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OD WH

Nachwirkung · Bundesrepublik (Eckernförde) / Schweiz

SIG Sauer P6 (P225)

Fertigung
Sauer & Sohn
Kaliber
9 × 19 mm
Zeitraum
1978–2014
Belegstatus
ungeklärt Begründung anzeigenBegründung ausblenden

ZUR EINORDNUNG: Der Eintrag ist als NACHWIRKUNG geführt. Konstruiert wurde die Waffe bei SIG in der Schweiz, gefertigt bei J. P. Sauer & Sohn in Eckernförde — beides außerhalb des Untersuchungsraums. Sie steht hier, weil das fertigende Haus bis 1945 in Suhl saß und dort seit 1751 bestand; siehe J. P. Sauer & Sohn. Der Herstellereintrag verweist deshalb auf den Suhler Betrieb, nicht auf die Eckernförder Neugründung, die dieses Register nicht als eigenen Betrieb führt. DIESER EINTRAG STEHT AUF SCHMALER GRUNDLAGE und ist deshalb als UNGEKLÄRT geführt. Belegt sind: der Entwurf von 1975 bei SIG Arms AG und die Fertigung bei J. P. Sauer & Sohn in Eckernförde; der westdeutsche Anforderungskatalog Mitte der 1970er Jahre mit Spannabzug, 9 × 19 mm, Magazin zu acht Patronen und Entspannmöglichkeit; die Vergabe der Kennungen P5, P6 und P7 an Walther, SIG Sauer und Heckler & Koch; und dass die P6 eine geringfügig abgewandelte P225 ist. NICHT ERMITTELT sind: Einführungsjahr und Fertigungsende im Einzelnen — die hier angegebenen Jahre sind eine grobe Einordnung —, Maße und Gewicht, Mündungsgeschwindigkeit, Stückzahlen, welche Landespolizeien die Waffe tatsächlich einführten und in welchem Umfang, sowie die Einzelheiten der Abweichung zwischen P225 und P6. UNGEPRÜFT ist die Angabe, die P6 sei bei den Erprobungen der Länder „der klare Sieger nach Gesamtleistung und Preis-Leistung" gewesen. Sie stammt aus einer Sammlerdarstellung ohne Quellenangabe und ist hier nur sinngemäß und mit Vorbehalt wiedergegeben.

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Diese Pistole arbeitet nach dem Verfahren, das seit John Brownings Konstruktionen der Standardweg ist und es bis heute geblieben ist: Beim Schuss laufen Lauf und Verschlussschlitten ein kurzes Stück gemeinsam nach hinten, dann wird das hintere Ende des Laufs von einer Steuerkurve nach unten gezogen, und ein kräftiger Ansatz über dem Patronenlager rutscht aus dem Auswurffenster des Schlittens heraus. Damit sind beide getrennt, der Schlitten läuft allein weiter, wirft die Hülse aus und wird von einer Feder wieder vorgetrieben. Der Unterschied zu den älteren Browning-Konstruktionen ist, dass der Lauf nicht mehr über ein eigenes Schwenkglied abgesenkt wird, sondern über eine schräge Fläche an einem Zapfen — weniger Teile, dasselbe Ergebnis. Bedient wird die Waffe über einen Spannabzug: Der erste Schuss geht mit langem, schwerem Zug, die folgenden kurz und leicht. Einen Sicherungshebel gibt es nicht, dafür einen Hebel zum Entspannen: Er lässt den gespannten Hahn kontrolliert nach vorn, ohne dass ein Schuss bricht.

Die P6 ist die dritte Waffe der westdeutschen Polizeierprobung — und diejenige, die sich am deutlichsten durchsetzte. Für dieses Register ist sie interessant, weil sie in dem Haus gefertigt wurde, das bis 1945 in Suhl saß.

Der Weg von Suhl nach Eckernförde

J. P. Sauer & Sohn bestand seit 1751 in Suhl und war eines der ältesten Waffenhäuser Deutschlands. Nach 1945 Enteignung und Demontage; die Firma begann in Eckernförde neu. Siehe J. P. Sauer & Sohn.

1975 entwarf SIG Arms AG in der Schweiz eine Pistolenfamilie, gefertigt wurde sie bei Sauer in Eckernförde. Aus dieser Zusammenarbeit entstand, was heute als „SIG Sauer” bekannt ist — und aus ihr kam die Waffe, die die westdeutsche Polizei über Jahrzehnte trug.

Zusammen mit der Walther P5 ergibt sich damit ein Befund, der über die einzelne Waffe hinausgeht: Von den drei Pistolen, welche die Polizeierprobung der 1970er Jahre überstanden, stammen zwei aus Häusern, deren Werkbänke bis 1945 in Thüringen standen. Siehe Wie weit reicht die Wirkung.

Warum ausgerechnet diese Waffe gewann

Die P6 ist von den drei Siegern die konventionellste.

  • Die P7 verzichtete auf die Verriegelung ganz und ersetzte sie durch eine Gasbremse; statt eines Abzugs im üblichen Sinn hat sie einen Spanngriff, den die Greifhand betätigt.
  • Die P5 blieb bei der eigenen Verriegelung von 1938, wirft die Hülsen nach links aus und arbeitet mit vier selbsttätigen Sicherungen.
  • Die P6 nimmt das Browning-Prinzip, vereinfacht es an zwei Stellen und gibt ihr einen Spannabzug mit Entspannhebel.

Nach einer Sammlerdarstellung war sie in den Erprobungen der Länder der klare Sieger nach Gesamtleistung und Preis-Leistung. Diese Angabe ist hier ausdrücklich als ungeprüft geführt — sie steht ohne Quelle. Was sich davon unabhängig sagen lässt: Bei einer Dienstwaffe, die zehntausendfach beschafft und von Menschen geführt wird, die keine Waffentechniker sind, ist Bewährtheit ein Argument und Neuheit ein Risiko.

Die Vereinfachung des Browning-Prinzips

Der Colt M1911 verriegelt über mehrere Rippen am Lauf, die in entsprechende Nuten im Schlitten greifen, und senkt den Lauf über ein Schwenkglied ab. Die P6 ändert daran zweierlei:

  1. Eine große Fläche statt mehrerer Rippen. Ein kräftiger Ansatz über dem Patronenlager greift formschlüssig in das Auswurffenster des Schlittens. Das ist weniger Bearbeitung und verträgt zumindest ebenso viel.
  2. Eine Steuerfläche statt eines Schwenkglieds. Der Lauf wird beim Rücklauf über eine schräge Fläche an einem Zapfen abgesenkt. Ein Bauteil weniger.

Beides zusammen ist der Stand, auf dem der Pistolenbau bis heute steht: Praktisch jede moderne Dienstpistole verriegelt so. Siehe Kurzwaffen im Systemvergleich.

Damit ist auch gesagt, welche Linie sich durchgesetzt hat. Die Zella-Mehliser Linie mit fallendem Verriegelungsblock — P38, P5 — ist die Nebenlinie, und sie endete 1993.

Zwei Suhler Häuser, zwei Staaten, zwei Dienstpistolen

Ein Nebeneinander, das dieses Register festhalten sollte:

Zwei Suhler Häuser, zwei Staaten, zwei Dienstpistolen
P6Pistole M
FertigerJ. P. Sauer & Sohn, EckernfördeVEB Ernst-Thälmann-Werk, Suhl
Herkunft des HausesSuhl, seit 1751Suhl, aus demselben Betriebsgelände
StaatBundesrepublikDDR
Patrone9 × 19 mm9 × 18 mm
Verschlussverriegelt, Browningunverriegelt, Masse

Zwei Betriebe, die 1945 noch in derselben Stadt standen, lieferten danach die Dienstpistolen zweier deutscher Staaten. Die Suhler Waffentradition ist nach 1945 nicht verschwunden — sie hat sich geteilt.

Für die Bestimmung

  1. Entspannhebel links am Griffstück, kein Sicherungshebel.
  2. Verriegelung über das Auswurffenster: Am zerlegten Stück sitzt der Verriegelungsansatz über dem Patronenlager, es gibt keine Rippen und kein Schwenkglied.
  3. Behördenkennzeichnung. Die P6 trägt als zugelassene Polizeipistole die entsprechende Kennung; ausgemusterte Stücke sind in großer Zahl in den zivilen Handel gelangt und tragen häufig Behördenmarkierungen.

Zum Belegstatus. Dieser Eintrag ist als ungeklärt geführt und ist der dünnste der Erprobungsreihe. Maße, Gewicht, Stückzahlen, Einführungsjahre und die genauen Abweichungen zwischen P225 und P6 sind hier NICHT ermittelt. Er steht trotzdem, weil ohne ihn die Polizeierprobung im Register unvollständig bliebe und weil der Herkunftsbefund — zwei von drei Häusern aus dieser Region — ohne ihn nicht zu zeigen wäre.

Offene Forschungsfragen. Maße, Gewicht und Stückzahl der P6. — Welche Landespolizeien führten sie, und in welchem Umfang? — Worin genau unterscheidet sich die P6 von der P225? — Und ab wann und bis wann wurde sie beschafft?

Waffenrechtliches

Selbstladepistole, keine Kriegswaffe nach dem KWKG. Für Erwerb und Besitz gilt das Waffengesetz; verbindlich ist allein die Entscheidung der zuständigen Behörde. Dieses Register dokumentiert die Waffe technikgeschichtlich. Siehe Methodik.

Konstruktion

Verschluss
Verriegelter Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf nach dem Browning-Prinzip, aber ohne Schwenkglied: Ein kräftiger Ansatz über dem Patronenlager greift in das Auswurffenster des Schlittens; abgesenkt wird der Lauf über eine schräge Steuerfläche.
Ladeprinzip
Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf
Zuführung
Einreihiges Stangenmagazin zu 8 Patronen
Abzug
Spannabzug (Double Action / Single Action) mit Entspannhebel links am Griffstück. Keine Handsicherung.
Sicherung
Selbsttätige Schlagbolzensicherung, dazu der Entspannhebel. Ein Hebel zum Sichern existiert nicht — die Waffe wird entspannt geführt und ist im Spannabzug sofort schussbereit.
Visierung
Offene Visierung, Kimme und Korn

Maße und Leistung

Magazin
8 Patronen

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Ausgangslage

    Patrone im Lager, Hahn entspannt, Schlagbolzen durch die selbsttätige Schlagbolzensicherung blockiert. Die Waffe ist ohne weiteren Handgriff schussbereit.

  2. 2

    Erster Schuss im Spannabzug

    Der Abzug spannt den Hahn und lässt ihn fallen; auf dem letzten Stück des Wegs wird die Schlagbolzensicherung freigegeben. Langer, schwerer Zug — das ist die Sicherheitsreserve dieser Bauart.

  3. 3

    Verriegelung über das Auswurffenster

    Im verriegelten Zustand greift ein kräftiger Ansatz über dem Patronenlager formschlüssig in das Auswurffenster des Schlittens. Ältere Browning-Konstruktionen wie die Colt M1911 verwenden dafür mehrere Rippen am Lauf und entsprechende Nuten im Schlitten; hier trägt eine einzige große Fläche.

  4. 4

    Gemeinsamer Rücklauf und Absenken

    Lauf und Schlitten laufen kurz gemeinsam zurück. Eine schräge Steuerfläche an einem Zapfen zieht das hintere Ende des Laufs nach unten; der Ansatz rutscht aus dem Auswurffenster. Kein Schwenkglied — das ist die Vereinfachung gegenüber der M1911.

  5. 5

    Auswurf und Vorlauf

    Der Schlitten läuft allein weiter, wirft die Hülse aus, spannt den Hahn und wird von der Schließfeder wieder vorgetrieben. Er nimmt die nächste Patrone mit und hebt den Lauf beim Verriegeln wieder an.

  6. 6

    Entspannen

    Der Hebel links am Griffstück lässt den gespannten Hahn kontrolliert nach vorn, ohne dass der Schlagbolzen erreicht wird. Danach ist die Waffe wieder in der Ausgangslage — geladen, entspannt, im Spannabzug schussbereit.

Schwenkriegel — verriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verriegelt: Das keilförmige Riegelstück unter dem Lauf steht oben und greift beidseitig in Ausnehmungen des Verschlusses.
  2. 2 Entriegelung: Nach wenigen Millimetern gemeinsamen Rücklaufs trifft der Steuerstift am Griffstück das Riegelstück und schwenkt es nach unten aus den Ausnehmungen.
  3. 3 Getrennt: Der Lauf wird abgefangen, der Verschluss läuft allein weiter, wirft aus und spannt den Hahn.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Walther P5

Carl Walther, Ulm · Bundesrepublik (Ulm) · 1979 plausibel
System
Rückstoßlader mit fallendem Verriegelungsblock nach der P38-Linie, vier selbsttätige Sicherungen, Auswurf nach links
Unterschied
Der zweite Sieger derselben Erprobung und ebenfalls aus einem Haus dieser Region. Walther erneuerte die eigene Verriegelung von 1938, SIG/Sauer griff zum Browning-Prinzip.
Befund
Von den drei beschafften Pistolen stammen zwei aus Betrieben, deren Ursprung im Untersuchungsraum liegt: Walther aus Zella-Mehlis, Sauer aus Suhl.

HK P7

Heckler & Koch · Bundesrepublik (Oberndorf) · 1979 plausibel
System
Gasgebremster Masseverschluss, Spanngriff, 9 × 19 mm
Unterschied
Der dritte Sieger und der technisch radikalste Entwurf: kein verriegelter Verschluss, sondern eine Gasbremse; statt eines Spannabzugs ein Spanngriff am Griffvorderteil.
Befund
Der Vergleich fällt praktisch aus. Die P6 war die konventionellste der drei Waffen — und wurde nach der eingesehenen Darstellung von den Ländern am deutlichsten bevorzugt. Bei einer Dienstwaffe ist Bewährtheit ein Argument und Neuheit ein Risiko.

Colt M1911

Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · Vereinigte Staaten · 1911 plausibel
System
Browning-Verriegelung über Rippen am Lauf und Nuten im Schlitten, Absenken über ein Schwenkglied, Single Action mit Handsicherung
Unterschied
Der Ursprung des Prinzips, 67 Jahre früher. Die P6 vereinfacht es an zwei Stellen: eine große Verriegelungsfläche im Auswurffenster statt mehrerer Rippen, und eine Steuerfläche statt eines Schwenkglieds.
Befund
Die Entwicklungslinie von der M1911 zur P6 ist die Hauptlinie des Pistolenbaus im 20. Jahrhundert. Die Zella-Mehliser Linie mit fallendem Block — P38, P5 — ist die Nebenlinie, und sie endete 1993.

Pistole M (Makarow)

VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann" u. a. · DDR (Suhl) / Sowjetunion · 1957 plausibel
System
Unverriegelter Masseverschluss, 9 × 18 mm, Spannabzug
Unterschied
Die Dienstpistole der anderen Seite, zwanzig Jahre früher — und konstruktiv einfacher: unverriegelt statt verriegelt, schwächere Patrone, Sicherungshebel statt Entspannhebel.
Befund
Beide Häuser, die hier verglichen werden, saßen bis 1945 in Suhl. Nach der Teilung fertigte das eine in Eckernförde die Dienstpistole der Bundesrepublik, das andere in Suhl die der DDR — dieselbe Stadt, zwei Staaten, zwei Dienstpistolen.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Acht Patronen

    Wie bei der P5 entsprach das einreihige Magazin zu acht Patronen dem Anforderungskatalog der 1970er Jahre und wurde von der Entwicklung überholt. Die spätere P226 desselben Hauses führte fünfzehn.

    plausibel

  • Keine Handsicherung

    Wie bei allen drei Erprobungssiegern beabsichtigt: Die Waffe wird geladen und entspannt getragen und ist im Spannabzug sofort schussbereit. Wer aus einer Waffe mit Sicherungshebel kommt, muss umlernen — die lange, schwere erste Abzugsbewegung IST die Sicherung.

    plausibel

Verwendung

  • Dienstpistole zahlreicher westdeutscher Landespolizeien nach der Erprobung der 1970er Jahre
  • Nach der Ausmusterung in großer Zahl in den zivilen Handel gelangt

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (en) SIG Sauer P220 , Entwurf 1975 bei SIG Arms AG, Fertigung bei J. P. Sauer & Sohn in Eckernförde; westdeutscher Anforderungskatalog Mitte der 1970er Jahre mit Spannabzug, 9 × 19 mm, Magazin zu 8 und Entspannmöglichkeit über einen äußeren Hebel; Vergabe der „P"-Kennungen bei behördlicher Zulassung; die P6 als geringfügig abgewandelte P225 Link
  2. [Online] Wikipedia (de) Walther P5 , Aus der Erprobung gingen P5 (Walther), P6 (SIG Sauer) und P7 (Heckler & Koch) hervor Link

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