Stadt
Sömmerda
Der Ort, dessen Werk größer war als die Stadt
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Herrschaftsfolge, Beschäftigtenzahlen und Einwohnerzahlen stammen aus Lexikondarstellung. Gut belegt ist dagegen das Außenlager: Zeitraum, Herkunft der Häftlinge, Arbeitseinsatz, Todesopfer und Aufsichtspersonal gehen auf das Außenlager-Portal der Gedenkstätte Buchenwald zurück — dieselbe Quelle, mit der dieses Register die für Zella-Mehlis behauptete Buchenwald-Verbindung widerlegt hat. Eine Zahlenangabe dort ist in sich widersprüchlich; das ist unten benannt.
Die drei anderen Orte dieses Registers sind Städte mit Werken darin. Sömmerda ist der umgekehrte Fall: ein Werk mit einer Stadt daneben. Im Ersten Weltkrieg beschäftigte es rund 10.000 Menschen — bei einer Einwohnerschaft, die 1933 erst 8.490 zählte. Wer hier über den Ort spricht, spricht über einen Betrieb.
Wem die Stadt gehörte
| Ab | Zugehörigkeit |
|---|---|
| 876 | erste urkundliche Erwähnung |
| 918 | König Konrad I. übereignet den Ort dem Kloster Fulda |
| 1342 | Grafschaft Schwarzburg |
| 1418 | Verkauf an die Stadt Erfurt — und damit bis 1802 deren Exklave |
| 1802 | Preußen |
| nach 1815 | Landkreis Weißensee, preußische Provinz Sachsen |
| 1952 | Kreisstadt des neugebildeten Kreises Sömmerda, Bezirk Erfurt |
Fast vier Jahrhunderte gehörte Sömmerda nicht einem Fürsten, sondern einer Stadt: der Stadt Erfurt, die den Ort 1418 kaufte und bis 1802 als Exklave hielt. Beide kamen im selben Jahr an Preußen, und 1952 wurde Sömmerda wieder Erfurt zugeordnet — diesmal als Kreisstadt im Bezirk Erfurt. Über 500 Jahre hinweg hängen die beiden Orte aneinander, mit einer Unterbrechung von 150 Jahren dazwischen.
Damit gilt auch hier, was für Suhl und Erfurt gilt: preußisch, nicht thüringisch — von 1802 bis 1945.
Dreyse
1817 gründete Johann Nicolaus Dreyse gemeinsam mit Kronbiegel eine Metallwarenfabrik; 1840 wurde in seinem Auftrag eine Gewehrfabrik gebaut. Von hier ging das Zündnadelgewehr aus — die Konstruktion, die das preußische Infanteriegefecht veränderte.
Drei Gegenstände, die man nicht verwechseln darf. Dieses Register hält beim Zündnadelgewehr ausdrücklich fest: Konstrukteur, Sömmerdaer Fertigung und Erfurter Fertigung sind drei verschiedene Sachen. Dass Dreyse die Waffe erfand, macht Sömmerda nicht automatisch zum Fertiger eines bestimmten Musters, und die Fertigung in der Gewehrfabrik Erfurt ist davon noch einmal zu trennen. Die Sömmerdaer Fertigung lief in der Waffenfabrik von Dreyse — einer Rechtsperson, die dieses Register nicht als eigenen Eintrag führt, weil der Eintrag zu Rheinmetall Sömmerda erst 1901 einsetzt.
Das Werk war größer als die Stadt
1901 übernahm Rheinmetall die Munitions- und Waffenfabrik AG. Im Ersten Weltkrieg stieg die Belegschaft auf rund 10.000. Nach Versailles stellte das Werk auf Schreib- und Rechenmaschinen um — dieselbe Bewegung wie am Erfurter Mainzerhofplatz, wo aus der Gewehrfabrik ein Büromaschinenwerk wurde. 1936 fusionierte Rheinmetall mit Borsig zu Rheinmetall-Borsig. Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten hier bis zu 14.600 Menschen.
Beim Kapp-Putsch 1920 wurden in Sömmerda Arbeiter erschossen, unter ihnen Kurt Neubert.
Das Außenlager
Hier ist die Beleglage anders als in Suhl und Zella-Mehlis — und das ist der Grund, warum dieser Abschnitt Zahlen nennen darf, wo die anderen Einträge Spannen und Vorbehalte nennen müssen. Das Außenlager-Portal der Gedenkstätte Buchenwald dokumentiert es im Einzelnen.
| Bestand | 19. September 1944 bis 4. April 1945 |
|---|---|
| Häftlinge | erster Transport 1.216; über 1.300 Frauen durchliefen das Lager |
| Herkunft | Jüdinnen aus Ungarn und angrenzenden Gebieten, besonders aus der Gegend von Sighet; zuvor Auschwitz-Birkenau und das aufgelöste Außenlager Gelsenkirchen |
| Alter | überwiegend 20 bis 25 Jahre; die jüngste war 13 |
| Arbeit | Zünderfertigung und Laborierwerk der Rheinmetall-Borsig AG — Befüllen von Geschossen mit hochexplosiven Stoffen, in Zwölfstundenschichten bei Tag und Nacht |
| Tote | neun Frauen, an Unterernährung, Lungenentzündung, Tuberkulose, Magenentzündung und Abszessen |
Zum Aufsichtspersonal hält die Gedenkstätte einen Umstand fest, der den Betrieb unmittelbar betrifft: Kommandoführer war SS-Obersturmführer Eugen Dietrich; Ende 1944 bewachten 16 SS-Männer und 21 Aufseherinnen das Lager — und die Aufseherinnen kamen aus der Rheinmetall-Belegschaft und wurden dafür im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück ausgebildet. Der Betrieb stellte nicht nur die Arbeitsplätze, er stellte auch das Wachpersonal.
Am 4. April 1945 wurde das Lager geräumt: Kranke per Bahn nach Altenburg, die übrigen zu Fuß nach Osten. Ein Teil wurde am 13. April von US-Truppen befreit, andere erst am 9. Mai von der Roten Armee. Die US-Truppen erreichten Sömmerda am 11. April — eine Woche nachdem das Lager geräumt worden war.
Eine Zahl der Quelle ist in sich widersprüchlich. Neben dem ersten Transport von 1.216 und der Gesamtzahl von „über 1.300” steht für Mitte Januar 1945 eine Belegung von 2.294. Beides zusammen geht nicht auf; die Januarzahl dürfte eine Ziffernvertauschung von 1.294 sein, was zum übrigen passen würde. Ich rechne das hier nicht um, sondern nenne den Widerspruch.
Die Angabe, im Werk hätten insgesamt etwa 6.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene gearbeitet, steht daneben und ist von den Lagerzahlen zu trennen: Das Außenlager war ein Teil davon, nicht das Ganze.
Der 11. April und der 1. Juli
Am 11. April 1945 besetzten US-Truppen die Stadt. Am 1. Juli 1945 übernahm die Rote Armee.
Damit korrigiere ich mich. Im Erfurter Eintrag stand, der 3. Juli 1945 sei „die Konstante der Region”. Das ist zu stark: In Sömmerda wechselte die Besatzungsmacht am 1. Juli, in Erfurt und Suhl am 3. Juli. Der Übergang lief über mehrere Tage, nicht an einem einzigen. Wer ein Datum als Zäsur verwendet, muss es je Ort prüfen.
Was blieb
In der DDR führte der VEB Rheinmetall den Standort fort; später ging er im Kombinat Robotron auf — von Büromaschinen zu Rechentechnik. Damit ist Sömmerda nach Erfurt der zweite Ort dieses Registers, an dem aus der Waffenfertigung Büromaschinenbau wurde, und der einzige, an dem daraus am Ende Computertechnik wurde.
| Jahr | Einwohner |
|---|---|
| 1933 | 8.490 |
| 1939 | 11.781 |
| 1981 | 22.821 |
| 1989 | über 24.000 |
| 2024 | 18.503 |
Der Verlauf ist der von Suhl, nicht der von Zella-Mehlis: Wachstum bis zum Ende der DDR, danach Rückgang. Wo die Fertigung fortgeführt wurde — gleich unter welchem Erzeugnis —, wuchs der Ort.
Was daraus für dieses Register folgt
- Erfindung, Fertigung und Ort sind drei Gegenstände. Am Zündnadelgewehr lässt sich das durchdeklinieren: Dreyse konstruierte in Sömmerda, gefertigt wurde in Sömmerda und in Erfurt, und welches Muster wo entstand, ist damit noch nicht gesagt.
- Wo eine Gedenkstätte dokumentiert, kann das Register genau sein. Für Sömmerda stehen Zeitraum, Herkunft, Arbeitseinsatz, Todesopfer und Wachpersonal fest. Für Suhl und Zella-Mehlis stehen Spannen aus örtlicher Zusammenzählung. Der Unterschied liegt nicht in der Sache, sondern in der Überlieferung — und er gehört benannt, damit die vagen Zahlen nicht als das Übliche erscheinen.
- Der Betrieb stellte das Wachpersonal. Die Aufseherinnen kamen aus der Belegschaft. Das ist keine Randnotiz zur Lagergeschichte, sondern eine Aussage über den Betrieb.
- Ein Besatzungsdatum ist kein Regionaldatum. 1. Juli in Sömmerda, 3. Juli in Erfurt und Suhl.
Offene Forschungsfragen. Welche Muster des Zündnadelgewehrs wurden in Sömmerda gefertigt und in welchen Stückzahlen? Wie verhielt sich die Sömmerdaer zur Erfurter Fertigung — Zulieferung, Parallelfertigung oder getrennte Aufträge? Woher stammt die Zahl von rund 6.000 Zwangsarbeitern im Werk, und wie verhält sie sich zu den Lagerzahlen? Und was wurde aus der Waffenfertigung selbst — ist der Standort nach 1945 vollständig auf zivile Erzeugnisse umgestellt worden, oder gab es eine Fortsetzung, die dem Register bislang entgangen ist?
Quellen
- [Online] Wikipedia — Sömmerda , Ersterwähnung 876, Übereignung an das Kloster Fulda 918, Grafschaft Schwarzburg 1342, Verkauf an die Stadt Erfurt 1418 und Exklavenstellung bis 1802, Übergang an Preußen 1802, Landkreis Weißensee bis 1952, Kreisstadt im Bezirk Erfurt ab 1952; Gründung der Metallwarenfabrik durch Dreyse und Kronbiegel 1817, Bau der Gewehrfabrik 1840, Übernahme durch Rheinmetall 1901, rund 10.000 Beschäftigte im Ersten Weltkrieg, Umstellung auf Schreib- und Rechenmaschinen nach Versailles, Fusion zu Rheinmetall-Borsig 1936, bis zu 14.600 Beschäftigte im Zweiten Weltkrieg, Besetzung durch US-Truppen am 11. April 1945 und Übernahme durch die Rote Armee am 1. Juli 1945, VEB Rheinmetall und Kombinat Robotron, Einwohnerzahlen Link
- [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Sömmerda (Frauen) , Bestehen vom 19. September 1944 bis 4. April 1945; erster Transport von 1.216 Häftlingen, über 1.300 Frauen durchliefen das Lager; Herkunft aus Ungarn und angrenzenden Regionen, zuvor Auschwitz-Birkenau und Gelsenkirchen; Einsatz in Zünderfertigung und Laborierwerk der Rheinmetall-Borsig AG in Zwölfstundenschichten; neun Todesopfer; Kommandoführer SS-Obersturmführer Eugen Dietrich, Ende 1944 16 SS-Männer und 21 Aufseherinnen aus der Rheinmetall-Belegschaft mit Ausbildung in Ravensbrück; Räumung am 4. April 1945 Link