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Stadt

Zella-Mehlis

Der Nachbarort, der im anderen Staat lag — und den 1945 nicht überlebte

KaiserreichErster WeltkriegWeimarer Republik1933–1945SBZ 1945–1949DDR 1949–1990nach 1990
plausibel Begründung anzeigenBegründung ausblenden

Herrschaftsfolge, Innungsgeschichte, Vereinigung 1919 und die Einwohnerzahlen sind über Lexikonartikel belegt. Schwach ist die Quellenlage bei der Zwangsarbeit: Die Ortszahlen gehen auf eine einzige lokale Aufarbeitung zurück, deren Website nicht mehr erreichbar ist, und sie widersprechen einander — Näheres unten und im Eintrag zu Carl Walther. Ungeklärt ist vor allem die Leitfrage dieses Eintrags: warum in Suhl weitergefertigt wurde und hier nicht.

Wer Suhl verstanden hat, versteht Zella-Mehlis noch nicht. Die beiden Orte liegen zehn Kilometer auseinander, fertigten dieselben Gattungen und zogen aus demselben Gebirge Erz, Wasser und Holz — und sie gehörten jahrhundertelang zu verschiedenen Staaten. Das ist der Schlüssel zu allem, was diesen Eintrag von jenem unterscheidet.

Zwei Dörfer, zwei Herrschaften, ein Ort seit 1919

„Zella-Mehlis” ist ein junger Name für eine alte Sache. Bis 1919 waren es zwei Gemeinden:

Zwei Dörfer, zwei Herrschaften, ein Ort seit 1919
OrtHerrschaftsfolge
Zella St. Blasii1111 gegründet, bis 1525 beim Kloster Reinhardsbrunn, danach ernestinische Herzogtümer, seit 1640 Sachsen-Gotha, Amt Schwarzwald
Mehlis1357 teils an Sachsen-Gotha, teils bis 1583 zur Grafschaft Henneberg, dann sächsisches Amt Hallenberg; 1619 vollständig an Sachsen-Gotha (Benshäuser Tauschvertrag)

Am 1. April 1919 schlossen sich beide zu Zella-Mehlis zusammen. Ab 1920 gehörte der Ort zum Land Thüringen, ab 1926 als eigener Stadtkreis.

Damit steht die Gegenüberstellung, die dieses Register braucht:

Suhl war preußisch, Zella-Mehlis war es nie. Suhl kam 1815 an Preußen und blieb bis 1945 in der Provinz Sachsen. Zella-Mehlis war sachsen-gothaisch, ab 1826 sachsen-coburg-gothaisch, ab 1920 thüringisch. Zwei Fertigungsorte einer Landschaft, über Jahrhunderte in verschiedenen Staaten — und thüringisch wurden sie erst gemeinsam, als Suhl 1945 dazukam.

Die Folge steht im Beschusszeichen: Weil die Beschussprüfung Landessache war, brauchte Zella-Mehlis eine eigene Anstalt. Sie nahm am 1. April 1893 den Betrieb auf und gehörte zu den ersten drei Prüfstellen des Reichs. Erst 1949 wurde sie zugunsten Suhls aufgelöst. Ein Zella-Mehliser Zeichen ist deshalb ein harter zeitlicher Endpunkt — und trennt, was der Firmenname nicht trennt.

1629: Die Emanzipation von Suhl

Die beiden Orte waren nicht Nachbarn im freundlichen Sinn, sondern Konkurrenten in verschiedenen Zuständigkeiten. Das lässt sich datieren.

Schon im 16. Jahrhundert galt Zella neben Schmalkalden und Suhl als Zentrum der Eisenverarbeitung. 1563 entstanden Innungsstatuten für Schlosser, Büchsenmacher, Sporer und Windenmacher — die Breite der Gewerke zeigt, dass hier nicht nur Waffen entstanden, sondern Metallarbeit überhaupt. Entscheidend ist das Jahr 1629: Die Zellaer Meister gründeten eine eigene Büchsenmacher-Innung und beendeten damit die vorherige Suhler Dominanz.

Eine eigene Innung heißt: eigene Meisterprüfung, eigene Zeichen, eigene Aufnahmeregeln. Wer Zella-Mehliser Stücke des 17. und 18. Jahrhunderts bestimmen will, sucht deshalb nicht in Suhler Innungsakten.

1652 zählte man 40 Meister in Zella und 19 in Mehlis — zusammen 59. Zum Vergleich: Suhl hatte 1736 119 Schlossermeister und Büchsenmacher. Die Jahre liegen 84 Jahre auseinander, ein direkter Größenvergleich ist daraus nicht zu ziehen; als Anhalt taugt er trotzdem: Der Nachbarort war kein Anhängsel, sondern eine Fertigungslandschaft eigenen Rechts. Zwischen 1659 und 1662 lieferte er ein Jahreskontingent von 1.000 Musketen sowie 200 Pistolen und weiteren Handfeuerwaffen.

Die Betriebe

Drei Namen des Registers sitzen hier, und alle drei sind heute im Westen bekannter als am Fertigungsort:

Die Betriebe
Betriebgegründetwohin der Name ging
J. G. Anschütz1856Ulm, ab 1950
Carl Walther1886über Bissingen-Oblohn nach Ulm, Fertigung ab 1953
Weihrauch1899Mellrichstadt, 1948

Ein Nebenbefund mit System: In Mellrichstadt besteht heute eines der deutschen Beschussämter, ebenso wie in Suhl. Die Teilung schuf auf jeder Seite der Grenze eine eigene Prüfstelle — dieselbe Logik wie 1893, nur an einer anderen Grenze.

Zwangsarbeit: was belegt ist und was nicht

Zwischen 1940 und 1945 arbeiteten in Zella-Mehlis nach der greifbaren Darstellung etwa 8.000 Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter an mehr als 110 Arbeitsstellen. Für das Lager Beckerwiese und das gegenüberliegende Kriegsgefangenenlager werden für den 8. März 1945 8.219 Menschen genannt. Auf dem Alten Friedhof liegen Opfer der Zwangsarbeit — 34 nach dem Heimatgeschichtlichen Wegweiser, 35 nach der Gräberliste des Freistaats Thüringen.

Diese Zahlen sind schwach belegt, und das gehört dazugesagt. Sie gehen auf eine einzige lokale Aufarbeitung zurück, deren Website nicht mehr erreichbar ist, und sie widersprechen einander: Eine Gesamtzahl von rund 8.000 über fünf Jahre verträgt sich schlecht mit 8.219 Menschen an einem einzigen Tag im März 1945. Denkbar ist, dass die eine Zahl Durchgänge zählt und die andere einen Stand — entschieden ist das nicht. Eine betriebsbezogene Zahl gibt es für keinen der drei Betriebe.

Ausdrücklich nicht belegt ist die verbreitete Angabe, Walther habe Karabiner „direkt im KZ Buchenwald” montieren lassen: Im Außenlager-Portal der Gedenkstätte Buchenwald ist für Zella-Mehlis kein Lager verzeichnet, und der dort dokumentierte Buchenwalder Waffenfertiger ist das Gustloff-Werk II in Weimar. Ein KZ-Außenlager ist für die Stadt nicht nachgewiesen. Belegt ist dagegen die Fertigungsstelle, die Walther im KZ Neuengamme betrieb — das steht im Firmeneintrag.

Dieselbe Vorsicht gilt für die Suhler Angabe von rund 10.000 Zwangsarbeitern. Beide Zahlen stammen aus derselben Gattung von Quelle — örtlicher Zusammenzählung ohne ausgewiesene Erhebungsgrundlage. Dass sie sich gegenseitig plausibel machen, wäre ein Fehlschluss: Sie stützen einander nicht, sie teilen dieselbe Schwäche.

Der 4. April und der 3. Juli

Am 4. April 1945 marschierte die US-Armee ein — einen Tag nach Suhl. Am 3. Juli 1945 übernahm die Rote Armee, am selben Tag wie in Suhl. Die drei Monate dazwischen verliefen also gleich.

Danach nicht. Und hier liegt der Kern dieses Eintrags:

  • Das Walther-Werk wurde im Juli 1945 demontiert und die Gebäude zerstört.
  • Anschütz wurde enteignet, die Familie ging in den Westen.
  • Weihrauch wurde enteignet, der Name wanderte 1948 nach Mellrichstadt.

Es blieb keine Waffenfertigung am Ort. In Suhl dagegen wurden Eigentümer und Rechtsformen ausgetauscht, die Werke aber weiterbetrieben — als volkseigene Betriebe, mit einer Linie, die bis in die Gegenwart reicht. Siehe 1945 — Demontage, Enteignung, Volkseigentum.

Das ist die offene Frage dieses Eintrags. Der Suhler Eintrag hält als Regel fest: „Der Ort überlebt die Firmen.” Für Zella-Mehlis gilt sie nicht. Zwei Orte, zehn Kilometer auseinander, dieselbe Besatzungsfolge, dasselbe Datum der sowjetischen Übernahme — und entgegengesetzte Ergebnisse. Woran lag es? An der Art der Erzeugnisse, an der Reparationsliste, an der Größe der Werke, an Entscheidungen einzelner Offiziere? Ich weiß es nicht, und ich habe keine Quelle gefunden, die es beantwortet. Es ist die lohnendste Frage, die dieser Ort stellt.

Was blieb

Was blieb
JahrEinwohner
194617.352
195016.914
198413.921
202412.157

Anders als Suhl kannte Zella-Mehlis keinen Nachkriegshöchststand: Die Zahl fällt von 1946 an durchgehend. Suhl wuchs als Bezirkshauptstadt bis 1989 auf über 56.000 und verlor erst danach; Zella-Mehlis verlor von Anfang an und hat heute gut drei Zehntel weniger Einwohner als 1946. Der Unterschied zwischen einem Ort, dessen Fertigung fortgeführt wurde, und einem, dessen Fertigung endete, steht auch in dieser Spalte.

Was daraus für dieses Register folgt

  1. Der Ortsname trennt, was der Firmenname verbindet. „Walther Zella-Mehlis” und „Walther Ulm” sind nicht dieselbe Fertigung. Für Anschütz gilt dasselbe.
  2. Zella-Mehlis ist kein Vorort von Suhl. Eigene Innung seit 1629, eigener Staat bis 1945, eigenes Beschussamt bis 1949. Wer Zella-Mehliser Stücke über Suhler Quellen bestimmen will, sucht am falschen Ort.
  3. Zwei Beschussämter, zwei Zeichen, ein Fertigungsraum. Die Trennung der Zeichen bildet keine technische Differenz ab, sondern eine staatsrechtliche.
  4. Die Regel „Der Ort überlebt die Firmen” ist keine Regel, sondern ein Suhler Befund. Zehn Kilometer weiter gilt sie nicht. Das ist ein Grund, sie im Register als Beobachtung zu führen und nicht als Gesetz.

Offene Forschungsfragen. Warum wurde in Suhl fortgeführt und in Zella-Mehlis nicht? Innungsakten und Meisterzeichen der Zellaer Innung ab 1629; die Erhebungsgrundlage der Zahlen zur Zwangsarbeit und der Widerspruch zwischen 8.000 und 8.219; die Frage, welche Metallverarbeitung nach 1945 an die Stelle des Waffenbaus trat — für die volkseigenen Betriebe des Orts fehlen dem Register bislang belastbare Angaben.

Quellen

  1. [Online] Wikipedia Zella-Mehlis , Herrschaftsfolge beider Orte — Zella St. Blasii bis 1525 beim Kloster Reinhardsbrunn, seit 1640 Sachsen-Gotha (Amt Schwarzwald); Mehlis 1357 geteilt, 1619 vollständig an Sachsen-Gotha über den Benshäuser Tauschvertrag —, Innungsstatuten 1563, eigene Büchsenmacher-Innung 1629, 40 Meister in Zella und 19 in Mehlis 1652, Kontingent von jährlich 1.000 Musketen und 200 Pistolen 1659–1662, Vereinigung am 1. April 1919, Stadtkreis ab 1926, Einmarsch der US-Armee am 4. April 1945 und Übernahme durch die Rote Armee am 3. Juli 1945, Einwohnerzahlen Link
  2. [Online] Monumente Online Die Beschussanstalt in Zella-Mehlis Link