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OD WH

Modell

MP 18,I

Fertigung
Bergmann Suhl
Kaliber
9 × 19 mm
Zeitraum
1918–1920
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Die MP 18 macht etwas, das fast alle anderen Waffen dieser Seite nicht tun: Sie steht vor dem Schuss offen. Der schwere Verschlussblock ist ganz nach hinten gezogen und wird dort festgehalten; im Lauf steckt keine Patrone. Drückt der Schütze ab, wird der Block losgelassen, eine kräftige Feder schleudert ihn nach vorn, er schiebt dabei eine Patrone aus dem Magazin in den Lauf — und im selben Moment, in dem sie ankommt, zündet sie. Der Zündstift steht nämlich fest vorne am Block und braucht keinen eigenen Auslöser. Der Rückstoß wirft den Block wieder zurück, wobei die leere Hülse herausfliegt, und das Ganze beginnt von vorn — so lange, wie der Abzug gedrückt bleibt. Der Kniff dabei: Weil der schwere Block im Moment des Schusses gerade nach vorn fliegt, hebt sich seine Bewegung teilweise gegen den Rückstoß auf. Die Waffe schlägt weniger, als man erwarten würde. Der Preis ist, dass sie für einen gezielten Einzelschuss zu unruhig ist: Das Vorschnellen des Blocks verzieht die Waffe, bevor die Kugel draußen ist.

Die MP 18,I begründete 1918 die Gattung der Maschinenpistole. Die Konstruktion stammt von Hugo Schmeisser; gefertigt wurde sie von 1918 bis 1920 bei Theodor Bergmann, Abteilung Waffenbau, in Suhl, nicht bei C. G. Haenel, dem die Waffe häufig zugeschrieben wird.

Konstruktion

Alle Selbstladepistolen dieses Registers schießen aus dem geschlossenen Verschluss. Die MP 18 tut das Gegenteil. Ihr Verschluss steht vor dem Schuss offen, das Patronenlager ist leer, und beim Auslösen läuft der Verschluss erst nach vorn, führt zu und zündet im Vorlauf.

Der Nutzen liegt in der Massenbilanz. Die nach vorn bewegte Verschlussmasse wirkt im Moment der Zündung dem Rückstoß entgegen; die Waffe steigt weniger. Dazu kommt ein praktischer Vorteil bei Dauerfeuer. Das offene Patronenlager kühlt zwischen den Feuerstößen aus, statt eine Patrone in einem heißen Lager stehen zu lassen.

Bezahlt wird das mit der Präzision im Einzelschuss, denn die vorlaufende Masse verzieht den Halt; genau dieses Problem trat 24 Jahre später beim MKb 42(H) erneut auf und wurde dort behoben.

Einordnung

Für dieses Register ist die MP 18 der erste Teil eines Befunds, der sich später wiederholt. Beide Waffengattungen, welche die Handfeuerwaffe des 20. Jahrhunderts prägten, die Maschinenpistole 1918 und das Sturmgewehr 1942, gehen von Suhl aus, und beide über dieselbe Verbindung von Schmeisser’scher Konstruktion und Suhler Fertigungskapazität. Siehe Die Schmeissers.

Beide lösen dieselbe Grundfrage, wie sich beherrschbares Dauerfeuer aus der Hand erreichen lässt, mit verschiedenen Mitteln: die eine über eine schwache Pistolenpatrone, die andere über eine eigens entwickelte Mittelpatrone.

Waffenrechtliches

Vollautomatische Waffe und damit Kriegswaffe nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz. Sie wird hier ausschließlich industrie- und technikgeschichtlich dokumentiert. Siehe Methodik.

Konstruktion

Verschluss
Unverriegelter Masseverschluss. Bei Dauerfeuerwaffen mit Pistolenpatrone genügt die Verschlussmasse; eine Verriegelung wäre unnötiger Aufwand.
Ladeprinzip
Rückstoßlader, unverriegelt, **zuschießend**: Der Verschluss steht vor dem Schuss offen und läuft beim Auslösen nach vorn. Erst beim Auftreffen auf das Patronenlager zündet der feststehende Schlagbolzen.
Zuführung
Anfangs Trommelmagazin nach dem Vorbild der Parabellum-Selbstladepistole, seitlich eingeführt; später gerades Stangenmagazin
Abzug
Nur Dauerfeuer
Sicherung
Kein Sicherungshebel; der Verschluss wird zum Sichern in eine Rast am Gehäuseschlitz eingehängt
Visierung
Feste Kimme und Korn

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Ausgangslage — Verschluss offen

    Anders als bei allen Selbstladepistolen dieses Registers steht der Verschluss vor dem Schuss **hinten und offen**, gehalten vom Abzugsstollen. Das Patronenlager ist leer — die Waffe kann so nicht durch Schlag oder Sturz auslösen, aber auch nicht schnell aus dem Nichts feuern.

  2. 2

    Auslösen und Vorlauf

    Der Abzug gibt den Verschluss frei. Die Schließfeder treibt ihn nach vorn; der Stoßboden nimmt die oberste Patrone aus dem Magazin und schiebt sie ins Lager.

  3. 3

    Zündung im Vorlauf

    Der Schlagbolzen steht **fest** im Verschlussboden. Sobald die Patrone im Lager sitzt und der Verschluss noch mit Restschwung nach vorn drückt, wird gezündet. Die vorwärts gerichtete Masse wirkt dem Rückstoß entgegen — das ist der eigentliche Kunstgriff des zuschießenden Prinzips und der Grund, warum die Waffe im Dauerfeuer ruhiger liegt als erwartet.

  4. 4

    Rücklauf und Auswurf

    Der Gasdruck treibt den Verschluss zurück; die Hülse wird ausgezogen und ausgeworfen, die Schließfeder komprimiert.

  5. 5

    Fortsetzung oder Halt

    Bleibt der Abzug gezogen, läuft der Verschluss sofort wieder vor und der Zyklus wiederholt sich. Wird der Abzug losgelassen, fängt der Abzugsstollen den Verschluss in der hinteren Stellung — die Waffe bleibt mit leerem Patronenlager stehen.

Masseverschluss — unverriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verschlussruhelage: Die Schließfeder presst den Verschluss gegen den feststehenden Lauf. Verriegelt ist nichts — es hält allein die Masse.
  2. 2 Schuss: Der Gasdruck treibt Geschoss und Hülse auseinander. Der Verschluss beginnt zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Trägheit aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
  3. 3 Rücklauf: Erst nach dem Druckabfall öffnet der Verschluss weit, wirft die Hülse aus und spannt die Feder.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Beretta M1918

Pietro Beretta · Italien · 1918
System
Unverriegelter Masseverschluss, 9 × 19 mm Glisenti, Magazin von oben eingeführt
Unterschied
Im selben Jahr erschienen und damit der einzige ernstzunehmende Anspruch auf die Priorität. Sie geht auf ein Selbstladegewehr zurück und ist konstruktiv weniger konsequent auf die neue Aufgabe zugeschnitten.
Befund
Die Frage, welche Waffe „die erste Maschinenpistole" war, hängt davon ab, ob man auf Serienfertigung oder Ersterscheinen abstellt. Dieses Register führt die Suhler Zuschreibung als plausibel, nicht als gesichert.

MKb 42(H) / StG 44

C. G. Haenel · Deutschland (Suhl) · 1942
System
Gasdrucklader, Kippblockverriegelung, Kurzpatrone 7,92 × 33 mm
Unterschied
Dieselbe Firma, derselbe Konstrukteur, 24 Jahre später — und die Lösung desselben Grundproblems auf höherer Stufe. Die MP 18 erreicht beherrschbares Dauerfeuer durch eine schwache Pistolenpatrone und zahlt mit geringer Reichweite. Das Sturmgewehr erreicht es durch eine eigens entwickelte Mittelpatrone und behält die Gewehrreichweite.
Befund
Beide Gattungen — Maschinenpistole und Sturmgewehr — gehen von Suhl aus, und zwar über dieselbe Werkstattbeziehung. Siehe Die Schmeissers.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Zuschießendes Prinzip

    Die vor dem Schuss nach vorn laufende Verschlussmasse verzieht den Halt. Für Dauerfeuer auf kurze Entfernung unerheblich, für gezielten Einzelschuss hinderlich — dasselbe Problem, das später beim MKb 42(H) auftrat und dort behoben wurde.

    plausibel

  • Trommelmagazin der Frühausführung

    Das von der Parabellum-Selbstladepistole übernommene Trommelmagazin war aufwendig, empfindlich und umständlich zu füllen. Die spätere Umstellung auf ein gerades Stangenmagazin ist ein Datierungsmerkmal.

    plausibel

  • Keine Sicherung im eigentlichen Sinn

    Gesichert wird durch Einhängen des Verschlusses in eine Rast. Löst sich der Verschluss aus dieser Rast — etwa durch Stoß —, läuft er vor und die Waffe feuert. Bei der Beurteilung eines Altstücks ist der Zustand dieser Rast deshalb sicherheitsrelevant.

    ungeklärt

Verwendung

  • Ab 1918 bei Stoßtrupps des deutschen Heeres, in geringer Stückzahl bis Kriegsende
  • Nach 1918 durch den Versailler Vertrag beschränkt; Polizeiverwendung und Weiterentwicklung in den 1920er Jahren

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — MP 18 Link
  2. [Online] Wikipedia (de) — Hugo Schmeisser Link