Modell
Pistole M (Makarow)
- Fertigung
- VEB Ernst-Thälmann-Werk , Simson Suhl
- Kaliber
- 9 × 18 mm Makarow
- Zeitraum
- 1958–1997
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Diese Pistole kommt ohne jede Verriegelung aus — im Augenblick des Schusses hakt nichts ineinander —, und darauf ist alles an ihr abgestimmt. Der Lauf steht fest im Griffstück; um ihn herum liegt die Schließfeder, die er zugleich führt. Darüber sitzt der Verschluss, ein massives Stahlstück, das die Feder nach vorn gegen den Lauf drückt — mehr hält den Lauf hinten nicht zu. Beim Schuss presst der Druck der Pulvergase die Patronenhülse nach hinten gegen den Verschluss, und der beginnt sofort zurückzuweichen. Weil er schwer ist, kommt er in der kurzen Zeit, in der das Geschoss noch im Lauf steckt, nur wenige Zehntelmillimeter weit; erst danach, wenn der Druck gefallen ist, läuft er wirklich auf. Dabei nimmt er die leere Hülse mit, die gegen einen festen Vorsprung stößt und seitlich herausfliegt, und drückt dabei den Hahn nieder — den außen liegenden Hebel, der beim Auslösen vorschnellt und die Patrone zündet. Dann schiebt die Feder ihn wieder nach vorn, und er nimmt die nächste der acht Patronen aus dem Magazin im Griff mit in den Lauf. Diese Bauart spart Teile und enge Passungen, hat aber eine harte Grenze: Ein Verschluss, der allein durch sein Gewicht hält, verträgt nur begrenzten Druck. Deshalb bestimmt hier die Patrone die Waffe und nicht umgekehrt — die Munition dieser Pistole wurde eigens so ausgelegt, dass sie genau an dieser Grenze arbeitet. Ein weiteres Merkmal betrifft die Bedienung: Der erste Schuss lässt sich aus dem entspannten Zustand durch bloßes Durchziehen abgeben, weil der Abzug den Hahn dabei selbst spannt.
Die Pistole M, so die DDR-Bezeichnung der sowjetischen PM (Pistolet Makarowa), war die Standarddienstpistole der bewaffneten Organe der DDR: NVA, Volkspolizei, MfS und später die Kampfgruppen der Arbeiterklasse.
Fertigung
Dieses Register hatte die Suhler Fertigung zunächst als ungeklärt geführt, weil die Angaben in der Literatur unvereinbar schienen. Aufgelöst wird der Widerspruch durch zwei getrennte Fertigungsphasen, die in der Sammlerdiskussion regelmäßig vermengt werden.
| Phase 1 | Phase 2 | |
|---|---|---|
| Betrieb | VEB Ernst-Thälmann-Werk | Simson Suhl |
| Prototypen | 1957 | 1994 (V000001–V000016) |
| Serie | 1958 – 1965 | ab 1995, Seriennummer ab 000001 |
| Rechtsgrund | sowjetische Lizenz | zivile Eigenfertigung |
| Abnehmer | bewaffnete Organe der DDR | ziviler Markt, überwiegend US-Export |
| Umfang | nicht belegt | einige hundert bis ca. 1.000 |
Phase 1 endete 1965. Als Grund wird sowjetischer Druck genannt; die DDR sollte beziehen statt selbst fertigen. Danach deckte sich der Bedarf aus sowjetischer Produktion, ab Mitte der 1980er Jahre zusätzlich aus bulgarischer.
Phase 2 ist keine DDR-Fertigung; sie fällt in die Nachwendezeit. Simson Suhl legte die Makarow ab 1994/95 in kleiner Serie für den zivilen Markt neu auf, vertrieben unter anderem kurzzeitig im Herbst 1997 in den USA. Eine konstruktive Besonderheit dieser Serie ist der Verschluss, der sich auch im gesicherten Zustand betätigen ließ.
Für die Bestimmung
Beide Phasen sind ohne Papiere am Stück erkennbar.
Phase 1 (ETW Suhl, 1958–1965)
- Abnahmestempel K 100
- schwarz gesprenkelte Griffschalen (die sowjetische Fertigung hat rotbraune Schalen mit fünfzackigem Stern)
- keine Bandöse (Riemenbügel), die die sowjetische Ausführung trägt
Phase 2 (Simson Suhl, ab 1995)
- links „SIMSON SUHL/THUR” mit Schmiedesymbol, rechts „MAKAROV 9x18mm”
- ab etwa Seriennummer 400 entfällt der Zusatz „THUR”
- US-Importe zusätzlich mit Einfuhrstempel des Importeurs
- Griffschalen aus Hartkunststoff mit Daumenauflage und feiner Riffelung
Konstruktion
Die Makarow verzichtet auf jede Verriegelung. Lauf und Verschluss sind nicht mechanisch gekoppelt; allein die Massenträgheit des Verschlussstücks hält das System beim Schuss geschlossen. Das spart Teile, Passungen und Fertigungsschritte und macht die Waffe robust und wartungsarm.
Der Preis dafür steht in der Patrone. Ein Masseverschluss verträgt nur begrenzten Gasdruck; die 9 × 18 mm Makarow wurde eigens so ausgelegt, dass sie genau an dieser Grenze arbeitet. Sie ist stärker als die 7,65 mm Browning der Walther PP und schwächer als die 9 × 19 mm der Pistole 38, die eine Verriegelung erfordert.
Waffe und Patrone bilden ein Paket. Wer die eine kritisiert, kritisiert damit die Systementscheidung und nicht die Ausführung. Die nach 1991 vorgebrachten Klagen über mangelnde Stoppwirkung treffen deshalb keinen Konstruktionsfehler, sondern eine bewusste Abwägung zugunsten von Einfachheit und Fertigbarkeit. Dieselbe Abwägung befähigte Suhl 1958 überhaupt erst dazu, die Lizenz in kurzer Zeit umzusetzen.
Einordnung
Der vermeintliche Widerspruch in der Literatur war keiner. Er entstand, weil zwei Fertigungen denselben Ortsnamen tragen. Ein Register hat die Aufgabe, Aussagen so zu trennen, dass sie am Objekt prüfbar werden; der Abnahmestempel K 100 und die fehlende Bandöse entscheiden die Frage in Sekunden.
Weiterhin offen. Stückzahlen der Phase 1, die genauen Umstände des Fertigungsendes 1965, das Verhältnis der Suhler zur sowjetischen Teilefertigung sowie die Frage, ob in Phase 1 vollständig gefertigt oder in Teilen aus Lieferungen montiert wurde. Zu klären an Betriebsunterlagen des VEB und Beschaffungsakten der bewaffneten Organe.
Konstruktion
- Verschluss
- Unverriegelter Masseverschluss bei feststehendem Lauf. Lauf und Verschluss sind nicht mechanisch verriegelt; das Verschließen besorgt allein die Massenträgheit des Verschlussstücks gegen den Gasdruck.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader, unverriegelt (Blowback)
- Zuführung
- Einreihiges Stangenmagazin, 8 Patronen
- Abzug
- Spannabzug (Double Action / Single Action) — erster Schuss aus dem entspannten Zustand, danach als Single Action
- Sicherung
- Hebelsicherung am Verschluss. Beim Entspannen greift der Ansatz des Abzughebels selbsttätig in die Sicherheitsrast — der Hahn kann also nicht unkontrolliert durchfallen.
- Visierung
- Feste Kimme und Korn
Maße und Leistung
- Länge
- 161 mm
- Gewicht
- 730 g (ungeladen)
- Magazin
- 8 Patronen
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Ruhelage
Die Schließfeder — schlicht über den feststehenden Lauf geschoben, der ihr zugleich als Führung dient — presst den Verschluss gegen den Laufansatz. Eine Verriegelung gibt es nicht; das System hält allein durch Federkraft und Verschlussmasse.
- 2
Schuss und Verzögerung durch Trägheit
Der Gasdruck presst die Hülse nach hinten gegen den Verschlussboden. Der Verschluss beginnt sofort zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Masse aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat und der Druck abgefallen ist. Diese Trägheitsverzögerung ist die gesamte Sicherheitsreserve der Konstruktion — deshalb bestimmt die Patrone die Bauart und nicht umgekehrt.
- 3
Öffnen und Auswerfen
Nach dem Druckabfall läuft der Verschluss weit zurück. Der Auszieher hält die Hülse am Boden fest, bis sie auf den festen Auswerfer trifft und seitlich ausgeschleudert wird.
- 4
Spannen
Der zurücklaufende Verschluss drückt den Hahn nieder und spannt ihn; die Schließfeder wird komprimiert. Am hinteren Anschlag ist die Bewegung beendet.
- 5
Vorlauf und Zuführung
Die Schließfeder treibt den Verschluss vor. Der Stoßboden schiebt die oberste Patrone aus dem Magazin über die Zuführrampe in das Patronenlager.
- 6
Erneute Ruhelage
Der Verschluss läuft bis an den Laufansatz vor. Die Waffe ist mit gespanntem Hahn schussbereit; über den Sicherungshebel lässt sich der Hahn gefahrlos in die Sicherheitsrast ablassen, sodass der nächste Schuss über den Spannabzug erfolgt.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verschlussruhelage: Die Schließfeder presst den Verschluss gegen den feststehenden Lauf. Verriegelt ist nichts — es hält allein die Masse.
- 2 Schuss: Der Gasdruck treibt Geschoss und Hülse auseinander. Der Verschluss beginnt zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Trägheit aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
- 3 Rücklauf: Erst nach dem Druckabfall öffnet der Verschluss weit, wirft die Hülse aus und spannt die Feder.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Walther PP
Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1929- System
- Unverriegelter Masseverschluss bei feststehendem Lauf, Spannabzug, Sicherungs- und Entspannhebel, Ladeanzeige
- Unterschied
- Das unmittelbare konstruktive Vorbild. Die Makarow übernimmt Bauart und Bedienlogik nahezu vollständig, vereinfacht aber die Teilezahl und rückt das Kaliber von 7,65 mm auf 9 × 18 mm hoch — an die Obergrenze dessen, was ein Masseverschluss trägt.
- Befund
- Für dieses Register der schönste Kreisschluss: Die Dienstpistole der NVA geht auf eine Thüringer Konstruktion von 1929 zurück, gefertigt zwölf Kilometer vom späteren Suhler Lizenzwerk entfernt.
Tokarew TT-33
Tulaer Waffenfabrik · Sowjetunion · 1933- System
- Verriegelter Rückstoßlader nach Browning-Prinzip, Single Action, ohne Sicherungshebel, Patrone 7,62 × 25 mm
- Unterschied
- Der sowjetische Vorgänger, den die Makarow ablöste. Er ist leistungsstärker und verriegelt, dafür aufwendiger und ohne Spannabzug. Der Wechsel zur Makarow war ein bewusster Tausch von Leistung gegen Einfachheit und Handhabungssicherheit.
- Befund
- Beide standen in DDR-Beständen nebeneinander — die Ablösung lässt sich hier an Objekten derselben Sammlung nachvollziehen.
Walther PPK/S und Nachbauten
diverse · international- System
- Unverriegelter Masseverschluss, überwiegend 7,65 mm Browning
- Unterschied
- Die weltweit verbreitete Konkurrenz derselben Bauart blieb beim schwächeren Kaliber. Die Makarow ist damit die konsequenteste Ausreizung des Masseverschlussprinzips im Dienstgebrauch.
- Befund
- Wer wissen will, wo die konstruktive Grenze dieser Bauart liegt, vergleicht Verschlussmasse und Federkraft dieser Waffen — die Makarow markiert das obere Ende.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Geringe Leistung der Patrone
Die 9 × 18 mm Makarow hat eine vergleichsweise niedrige Mündungsgeschwindigkeit und bleibt in der Wirkung hinter stärkeren Pistolenpatronen zurück. Nach 1991 bemängelten Sicherheitskräfte ausdrücklich Durchschlags- und Stoppwirkung — der Anlass für spätere Weiterentwicklungen.
plausibel
-
Systembedingte Leistungsgrenze
Die Patrone ist kein Zufall, sondern Konstruktionsvoraussetzung: Ein unverriegelter Masseverschluss verträgt nur begrenzten Gasdruck. Die 9 × 18 mm wurde eigens so ausgelegt, dass sie das Maximum dessen ausschöpft, was ohne Verriegelung beherrschbar bleibt.
plausibel
Verwendung
- Standarddienstpistole aller bewaffneten Organe der DDR: NVA, Volkspolizei, MfS und Kampfgruppen der Arbeiterklasse
- Ordonnanzwaffe der Sowjetarmee 1951–1991 und in den meisten Warschauer-Pakt-Staaten
- Ab 1995 zivile Kleinserie von Simson Suhl, überwiegend für den US-Markt