August 1942 „wieder zur Beschäftigung beim Bau des Lagers” eingesetzt wurde. Der Gesellschaftsvertrag von 1943 regelte also den Ausbau und den gemeinschaftlichen Betrieb einer bereits bestehenden, noch im Bau befindlichen Anlage.
Dieses Stück gehört zur Überlieferung von Sauer, nicht von Haenel, und sagt über Haenel nichts aus. Es steht hier, weil es das Lager datiert — und im Wortlaut, weil ein Register, das ein Dokument dieser Art stillschweigend auf einen Datumsbeleg verkürzte, seinen Gegenstand verfehlen würde.
(ThStAM, Fa. J. P. Sauer u. Sohn Suhl Nr. 74, Bl. 17)
Die Beschwerdeliste vom 18. März 1943
Das zweite Stück aus der Haenel-Akte Nr. 141 hält fest, wie es in diesem Lager zuging. Es beginnt mit dem Satz: „Folgende Beschwerden werden von den im Lager ‚Fröhlicher Mann’ Untergebrachten vorgetragen.” Die acht Punkte sind also die Klagen der dort Eingesperrten selbst, aufgenommen und weitergereicht von der Firma; aussagekräftig ist das Schriftstück, weil sein Schluss den betrieblichen Zweck offenlegt: Die Beschwerden münden nicht in eine Forderung nach Abhilfe für die Betroffenen, sondern in einen Vorschlag zur Verpflegungs- und Transportlogistik.
- Keine Waschgelegenheit für Arbeitsanzüge und Leibwäsche.
- Keine Bettwäsche, während sie „in den betriebseigenen Lagern … den Ausländern, mit Ausnahme der Ostarbeiter” gestellt wurde.
- Nachtschichtarbeiter mussten um 11.30 Uhr aufstehen, die Stuben herrichten und durften sich danach nicht wieder hinlegen; sie seien „nachts übermüdet”.
- Wer sich weigerte, an der Gemeinschaftsverpflegung teilzunehmen, bekam zur Strafe keine Kohlen; die Krankmeldungen stiegen, auch die Krankenstube blieb ungeheizt.
- Der Lagerführer Sutor habe „verschiedentlich Ausländer grundlos geschlagen”. Gegenüber der französischen Dolmetscherin Frau Duyver äußerte er, die Franzosen seien „durchweg unsere Feinde und es schadete nichts, wenn sie geschlagen würden”.
Der Schluss des Schreibens ist der betriebswirtschaftliche: Die Untergebrachten seien „unzufrieden, mitunter sogar arbeitsunwillig”; man möge sie künftig aus der eigenen Werksküche mitverpflegen, dann falle der Essentransport weg, der „seit 28.11.42 ununterbrochen allein” von der eigenen Firma geleistet werde und täglich Fahrer und Kraftfahrzeug über zwei Stunden binde.
(ThStAM, Fa. C. G. Haenel Suhl Nr. 141, Bl. 50)
Wer schrieb das? Das Original ist unterschrieben, die Edition gibt den Namenszug aber nur als „[Unterschrift]” wieder und löst ihn nicht auf. Der Text spricht in der Wir-Form von einer eigenen Werksküche, einer eigenen französischen Dolmetscherin und einem eigenen Essentransport; überliefert ist er in der Haenel-Akte. Die naheliegende Zuschreibung an Haenel stützt sich damit auf den Überlieferungsort und den inneren Befund, nicht auf einen gelesenen Aussteller. Dieses Register führt sie als solche und nicht als Feststellung.
Der Nebensatz über die betriebseigenen Lager ist für sich ein Befund: Neben dem Gemeinschaftslager bestanden Werkslager der beteiligten Firmen, und in ihnen galt eine abgestufte Behandlung — Bettwäsche für alle Ausländer außer den Ostarbeitern. Wo Haenels eigene Unterkünfte lagen und wie viele Menschen dort untergebracht waren, ist hier nicht ermittelt.
Was das mit dem Sturmgewehr zu tun hat
Die beiden Dokumente stammen aus dem Februar und März 1943. Ein halbes Jahr später, im August 1943, erreichte das Werk mit 1.821 Beschäftigten die höchste Belegschaftszahl seiner Geschichte; im selben Jahr gingen die ersten rund 10.000 MKb 42/MP 43 an die Front, ab April 1944 lief das Sturmgewehr 44. Für 1944 weist das Findbuch des Firmenbestands einen Rekordgewinnumsatz von 27.420.000 RM aus.
Das ist die Rechnung, die dieser Eintrag offenlegt: Die konstruktive Leistung, für die Suhl in der Waffenliteratur steht, entstand in einem Betrieb, der zur selben Zeit 165 Plätze in einem Zwangsarbeiterlager finanzierte und den höchsten Gewinn seiner Geschichte auswies.
Zwei Einschränkungen gehören unmittelbar dazu, damit aus dem Zusammenhang keine Behauptung wird. Erstens sagen die 165 Plätze nichts über die Zahl der bei Haenel eingesetzten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter: Sie bezeichnen einen Finanzierungsanteil an einem Gemeinschaftslager, nicht eine Kopfzahl des Werks, und die betriebseigenen Lager kommen hinzu. Eine Quote an der Belegschaft ist aus den vorliegenden Quellen nicht zu bilden und wird hier nicht geschätzt. Zweitens ist nicht belegt, in welchen Betriebsteilen die Betroffenen arbeiteten — ob in der Maschinenkarabinerfertigung, in der Zulieferung oder in Nebenbereichen. Die zeitliche Nähe ersetzt diesen Nachweis nicht.
Kein KZ-Außenlager bei Haenel
Das einzige Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Suhl bestand vom **15. Juli bis
- Oktober 1943** und war den Gustloff-Werken (Heinrichswerk) zugeordnet, nicht Haenel. Die SS brachte am 15. Juli 1943 achtzig Häftlinge aus Buchenwald; über die rund zehn Wochen durchliefen 91 Häftlinge das Lager, die Belegung blieb konstant bei 80. Mindestens zwei Drittel waren Polen, viele im Frühjahr 1943 aus Majdanek nach Buchenwald überstellt; die übrigen kamen aus Deutschland, der Sowjetunion, Belgien, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und den Niederlanden. Sie mussten ein Barackenlager für die spätere Unterbringung ausländischer Zwangsarbeiter errichten; nur fünf galten als Facharbeiter. Ab Mitte August 1943 gab es keinen arbeitsfreien Tag mehr. Am 19. Juli 1943 erschoss ein SS-Posten den 36-jährigen polnischen Häftling Edward Piskorz, Vater von vier Kindern, bei einem angeblichen Fluchtversuch; sein Leichnam wurde in Buchenwald verbrannt.
Für Haenel gilt damit: Ziviler Zwangsarbeitseinsatz ist belegt, KZ-Häftlingseinsatz nicht. Für Kriegsgefangene liegt für diesen Betrieb ebenfalls kein Beleg vor — was angesichts der Zuteilung über das Stammlager Bad Sulza nichts über die Sache aussagt, sondern über den Rechercheestand.
Hugo Schmeisser in der NS-Zeit
Der Auftrag dieses Registers verlangt, die Rolle des Konstrukteurs über die Konstruktion hinaus zu prüfen. Das Ergebnis ist gemischt und wird hier so wiedergegeben.
Verbreitet dargestellt, aber nicht belegt ist die ungewöhnliche gesellschaftsrechtliche Stellung der Brüder: Hugo und Hans Schmeisser sollen formal Prokuristen geblieben sein, obwohl sie Anteilseigner und faktisch geschäftsführende Gesellschafter waren, und anders als die meisten angestellten Konstrukteure ihrer Zeit persönlich am Geschäft über Lizenzgebühren und Gewinnanteile partizipiert haben. Träfe das zu, so ginge der Rekordgewinn von 1944 anteilig an sie — das ist eine Folgerung, kein Befund.
Diese Angaben stehen allein in der Wikipedia, dort ohne Einzelnachweis, und zwar in demselben Absatz wie die weiter unten verworfene Udet-Behauptung. Sie können deshalb nicht anders gewichtet werden als jene. Das Findbuchvorwort des Firmenbestands, die einzige archivnahe Quelle dieses Eintrags zu diesem Punkt, nennt die Brüder schlicht „leitende Angestellte” und schweigt zu Anteilen, Lizenzgebühren und Gewinn. Aus derselben unbelegten Darstellung stammt der Zusammenschluss von 1934 zu den Vereinigten Suhl-Zella-Mehlisser Waffenfabriken, für den die Suhler Firmen eigene Berliner Büros unterhielten.
Nicht belegt — und ausdrücklich nicht behauptet — sind eine NSDAP-Mitgliedschaft, der Titel eines Wehrwirtschaftsführers oder eine Funktion in einer NS-Organisation. In den für diesen Eintrag ausgewerteten Quellen findet sich dazu nichts. Das ist ein Rechercheergebnis und keine Feststellung des Gegenteils: Geprüft wurden Nachschlagewerke und Netzquellen, nicht die NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv und nicht die Entnazifizierungsakten.
Nicht übernommen wird die verbreitete Angabe, Schmeisser habe über seine Bekanntschaft mit Ernst Udet „direkten Einfluss” auf die Waffenentwicklung bis in den Entscheidungsbereich Görings und Hitlers nehmen können. Sie steht in der Wikipedia ohne Einzelnachweis und ist hier nicht nachprüfbar.
Der nächste Schritt für diesen Punkt liegt fest: Norbert Moczarski, Archivar des Haenel-Bestands, hat 1999 und 2009 zwei Arbeiten zu den Gebrüdern Schmeisser vorgelegt. Beide sind hier nicht ausgewertet.
Nach 1945
Am 3. April 1945 besetzten amerikanische Truppen Suhl und verhängten für alle Waffenwerke ein sofortiges Produktionsverbot. Mitte Juli 1945 nahm das Haenel-Werk auf Betreiben des sowjetischen Stadtkommandanten eine zivile Fertigung wieder auf — freigegeben waren Fahrräder, Fahrradteile, Automobilteile und Luftgewehre; tatsächlich produzierte die auf 113 Arbeiter geschrumpfte Belegschaft in den folgenden Monaten vor allem Federkästen für Schulkinder, Haushaltsartikel und Doppelflintenläufe.
Im Zuge der SMAD-Befehle 124/126 vom 30./31. Oktober 1945 wurde das Werk am 8. Januar 1946 unter Sequester gestellt. Mit Befehl Nr. 21 der SMA Thüringen vom 18. Januar 1946 wurde der Betrieb in die Jagdgewehrproduktion der Suhler Firmen eingegliedert und fertigte damit erstmals nach dem Krieg wieder offiziell Waffen; seit dem 26. Februar 1946 trug er den Beinamen „Ernst Thälmann”. Das Werk wurde 1946 weitgehend demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion abtransportiert. Unter dem Namen Haenel liefen in der DDR vor allem Luftgewehre und Sportwaffen.
Offene Forschungsfragen. Zum Zwangsarbeitskomplex fehlen die Kopfzahlen: Wie viele Menschen bei Haenel zur Arbeit gezwungen waren, woher sie kamen, wo die betriebseigenen Lager lagen und ob es Todesfälle gab, ist aus den hier ausgewerteten Quellen nicht zu beantworten. Der Bestand Fa. C. G. Haenel Suhl (4-94-1203, Laufzeit 1837–1970) im Staatsarchiv Meiningen ist nicht im Original eingesehen; ausgewertet sind nur das Findbuchvorwort und zwei edierte Stücke aus der Akte Nr. 141. Zu Hugo Schmeisser steht die Auswertung der beiden Moczarski-Arbeiten und der Personenakten aus. Offen bleiben ferner die Fertigungskennzeichen der NS-Zeit, die Betriebsnamenfolge der DDR-Jahre, das Verhältnis zu den übrigen Suhler VEB und die Kennzeichnung der DDR-Erzeugnisse.
Rechtsform und Firmierung
- 1840
- C. G. Haenel Waffen- und Fahrradfabrik · Familienbetrieb
Gegründet von Carl Gottlieb Haenel, Fabrikenkommissar, mit Unterstützung des preußischen Staates — zunächst als offene Handelsgesellschaft und mit dem Auftrag, neben der Gewehrfertigung auch Militärwaffenmeister auszubilden, da es zu diesem Zeitpunkt keine staatlichen Gewehrfabriken gab.
- Mitte der 1920er Jahre
- C. G. Haenel Waffen- und Fahrradfabrik Suhl · Kommanditgesellschaft
Umstrukturierung; zur gleichen Zeit traten die Brüder Hugo und Hans Schmeisser ein — nach dem Findbuchvorwort als leitende Angestellte, nach der Wikipedia-Darstellung im Frühjahr 1925 als Prokuristen.
- 8. Januar 1946
- Sequester nach den SMAD-Befehlen 124/126 · Beschlagnahme
Mit Befehl Nr. 21 der SMA Thüringen vom 18. Januar 1946 in die Jagdgewehrproduktion der Suhler Firmen eingegliedert; ab 26. Februar 1946 trug der Betrieb den Beinamen „Ernst Thälmann". 1946 wurde das Werk weitgehend demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion abtransportiert.
- DDR-Zeit
- Volkseigener Betrieb · Volkseigentum
Unter dem Namen Haenel liefen in der DDR vor allem Luftgewehre und Sportwaffen; die Betriebsnamenfolge dieser Phase ist hier noch nicht im Einzelnen belegt.
- nach 1990
- C. G. Haenel GmbH, Suhl · Fortführung nach der Einheit
Heute wieder Hersteller von Sport-, Behörden- und Militärwaffen. 2020 zunächst Sieger der Bundeswehr-Ausschreibung zur G36-Nachfolge; der Zuschlag wurde widerrufen, das Unternehmen 2021 wegen Patentverletzung vom Verfahren ausgeschlossen. Den Auftrag erhielt Heckler & Koch.
Fertigungsprogramm
- ab 1840
- Handfeuerwaffen und Fahrräder
- 1879–1908
- Anteil an der Konsortialfertigung des Reichsrevolvers M1879/M1883
- ab 1928
- MP 28
Weiterentwicklung der MP 18,I, die bei Theodor Bergmann in Suhl entstanden war. Haenel rüstete zudem vorhandene MP 18,I auf gerade Stangenmagazine um — daher die verbreitete, aber falsche Zuschreibung der MP 18 an dieses Haus.
- ab 1921
- Taschenpistolen nach Schmeisser-Patenten
- 1938–1945
- MKb 42(H), MP 43, MP 44, Sturmgewehr 44
Entwicklungsauftrag 1938 unter Hugo Schmeisser; erste in großer Serie gebaute Waffe der Gattung Sturmgewehr.
- im Zweiten Weltkrieg
- Fertigungsanteile MP 40 und MP 41
- DDR-Zeit
- Luftgewehre und Sportwaffen
- heute
- Sport-, Behörden- und Militärwaffen, darunter das MK 556
Standorte
- Suhl
Waffen- und Fahrradfabrik — die Doppelfertigung war für die Region typisch und findet sich ebenso bei Simson.
Personen
- Carl Gottlieb Haenel — Gründer, 1840
- Hugo Schmeisser — Konstrukteur; zuvor bei Bergmann, wo die MP 18,I entstand. Bei Haenel folgten die [MP 28](/modelle/mp-28) und der Maschinenkarabiner. Nach der Wikipedia-Darstellung, archivalisch hier nicht nachgeprüft, formal Prokurist, tatsächlich Anteilseigner und geschäftsführender Gesellschafter und am Geschäft über Lizenzgebühren und Gewinnanteile persönlich beteiligt, ab 1921 bzw. 1925
- Hans Schmeisser — Bruder Hugo Schmeissers, gemeinsam mit ihm eingetreten; nach derselben Darstellung ebenfalls Anteilseigner und am Gewinn beteiligt, ab Mitte der 1920er Jahre
Beschäftigte
- Anfang der 1890er Jahre · ca. 850
- bis 1914 · 300 bis 500
- Erster Weltkrieg · 1.000 (Fertigung des Gewehrs 98 in Zusammenarbeit mit J. P. Sauer & Sohn.)
- August 1943 · 1.821 (Höchste Belegschaftszahl seit Bestehen der Firma.)
- Herbst 1945 · 113 (Nach dem alliierten Produktionsverbot; gefertigt wurden Federkästen für Schulkinder, Haushaltsartikel und Doppelflintenläufe.)
Zwangsarbeit — belegt
Belegt durch Schriftgut aus dem eigenen Firmenbestand im Staatsarchiv Meiningen. Haenel gehörte zu den zehn Suhler und Zella-Mehliser Waffenfirmen, die sich am 8. Februar 1943 zur „Arbeitsgemeinschaft Barackenlager Fröhlicher Mann" zusammenschlossen — einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts zur gemeinsamen Errichtung, Finanzierung und Unterhaltung eines Zwangsarbeiterlagers mit 902 Plätzen. Haenel hielt mit 165 Plätzen den zweitgrößten Anteil nach J. P. Sauer & Sohn (220 Plätze) und stellte den zweiten Beisitzer des Vorstands; die Errichtungskosten von rund 400.000 Reichsmark waren im Verhältnis der Anteile zu tragen. Vertrag und Beschwerdeliste vom 18. März 1943 über die Zustände im Lager liegen im Bestand der Firma (ThStAM, Fa. C. G. Haenel Suhl Nr. 141, Bl. 61 und Bl. 50). In dieselben Jahre fallen die höchste Belegschaftszahl der Firmengeschichte (1.821 im August 1943) und der Rekordgewinnumsatz von 27.420.000 RM für 1944 — die Jahre der MP 43/44- und Sturmgewehr-44-Serie. Nicht belegt sind eine Gesamtzahl der bei Haenel eingesetzten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, ihre Herkunftsländer, betriebseigene Lager, der Einsatz von Kriegsgefangenen und Todesfälle. KZ-Häftlingseinsatz ist für Haenel nicht belegt: Das einzige Suhler Außenlager des KZ Buchenwald bestand vom 15. Juli bis 1. Oktober 1943 bei den Gustloff-Werken.
Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .
Verbleib
Als einziger der großen Suhler Namen besteht Haenel bis heute am Ort fort — ohne den Umweg über eine westdeutsche Neugründung, wie ihn Sauer, Walther, Anschütz und Krieghoff nahmen. Die Linie reicht damit von 1840 bis in die Gegenwart; siehe Haenel MK 556.
Modelle dieses Herstellers
- Haenel Modell 310
- Haenel Modell 312
- Maschinenkarabiner 42(H) und Sturmgewehr 44 (Kriegswaffe — nur Dokumentation)
- MP 28,II
- MP 40 (Kriegswaffe — nur Dokumentation)
- Reichsrevolver M1879 / M1883
Quellen
- [Literatur] Moczarski / Post / Weiß (Hrsg.) — Zwangsarbeit in Thüringen 1940–1945. Quellen aus den Staatsarchiven des Freistaates Thüringen , Quellen zur Geschichte Thüringens, Bd. 19, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2002, ISBN 3-931426-67-X — Dok. 30 (Vertrag vom 8. Februar 1943) und Dok. 31 (Beschwerdeliste vom 18. März 1943), beide aus ThStAM, Fa. C. G. Haenel Suhl Nr. 141 Link
- [Archiv] Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Meiningen — Bestand Fa. C. G. Haenel Suhl, Bestandssignatur 4-94-1203, Laufzeit 1837–1970 , Findbuch 2013, bearbeitet von Norbert Moczarski und Thomas Eifert; Vorwort mit Beschäftigtenzahlen, Gewinnumsatz 1944 und Sequesterdaten Link
- [Literatur] Moczarski / Post / Weiß (Hrsg.) — Zwangsarbeit in Thüringen 1940–1945 — Dok. 109 , Gesuch der Firma J. P. Sauer u. Sohn Suhl an die Gestapo vom 15. August 1942 („Beseitigung" eines Zwangsarbeiters), ThStAM, Fa. J. P. Sauer u. Sohn Suhl Nr. 74, Bl. 17 — hier nur als Datierung des Lagerbaus und im Wortlaut zitiert Link
- [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Suhl Link
- [Online] Berliner Zeitung — Getroffen in Suhl — über die zweibändige Schülerdokumentation von 1998 Link
- [Online] Stadt Suhl — Ausstellung des Stadtarchivs zur Befreiung der Stadt durch die US-Armee Link
- [Online] Wikipedia (de) — Suhl — Angabe „Auf 20.000 Einwohner kamen etwa 10.000 Zwangsarbeiter" Link
- [Online] Alerta (Antifaschistische Gruppen Südthüringen) — Vom Tag der Befreiung und wie Täter zu Opfern werden , Angabe „bis zu 8.500 Zwangsarbeiter*innen … 150 von ihnen überlebten diese Zwangsarbeit nicht" — ohne Quellenangabe geführt Link
- [Literatur] Norbert Moczarski — Die Ära der Gebrüder Schmeisser in der Waffenfabrik Fa. C. G. Haenel Suhl 1921–1948. Ein weitgehend unbekanntes Kapitel Suhler Industriegeschichte , Jahrbuch des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins, Hildburghausen 1999, S. 237–268 — hier nicht ausgewertet
- [Literatur] Norbert Moczarski — Zwischen Tabu und Legende. Der weltbekannte Suhler Waffenkonstrukteur Hugo Schmeisser (1884–1953) , Suhler Reihe Nr. 29, Suhl 2009, 72 Seiten — hier nicht ausgewertet
- [Online] Wikipedia (de) — C. G. Haenel Link
- [Online] Wikipedia (de) — Hugo Schmeisser Link
- [Online] C. G. Haenel — Unternehmensdarstellung Link