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Stadt

Erfurt

Der dritte staatliche Standort — und die Behörde über Suhl

KaiserreichErster WeltkriegWeimarer Republik1933–1945SBZ 1945–1949DDR 1949–1990nach 1990
plausibel Begründung anzeigenBegründung ausblenden

Herrschaftsfolge, Garnisonsstellung, Besetzungsdaten und Einwohnerzahlen sind über Lexikonartikel belegt. Ungeklärt bleibt die Beteiligung Erfurts an der Fertigung des Infanteriegewehrs M/71 — der Widerspruch ist unten benannt und im Modelleintrag ausführlich dargestellt. Die Zahl von 10.000 bis 15.000 Zwangsarbeitern ist eine Spanne ohne ausgewiesene Erhebungsgrundlage; die betriebsbezogene Zahl von 705 für das Olympia-Werk 1944 ist dagegen konkret belegt.

Suhl und Zella-Mehlis sind aus Zünften gewachsen: viele kleine Werkstätten, die sich über Jahrhunderte zu Firmen verdichteten. Erfurt ist der Gegenentwurf. Hier stand am Anfang keine Innung, sondern ein Beschluss des preußischen Staates — und um den Betrieb herum eine Stadt, die schon vorher groß war.

Wem die Stadt gehörte

Wem die Stadt gehörte
AbZugehörigkeit
10. Jahrhundertweltliche Herrschaft der Mainzer Erzbischöfe
1802Preußen, nach dem Reichsdeputationshauptschluss
1806Frankreich — kampflose Besetzung der Festung am 16. Oktober; 1807 als „Fürstentum Erfurt” kaiserliche Domäne Napoleons
1815Preußen, durch den Wiener Kongress; das Landgebiet ging großenteils an Sachsen-Weimar-Eisenach
1815–1945preußische Provinz Sachsen, Sitz des Regierungsbezirks Erfurt
1. Juli 1945preußische Bezirksregierung stellt die Tätigkeit ein; Stadt und Regierungsbezirk kommen zum Land Thüringen
1952–1990Sitz des Bezirks Erfurt
ab 1991Landeshauptstadt des Freistaats Thüringen

Damit steht das Muster dieser Landschaft vollständig da, und es ist nicht das, was man erwartet:

Drei der fünf Orte dieses Registers waren preußisch, nicht thüringisch. Erfurt ab 1802 beziehungsweise 1815, Suhl ab 1815, Sömmerda ab 1802 — alle drei in der Provinz Sachsen, alle drei bis 1945. Zella-Mehlis war sachsen-gothaisch, Meiningen Residenzstadt eines eigenen Herzogtums; beide kamen 1920 zum Land Thüringen. Wer die Waffenfertigung dieser Region im Kaiserreich unter „Thüringen” sucht, findet die Mehrzahl davon nicht.

Und ein Zusammenhang, der die beiden preußischen Orte direkt verbindet: Suhl lag im Kreis Schleusingen — und der gehörte zum Regierungsbezirk Erfurt. Die Behörde, die für Suhl zuständig war, saß hier. Das ist kein Verwaltungsdetail für Liebhaber: Wer Akten zur Suhler Fertigung des Kaiserreichs sucht, sucht sie in der Überlieferung einer Erfurter Behörde.

Am 1. Juli 1945 endete das. Die preußische Bezirksregierung stellte ihre Tätigkeit ein, Stadt und Regierungsbezirk gingen an Thüringen. Zwei Tage später, am 3. Juli, übernahm die Rote Armee. Preußen verschwand hier also nicht durch das Kontrollratsgesetz von 1947, sondern faktisch an einem Tag im Juli 1945 — und zwar bevor die sowjetische Besatzung überhaupt begann.

Die Gewehrfabrik: der dritte staatliche Standort

Die Königlich Preußische Gewehrfabrik entstand 1859–1862 als Ersatz für die Gewehrfabrik Saarn bei Mülheim an der Ruhr; die Betriebsaufnahme datiert auf den 28. September 1862. Sie trat damit neben die Gewehrfabriken in Spandau und Danzig — drei staatliche Werke für die preußische Ordonnanzfertigung, von denen zwei im heutigen Untersuchungsraum liegen.

Der Unterschied zu Suhl ist grundsätzlich: In Suhl kaufte der Staat bei Privaten ein, in Erfurt fertigte er selbst. Beides gleichzeitig, und das erklärt die Fertigerlisten des Kaiserreichs besser als jede Firmengeschichte.

Ungeklärt: Hat Erfurt das M/71 gefertigt? Die deutschsprachige Übersichtsdarstellung nennt als staatliche Fertiger des Infanteriegewehrs M/71 Amberg, Danzig und Spandau — Erfurt nicht. Eine Darstellung der Stadt Erfurt nennt dagegen für 1876 rund 1.000 Beschäftigte und etwa 60.000 Gewehre M1871 im Jahr. Beides ist nicht zu vereinbaren. Dieses Register löst den Widerspruch nicht auf und behält Erfurt in der Fertigerliste, weil die Erfurter Angabe konkreter ist und weil 1876 kaum ein anderes Gewehr in Erfurt gefertigt worden sein kann. Die Auflösung wäre an Beschaffungsakten zu suchen.

Der Standort überlebt vier Firmennamen

Hier liegt das Lehrstück, und es hat dieses Register etwas gekostet.

Die Gewehrfabrik endete 1919 als juristische Person — Versailles ließ keine staatliche Gewehrfertigung zu. Was folgte, war kein Ende, sondern eine Kette von Namen auf demselben Gelände am Mainzerhofplatz:

Der Standort überlebt vier Firmennamen
AbNameErzeugnis
1862Königlich Preußische GewehrfabrikOrdonnanzwaffen
1919Deutsche Werke ErfurtWaffen, dann Ortgies-Pistolen bis 1923/24
ab 1924Deutsche-Werke-SchreibmaschinengesellschaftSchreibmaschinen
1930Europa Schreibmaschinen AGSchreibmaschinen
1936Olympia-BüromaschinenwerkSchreibmaschinen — im Krieg wieder Waffen

Im Zweiten Weltkrieg fertigte dieses Werk Gewehre, feinmechanische Teile für Flugmotoren und rund 3.450 Marine-Enigma. 1944 arbeiteten dort 3.437 Menschen, davon 705 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Dieses Register hat an genau dieser Stelle seinen schwersten Fehler gemacht. Es führte Erfurt als „den einzigen Standort, an dem die Waffenfertigung vollständig endete und durch eine zivile Fertigung ersetzt wurde”, und setzte das Feld zur Zwangsarbeit auf „nicht einschlägig” — geschlossen aus einer Datumsangabe, nicht geprüft. Beides war falsch. Der Korrektureintrag hält die daraus abgeleitete Regel fest: Betrieb und Standort sind zwei verschiedene Gegenstände, und „nicht einschlägig” ist eine belegpflichtige Aussage, keine Auslassung.

Neben dem Gelände am Mainzerhofplatz stand mit der Erfurter Maschinenfabrik B. Geipel — ERMA ab 1924 ein zweiter Waffenfertiger in der Stadt, der bis 1945 bestand.

Garnison und Zwangsarbeit

Durch die Aufrüstung der Wehrmacht wurde Erfurt eine der größten Garnisonen des Deutschen Reiches. Zwischen 1939 und 1945 mussten hier 10.000 bis 15.000 Kriegsgefangene sowie Frauen und Männer aus zahlreichen besetzten Ländern Zwangsarbeit leisten.

Diese Spanne ist grob, aber sie erlaubt einen Vergleich, der die Suhler Angabe in ein anderes Licht rückt: Erfurt war seit 1906 Großstadt — über 100.000 Einwohner — und trug eine der größten Garnisonen des Reiches. Für Suhl stehen bei rund 20.000 Einwohnern 10.000 Zwangsarbeiter im Raum. Das hieße, eine Kleinstadt hätte fast so viele Menschen zur Arbeit gezwungen wie eine Großstadt mit dem Fünf- bis Zehnfachen an Einwohnern. Ausgeschlossen ist das nicht — eine Stadt, die fast nur aus Waffenfertigung bestand, kann eine solche Quote erreicht haben. Aber der Vergleich macht die Suhler Zahl erklärungsbedürftiger, nicht sicherer. Zur Quellenlage dort siehe den Suhler Eintrag.

Der 12. April und der 3. Juli

Am 12. April 1945 besetzten Einheiten der 3. US-Armee unter George S. Patton die Stadt — neun Tage nach Suhl. 27 britische und amerikanische Luftangriffe waren vorausgegangen, mit rund 1.100 Tonnen Bombenlast und etwa 1.600 zivilen Toten. Am 3. Juli 1945 übernahm die Rote Armee.

Der 12. April und der 3. Juli
OrtUS-TruppenRote ArmeeWaffenfertigung danach
Suhl3. April 19453. Juli 1945fortgeführt, volkseigen
Zella-Mehlis4. April 19453. Juli 1945beendet
Erfurt12. April 19453. Juli 1945beendet; Büromaschinen
Sömmerda11. April 19451. Juli 1945beendet; Büromaschinen, später Rechentechnik
Meiningen5. April 19456. Juli 1945beendet; Werk 1946 demontiert

Der 3. Juli 1945 wiederholt sich in Suhl, Zella-Mehlis und Erfurt — aber er ist kein Regionaldatum: In Sömmerda übernahm die Rote Armee schon am 1. Juli. Der Übergang lief über sechs Tage — von Sömmerda am 1. bis Meiningen am 6. Juli —, und wer ein Datum als Zäsur verwendet, muss es je Ort prüfen. Was danach geschah, war ohnehin verschieden: Von den fünf Orten führte nur Suhl die Waffenfertigung fort. In Erfurt lief am Mainzerhofplatz die Büromaschinenfertigung weiter, ab 1952 als VEB Optima.

Was daraus für dieses Register folgt

  1. Staatsbetrieb und Zunftstadt sind zwei verschiedene Fertigungsformen. Erfurt und Suhl stehen im Kaiserreich nebeneinander, nicht in einer Reihe: Der Staat fertigte selbst und kaufte bei Privaten ein. Wer eine Fertigerliste liest, muss wissen, welche der beiden Beschaffungswege sie abbildet.
  2. Die Zuständigkeit für Suhl saß in Erfurt. Für die Aktensuche zum Kaiserreich ist der Regierungsbezirk Erfurt die richtige Ebene — nicht ein thüringisches Landesarchiv.
  3. Der Standort ist der Gegenstand, nicht die Firma. Vier Namen auf einem Gelände, und in drei von vier Epochen wurden dort Waffen gefertigt. Das Ende einer Firma ist kein Beleg für das Ende einer Fertigung.
  4. Preußen endete hier am 1. Juli 1945, zwei Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee. Für die Datierung von Behördenzeichen und Abnahmestempeln ist das die Grenze, nicht 1945 allgemein und nicht 1947.

Offene Forschungsfragen. Die Beteiligung Erfurts an der Fertigung des M/71; die Erhebungsgrundlage der Spanne von 10.000 bis 15.000 Zwangsarbeitern und ihre Aufteilung auf die Betriebe; das Verhältnis der drei preußischen Gewehrfabriken zueinander — arbeiteten Spandau, Danzig und Erfurt nach denselben Zeichnungen und mit austauschbaren Teilen, oder fertigte jedes Werk nach eigener Praxis? Letzteres wäre am Objekt zu prüfen und würde die Bestimmung staatlicher Ordonnanzwaffen erheblich schärfen.

Quellen

  1. [Online] Wikipedia Erfurt , Herrschaft der Mainzer Erzbischöfe bis 1802/03, preußische Besitzergreifung 1802, französische Besetzung ab 16. Oktober 1806 und Fürstentum Erfurt als kaiserliche Domäne 1807, Rückgabe an Preußen 1815 durch den Wiener Kongress, Zugehörigkeit zur Provinz Sachsen als Sitz des Regierungsbezirks Erfurt, Einstellung der preußischen Bezirksregierung am 1. Juli 1945 und Zuordnung zum Land Thüringen, Besetzung durch die 3. US-Armee am 12. April 1945, Übernahme durch die Rote Armee am 3. Juli 1945, 10.000 bis 15.000 Zwangsarbeiter 1939–1945, Großstadt ab 1906, Bezirkssitz ab 1952, Landeshauptstadt ab 1991 Link
  2. [Online] Wikipedia Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt , Nachnutzung des Geländes, Belegschaft 1944, Enigma-Fertigung Link
  3. [Online] erfurt-web.de Rüstung in Erfurt 1935–1945 Link