Stadt
Meiningen
Kein gewachsener Standort — ein hingesetzter. Und das Archiv der anderen vier
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Herrschaftsfolge, Luftangriff, Besetzungsdaten und Einwohnerzahlen stammen aus Lexikondarstellung; das Zweigwerk ist mit Baujahr, Lage, Bauform, Fertigungsprogramm und Zahl der Zwangsarbeiter vergleichsweise gut beschrieben. Ungeklärt bleibt die Bauherrenschaft: Die Darstellung nennt für das 1940 errichtete Werk die Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke, während dieses Register deren Umbenennung in die Gustloff-Werke auf 1939 datiert. Der Widerspruch ist unten benannt. Nicht ermittelt ist außerdem, was Sauer mit dem Briefkopf „Suhl-Meiningen" von 1943 bezeichnete.
Die vier anderen Orte dieses Registers sind Fertigungsorte, deren Geschichte man von der Fertigung her erzählen kann. Meiningen nicht. Hier war die Waffenfertigung eine Episode von sechs Jahren, und sie kam nicht aus der Stadt, sondern wurde ihr hingesetzt.
Trotzdem gehört der Ort in dieses Register, und zwar aus drei Gründen: wegen dieses Werks, wegen eines Briefkopfs — und weil hier die Akten aller anderen liegen.
Wem die Stadt gehörte
| Ab | Zugehörigkeit |
|---|---|
| 1680 | Herzog Bernhard I. gründet das Herzogtum Sachsen-Meiningen; Meiningen wird Haupt- und Residenzstadt |
| 1920 | Land Thüringen, nach der Novemberrevolution |
| 1952–1990 | Kreisstadt im Bezirk Suhl |
| 3. Oktober 1990 | Freistaat Thüringen |
Damit steht die Landschaft dieses Registers vollständig, und sie zerfällt sauber in zwei Hälften:
Drei der fünf Orte waren preußisch, zwei nicht. Suhl, Erfurt und Sömmerda gehörten bis 1945 zur preußischen Provinz Sachsen. Zella-Mehlis war sachsen-gothaisch, Meiningen Residenzstadt eines eigenen Herzogtums — beide kamen 1920 zum Land Thüringen. Und 1952 kehrte sich das Verhältnis um: Meiningen wurde Kreisstadt im Bezirk Suhl und damit dem Ort untergeordnet, dessen Betriebe hier ihr Zweigwerk hatten.
Meiningen war im 19. und frühen 20. Jahrhundert kein Metallstandort, sondern ein Bankenplatz — der Artikel spricht von einem der bedeutendsten Finanzstandorte Deutschlands — und ab 1914 Sitz der Hauptwerkstatt der Preußischen Staatsbahn, aus der das heutige Dampflokwerk hervorging. Metallverarbeitung gab es also, aber im Eisenbahnbau, nicht im Waffenbau.
Das Zweigwerk auf dem Totenfeld
1940 entstand im nördlichen Stadtteil Totenfeld ein Zweigwerk: eine Produktionshalle von 80 mal 80 Metern, dazu ein Kopfbau für Werkleitung und Büros und mehrere Nebengebäude.
Bemerkenswert ist, wer das betrieb. Nicht ein Unternehmen, das expandieren wollte, sondern zwei Amtsträger: der Meininger Landrat Hellmuth Gommlich und der Thüringer Gauleiter Fritz Sauckel — finanziert mit Hilfe der Wilhelm-Gustloff-Stiftung.
Sauckel taucht in Meiningen zum zweiten Mal auf. 1934 betrieb er hier ein Verfahren gegen Arthur Simson wegen angeblicher Überteuerung von Reichsaufträgen — obwohl der Reichsrechnungshof keine überhöhten Gewinne festgestellt hatte. Es war ein Schritt auf dem Weg zur Enteignung der Familie; das Vermögen ging an die Wilhelm-Gustloff-Stiftung über. Sechs Jahre später setzt derselbe Mann mit dem Geld derselben Stiftung ein Werk vor die Tore derselben Stadt. Siehe Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke.
Gefertigt wurden die Panzerbüchse 39 und ab 1943 die 2-cm-Flak 38. Neben der deutschen Belegschaft arbeiteten dort rund 200 Zwangsarbeiter.
Ungeklärt: Wer war Bauherr? Die Darstellung nennt für 1940 die Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke. Dieses Register datiert deren Eingliederung und Umbenennung in die Gustloff-Werke auf 1939 — dann hätte 1940 bereits das Kombinat gebaut, nicht die BSW. Möglich ist, dass die Darstellung den älteren Namen fortschreibt, möglich auch, dass die Datierung des Registers zu früh liegt. Aufgelöst wird das hier nicht.
Ein zweiter Faden ist ebenso offen: Der Suhler Briefkopf von J. P. Sauer & Sohn lautete im April 1943 „Suhl-Meiningen”. Was damit bezeichnet war — eine eigene Fertigungsstätte, eine Verwaltungsanschrift oder eine Verlagerung —, ist nicht ermittelt. Siehe J. P. Sauer & Sohn.
Ein möglicher Zusammenhang, den ich nicht behaupte
Meiningen fertigte ab 1943 die 2-cm-Flak 38. In Suhl entstanden 1944 nach Angabe des Registers 2.500 Lafetten für die 2-cm-Flak 38. Beide Werke gehörten zum selben Kombinat, und sie liegen 25 Kilometer auseinander.
Ob Suhl die Lafetten für die Meininger Waffen baute, ob beide unabhängig in denselben Auftrag lieferten oder ob die Zuordnung ganz anders lief, geht aus den ausgewerteten Darstellungen nicht hervor. Der Zusammenhang ist naheliegend und deshalb gerade gefährlich: Naheliegendes für belegt zu nehmen ist die häufigste Fehlerquelle dieses Registers. Er steht hier als Frage.
Der 23. Februar, der 5. April und der 6. Juli
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 23. Februar 1945 | schwerer Luftangriff auf die Stadt: 49 B-17-Bomber, 208 Tote, 251 zerstörte Häuser |
| 2. März 1945 | Angriff auf das Zweigwerk gegen 13 Uhr; die Fertigung wurde nur gering beeinträchtigt |
| 5. April 1945 | Einheiten der 11. Panzerdivision der US-Armee nehmen die Stadt |
| 6. Juli 1945 | Übergabe an die Rote Armee |
Der 6. Juli ist das späteste Übergabedatum der fünf Orte — und damit die endgültige Antwort auf eine Formulierung, die in diesem Register zunächst falsch stand:
| Ort | Rote Armee |
|---|---|
| Sömmerda | 1. Juli 1945 |
| Suhl · Zella-Mehlis · Erfurt | 3. Juli 1945 |
| Meiningen | 6. Juli 1945 |
Sechs Tage Spanne. Ein Besatzungsdatum ist kein Regionaldatum, und wer eine Zäsur datiert, muss den Ort dazu nennen.
Auffällig ist außerdem das Verhältnis der beiden Angriffe: Der Angriff auf die Stadt am 23. Februar tötete 208 Menschen und zerstörte 251 Häuser; der Angriff auf das Rüstungswerk am 2. März beeinträchtigte die Fertigung nur gering. Was das über die Zielgenauigkeit oder die Zielauswahl sagt, ist aus dieser Quellenlage nicht zu entscheiden — festzuhalten ist der Befund.
Das Werk verschwand, das Archiv blieb
1946 wurde das Zweigwerk aufgelöst und demontiert. Auf dem Gelände richtete sich der VEB Kraftverkehr Meiningen ein; seit 1995 steht dort ein Einkaufszentrum. Von sechs Jahren Waffenfertigung ist am Ort nichts geblieben.
Geblieben ist etwas anderes, und für dieses Register ist es das Wichtigste an Meiningen: das Landesarchiv Thüringen — Staatsarchiv Meiningen. Dort liegt die Überlieferung der Suhler und Zella-Mehliser Betriebe, auf die sich dieses Register in vielen Einträgen stützt — unter anderem:
- der Bestand Fa. C. G. Haenel Suhl (4-94-1203, Laufzeit 1837–1970)
- Firmenschriftgut von J. P. Sauer & Sohn, darunter Betriebsbekanntmachungen, Lohnanweisungen und Gestapo-Korrespondenz
- Bestände zu Gebrüder Merkel und J. G. Anschütz
Aus diesen Beständen stammt ein erheblicher Teil dessen, was dieses Register über Zwangsarbeit in der Region belegen kann — 2002 zum Teil in einer Quellenedition erschlossen. Der Ort, an dem am wenigsten gefertigt wurde, ist damit der Ort, an dem am meisten über die Fertigung liegt.
| Jahr | Einwohner |
|---|---|
| 1939 | 22.305 |
| 1983 | 25.905 — Höchststand |
| 2024 | 25.002 |
Meiningen ist der einzige der fünf Orte, der seit dem Ende der DDR kaum Einwohner verloren hat. Das passt zum Befund: Wo die Wirtschaft nie an der Waffenfertigung hing, traf ihr Ende die Stadt auch nicht.
Was daraus für dieses Register folgt
- Nicht jeder Fertigungsort ist eine Fertigungslandschaft. Meiningen bekam 1940 ein Werk hingestellt und war 1946 wieder ohne. Wer Orte nur nach „hier wurde gefertigt” sortiert, stellt Suhl und Meiningen nebeneinander — und verliert damit den Unterschied zwischen gewachsener und verordneter Fertigung.
- Die Verlagerungsstandorte gehören mitgeführt. Schmiedefeld, Meiningen, Greiz, Litzmannstadt: Das Kombinat streute seine Fertigung über vier weitere Orte. Ein Stück mit Suhler Kennzeichnung kann anderswo entstanden sein.
- Zwei Amtsträger, ein Stiftungsvermögen, ein Werk. Die Rüstungsgeographie der NS-Zeit folgte hier nicht der Standortgunst, sondern dem Zugriff von Landrat und Gauleiter auf enteignetes Vermögen.
- Der Archivort ist Teil des Gegenstands. Wer zur Suhler Fertigung arbeitet, arbeitet mit Meininger Beständen. Das gehört in eine Ortsdarstellung, nicht nur in die Fußnoten.
Offene Forschungsfragen. Wer war Bauherr des Zweigwerks — BSW oder bereits die Gustloff-Werke? Was bezeichnete Sauers Briefkopf „Suhl-Meiningen” von 1943? Wie verhielten sich die Meininger Flak-Fertigung und die Suhler Lafettenfertigung zueinander? Woher kamen die rund 200 Zwangsarbeiter, und wo waren sie untergebracht — ein Lager ist für das Werk bislang nicht benannt. Und schließlich: Welche weiteren Bestände des Staatsarchivs Meiningen sind für dieses Register einschlägig, aber noch nicht ausgewertet?
Quellen
- [Online] Wikipedia — Meiningen , Gründung des Herzogtums Sachsen-Meiningen 1680 und Meiningen als Haupt- und Residenzstadt, Übergang an das Land Thüringen 1920, Kreisstadt im Bezirk Suhl 1952–1990, Rückkehr nach Thüringen am 3. Oktober 1990; Hauptwerkstatt der Preußischen Staatsbahn ab 1914; Luftangriff am 23. Februar 1945 mit 49 B-17-Bombern, 208 Toten und 251 zerstörten Häusern; Einnahme durch die 11. Panzerdivision der US-Armee am 5. April 1945 und Übergabe an die Rote Armee am 6. Juli 1945; Einwohnerzahlen Link
- [Online] Wikipedia — Gustloffwerk Meiningen , Errichtung 1940 im Stadtteil Totenfeld als Zweigwerk, auf Initiative des Landrats Hellmuth Gommlich und des Gauleiters Fritz Sauckel mit finanzieller Hilfe der Wilhelm-Gustloff-Stiftung; Produktionshalle 80 × 80 Meter mit Kopfbau und Nebengebäuden; Fertigung der Panzerbüchse 39 und ab 1943 der 2-cm-Flak 38; rund 200 Zwangsarbeiter; Luftangriff am 2. März 1945 gegen 13 Uhr durch B-17-Bomber der USAAF mit geringer Beeinträchtigung der Fertigung; Auflösung und Demontage 1946; VEB Kraftverkehr auf dem Gelände, seit 1995 Einkaufszentrum Link