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Hersteller · Erfurt

Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt

1862–1919 KaiserreichErster Weltkrieg plausibel

Wer dieses Register nach Stückzahlen ordnet statt nach Bekanntheit, landet nicht in Suhl, sondern hier. Die Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt war Erfurts erstes Großunternehmen und blieb über sechs Jahrzehnte der mit Abstand größte Waffenfertiger der Region.

Ein Standort aus strategischer Furcht

Das Werk entstand 1859–1862 nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus militärischen Erwägungen: Es ersetzte die Gewehrfabrik Saarn bei Mülheim an der Ruhr, die man wegen der Nähe zu Frankreich für im Kriegsfall gefährdet hielt. Preußen verlagerte seine Gewehrfertigung nach Osten, ins Landesinnere.

Das ist bemerkenswert, weil dieselbe Überlegung achtzig Jahre später erneut greift: Im Zweiten Weltkrieg wurden Fertigungen aus den bombengefährdeten Ballungsräumen nach Thüringen verlegt. Die Waffenlandschaft dieser Region ist zu einem erheblichen Teil das Ergebnis von Rückverlagerungen, nicht nur gewachsener Handwerkstradition; das unterscheidet Erfurt grundlegend von Suhl, wo die Fertigung tatsächlich aus dem Handwerk erwuchs.

Betriebsaufnahme war der 28. September 1862. Erstes Erzeugnis: das Zündnadelgewehr.

Der Maßstab

JahrBeschäftigteAusstoß
1866420Zündnadelgewehr; bereits das größte Industrieunternehmen der Stadt
1876rund 1.000etwa 60.000 Gewehre M1871 im Jahr
1892–1897rund 248.000 Reichsrevolver M1883
1917annähernd 20.000Dreischichtbetrieb; bis 1918 rund 1,5 Mio. Karabiner 98 (Kar 98a)

Zum Vergleich: Die gesamte Suhler Konsortialfertigung des Reichsrevolvers, an der sich Haenel, V. C. Schilling und Spangenberg & Sauer beteiligten, bleibt hinter der Erfurter Einzelfertigung zurück. Und 20.000 Beschäftigte an einem Standort erreichte in dieser Region kein zweiter Betrieb, auch nicht in der NS-Zeit.

Eine Zahl, die dieses Register nicht übernimmt. Verbreitet ist die Angabe, in Erfurt seien rund 80 Prozent aller deutschen Handfeuerwaffen des Ersten Weltkriegs gefertigt worden. Angesichts der parallelen Fertigung bei Mauser Oberndorf, DWM Berlin, den Gewehrfabriken Spandau, Amberg und Danzig sowie den Suhler Häusern ist das erklärungsbedürftig. Möglicherweise bezieht sich der Anteil auf eine einzelne Waffe oder ein einzelnes Jahr. Bis zur Klärung steht die Zahl hier nur als Zitat, nicht als Befund.

Staatsbetrieb und Abnahme im eigenen Haus

Der wichtigste strukturelle Unterschied zu den Suhler Häusern ist nicht die Größe, sondern die Verfassung: Erfurt war ein Verwaltungsbetrieb der preußischen Militärverwaltung. Der Abnahmebeamte saß nicht als Kontrolleur gegenüber einem Lieferanten, sondern im selben Haus.

Für die Stempelkunde hat das eine unmittelbare Folge. Erfurter Pistolen 08 sind unter Sammlern für ihre dichte Abnahmestempelung bekannt — mehr Prüfstempel auf mehr Einzelteilen als bei vergleichbaren DWM-Stücken. Wer ein Erfurter Stück beurteilt, hat deshalb mehr Prüfpunkte zur Verfügung, aber auch mehr Gelegenheit, nachträglich aufgebrachte Stempel zu erkennen.

Das Erbe: warum Simson die Reichswehr beliefern durfte

Nach dem Versailler Vertrag wurde die Fabrik aufgelöst. Ihre P08-Fertigungseinrichtungen gingen an Simson & Co. in Suhl — und damit an einen Kleinbetrieb, der ohne diese Maschinen niemals Ordonnanzpistolen in Serie hätte bauen können.

Dieser eine Vorgang erklärt eine der auffälligsten Konstellationen der Weimarer Zeit: dass ausgerechnet ein jüdisches Suhler Familienunternehmen zum alleinigen Pistolenlieferanten der Reichswehr wurde. Nicht weil es der leistungsfähigste Betrieb war, sondern weil es die Maschinen des aufgelösten Staatsbetriebs übernahm. Was daraus 1935 wurde, steht unter Simson & Co. und Die Waffenregion im Nationalsozialismus.

Der Standort nach 1919

Der Betrieb endete, das Gelände nicht. Über die Deutsche Werke AG und die Ortgies-Großserie führte die Kette zur Schreibmaschinenfertigung, ab 1936 zum Olympia-Büromaschinenwerk — und im Zweiten Weltkrieg zurück zur Waffenfertigung, diesmal mit Zwangsarbeit. Erst der VEB Optima Büromaschinenwerk der DDR-Zeit war endgültig zivil.

Die Trennung ist wichtig und wird in diesem Register ausdrücklich gezogen: Der Betrieb „Königlich Preußische Gewehrfabrik” endete 1919 und fällt nicht unter die Zwangsarbeits-Prüfregel. Der Standort fällt sehr wohl darunter. Wer beides gleichsetzt, kommt zu einem falschen Ergebnis — dieses Register war eine Zeitlang selbst diesem Fehler aufgesessen, siehe Korrekturen.

Offene Forschungsfragen. Die Herkunft der 80-Prozent-Angabe. Fertigungszahlen des Gewehr 98 in Erfurt (im Unterschied zum Karabiner). Die Organisation der Abnahme und die Systematik der preußischen Abnahmestempel. Der genaue Umfang und Zeitpunkt der Maschinenübergabe an Simson. Beschäftigtenzahlen zwischen 1876 und 1914.

Begriffliche Warnung. Der in den Erfurter Stückzahlen genannte „Karabiner 98” ist der Kar 98a / 98AZ des Ersten Weltkriegs, nicht der Karabiner 98k von 1935. Beide tragen die Zahl 98, weil beide auf dem System Mauser 98 beruhen — sie sind aber durch siebenunddreißig Jahre und eine erhebliche Zahl konstruktiver Änderungen getrennt. In Sekundärdarstellungen werden die Stückzahlen regelmäßig vermengt.

Rechtsform und Firmierung

1862
Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt · Staatsbetrieb

Betriebsaufnahme am 28. September 1862. Anders als die privatwirtschaftlichen Suhler Häuser ein Verwaltungsbetrieb mit militärischer Abnahme im eigenen Haus.

1919
Deutsche Werke AG, Werk Erfurt · Überführung in den Staatskonzern

Nach Versailles Umstellung auf zivile Fertigung; eigener Eintrag unter Deutsche Werke Erfurt. Die Konversion hielt allerdings nicht — im Zweiten Weltkrieg wurde am selben Ort wieder gefertigt.

Fertigungsprogramm

ab 1862
Zündnadelgewehr

Erstes Erzeugnis des Werks; die Waffe, mit der Preußen 1866 bei Königgrätz seinen taktischen Vorsprung ausspielte.

ab 1871
Infanteriegewehr Modell 1871, später M/1871/84

1876 fertigten rund 1.000 Arbeiter etwa 60.000 Gewehre im Jahr — eine Größenordnung, die kein Suhler Betrieb erreichte.

1892–1897
Reichsrevolver M1883

Rund 248.000 Stück. Die staatliche Erfurter Fertigung lief damit neben der Suhler Konsortialfertigung her und übertraf sie deutlich.

Kaiserreich
Gewehr 98
ab 1911
Pistole 08

Staatliche Parallelfertigung zur DWM in Berlin. Erfurter Stücke sind an der Fertigungsstättenmarkierung und der dichten Abnahmestempelung erkennbar.

1914–1918
Karabiner 98 (Kar 98a / 98AZ)

Rund 1,5 Millionen Stück. Gemeint ist der Karabiner des Ersten Weltkriegs, NICHT der Karabiner 98k von 1935 — eine Verwechslung, die in Sekundärdarstellungen häufig ist. In dieser Zeit arbeiteten annähernd 20.000 Menschen im Werk, im Dreischichtbetrieb.

Standorte

  • Erfurt

    Erfurt-Brühl, heute Mainzerhofplatz / Maximilian-Welsch-Straße. Errichtet 1859–1862 als Ersatz für die Gewehrfabrik Saarn bei Mülheim an der Ruhr, die man wegen der Nähe zu Frankreich für gefährdet hielt. Der Standort ist also aus einer strategischen Verlagerung nach Osten entstanden — dieselbe Überlegung, die im Zweiten Weltkrieg erneut Fertigungen nach Thüringen brachte.

Beschäftigte

  • 1866 · 420 (Bereits damit das größte Industrieunternehmen der Stadt.)
  • 1876 · rund 1.000 (Ausstoß etwa 60.000 Gewehre im Jahr.)
  • 1917 · annähernd 20.000 (Dreischichtbetrieb; Höchststand im Ersten Weltkrieg.)

Kennzeichen

Firmen-, Fertigungs- und Abnahmekennzeichen dieses Betriebs. Jede Zuordnung ist einzeln zu belegen — Kennzeichen bezeichnen eine Firma, nicht zwingend ein Werk.

  • ERFURT Fertigungsstättenmarkierung auf dem Kniegelenk der Pistole 08 ab 1911 plausibel
  • Krone über Buchstabe preußischer Abnahmestempel ungeklärt

Zwangsarbeit — Zeitraum nicht einschlägig

Der Betrieb als solcher wurde 1919 aufgelöst und liegt vor dem Zeitraum, für den die Prüfregel dieses Registers gilt. Der STANDORT ist davon zu trennen: Dort arbeiteten 1944 unter dem Olympia-Büromaschinenwerk 705 Zwangsarbeiter. Siehe den Nachfolgeeintrag.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Verbleib

Nach dem Versailler Vertrag aufgelöst. Die P08-Fertigungseinrichtungen gingen an Simson & Co. in Suhl — der Übergang, der die thüringische Kurzwaffenlinie der Weimarer Republik begründete. Das Gelände selbst durchlief eine lange Nachnutzungskette bis zum VEB Optima Büromaschinenwerk; erhaltene Bauten stehen heute als „Bürohaus am Dom" unter denkmalpflegerischer Sanierung.

Modelle dieses Herstellers

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt Link
  2. [Online] Stadt Erfurt — Das erste Erfurter Großunternehmen — die Königlich-Preußische Gewehrfabrik Link
  3. [Online] Thüringer Weg der Industriekultur — Erfurter Gewehrfabrik — Büromaschinenwerk Olympia — Optima Link
  4. [Online] Forgotten Weapons — Lugers Under Versailles: The 1926 Simson P08 Link