Modell
Reichsrevolver M1879 / M1883
- Fertigung
- Haenel , Sauer & Sohn , V. C. Schilling
- Kaliber
- 10,6 × 25 mm R
- Zeitraum
- 1879–1908
- Belegstatus
- plausibel
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Dieser Revolver verlangt für jeden einzelnen Schritt die Hand des Schützen. Hinter dem Lauf sitzt eine drehbare Walze, die Trommel; jede der sechs Patronen steckt darin in einer eigenen Bohrung, einer Kammer. Zum Laden wird eine kleine Klappe an der Seite geöffnet; danach lässt sich die Trommel von Hand weiterdrehen, und jede Kammer wird einzeln durch diese Öffnung gefüllt. Vor dem Schuss zieht der Daumen den Hahn — den Schlaghebel am hinteren Ende — nach hinten, bis er einrastet. Dabei greift ein Schaltwerk in die Verzahnung der Trommel und dreht sie um genau eine Kammer weiter, während ein Sperrbolzen einrastet und dafür sorgt, dass Kammer und Lauf genau hintereinanderstehen. Der Abzug löst dann nur noch aus; gespannt wird mit ihm nichts. Für jeden weiteren Schuss muss der Hahn erneut von Hand zurückgezogen werden. Zwischen Trommel und Lauf bleibt ein schmaler Spalt, aus dem beim Schuss ein Teil der heißen Gase seitlich entweicht — das gehört zu dieser Bauart. Am umständlichsten ist das Entladen: Eine Stange zum Herausdrücken der leeren Hülsen fehlt vollständig. Die Klappe wird geöffnet, die Trommel Kammer für Kammer gedreht, und jede Hülse muss einzeln von vorn herausgestoßen werden, mit einem Behelf oder mit Werkzeug, das nicht zur Waffe gehört. Andere Länder hatten dafür längst Lösungen; hier wurde bewusst auf Haltbarkeit und einfache Fertigung gesetzt und die langsame Bedienung in Kauf genommen.
Der Reichsrevolver ist der Ausgangspunkt dieses Registers. Mit ihm erhielt das 1871 gegründete Reich seine erste einheitliche Ordonnanzkurzwaffe, und weil der 1. Januar 1871 zugleich die waffenrechtliche Grenze zwischen erlaubnisfreien und erlaubnispflichtigen Systemen markiert, beginnt der erfasste Zeitraum genau hier.
Konstruktion
Die Gewehr-Prüfungskommission entschied sich für einen Revolver mit festem Rahmen, Ladeklappe und ohne Ausstoßer, und das zu einer Zeit, in der Kipplaufrevolver mit Sternausstoßer und ausschwenkbare Trommeln längst verfügbar waren. Das war keine Unkenntnis, sondern eine Abwägung zugunsten von Robustheit und Fertigungseinfachheit.
Die Rechnung ging auf ihre Weise auf. Die Revolver waren außerordentlich haltbar und liefen noch im Ersten Weltkrieg mit, Jahrzehnte nach ihrer Ablösung. Bezahlt wurde das mit einer Bedienung, die selbst im Maßstab der 1880er Jahre umständlich war: Hahn von Hand spannen, Hülsen einzeln durch die Klappe austreiben.
Fertigung
Gefertigt wurde überwiegend von einem Suhler Konsortium, an dem V. C. Schilling, Spangenberg & Sauer (später J. P. Sauer & Sohn) und C. G. Haenel beteiligt waren, dazu von der Königlichen Gewehrfabrik Erfurt und von Mauser.
Für dieses Register ist das der Musterfall der Suhler Arbeitsteilung im Staatsauftrag. Geliefert hat ein Verbund und kein einzelner Betrieb.
Für die Bestimmung
Wer einen Reichsrevolver bestimmt, liest regelmäßig mehrere Marken: Konsortialkennzeichnung, Fertigerzeichen, Abnahme, Regimentsstempel.
Regimentsmarkierungen sind bei diesem Modell besonders häufig und besonders ergiebig: Sie nennen den führenden Truppenteil und erlauben zusammen mit dem Fertigungsjahr eine Zuordnung, wie sie kaum ein anderes Objekt dieses Registers zulässt.
Waffenrechtliches
Der Reichsrevolver wurde nach dem 1. Januar 1871 entwickelt und ist damit erlaubnispflichtig, anders als vorreichsdeutsche Systeme, die erlaubnisfrei erworben werden können. Er ist erlaubnispflichtig, aber keine Kriegswaffe. Siehe Methodik.
Konstruktion
- Verschluss
- Trommelrevolver mit festem Rahmen, sechsschüssige Trommel. Kein Kipplauf, keine ausschwenkbare Trommel.
- Ladeprinzip
- Einzelladung über eine seitliche Ladeklappe. Ein Ausstoßerstab fehlt vollständig — die Hülsen mussten einzeln ausgetrieben werden.
- Zuführung
- Sechsschüssige Trommel
- Abzug
- Ausschließlich Single Action — der Hahn muss für jeden Schuss von Hand gespannt werden
- Sicherung
- Kräftiger Sicherungshebel links am Rahmen, dessen Wirkung von der Hahnstellung abhängt
- Visierung
- Feste Kimme und Korn
Maße und Leistung
- Lauflänge
- M1879 ca. 180 mm · M1883 ca. 127 mm
- Magazin
- 6 Patronen
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Laden
Die Ladeklappe rechts am Rahmen wird geöffnet. Die Trommel lässt sich nun von Hand weiterdrehen; jede der sechs Kammern wird einzeln durch die Öffnung gefüllt. Ein Vorgang von mehreren Sekunden — bei sechs Kammern also deutlich länger als bei jedem Kipplaufrevolver derselben Jahre.
- 2
Spannen
Der Hahn wird mit dem Daumen bis zum Einrasten zurückgezogen. Dabei greift das Schaltwerk in die Trommelverzahnung und dreht die Trommel um genau eine Kammer weiter; zugleich hebt der Sperrbolzen an und rastet in die Arretierung der Trommel ein, sodass Kammer und Lauf fluchten.
- 3
Schuss
Der Abzug löst nur aus; er spannt nicht. Der Hahn schlägt auf den Schlagbolzen, die Patrone zündet. Der beim Schuss auftretende Spalt zwischen Trommel und Lauf lässt Gas entweichen — bauartbedingt und der Grund, warum der Nagant M1895 später den Trommelvorschub erfand.
- 4
Erneutes Spannen
Für jeden weiteren Schuss wiederholt sich der Spannvorgang von Hand. Zwischen zwei Schüssen muss die Schießhand also umgreifen oder die zweite Hand mitwirken.
- 5
Entladen
Hier liegt das eigentliche Defizit. Ein Ausstoßerstab fehlt vollständig. Die Ladeklappe wird geöffnet, die Trommel Kammer für Kammer gedreht, und jede Hülse muss einzeln von vorn herausgedrückt werden — behelfsmäßig oder mit separatem Werkzeug, das nicht Teil der Waffe ist.
- 6
Sichern
Der kräftige Sicherungshebel links am Rahmen sperrt je nach Hahnstellung unterschiedlich. Er ist kein Entspannhebel — ein kontrolliertes Ablassen des gespannten Hahns ist konstruktiv nicht vorgesehen.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Laden: Die Ladeklappe rechts am Rahmen wird geöffnet, die Trommel von Hand weitergedreht und jede Kammer einzeln durch die Öffnung gefüllt.
- 2 Schuss: Der Hahn muss für jeden Schuss von Hand gespannt werden (Single Action); dabei dreht das Schaltwerk die Trommel um eine Kammer weiter.
- 3 Entladen: Es gibt keinen Ausstoßer. Die Hülsen müssen einzeln durch die geöffnete Ladeklappe herausgedrückt werden — ein zügiges Nachladen ist konstruktiv ausgeschlossen.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Colt Single Action Army
Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · USA · 1873- System
- Revolver mit festem Rahmen, Ladeklappe, Single Action — aber mit Ausstoßerstange unter dem Lauf
- Unterschied
- Konstruktiv fast identisch angelegt und sechs Jahre älter, aber mit dem Bauteil, das dem Reichsrevolver fehlt: einer fest angebrachten Ausstoßerstange. Das Entladen dauert damit einen Bruchteil der Zeit.
- Befund
- Belegt, dass der fehlende Ausstoßer keine technische Grenze der Zeit war, sondern eine Entscheidung der Gewehr-Prüfungskommission.
Webley Mk I
Webley & Scott · Großbritannien · 1887- System
- Kipplaufrevolver mit selbsttätigem Sternausstoßer, Double Action, .455 Webley
- Unterschied
- Das Gegenmodell in jeder Hinsicht: Beim Abkippen des Laufs wirft ein Sternausstoßer **alle sechs Hülsen gleichzeitig** aus, und der Spannabzug erlaubt schnelles Schießen ohne Umgreifen.
- Befund
- Der schärfste zeitgenössische Kontrast. Was der Reichsrevolver an Robustheit gewinnt, verliert er hier an Bediengeschwindigkeit — um ein Vielfaches.
Nagant M1895
Fabrique d'armes Émile et Léon Nagant, später Tula · Belgien / Russland · 1895- System
- Revolver mit Trommelvorschub: Beim Spannen schiebt sich die Trommel nach vorn über den Laufansatz und dichtet den Spalt gasdicht ab
- Unterschied
- Löst mechanisch das Problem, das jeder Revolver mit festem Rahmen hat — den Gasverlust am Trommelspalt. Der Aufwand dafür ist erheblich.
- Befund
- Für dieses Register doppelt relevant: Er zeigt, wie weit Revolvertechnik um 1895 getrieben werden konnte, und er stand ein halbes Jahrhundert später in Beständen der bewaffneten Organe der DDR neben der Makarow.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Kein Ausstoßer
Das auffälligste Defizit: Zum Entladen mussten die Hülsen einzeln durch die Ladeklappe herausgedrückt werden, ohne dafür vorgesehenes Werkzeug an der Waffe. Ein zügiger Nachladevorgang im Gefecht war damit ausgeschlossen — schon bei Einführung ein Rückschritt gegenüber zeitgenössischen ausländischen Konstruktionen.
plausibel
-
Nur Single Action
Ohne Spannabzug blieb die Schussfolge langsam. Zusammen mit dem fehlenden Ausstoßer ergab das eine der langsamsten Ordonnanzkurzwaffen ihrer Zeit.
plausibel
-
Konstruktiv veraltet schon bei Einführung
Die Kommission entschied sich bewusst gegen die verfügbaren Kipplauf- und Ausschwenktrommelsysteme. Der Gewinn war Robustheit — die Revolver hielten bis in den Ersten Weltkrieg durch. Der Preis war ein Waffensystem, das nie zeitgemäß war.
plausibel
Verwendung
- Ordonnanzkurzwaffe des deutschen Heeres 1879 bis 1908
- M1879 mit langem Lauf für berittene Truppen, M1883 als kürzere Ausführung für Fußtruppen und Offiziere
- Nach der Ablösung durch die Pistole 08 weiter in Reserve- und Etappenverwendung; Stücke tauchen noch im Ersten Weltkrieg auf