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Hersteller · Suhl

Suhler Waffenwerk Gebrüder Merkel

1898–heute KaiserreichErster WeltkriegWeimarer Republik1933–1945SBZ 1945–1949DDR 1949–1990nach 1990 plausibel

Albert Oskar, Karl Paul und Gebhard Merkel gründeten 1898 die Firma Gebrüder Merkel in Suhl. Ab 1905 spezialisierte sich das Haus auf Gewehre mit übereinander angeordneten Läufen — Bockgewehre und Drillinge —, die zum Markenzeichen wurden. Albert Oskar Merkel schied 1907 aus.

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Merkel ist der Betrieb, an dem sich die Leitfrage dieses Registers am längsten verfolgen lässt: Die Firma überdauerte Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit, SBZ und DDR und besteht bis heute.

AbRechtsform / Zugehörigkeit
1898Gebrüder Merkel, Suhl
1947Wiederaufnahme der Jagdwaffenfertigung
1950VVB MEWA Gebrüder Merkel Jagdgewehrfabrik Suhl
1968Zusammenschluss mit dem VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl → VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann”
nach 1990eigenständig als Merkel Jagd- und Sportwaffen

Die Kriegsjahre: Zulieferer statt Jagdwaffenfabrik

Merkel ist der Betrieb, an dem sich zeigen lässt, dass auch die zivile Suhler Jagdwaffenfertigung in die Rüstung überging. Nach Kriegsbeginn 1939 stellte das Haus auf Karabinerteile, Motoren- und Geräteteile sowie Entfernungsmesser um; die Belegschaft stieg auf einen Höchststand von 350 Beschäftigten nach der Firmendarstellung, 370 nach dem Lexikonartikel — der Widerspruch bleibt hier stehen. Zum Vergleich die Ausgangslage: 1933 zählte der Betrieb 80, 1939 etwa 200 Beschäftigte. Karl Paul Merkel, einer der Gründer, starb 1942. Um 1943 kam die Jagdwaffenfertigung nahezu vollständig zum Erliegen.

Damit war Merkel im Krieg kein Jagdwaffenhersteller mehr. Er war ein Zulieferbetrieb mittlerer Größe in einer Stadt, deren Industrie geschlossen in der Rüstung stand; welche Baugruppen genau geliefert wurden, an wen, und ob der Betrieb ein eigenes Fertigungskennzeichen führte, ist hier nicht erfasst.

Zwangsarbeit — geprüft, nicht aufgelöst

Für Suhl ist der Einsatz von Zwangsarbeit gut dokumentiert. Eine zweibändige Dokumentation, die 1998 rund 40 Jugendliche aus vier Suhler Schulen vorlegten, kommt auf über 10.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter — bei 23.000 Einwohnern — und 75 Lager für die sogenannten Fremdarbeiter im Stadtgebiet. Eine örtliche antifaschistische Darstellung nennt für die Rüstungsindustrie bis zu 8.500 Menschen aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich, Belgien, Italien, den Niederlanden und der Tschechoslowakei; 150 überlebten die Zwangsarbeit nicht. Die beiden Zahlen sind nicht gegeneinander geprüft.

Firmenbezogen wird es dünner. Belegt sind Zahlen für einzelne Betriebe:

BetriebZwangsarbeiter
Heinrich Krieghoffbis 1944: 792 — darunter 287 Russen, 196 Franzosen, 71 Polen, 65 Jugoslawen, 55 Belgier, 43 Niederländer, 41 Tschechen, 19 Dänen, 8 Litauer, 4 Esten, 3 Letten
Wilhelm Kober1944: 210
Friedrich Keilpart & Co.1944: 109

Merkel steht in dieser Aufstellung nicht. Das ist kein Negativbefund, sondern eine Lücke: Die Aufstellung ist eine Auswahl, keine vollständige Betriebsliste. Ebenso wenig taucht Merkel im Außenlager-Portal der Gedenkstätte Buchenwald auf — dessen einziger Suhler Eintrag ist ein Baukommando von 80 Häftlingen (insgesamt 91), das vom 15. Juli bis 1. Oktober 1943 für das Gustloff-Werk ein Barackenlager errichtete. Die Firmendarstellung von Merkel selbst überspringt die Frage; sie hält für die Kriegszeit nur fest, dass die Handwerksberufe des Büchsenmachers im Betrieb erhalten blieben. Ebenso schweigt die Darstellung des Fördervereins Waffenmuseum Suhl, obwohl deren Teil I die Firmengeschichte ausdrücklich „von der Gründung bis 1945” führt: Sie nennt Grundstücke, Beschäftigtenzahlen und Geschäftsführerwechsel, aber weder die Kriegsfertigung noch die Frage nach den Arbeitskräften.

Was nicht eingesehen wurde: die beiden Bände der Suhler Dokumentation von 1998 und die Betriebsakten im Landesarchiv Thüringen — Staatsarchiv Meiningen, das die Überlieferung der Suhler Betriebe verwahrt. Solange dort nicht nachgesehen ist, bleibt die Frage bei diesem Eintrag ausdrücklich offen und wird nicht in die eine oder andere Richtung entschieden. Zum Zusammenhang siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.

Jagdwaffen als Devisenquelle

Dass die Fertigung nach 1945 überhaupt so schnell wieder anlief, lag daran, dass Merkel-Waffen auch in der Sowjetunion geschätzt wurden. In der DDR wurde daraus Wirtschaftspolitik. 1970 entwickelte der Ingenieur Gerhard Grüber eine Luxuswaffenlinie, die zum Exporterfolg wurde; Merkel-Waffen gingen in über 70 Länder und waren eine bedeutende Devisenquelle des Staates.

Damit steht Merkel für den ökonomischen Kern der DDR-Waffenfertigung: Nicht die Bewaffnung der eigenen Truppe war das Geschäft — die kam aus sowjetischer Lizenz oder aus dem Import —, sondern die handwerkliche Jagdwaffe für den kapitalistischen Weltmarkt.

Offene Forschungsfragen. Kennzeichnungsvarianten über die Rechtsformwechsel hinweg (besonders die VEB-Zeit), Stückzahlen, Eigentümerfolge nach 1990. Für die Kriegszeit: Auftraggeber und Baugruppen der Zulieferfertigung 1939–1945, ein etwaiges Fertigungskennzeichen des Betriebs und die Zusammensetzung der Belegschaft — insbesondere die Frage, ob und wie viele Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene bei Merkel eingesetzt waren.

Rechtsform und Firmierung

1898
Gebrüder Merkel, Suhl · Familienbetrieb

Gegründet von Albert Oskar, Karl Paul und Gebhard Merkel. Albert Oskar schied 1907 aus.

1950
VVB MEWA Gebrüder Merkel Jagdgewehrfabrik Suhl · Vereinigung Volkseigener Betriebe
1968
VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann" · Betriebszusammenschluss

Zusammenschluss mit dem VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl.

nach 1990
Merkel Jagd- und Sportwaffen GmbH · eigenständige Fortführung

Fertigungsprogramm

ab 1898
Jagdwaffen
ab 1905
Bockgewehre und Drillinge

Spezialisierung auf übereinander angeordnete Läufe — das Markenzeichen des Hauses.

1939–1945
Karabinerteile, Motoren- und Geräteteile, Entfernungsmesser

Umstellung auf Zulieferfertigung nach Kriegsbeginn; um 1943 kam die Jagdwaffenfertigung nahezu zum Erliegen. Ein Fertigungskennzeichen des Betriebs für diese Zeit ist hier nicht erfasst.

ab 1947
Wiederaufnahme der Jagdwaffenfertigung

Möglich, weil Merkel-Waffen auch in der Sowjetunion geschätzt wurden — der Grund, warum die Fertigung hier früher wieder anlief als andernorts.

ab 1970
Luxuswaffenlinie

Entwickelt von Ingenieur Gerhard Grüber; Export in über 70 Länder und eine bedeutende Devisenquelle des Staates.

Standorte

  • Suhl

Personen

  • Albert Oskar, Karl Paul und Gebhard Merkel — Gründer, 1898
  • Karl Paul Merkel — Mitgründer, gestorben 1942
  • Gerhard Grüber — Ingenieur, entwickelte die Luxuswaffenlinie, ab 1970

Beschäftigte

  • 1933 · 80 (Nach der Darstellung des Fördervereins Waffenmuseum Suhl.)
  • 1939 · etwa 200 (Nach der Darstellung des Fördervereins Waffenmuseum Suhl.)
  • Kriegsjahre (Höchststand) · 350 bis 370 (Die Firmendarstellung nennt bis zu 350 („hardly ever rose above 350"), der Lexikonartikel bis zu 370 Beschäftigte. Der Widerspruch ist nicht aufgelöst.)
  • 1945 · 125 (Neustart nach Kriegsende unter dem Treuhänder Adolf Schade. Die Quelle datiert die Zahl auf das Jahr 1945, nicht auf einen Stichtag.)

Zwangsarbeit — noch nicht geprüft

Rüstungsfertigung belegt, Arbeitskräfte ungeklärt. Ab 1939 fertigte Merkel Karabinerteile, Motoren- und Geräteteile sowie Entfernungsmesser; die Belegschaft stieg auf bis zu 350 (Firmendarstellung) beziehungsweise bis zu 370 Beschäftigte, um 1943 kam die Jagdwaffenfertigung nahezu zum Erliegen. In Suhl arbeiteten zur selben Zeit über 10.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, verteilt auf 75 Lager im Stadtgebiet; für die Rüstungsindustrie werden bis zu 8.500 genannt, 150 von ihnen überlebten nicht. Ein Beleg für den Einsatz bei Merkel fehlt. Die Firma taucht weder in den firmenbezogenen Zahlen der 1998 vorgelegten Suhler Schülerdokumentation auf (dort Krieghoff mit 792 bis 1944, Wilhelm Kober mit 210, Friedrich Keilpart & Co. mit 109) noch im Außenlager-Portal der Gedenkstätte Buchenwald, dessen einziger Suhler Eintrag ein Baukommando des Gustloff-Werks von 1943 ist. Firmendarstellung und Lexikonartikel schweigen zur Frage; auch die örtliche Vereinsdarstellung, die die Firmengeschichte ausdrücklich bis 1945 führt, erwähnt weder die Kriegsfertigung noch Zwangsarbeit. Nicht eingesehen wurden die beiden Bände der Suhler Dokumentation selbst sowie die Betriebsakten im Landesarchiv Thüringen — Staatsarchiv Meiningen.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Verbleib

Merkel ist neben Haenel der zweite große Suhler Name, der ohne westdeutsche Neugründung am Ort fortbesteht — heute der letzte große Waffenhersteller der Stadt. Die Linie reicht damit ohne Unterbrechung von 1898 bis heute, über fünf politische Ordnungen.

Modelle dieses Herstellers

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Merkel Jagd- und Sportwaffen Link
  2. [Online] PIRSCH — Merkel Jagd- und Sportwaffen: Der letzte große Hersteller aus Suhl Link
  3. [Online] Förderverein Waffenmuseum Suhl — 125 Jahre Firma Gebrüder Merkel Suhl — Geschichte Teil I, die Jahre von der Gründung bis 1945 Link
  4. [Online] Förderverein Waffenmuseum Suhl — 125 Jahre Firma Gebrüder Merkel Suhl — Geschichte Teil II, 1945 bis 1989 Link
  5. [Online] Merkel Jagd- und Sportwaffen — Historie — Firmendarstellung Link
  6. [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Suhl Link
  7. [Online] Berliner Zeitung — Getroffen in Suhl — Schüler erforschten die Geschichte der Zwangsarbeiter in ihrer Heimatstadt Link
  8. [Online] Alerta — Vom Tag der Befreiung und wie Täter zu Opfern werden Link
  9. [Archiv] Landesarchiv Thüringen — Staatsarchiv Meiningen — Bestände der Suhler Betriebe Link